← Back to Details Die Elixiere des Teufels : Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines…

Die Elixiere des Teufels : Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines…

by Hoffmann, E. T. A. (Ernst Theodor Amadeus), 1776-1822
Dieses Buch wurde in der Deutschen
Buch- u. Kunstdruckerei G. m. b. H.
in Zossen gedruckt u. bei der Leipziger
☐ Buchbinderei-Actiengesellschaft ☐
======= in Leipzig gebunden. =======




[Illustration]


Die Elixiere des Teufels




Die Bücher des Deutschen Hauses

Herausgegeben von Rudolf Presber

Erste Reihe

3. Band

[Illustration]




Die Elixiere des Teufels

Nachgelassene Papiere des
+Bruders Medardus+,
eines Kapuziners.

Mit 4 Illustrationen von Ernst Stern

1908

Buchverlag fürs Deutsche Haus

Berlin--Leipzig




„Wenn auch Bücher nicht
gut oder schlecht machen, besser
oder schlechter machen sie doch!“

(Jean Paul)




E. Th. A. Hoffmann


Im Jahre 1776, als der junge Goethe in Weimar heimisch wurde, erblickte
Hoffmann das Licht der Welt. Und als er nach fünf Jahrzehnten an
Rückenmarksdarre starb, war auch Goethes künstlerische Entwicklung
abgeschlossen; einige Jahre später legt er seines Geistes letzten
Tiefsinn im zweiten Teil des Faust nieder.

Wer dieser beiden Menschen Leben nach außen und innen mit der Seele
nachging, hat von der Zeit, in der sie wirkten, nicht alles, vom
Menschengeist in seinen Höhen und Tiefen Unendliches gespürt. Eine
Parallele zwischen ihnen zu ziehen -- um so fruchtbarer oft, je
greller der Gegensatz ist -- hier wäre es sinnlos. Und würde beiden
Unrecht tun. Goethen verkleinern, Hoffmann mit den schwärzesten Tinten
tuschen. Eins aber darf gesagt werden: daß beide so gerade leben, so
sich entwickeln konnten in einer weltgeschichtlichen Periode, da die
Wogen des Kampfes um die größten Gegenstände in alle Winkel Europas
brandeten, ist wunderbar und beweist, daß der Überwinder Goethe und der
Überwundene Hoffmann, jeder in seiner Art, Bahnen schritt, die abseits
der Heerstraße in purpurne Fernen führen.

Äußerlich war das Leben des romantischen Spätlings wilder und
wechselreicher, innerlich seichter. Hin und her, hinauf und hinunter
wirbelte E. Th. A. Hoffmann ein wenig gnädiges Geschick. Drei große
Gaben bescheerte ihm die Natur. Er war Zeichner, Musiker und Poet
zugleich und in allen drei Künsten hinausgehoben über werkelnden
Dilettantismus. Und hat doch hie und da zwischen seinen drei Musen
hungernd gesessen. Er war pflichtgetreu als Beamter und hat zweimal
üble Differenzen mit seinen Vorgesetzten bös büßen müssen. Er war ein
sehr gescheiter, exakt und schnell arbeitender Jurist und hat nach
der Ansicht der meisten den Prozeß seines Lebens, an eigener Schuld
zerbrechend, in allen Instanzen verloren.

Wenn man hinzunimmt, daß diesem Schicksal, wie der Sauerteig dem
Brot, eine unendliche Phantasie, die jede andere Regung und Neigung
sieghaft beherrschte, beigegeben war, so geht die Rechnung restlos
auf. Hoffmanns Leben war ein Künstlerleben, trotz alledem. Nur
daß seine Kunst ihn wie im Taumel mit sich riß, statt daß er sie
meisterte. Er sah die Welt mit dem scharfen Auge des Karikaturisten,
aber er lernte nichts daraus, stieg nicht an fest durchdachten
Erfahrungen in die Höhe, sondern goß unermüdlich den hitzigen
Wein seiner tollen Einbildungskraft darüber und freute sich dann,
unbekümmert um die Wirklichkeit, der wunderlichen Schemen und
Geister, die dem brodelnden Dunst entstiegen. Was er erlebte war so
widerspruchsvoll, daß er dazu kam, eigentlich nur an den Zufall zu
glauben und dem Genuß des Augenblicks nachzujagen. Menschenleben ist
Traum und Schatten. Seltsames geschieht ringsum. Wenn wir nüchtern
nur die Konturen beäugen, so gähnt’s uns an wie etwas Unheimliches,
Dunkles, Unerklärliches. Aber wenn der Wein und sprühender Witz im
Freundeskreise seelischen Rausch entzaubert, dann öffnen sich die
Tiefen und Geister steigen empor und tanzen und raunen und künden
tiefere Wahrheit als alles Forschen am hellen Tag.

Und diese Gespenster sah Hoffmann wirklich. Unter den Linden des
aufgeklärten Berlin begegneten sie ihm. Wenn die Feder in nächtlicher
Stunde seine Gesichte niederschrieb, standen sie am Bücherbrett,
huschten über den Spiegel, bis sich der Schöpfer vor den Geschöpfen
fürchtete und in grauser Angst den Namen der Gattin rief, die kommen
und ihn über die eigenen Phantasmen beruhigen mußte.

Kein Wunder, daß auch die Leser Hoffmanns zu sehen glauben, was er
beschreibt. Es hat kaum ein Dichter mit so geringer Gewalt über die
Sprache eine solche Plastik und Realität der Schilderung erreicht.
Darauf allein beruht seine weite Verbreitung. Denn der Dichter des
„goldnen Topf’s“, „des Spielers“ und anderer feiner psychologischen
Studien braucht es sich nicht gefallen lassen, lediglich als
effektvoller Gespensterbeschwörer zu gelten. Frankreich hat ihn
verschlungen; und diese Beliebtheit jenseits der Vogesen ist um so
interessanter, als sie dem formlosen deutschen Phantasten von einer
Nation widerfährt, deren künstlerische Stärke in der Form, deren
Schwäche besonders in der sinnlichen Anschauung liegt. Auch dem
eigenen Volke lebt Hoffmann; in unserer Zeit kräftiger, denn je. Mit
dem mählichen Schwinden jeder dogmatischen Religiosität geht heute
eine seltsame Neigung zum Transzendentalen Hand in Hand, die weiter
verbreitet ist, als die Oberfläche verrät. Und so kommts, daß man
so viel über Ernst Theodor Amadäus schreibt, ihn eifrig ediert und
kommentiert.

Der vorliegende Band bietet eine seiner reifsten Erzählungen. „Die
Elixiere des Teufels“ schuf Hoffmann in der literarisch fruchtbarsten
Zeit seines Lebens. Der erste Band entstand in Dresden, als die
unerquickliche Bamberger Periode glücklich hinter ihm lag, der zweite
in Berlin. „Die Elixiere“ beweisen am besten, daß Hoffmann nicht
nur, wie seine zahlreichen mißgünstigen Beurteiler behaupten, stark
nach der Weinlaune schmeckende Capriccios düstrer und heitrer Art
hinwerfen konnte. Wenn auch -- das gelang Hoffmann selten anders -- die
Komposition unklar und in ihrer gehäuften Fülle scheinbar unentwirrbar
bleibt, so geht doch eine tiefe Idee durch das Buch. Eine einzige
unbedachte Tat genügt, den Menschen zu vernichten. Ein Augenblick
verbotenen Lüsten nachgegeben, und schleppend folgt eine dunkle Kette
dumpfer Tage, in denen Frevel sich häuft auf Frevel.

Aber es ist keine Wirklichkeit. Ein wüster Traum bleibt’s, der nur
dem unruhig Schlafenden krasse Wirklichkeit dünkt. Das Leben sind
Fieberphantasien, die vorübergleiten, und nur eins ist wahrhaftig und
setzt diesem ganzen tollen Daseinsspuk ein unentrinnbares Ende, der Tod.

+Karlernst Knatz.+




Die Elixiere des Teufels

Vorwort des Herausgebers


Gern möchte ich dich, günstiger Leser, unter jene dunklen Platanen
führen, wo ich die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten
Male las. Du würdest dich mit mir auf dieselbe, in duftige Stauden
und bunt glühende Blumen halb versteckte, steinerne Bank setzen; du
würdest, so wie ich, recht sehnsüchtig nach den blauen Bergen schauen,
die sich in wunderlichen Gebilden hinter dem sonnichten Tal auftürmen,
das am Ende des Laubgangs sich vor uns ausbreitet. Aber nun wendest du
dich um, und erblickst kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gotisches
Gebäude, dessen Portal reich mit Statuen verziert ist. -- Durch die
dunklen Zweige der Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit
klaren lebendigen Augen an; es sind die frischen Freskogemälde, die
auf der breiten Mauer prangen. -- Die Sonne steht glutrot auf dem
Gebirge, der Abendwind erhebt sich, überall Leben und Bewegung.
Flüsternd und rauschend gehen wunderbare Stimmen durch Baum und
Gebüsch: als würden sie steigend und steigend zu Gesang und Orgelklang,
so tönt es von ferne herüber. Ernste Männer, in weit gefalteten
Gewändern, wandeln, den frommen Blick emporgerichtet, schweigend,
durch die Laubgänge des Gartens. Sind denn die Heiligenbilder lebendig
worden, und herabgestiegen von den hohen Simsen? -- Dich umwehen die
geheimnisvollen Schauer der wunderbaren Sagen und Legenden, die dort
abgebildet, dir ist, als geschähe alles vor deinen Augen, und willig
magst du daran glauben. In dieser Stimmung liesest du die Geschichte
des Medardus, und wohl magst du auch dann die sonderbaren Visionen
des Mönchs für mehr halten, als für das regellose Spiel der erhitzten
Einbildungskraft. --

Da du, günstiger Leser, soeben Heiligenbilder, ein Kloster und Mönche
geschaut hast, so darf ich kaum hinzufügen, daß es der herrliche
Garten des Kapuzinerklosters in B. war, in den ich dich geführt hatte.

Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt, zeigte mir
der ehrwürdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassenen, im
Archiv aufbewahrten Papiere als eine Merkwürdigkeit, und nur mit Mühe
überwand ich des Priors Bedenken, sie mir mitzuteilen. Eigentlich,
meinte der Alte, hätten diese Papiere verbrannt werden sollen. --
Nicht ohne Furcht, du werdest des Priors Meinung sein, gebe ich dir,
günstiger Leser, nun das aus jenen Papieren geformte Buch in die
Hände. Entschließest du dich aber, mit dem Medardus, als seist du
sein treuer Gefährte, durch finstre Kreuzgänge und Zellen -- durch
die bunte -- bunteste Welt zu ziehen, und mit ihm das Schauerliche,
Entsetzliche, Tolle, Possenhafte seines Lebens zu ertragen, so wirst
du dich vielleicht an den mannigfachen Bildern der Camera obscura, die
sich dir aufgetan, ergötzen. -- Es kann auch kommen, daß das gestaltlos
scheinende, sowie du schärfer es ins Auge fassest, sich dir bald
deutlich und rund darstellt. Du erkennst den verborgenen Keim, den ein
dunkles Verhängnis gebar, und der, zur üppigen Pflanze emporgeschossen,
fort und fort wuchert in tausend Ranken, bis +eine+ Blüte, zur Frucht
reifend, allen Lebenssaft an sich zieht, und den Keim selbst tötet. --

Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig
durchgelesen, welches mir schwer genug wurde, da der Selige eine sehr
kleine, unleserliche mönchische Handschrift geschrieben, war es mir
auch, als könne das, was wir insgemein Traum und Einbildung nennen,
wohl die symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein, der sich
durch unser Leben zieht, es festknüpfend in allen seinen Bedingungen,
als sei +der+ aber für verloren zu erachten, der mit jener Erkenntnis
die Kraft gewonnen glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreißen und es
aufzunehmen mit der dunklen Macht, die über uns gebietet.

Vielleicht geht es dir, günstiger Leser, wie mir, und das wünschte ich
denn, aus erheblichen Gründen, recht herzlich.




Erster Teil.




1. Abschnitt.

Die Jahre der Kindheit und das Klosterleben.


Nie hat mir meine Mutter gesagt, in welchen Verhältnissen mein Vater in
der Welt lebte; rufe ich mir aber alles das ins Gedächtnis zurück, was
sie mir schon in meiner frühesten Jugend von ihm erzählte, so muß ich
wohl glauben, daß es ein mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger
Mann war. Eben aus diesen Erzählungen und einzelnen Äußerungen meiner
Mutter, über ihr früheres Leben, die mir erst später verständlich
worden, weiß ich, daß meine Eltern von einem bequemen Leben, welches
sie im Besitz vielen Reichtums führten, herabsanken in die drückendste,
bitterste Armut, und daß mein Vater, einst durch den Satan verlockt
zum verruchten Frevel, eine Todsünde beging, die er, als ihn in
späten Jahren die Gnade Gottes erleuchtete, abbüßen wollte auf einer
Pilgerreise nach der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preußen.
-- Auf der beschwerlichen Wanderung dahin fühlte meine Mutter nach
mehreren Jahren der Ehe zum erstenmal, daß diese nicht unfruchtbar
bleiben würde, wie mein Vater befürchtet, und seiner Dürftigkeit
unerachtet war er hoch erfreut, weil nun eine Vision in Erfüllung gehen
sollte, in welcher ihm der heilige Bernardus Trost und Vergebung der
Sünde durch die Geburt eines Sohnes zugesichert hatte. In der heiligen
Linde erkrankte mein Vater, und je weniger er die vorgeschriebenen
beschwerlichen Andachtsübungen seiner Schwäche unerachtet aussetzen
wollte, desto mehr nahm das Übel überhand; er starb entsündigt und
getröstet in demselben Augenblick, als ich geboren wurde. -- Mit
dem ersten Bewußtsein dämmern in mir die lieblichen Bilder von dem
Kloster, und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde, auf.
Mich umrauscht noch der dunkle Wald -- mich umduften noch die üppig
aufgekeimten Gräser, die bunten Blumen, die meine Wiege waren. Kein
giftiges Tier, kein schädliches Insekt nistet in dem Heiligtum der
Gebenedeiten; nicht das Sumsen einer Fliege, nicht das Zirpen des
Heimchens unterbricht die heilige Stille, in der nur die frommen
Gesänge der Priester erhallen, die, mit den Pilgern goldne Rauchfässer
schwingend, aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt, in
langen Zügen daherziehen. Noch sehe ich, mitten in der Kirche, den
mit Silber überzogenen Stamm der Linde, auf welche die Engel das
wundertätige Bild der heiligen Jungfrau niedersetzten. Noch lächeln
mir die bunten Gestalten der Engel -- der Heiligen -- von den Wänden,
von der Decke der Kirche an! -- Die Erzählungen meiner Mutter von dem
wundervollen Kloster, wo ihrem tiefsten Schmerz gnadenreicher Trost
zuteil wurde, sind so in mein Innres gedrungen, daß ich alles selbst
gesehen, selbst erfahren zu haben glaube, unerachtet es unmöglich
ist, daß meine Erinnerung so weit hinausreicht, da meine Mutter nach
anderthalb Jahren die heilige Stätte verließ. -- So ist es mir, als
hätte ich selbst einmal in der öden Kirche die wunderbare Gestalt eines
ernsten Mannes gesehen, und es sei eben der fremde Maler gewesen, der
in uralter Zeit, als eben die Kirche gebaut, erschien, dessen Sprache
niemand verstehen konnte und der mit kunstgeübter Hand in gar kurzer
Zeit die Kirche auf das herrlichste ausmalte, dann aber, als er fertig
worden, wieder verschwand. -- So gedenke ich ferner noch eines alten
fremdartig gekleideten Pilgers mit langem grauem Barte, der mich oft
auf den Armen umhertrug, im Walde allerlei bunte Moose und Steine
suchte, und mit mir spielte; unerachtet ich gewiß glaube, daß nur aus
der Beschreibung meiner Mutter sich im Innern sein lebhaftes Bild
erzeugt hat. Er brachte einmal einen fremden wunderschönen Knaben mit,
der mit mir von gleichem Alter war. Uns herzend und küssend saßen wir
im Grase, ich schenkte ihm alle meine bunten Steine und er wußte damit
allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen, aber immer bildete sich
daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes. Meine Mutter saß neben uns auf
einer steinernen Bank, und der Alte schaute, hinter ihr stehend, mit
mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu. Da traten einige Jünglinge
aus dem Gebüsch, die, nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Wesen
zu urteilen, wohl nur aus Neugierde und Schaulust nach der heiligen
Linde gekommen waren. Einer von ihnen rief, indem er uns gewahr wurde,
lachend: „Sieh da! eine heilige Familie, das ist etwas für meine
Mappe!“ -- Er zog wirklich Papier und Crayon hervor und schickte sich
an uns zu zeichnen, da erhob der alte Pilger sein Haupt und rief
zornig: „Elender Spötter, du willst ein Künstler sein und in deinem
Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe; aber deine
Werke werden tot und starr bleiben wie du selbst, und du wirst wie ein
Verstoßener in einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner
eigenen Armseligkeit.“ -- Die Jünglinge eilten bestürzt von dannen.
-- Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter: „Ich habe euch heute ein
wunderbares Kind gebracht, damit es in eurem Sohne den Funken der Liebe
entzünde, aber ich muß es wieder von euch nehmen und ihr werdet es
wohl, so wie mich selbst, nicht mehr schauen. Euer Sohn ist mit vielen
Gaben herrlich ausgestattet, aber die Sünde des Vaters kocht und gärt
in seinem Blute, er kann jedoch sich zum wackern Kämpen für den Glauben
aufschwingen, lasset ihn geistlich werden!“ -- Meine Mutter konnte
nicht genug sagen, welchen tiefen unauslöschlichen Eindruck die Worte
des Pilgers auf sie gemacht hatten; sie beschloß aber dem unerachtet
meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzutun, sondern ruhig abzuwarten,
was das Geschick über mich verhängen und wozu es mich leiten würde,
da sie an irgend eine andere höhere Erziehung, als die sie selbst mir
zu geben imstande war, nicht denken konnte. -- Meine Erinnerungen aus
deutlicher selbst gemachter Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an, als
meine Mutter auf der Heimreise in das Cisterzienser Nonnenkloster
gekommen war, dessen gefürstete Äbtissin, die meinen Vater gekannt
hatte, sie freundlich aufnahm. Die Zeit von jener Begebenheit mit
dem alten Pilger, welche ich in der Tat aus eigner Anschauung weiß,
so daß sie meine Mutter nur rücksichts der Reden des Malers und des
alten Pilgers ergänzt hat, bis zu dem Moment, als mich meine Mutter
zum erstenmal zur Äbtissin brachte, macht eine völlige Lücke: nicht
die leiseste Ahnung ist mir davon übrig geblieben. Ich finde mich erst
wieder, als die Mutter meinen Anzug, soviel es ihr nur möglich war,
besserte und ordnete. Sie hatte neue Bänder in der Stadt gekauft, sie
verschnitt mein wild-verwachsnes Haar, sie putzte mich mit aller Mühe
und schärfte mir dabei ein, mich ja recht fromm und artig bei der Frau
Äbtissin zu betragen. Endlich stieg ich, an der Hand meiner Mutter, die
breiten, steinernen Treppen herauf und trat in das hohe, gewölbte, mit
heiligen Bildern ausgeschmückte Gemach, in dem wir die Fürstin fanden.
Es war eine große, majestätische, schöne Frau, der die Ordenstracht
eine Ehrfurcht einflößende Würde gab. Sie sah mich mit einem ernsten,
bis ins Innerste dringenden Blick an, und frug: „Ist das euer Sohn?“
-- Ihre Stimme, ihr ganzes Ansehn -- selbst die fremde Umgebung, das
hohe Gemach, die Bilder, alles wirkte so auf mich, daß ich, von dem
Gefühl eines inneren Grauens ergriffen, bitterlich zu weinen anfing.
Da sprach die Fürstin, indem sie mich milder und gütiger anblickte:
„Was ist dir Kleiner, fürchtest du dich vor mir? -- Wie heißt euer
Sohn, liebe Frau?“ -- „Franz“, erwiderte meine Mutter; da rief die
Fürstin mit der tiefsten Wehmut: „Franziskus!“ und hob mich auf und
drückte mich heftig an sich, aber in dem Augenblick preßte mir ein
jäher Schmerz, den ich am Halse fühlte, einen starken Schrei aus, so
daß die Fürstin erschrocken mich losließ, und die durch mein Betragen
ganz bestürzt gewordene Mutter auf mich zusprang, um nur gleich mich
fortzuführen. Die Fürstin ließ das nicht zu; es fand sich, daß das
diamantne Kreuz, welches die Fürstin auf der Brust trug, mich, indem
sie heftig mich an sich drückte, am Halse so stark beschädigt hatte,
daß die Stelle ganz rot und mit Blut unterlaufen war. „Armer Franz,“
sprach die Fürstin, „ich habe dir weh getan, aber wir wollen doch
noch gute Freunde werden.“ -- Eine Schwester brachte Zuckerwerk und
süßen Wein, ich ließ mich, jetzt schon dreister geworden, nicht lange
nötigen, sondern naschte tapfer von den Süßigkeiten, die mir die holde
Frau, welche sich gesetzt und mich auf den Schoß genommen hatte, selbst
in den Mund steckte. Als ich einige Tropfen des süßen Getränks, das
mir bis jetzt ganz unbekannt gewesen, gekostet, kehrte mein munterer
Sinn, die besondere Lebendigkeit, die, nach meiner Mutter Zeugnis, von
meiner frühsten Jugend mir eigen war, zurück. Ich lachte und schwatzte
zum größten Vergnügen der Äbtissin und der Schwester, die im Zimmer
geblieben. Noch ist es mir unerklärlich, wie meine Mutter darauf
verfiel, mich aufzufordern, der Fürstin von den schönen herrlichen
Dingen meines Geburtsortes zu erzählen, und ich, wie von einer höheren
Macht inspiriert, ihr die schönen Bilder des fremden unbekannten Malers
so lebendig, als habe ich sie im tiefsten Geiste aufgefaßt, beschreiben
konnte. Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen Geschichten der
Heiligen, als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon bekannt und
vertraut geworden. Die Fürstin, selbst meine Mutter, blickten mich
voll Erstaunen an, aber je mehr ich sprach, deste höher stieg meine
Begeisterung, und als mich endlich die Fürstin frug: „Sage mir liebes
Kind, woher weißt du denn das alles?“ -- da antwortete ich, ohne mich
einen Augenblick zu besinnen, daß der schöne wunderbare Knabe, den
einst ein fremder Pilgersmann mitgebracht hätte, mir alle Bilder in der
Kirche erklärt, ja selbst noch manches Bild mit bunten Steinen gemalt
und mir nicht allein den Sinn davon gelöset, sondern auch noch viele
andere heilige Geschichten erzählt hätte. --

Man läutete zur Vesper, die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk
in eine Tüte gepackt, die sie mir gab, und die ich voller Vergnügen
einsteckte. Die Äbtissin stand auf und sagte zu meiner Mutter: „Ich
sehe Euern Sohn als meinen Zögling an, liebe Frau! und will von nun an
für ihn sorgen.“ Meine Mutter konnte vor Wehmut nicht sprechen, sie
küßte, heiße Tränen vergießend, die Hände der Fürstin. Schon wollten
wir zur Türe hinaustreten, als die Fürstin uns nachkam, mich nochmals
aufhob, sorgfältig das Kreuz beiseite schiebend, mich an sich drückte,
und heftig weinend, so daß die heißen Tropfen auf meine Stirn fielen,
ausrief: „Franziskus! -- Bleibe fromm und gut!“ -- Ich war im Innersten
bewegt und mußte auch weinen, ohne eigentlich zu wissen warum. --

Durch die Unterstützung der Äbtissin gewann der kleine Haushalt meiner
Mutter, die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte, bald
ein besseres Ansehen. Die Not hatte ein Ende, ich ging besser gekleidet
und genoß den Unterricht des Pfarrers, dem ich zugleich, wenn er in der
Klosterkirche das Amt hielt, als Chorknabe diente. --

Wie umfängt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene
glückliche Jugendzeit! -- Ach, wie ein fernes herrliches Land,
wo die Freude wohnt und die ungetrübte Heiterkeit des kindlichen
unbefangenen Sinns, liegt die Heimat weit, weit hinter mir, aber
wenn ich zurückblicke, da gähnt mir die Kluft entgegen, die mich auf
ewig von ihr geschieden. Von heißer Sehnsucht ergriffen, trachte ich
immer mehr und mehr die Geliebten zu erkennen, die ich drüben, wie im
Purpurschimmer des Frührots wandelnd, erblicke, ich wähne ihre holden
Stimmen zu vernehmen. Ach! -- gibt es denn eine Kluft, über die die
Liebe mit starkem Fittich sich nicht hinwegschwingen könnte. Was ist
für die Liebe der Raum, die Zeit! -- Lebt sie nicht im Gedanken und
kennt +der+ denn ein Maß? -- Aber finstre Gestalten steigen auf, und
immer dichter und dichter sich zusammendrängend, immer enger und enger
mich einschließend, versperren sie die Aussicht und befangen meinen
Sinn mit den Drangsalen der Gegenwart, daß selbst die Sehnsucht, welche
mich mit namenlosem wonnevollem Schmerz erfüllte, nun zu tötender,
heilloser Qual wird! --

Der Pfarrer war die Güte selbst, er wußte meinen lebhaften Geist
zu fesseln, er wußte seinen Unterricht so nach meiner Sinnesart zu
formen, daß ich Freude daran fand und schnelle Fortschritte machte.
-- Meine Mutter liebte ich über alles, aber die Fürstin verehrte ich
wie eine Heilige, und es war ein feierlicher Tag für mich, wenn ich
sie sehen durfte. Jedesmal nahm ich mir vor, mit den neuerworbenen
Kenntnissen recht vor ihr zu leuchten, aber wenn sie kam, wenn sie
freundlich mich anredete, da konnte ich kaum ein Wort herausbringen,
ich mochte nur +sie+ anschauen, nur +sie+ hören. Jedes ihrer Worte
blieb tief in meiner Seele zurück, noch den ganzen Tag über, wenn ich
sie gesprochen, befand ich mich in wunderbarer feierlicher Stimmung
und ihre Gestalt begleitete mich auf den Spaziergängen, die ich dann
besuchte. -- Welches namenlose Gefühl durchbebte mich, wenn ich, das
Rauchfaß schwingend, am Hochaltare stand, und nun die Töne der Orgel
von dem Chore herabströmten und, wie zur brausenden Flut anschwellend,
mich fortrissen -- wenn ich dann in dem Hymnus ihre Stimme erkannte,
die wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang und mein Inneres
mit den Ahnungen des Höchsten -- des Heiligsten erfüllte. Aber der
herrlichste Tag, auf den ich mich wochenlang freute, ja, an den ich
niemals ohne inneres Entzücken denken konnte, war das Fest des heiligen
Bernardus, welches, da er der Heilige der Cisterzienser ist, im Kloster
durch einen großen Ablaß auf das Feierlichste begangen wurde. Schon
den Tag vorher strömten aus der benachbarten Stadt sowie aus der
ganzen umliegenden Gegend, eine Menge Menschen herbei und lagerten
sich auf der großen blumichten Wiese, die sich an das Kloster schloß,
so daß das frohe Getümmel Tag und Nacht nicht aufhörte. Ich erinnere
mich nicht, daß die Witterung in der günstigsten Jahreszeit (der
Bernardustag fällt in den August) dem Feste jemals ungünstig gewesen
sein sollte. In bunter Mischung sah man hier andächtige Pilger, Hymnen
singend, daher wandelnd, dort Bauernburschen sich mit den geputzten
Dirnen jubelnd umhertummeln -- Geistliche, die in frommer Betrachtung,
die Hände andächtig gefaltet, in die Wolken schauen -- Bürgerfamilien
im Grase gelagert, die die hochgefüllten Speisekörbe auspacken und
ihr Mahl verzehren. Lustiger Gesang, fromme Lieder, die inbrünstigen
Seufzer der Büßenden, das Gelächter der Fröhlichen, Klagen, Jauchzen,
Jubel, Scherze, Gebet erfüllen wie in wunderbarem betäubendem Konzert
die Lüfte! -- Aber, sowie die Glocke des Klosters anschlägt, verhallt
das Getöse plötzlich -- soweit das Auge nur reicht, ist alles in
dichte Reihen gedrängt auf die Knie gesunken, und nur das dumpfe
Murmeln des Gebets unterbricht die heilige Stille. Der letzte Schlag
der Glocke tönt aus, die bunte Menge strömt wieder durcheinander, und
aufs neue erschallt der nur minutenlang unterbrochene Jubel. -- Der
Bischof selbst, welcher in der benachbarten Stadt residiert, hielt an
dem Bernardustage in der Kirche des Klosters, bedient von der untern
Geistlichkeit des Hochstifts, das feierliche Hochamt, und seine Kapelle
führte auf einer Tribüne, die man zur Seite des Hochaltars errichtet,
und mit reicher, seltener Hautelisse behängt hatte, die Musik aus. --
Noch jetzt sind die Empfindungen, die damals meine Brust durchbebten,
nicht erstorben, sie leben auf in jugendlicher Frische, wenn ich mein
Gemüt ganz zuwende jener seligen Zeit, die nur zu schnell verschwunden.
Ich gedenke lebhaft eines Gloria, welches mehrmals ausgeführt wurde,
da die Fürstin eben diese Komposition vor allen andern liebte. -- Wenn
der Bischof das Gloria intoniert hatte, und nun die mächtigen Töne des
Chors daher brausten: ~Gloria in excelsis deo~! -- war es nicht, als
öffne sich die Wolkenglorie über dem Hochaltar? -- ja, als erglühten
durch ein göttliches Wunder die gemalten Cherubim und Seraphim zum
Leben, und regten und bewegten die starken Fittiche, und schwebten auf
und nieder, Gott lobpreisend mit Gesang und wunderbarem Saitenspiel? --
Ich versank in das hinbrütende Staunen der begeisterten Andacht, die
mich durch glänzende Wolken in das ferne bekannte heimatliche Land
trug, und in dem duftenden Walde ertönten die holden Engelsstimmen, und
der wunderbare Knabe trat wie aus hohen Lilienbüschen mir entgegen und
frug mich lächelnd: „Wo warst du denn so lange, Franziskus? -- ich habe
viele schöne bunte Blumen, die will ich dir alle schenken, wenn du bei
mir bleibst und mich liebst immerdar.“ --

Nach dem Hochamt hielten die Nonnen unter dem Vortritt der Äbtissin,
die mit der Inful geschmückt war, und den silbernen Hirtenstab trug,
eine feierliche Prozession durch die Gänge des Klosters und durch die
Kirche. Welche Heiligkeit, welche Würde, welche überirdische Größe
strahlte aus jedem Blick der herrlichen Frau, leitete jede ihrer
Bewegungen! Es war die triumphierende Kirche selbst, die dem frommen
gläubigen Volke Gnade und Segen verhieß. Ich hätte mich vor ihr in den
Staub werfen mögen, wenn ihr Blick zufällig auf mich fiel. -- Nach
beendigtem Gottesdienst wurde die Geistlichkeit, sowie die Kapelle des
Bischofs, in einem großen Saal des Klosters bewirtet. Mehrere Freunde
des Klosters, Offizianten, Kaufleute aus der Stadt, nahmen an dem
Mahle teil, und ich durfte, weil mich der Konzertmeister des Bischofs
lieb gewonnen und gern sich mit mir zu schaffen machte, auch dabei
sein. Hatte sich erst mein Inneres, von heiliger Andacht durchglüht,
ganz dem Überirdischen zugewendet, so trat jetzt das frohe Leben auf
mich ein und umfing mich mit seinen bunten Bildern. Allerlei lustige
Erzählungen, Späße und Schwänke wechselten unter dem lauten Gelächter
der Gäste, wobei die Flaschen fleißig geleert wurden bis der Abend
hereinbrach und die Wagen zur Abfahrt bereit standen.

Sechzehn Jahre war ich alt geworden, als der Pfarrer erklärte, daß ich
nun vorbereitet genug sei, die höheren theologischen Studien in dem
Seminar der benachbarten Stadt zu beginnen: ich hatte mich nämlich
ganz für den geistlichen Stand entschieden und dies erfüllte meine
Mutter mit der innigsten Freude, da sie hierdurch die geheimnisvollen
Andeutungen des Pilgers, die in gewisser Art mit der merkwürdigen,
mir unbekannten Vision meines Vaters in Verbindung stehen sollten,
erklärt und erfüllt sah. Durch meinen Entschluß glaubte sie erst
die Seele meines Vaters entsühnt und von der Qual ewiger Verdammnis
errettet. Auch die Fürstin, die ich jetzt nur im Sprachzimmer
sehen konnte, billigte höchlich mein Vorhaben und wiederholte ihr
Versprechen, mich bis zur Erlangung einer geistlichen Würde mit allem
Nötigen zu unterstützen. Unerachtet die Stadt so nahe lag, daß man
von dem Kloster aus die Türme sehen konnte und nur irgend rüstige
Fußgänger von dort her die heitre anmutige Gegend des Klosters zu
ihren Spaziergängen wählten, so wurde mir doch der Abschied von meiner
guten Mutter, von der herrlichen Frau, die ich so tief im Gemüte
verehrte, sowie von meinem guten Lehrer, recht schwer. Es ist ja auch
gewiß, daß dem Schmerz der Trennung jede Spanne außerhalb dem Kreise
der Lieben, der weitesten Entfernung gleich dünkt! -- Die Fürstin
war auf besondere Weise bewegt, ihre Stimme zitterte vor Wehmut, als
sie noch salbungsvolle Worte der Ermahnung sprach. Sie schenkte mir
einen zierlichen Rosenkranz und ein kleines Gebetbuch mit sauber
illuminierten Bildern. Dann gab sie mir noch ein Empfehlungsschreiben
an den Prior des Kapuzinerklosters in der Stadt, den sie mir empfahl
gleich aufzusuchen, da er mir in allem mit Rat und Tat eifrigst
beistehen werde.

Gewiß gibt es nicht so leicht eine anmutigere Gegend als diejenige
ist, in welcher das Kapuzinerkloster dicht vor der Stadt liegt. Der
herrliche Klostergarten mit der Aussicht in die Gebirge hinein schien
mir jedesmal, wenn ich in den langen Alleen wandelte und bald bei
dieser, bald bei jener üppigen Baumgruppe stehen blieb, in neuer
Schönheit zu erglänzen. -- Gerade in diesem Garten traf ich den
Prior Leonardus, als ich zum erstenmal das Kloster besuchte, um mein
Empfehlungsschreiben von der Äbtissin abzugeben. -- Die dem Prior
eigne Freundlichkeit wurde noch erhöht, als er den Brief las, und er
wußte soviel Anziehendes von der herrlichen Frau, die er schon in
frühen Jahren in Rom kennen gelernt, zu sagen, daß er schon dadurch
im ersten Augenblick mich ganz an sich zog. Er war von den Brüdern
umgeben und man erblickte bald das ganze Verhältnis des Priors mit
den Mönchen, die ganze klösterliche Einrichtung und Lebensweise: die
Ruhe und Heiterkeit des Geistes, welche sich in dem Äußerlichen des
Priors deutlich aussprach, verbreitete sich über alle Brüder. Man
sah nirgends eine Spur des Mißmuts oder jener feindlichen ins Innere
zehrenden Verschlossenheit, die man sonst wohl auf den Gesichtern
der Mönche wahrnimmt. Unerachtet der strengen Ordensregel, waren die
Andachtsübungen dem Prior Leonardus mehr Bedürfnis des dem Himmlischen
zugewandten Geistes, als asketische Buße für die der menschlichen
Natur anklebende Sünde, und er wußte diesen Sinn der Andacht so in
den Brüdern zu entzünden, daß sich über alles, was sie tun mußten um
der Regel zu genügen, eine Heiterkeit und Gemütlichkeit ergoß, die
in der Tat ein höheres Sein in der irdischen Beengtheit erzeugte.
-- Selbst eine gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wußte
der Prior Leonardus herzustellen, die für die Brüder nicht anders
als heilsam sein konnte. Reichliche Spenden, die von allen Seiten
dem allgemein hochgeachteten Kloster dargebracht wurden, machten es
möglich, an gewissen Tagen die Freunde und Beschützer des Klosters in
dem Refektorium zu bewirten. Dann wurde in der Mitte des Speisesaals
eine lange Tafel gedeckt, an deren oberem Ende der Prior Leonardus bei
den Gästen saß. Die Brüder blieben an der schmalen, der Wand entlang
stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres, der
Regel gemäß, während an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit
Porzellan und Glas besetzt war. Der Koch des Klosters wußte vorzüglich
auf eine leckere Art Fastenspeisen zuzubereiten, die den Gästen gar
wohl schmeckten. Die Gäste sorgten für den Wein, und so waren die Mahle
im Kapuzinerkloster ein freundliches gemütliches Zusammentreten des
Profanen mit dem Geistlichen, welches in wechselseitiger Rückwirkung
für das Leben nicht ohne Nutzen sein konnte. Denn, indem die im
weltlichen Treiben Befangenen hinaustraten und eingingen in die
Mauern, wo alles das ihrem Tun schnurstracks entgegengesetzte Leben
der Geistlichen verkündet, mußten sie, von manchem Funken, der in
ihre Seele fiel, aufgeregt, eingestehen, daß auch wohl auf anderem
Wege als auf dem, den sie eingeschlagen, Ruhe und Glück zu finden
sei, daß vielleicht der Geist, je mehr er sich über das Irdische
erhebe, dem Menschen schon hienieden ein höheres Sein bereiten
könne. Dagegen gewannen die Mönche an Lebensumsicht und Weisheit,
da die Kunde, welche sie von dem Tun und Treiben der bunten Welt
außerhalb ihrer Mauern erhielten, in ihnen Betrachtungen mancherlei
Art erweckte. Ohne dem Irdischen einen falschen Wert zu verleihen,
mußten sie in der verschiedenen, aus dem Innern bestimmten Lebensweise
der Menschen, die Notwendigkeit einer solchen Strahlenbrechung des
geistigen Prinzips, ohne welche alles farb- und glanzlos geblieben
wäre, anerkennen. Über alle hocherhaben, rücksichts der geistigen und
wissenschaftlichen Ausbildung, stand von jeher der Prior Leonardus.
Außerdem, daß er allgemein für einen wackern Gelehrten in der Theologie
galt, so, daß er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten Materien
abzuhandeln wußte, und sich die Professoren des Seminars oft bei ihm
Rat und Belehrung holten, war er auch mehr, als man es wohl einem
Klostergeistlichen zutrauen kann, für die Welt ausgebildet. Er sprach
mit Fertigkeit und Eleganz das Italienische und Französische, und
seiner besonderen Gewandtheit wegen, hatte man ihn in früherer Zeit
zu wichtigen Missionen gebraucht. Schon damals, als ich ihn kennen
lernte, war er hoch bejahrt, aber indem sein weißes Haar von seinem
Alter zeugte, blitzte aus den Augen noch jugendliches Feuer, und
das anmutige Lächeln, welches um seine Lippen schwebte, erhöhte den
Ausdruck der inneren Behaglichkeit und Gemütsruhe. Dieselbe Grazie,
welche seine Rede schmückte, herrschte in seinen Bewegungen, und
selbst die unbehilfliche Ordenstracht schmiegte sich wundersam den
wohlgebauten Formen seines Körpers an. Es befand sich kein einziger
unter den Brüdern, den nicht eigne freie Wahl, den nicht sogar das
von der inneren geistigen Stimmung erzeugte Bedürfnis in das Kloster
gebracht hätte; aber auch den Unglücklichen, der im Kloster den Port
gesucht hätte um der Vernichtung zu entgehen, hätte Leonardus bald
getröstet; seine Buße wäre der kurze Übergang zur Ruhe geworden,
und, mit der Welt versöhnt, ohne ihren Tand zu achten, hätte er, im
Irdischen lebend, doch sich bald über das Irdische erhoben. Diese
ungewöhnlichen Tendenzen des Klosterlebens hatte Leonardus in Italien
aufgefaßt, wo der Kultus und mit ihm die ganze Ansicht des religiösen
Lebens heitrer ist, als in dem katholischen Deutschland. So wie bei
dem Bau der Kirchen noch die antiken Formen sich erhielten, so scheint
auch ein Strahl aus jener heitern, lebendigen Zeit des Altertums in das
mystische Dunkel des Christianismus gedrungen zu sein, und es mit dem
wunderbaren Glanze erhellt zu haben, der sonst die Götter und Helden
umstrahlte.

Leonardus gewann mich lieb, er unterrichtete mich im Italienischen
und Französischen, vorzüglich waren es aber die mannigfachen Bücher,
welche er mir in die Hand gab, sowie seine Gespräche, die meinen Geist
auf besondere Weise ausbildeten. Beinahe die ganze Zeit, welche meine
Studien im Seminar mir übrig ließen, brachte ich im Kapuzinerkloster
zu, und ich spürte, wie immer mehr meine Neigung zunahm, mich
einkleiden zu lassen. Ich öffnete dem Prior meinen Wunsch; ohne mich
indessen gerade davon abbringen zu wollen, riet er mir, wenigstens noch
ein paar Jahre zu warten, und unter der Zeit mich mehr als bisher in
der Welt umzusehen. So wenig es mir indessen an andrer Bekanntschaft
fehlte, die ich mir vorzüglich durch den bischöflichen Konzertmeister,
welcher mich in der Musik unterrichtete, erworben, so fühlte ich mich
doch in jeder Gesellschaft, und vorzüglich, wenn Frauenzimmer zugegen
waren, auf unangenehme Weise befangen, und dies, sowie überhaupt der
Hang zum kontemplativen Leben, schien meinen innern Beruf zum Kloster
zu entscheiden. --

Einst hatte der Prior viel Merkwürdiges mit mir gesprochen über das
profane Leben; er war eingedrungen in die schlüpfrigsten Materien, die
er aber mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks
zu behandeln wußte, so daß er, alles nur im mindesten Anstößige
vermeidend, doch immer auf den rechten Fleck traf. Er nahm endlich
meine Hand, sah mir scharf ins Auge und frug, ob ich noch unschuldig
sei? -- Ich fühlte mich erglühen, denn indem Leonardus mich so
verfänglich frug, sprang ein Bild in den lebendigsten Farben hervor,
welches solange ganz von mir gewichen. -- Der Konzertmeister hatte
eine Schwester, welche gerade nicht schön genannt zu werden verdiente,
aber doch in der höchsten Blüte stehend, ein überaus reizendes Mädchen
war. Vorzüglich zeichnete sie ein im reinsten Ebenmaß geformter
Wuchs aus; sie hatte die schönsten Arme, den schönsten Busen in Form
und Kolorit den man nur sehen kann. -- Eines Morgens, als ich zum
Konzertmeister gehen wollte, meines Unterrichts halber, überraschte ich
die Schwester im leichten Morgenanzuge, mit beinahe ganz entblößter
Brust; schnell warf sie zwar das Tuch über, aber doch schon zu viel
hatten meine gierigen Blicke erhascht, ich konnte kein Wort sprechen,
nie gekannte Gefühle regten sich stürmisch in mir und trieben das
glühende Blut durch die Adern, daß hörbar meine Pulse schlugen. Meine
Brust war krampfhaft zusammengepreßt und wollte zerspringen, ein
leiser Seufzer machte mir endlich Luft. Dadurch, daß das Mädchen ganz
unbefangen auf mich zukam, mich bei der Hand faßte und frug, was mir
denn wäre, wurde das Übel wieder ärger, und es war ein Glück, daß der
Konzertmeister in die Stube trat und mich von der Qual erlöste. Nie
hatte ich indessen solche falsche Akkorde gegriffen, nie so im Gesange
detoniert, als dasmal. Fromm genug war ich, um später das Ganze für
eine böse Anfechtung des Teufels zu halten, und ich pries mich nach
kurzer Zeit recht glücklich, den bösen Feind durch die asketischen
Übungen die ich unternahm, aus dem Felde geschlagen zu haben. Jetzt
bei der verfänglichen Frage des Priors sah ich des Konzertmeisters
Schwester mit entblößtem Busen vor mir stehen, ich fühlte den warmen
Hauch ihres Atems, den Druck ihrer Hand -- meine innere Angst stieg mit
jedem Momente. Leonardus sah mich mit einem gewissen ironischen Lächeln
an, vor dem ich erbebte. Ich konnte seinen Blick nicht ertragen, ich
schlug die Augen nieder, da klopfte mich der Prior auf die glühenden
Wangen und sprach: „Ich sehe, mein Sohn, daß Sie mich gefaßt haben
und daß es noch gut mit Ihnen steht, der Herr bewahre Sie vor der
Verführung der Welt, die Genüsse, die sie Ihnen darbietet, sind von
kurzer Dauer, und man kann wohl behaupten, daß ein Fluch darauf ruhe,
da in dem unbeschreiblichen Ekel, in der vollkommenen Erschlaffung, in
der Stumpfheit für alles Höhere, die sie hervorbringen, das bessere
geistige Prinzip des Menschen untergeht.“ -- So sehr ich mich mühte,
die Frage des Priors und das Bild, welches dadurch hervorgerufen wurde,
zu vergessen, so wollte es mir doch durchaus nicht gelingen, und war
es mir erst geglückt in Gegenwart jenes Mädchens unbefangen zu sein,
so scheute ich doch wieder jetzt mehr als jemals ihren Anblick, da
mich schon bei dem Gedanken an sie eine Beklommenheit, eine innere
Unruhe überfiel, die mir um so gefährlicher schien, als zugleich
eine unbekannte wundervolle Sehnsucht und mit ihr eine Lüsternheit
sich regte, die wohl sündlich sein mochte. Ein Abend sollte diesen
zweifelhaften Zustand entscheiden. Der Konzertmeister hatte mich,
wie er manchmal zu tun pflegte, zu einer musikalischen Unterhaltung,
die er mit einigen Freunden veranstaltet, eingeladen. Außer seiner
Schwester waren noch mehrere Frauenzimmer zugegen, und dieses steigerte
die Befangenheit, die mir schon bei der Schwester allein den Atem
versetzte. Sie war sehr reizend gekleidet, sie kam mir schöner als
je vor, es war, als zöge mich eine unsichtbare und unwiderstehliche
Gewalt zu ihr hin, und so kam es denn, daß ich, ohne selbst zu wissen
wie, mich immer ihr nahe befand, jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte
begierig aufhaschte, ja mich so an sie drängte, daß wenigstens ihr
Kleid im Vorbeistreifen mich berühren mußte, welches mich mit innerer,
nie gefühlter Lust erfüllte. Sie schien es zu bemerken und Wohlgefallen
daran zu finden; zuweilen war es mir, als müßte ich sie wie in toller
Liebeswut an mich reißen und inbrünstig an mich drücken! -- Sie hatte
lange neben dem Flügel gesessen, endlich stand sie auf und ließ auf dem
Stuhl einen ihrer Handschuhe liegen, den ergriff ich und drückte ihn im
Wahnsinn heftig an den Mund! -- Das sah eins von den Frauenzimmern, die
ging zu des Konzertmeisters Schwester und flüsterte ihr etwas ins Ohr,
nun schauten sie beide auf mich und kicherten und lachten höhnisch!
-- Ich war wie vernichtet, ein Eisstrom goß sich durch mein Inneres
-- besinnungslos stürzte ich fort ins Kollegium -- in meine Zelle.
Ich warf mich wie in toller Verzweiflung auf den Fußboden -- glühende
Tränen quollen mir aus den Augen, ich verwünschte -- ich verfluchte das
Mädchen -- mich selbst -- dann betete ich wieder und lachte dazwischen
wie ein Wahnsinniger! Überall erklangen um mich Stimmen, die mich
verspotteten, verhöhnten; ich war im Begriff mich durch das Fenster zu
stürzen, zum Glück verhinderten mich die Eisenstäbe daran, mein Zustand
war in der Tat entsetzlich. Erst als der Morgen anbrach wurde ich
ruhiger, aber fest war ich entschlossen sie niemals mehr zu sehen und
überhaupt der Welt zu entsagen. Klarer als jemals stand der Beruf zum
eingezogenen Klosterleben, von dem mich keine Versuchung mehr ablenken
sollte, vor meiner Seele. Sowie ich nur von den gewöhnlichen Studien
loskommen konnte, eilte ich zu dem Prior in das Kapuzinerkloster und
eröffnete ihm, wie ich nun entschlossen sei, mein Noviziat anzutreten,
und auch schon meiner Mutter sowie der Fürstin Nachricht davon gegeben
habe. Leonardus schien über meinen plötzlichen Eifer verwundert,
ohne in mich zu dringen, suchte er doch auf diese und jene Weise zu
erforschen, was mich wohl darauf gebracht haben könne, nun mit einem
Mal auf meine Einweihung zum Klosterleben zu bestehen, denn er ahnte
wohl, daß ein besonderes Ereignis mir den Impuls dazu gegeben haben
müsse. Eine innere Scham, die ich nicht zu überwinden vermochte, hielt
mich zurück ihm die Wahrheit zu sagen, dagegen erzählte ich ihm mit
dem Feuer der Exaltation, das noch in mir glühte, die wunderbaren
Begebenheiten meiner Kinderjahre, welche alle auf meine Bestimmung
zum Klosterleben hindeuteten. Leonardus hörte mich ruhig an und ohne
gerade gegen meine Visionen Zweifel vorzubringen, schien er doch sie
nicht sonderlich zu beachten, er äußerte vielmehr, wie das alles noch
sehr wenig für die Echtheit meines Berufs spräche, da eben hier eine
Illusion sehr möglich sei. Überhaupt pflegte Leonardus nicht gern
von den Visionen der Heiligen, ja selbst von den Wundern der ersten
Verkündiger des Christentums zu sprechen, und es gab Augenblicke, in
denen ich in Versuchung geriet, ihn für einen heimlichen Zweifler zu
halten. Einst erdreistete ich mich, um ihn zu irgend einer bestimmten
Äußerung zu nötigen, von den Verächtern des katholischen Glaubens zu
sprechen und vorzüglich auf diejenigen zu schmälen, die im kindischen
Übermute alles Übersinnliche mit dem heillosen Schimpfworte des
Aberglaubens abfertigten. Leonardus sprach sanft lächelnd: „Mein Sohn,
der Unglaube ist der ärgste Aberglaube,“ und fing ein anderes Gespräch
von fremden gleichgültigen Dingen an. Erst später durfte ich eingehen
in seine herrlichen Gedanken über den mystischen Teil unserer Religion,
der die geheimnisvolle Verbindung unsers geistigen Prinzips mit höheren
Wesen in sich schließt, und mußte mir denn wohl gestehen, daß Leonardus
die Mitteilung alles des Sublimen, das aus seinem Innersten sich ergoß,
mit Recht nur für die höchste Weihe seiner Schüler aufsparte. --

Meine Mutter schrieb mir, wie sie es längst geahnet, daß der
weltgeistliche Stand mir nicht genügen, sondern daß ich das
Klosterleben erwählen werde. Am Medardustage sei ihr der alte
Pilgersmann aus der heiligen Linde erschienen und habe mich im
Ordenskleide der Kapuziner an der Hand geführt. Auch die Fürstin war
mit meinem Vorhaben ganz einverstanden. Beide sah ich noch einmal vor
meiner Einkleidung, welche, da mir meinem innigsten Wunsche gemäß die
Hälfte des Noviziats erlassen wurde, sehr bald erfolgte. Ich nahm auf
Veranlassung der Vision meiner Mutter den Klosternamen Medardus an. --

Das Verhältnis der Brüder untereinander, die innere Einrichtung
rücksichts der Andachtsübungen und der ganzen Lebensweise im Kloster,
bewährten sich ganz in der Art, wie sie mir bei dem ersten Blick
erschienen. Die gemütliche Ruhe, die in allem herrschte, goß den
himmlischen Frieden in meine Seele, wie er mich, gleich einem seligen
Traum aus der ersten Zeit meiner frühsten Kinderjahre im Kloster
der heiligen Linde umschwebte. Während des feierlichen Akts meiner
Einkleidung erblickte ich unter den Zuschauern des Konzertmeisters
Schwester; sie sah ganz schwermütig aus und ich glaubte Tränen in
ihren Augen zu erblicken, aber vorüber war die Zeit der Versuchung
und vielleicht war es frevelnder Stolz auf den so leicht erfochtenen
Sieg, der mir das Lächeln abnötigte, welches der an meiner Seite
wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte. „Worüber erfreuest du dich so, mein
Bruder?“ frug Cyrillus. „Soll ich denn nicht froh sein, wenn ich der
schnöden Welt und ihrem Tand entsage?“ antwortete ich, aber nicht zu
leugnen ist es, daß, indem ich diese Worte sprach, ein unheimliches
Gefühl plötzlich das Innerste durchbebend, mich Lügen strafte. --
Doch dies war die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht, nach der
jene Ruhe des Geistes eintrat. Wäre sie nimmer von mir gewichen,
aber die Macht des Feindes ist groß! -- Wer mag der Stärke seiner
Waffen, wer mag seiner Wachsamkeit vertrauen, wenn die unterirdischen
Mächte lauern. -- Schon fünf Jahre war ich im Kloster, als nach der
Verordnung des Priors mir der Bruder Cyrillus, der alt und schwach
geworden, die Aufsicht über die reiche Reliquienkammer des Klosters
übergeben sollte. Da befanden sich allerlei Knochen von Heiligen,
Späne aus dem Kreuze des Erlösers und andere Heiligtümer, die in
saubern Glasschränken aufbewahrt, und an gewissen Tagen dem Volk zur
Erbauung ausgestellt wurden. Der Bruder Cyrillus machte mich mit
jedem Stücke sowie mit den Dokumenten, die über ihre Echtheit und
über die Wunder, welche sie bewirkt, vorhanden, bekannt. Er stand
rücksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an der Seite und
umsoweniger trug ich Bedenken, das zu äußern, was sich gewaltsam
aus meinem Innern hervordrängte. „Sollten denn, lieber Bruder
Cyrillus,“ sagte ich, „alle diese Dinge gewiß und wahrhaftig das sein,
wofür man sie ausgibt? -- Sollte auch hier nicht die betrügerische
Habsucht manches untergeschoben haben, was nun als wahre Reliquie
dieses oder jenes Heiligen gilt? So z. B. besitzt irgend ein Kloster
das ganze Kreuz unsers Erlösers und doch zeigt man überall wieder
soviel Späne davon, daß, wie jemand von uns selbst, freilich in
freveligem Spott, behauptete, unser Kloster ein ganzes Jahr hindurch
damit geheizt werden könnte.“ -- „Es geziemt uns wohl eigentlich
nicht,“ erwiderte der Bruder Cyrillus, „diese Dinge einer solchen
Untersuchung zu unterziehen, allein offenherzig gestanden bin ich
der Meinung, daß, der darüber sprechenden Dokumente unerachtet, wohl
wenige dieser Dinge +das+ sein dürften, wofür man sie ausgibt.
Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen. Merke wohl
auf, lieber Bruder Medardus! wie ich und unser Prior darüber denken,
und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken. Ist es
nicht herrlich, lieber Bruder Medardus, daß unsere Kirche darnach
trachtet, jene geheimnisvollen Fäden zu erfassen, die das Sinnliche
mit dem Übersinnlichen verknüpfen, ja unseren zum irdischen Leben und
Sein gediehenen Organismus so anzuregen, daß sein Ursprung aus dem
höhern, geistigen Prinzip, ja seine innige Verwandtschaft mit dem
wunderbaren Wesen, dessen Kraft wie ein glühender Hauch die ganze Natur
durchdringt, klar hervortritt, und uns die Ahnung eines höheren Lebens,
dessen Keim wir in uns tragen, wie mit Seraphsfittichen umweht. -- Was
ist jenes Stückchen Holz -- jenes Knöchlein, jenes Läppchen -- man sagt
aus dem Kreuz Christe sei es gehauen, dem Körper -- dem Gewande eines
Heiligen entnommen; aber den Gläubigen, der ohne zu grübeln sein ganzes
Gemüt darauf richtet, erfüllt bald jene überirdische Begeisterung,
die ihm das Reich der Seligkeit erschließt, das er hienieden nur
geahnt; und so wird der geistige Einfluß des Heiligen, dessen auch nur
angebliche Reliquie den Impuls gab, erweckt, und der Mensch vermag
Stärke und Kraft im Glauben von dem höheren Geiste zu empfangen, den
er im Innersten des Gemüts um Trost und Beistand anrief. Ja, diese in
ihm erweckte höhere geistige Kraft wird selbst Leiden des Körpers
zu überwinden vermögen, und daher kommt es, daß jene Reliquien jene
Mirakel bewirken, die, da sie so oft vor den Augen des versammelten
Volks geschehen, wohl nicht geleugnet werden können.“ -- Ich erinnerte
mich augenblicklich gewisser Andeutungen des Priors, die ganz mit den
Worten des Bruders Cyrillus übereinstimmten, und betrachtete nun die
Reliquien, die mir sonst nur als religiöse Spielerei erschienen, mit
wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht. Dem Bruder Cyrillus entging diese
Wirkung seiner Rede nicht und er fuhr nun fort, mit größerem Eifer und
mit recht zum Gemüte sprechender Innigkeit, mir die Sammlung Stück
vor Stück zu erklären. Endlich nahm er aus einem wohlverschlossenen
Schranke ein Kistchen heraus und sagte. „Hierinnen, lieber Bruder
Medardus, ist die geheimnisvollste, wunderbarste Reliquie enthalten,
die unser Kloster besitzt. Solange ich im Kloster bin, hat dieses
Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und ich; selbst die
andern Brüder, viel weniger Fremde, wissen etwas von dem Dasein dieser
Reliquie. Ich kann die Kiste nicht ohne inneren Schauer anrühren, es
ist als sei darin ein böser Zauber verschlossen, der, gelänge es ihm,
den Bann der ihn umschließt und wirkungslos macht, zu zersprengen,
Verderben und heillosen Untergang jedem bereiten könnte, den er ereilt.
-- Das was darinnen enthalten, stammt unmittelbar von dem Widersacher
her aus jener Zeit, als er noch sichtlich gegen das Heil der Menschen
zu kämpfen vermochte.“ -- Ich sah den Bruder Cyrillus mit höchstem
Erstaunen an; ohne mir Zeit zu lassen etwas zu erwidern, fuhr er
fort. „Ich will mich, lieber Bruder Medardus, gänzlich enthalten, in
dieser höchst mystischen Sache nur irgend eine Meinung zu äußern oder
wohl gar diese -- jene -- Hypothese aufzutischen, die mir durch den
Kopf gefahren, sondern lieber getreulich dir das erzählen, was die
über jene Reliquie vorhandenen Dokumente davon sagen. -- Du findest
jene Dokumente in jenem Schrank und kannst sie selbst nachlesen.
-- Dir ist das Leben des heiligen Antonius zur Genüge bekannt, du
weißt, daß er, um sich von allem Irdischen zu entfernen, um seine
Seele ganz dem Göttlichen zuzuwenden, in die Wüste zog und da sein
Leben den strengsten Buß- und Andachtsübungen weihte. Der Widersacher
verfolgte ihn und trat ihm oft sichtlich in den Weg, um ihn in seinen
frommen Betrachtungen zu stören. So kam es denn, daß der hl. Antonius
einmal in der Abenddämmerung eine finstere Gestalt wahrnahm, die
auf ihn zuschritt. In der Nähe erblickte er zu seinem Erstaunen,
daß aus den Löchern des zerrissenen Mantels, den die Gestalt trug,
Flaschenhälse hervorguckten. Es war der Widersacher, der in diesem
seltsamen Aufzuge ihn höhnisch anlächelte und frug, ob er nicht von
den Elixieren, die er in den Flaschen bei sich trüge, zu kosten
begehre? Der hl. Antonius, den diese Zumutung nicht einmal verdrießen
konnte, weil der Widersacher ohnmächtig und kraftlos geworden nicht
mehr imstande war, sich auf irgend einen Kampf einzulassen, und sich
daher auf höhnische Reden beschränken mußte, frug ihn: „Warum er denn
so viele Flaschen und auf solche besondere Weise bei sich trüge?“ Da
antwortete der Widersacher. „Siehe, wenn mir ein Mensch begegnet, so
schaut er mich verwundert an und kann es nicht lassen nach meinen
Getränken zu fragen und zu kosten aus Lüsternheit. Unter so vielen
Elixieren findet er ja wohl eines, was ihm recht mundet und er säuft
die ganze Flasche aus und ergibt sich mir und meinen Reiche. -- Soweit
steht das in allen Legenden; nach dem besonderen Dokument, das wir
über diese Vision des hl. Antonius besitzen, heißt es aber weiter, daß
der Widersacher, als er sich von dannen hub, einige seiner Flaschen
auf einem Rasen stehen ließ, die der hl. Antonius schnell in seine
Höhle mitnahm und verbarg, aus Furcht, selbst in der Einöde könnte ein
Verirrter, ja wohl gar einer seiner Schüler, von dem entsetzlichen
Getränke kosten und ins ewige Verderben geraten. -- Zufällig, erzählt
das Dokument weiter, habe der hl. Antonius einmal eine dieser Flaschen
geöffnet, da sei ein seltsamer betäubender Dampf herausgefahren und
allerlei scheußliche, sinnverwirrende Bilder der Hölle hätten den
Heiligen umschwebt, ja ihn mit verführerischen Gaukeleien zu verlocken
gesucht, bis er sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder
vertrieben. -- In diesem Kistchen befindet sich nun aus dem Nachlaß
des hl. Antonius eben eine solche Flasche mit einem Teufels-Elixier
und die Dokumente sind so authentisch und genau, daß wenigstens daran,
daß die Flasche wirklich nach dem Tode des hl. Antonius unter seinen
nachgebliebenen Sachen gefunden wurde, kaum zu zweifeln ist. Übrigens
kann ich versichern, lieber Bruder Medardus, daß, so oft ich die
Flasche, ja nur dieses Kistchen, worin sie verschlossen, berühre,
mich ein unerklärliches, inneres Grauen anwandelt, ja daß ich wähne,
etwas von einem ganz seltsamen Duft zu spüren, der mich betäubt und
zugleich eine innere Unruhe des Geistes hervorbringt, die mich selbst
bei den Andachtsübungen zerstreut. Indessen überwinde ich diese böse
Stimmung, welche offenbar von dem Einfluß irgend einer feindlichen
Macht herrührt, sollte ich auch an die unmittelbare Einwirkung des
Widersachers nicht glauben, durch standhaftes Gebet. Dir, lieber Bruder
Medardus, der du noch so jung bist, der du noch alles, was dir deine
von fremder Kraft aufgeregte Fantasie vorbringen mag, in glänzenden,
lebhafteren Farben erblickst, der du noch wie ein tapferer aber
unerfahrener Krieger zwar rüstig im Kampfe, aber vielleicht zu kühn,
das Unmögliche wagend, deiner Stärke zu sehr vertraust, rate ich, das
Kistchen niemals, oder wenigstens erst nach Jahren zu öffnen, und damit
dich deine Neugierde nicht in Versuchung führe, es dir weit weg aus den
Augen zu stellen.“ --

Der Bruder Cyrillus verschloß die geheimnisvolle Kiste wieder in den
Schrank wo sie gestanden und übergab mir den Schlüsselbund, an dem
auch der Schlüssel jenes Schranks hing; die ganze Erzählung hatte
auf mich einen eignen Eindruck gemacht, aber je mehr ich eine innere
Lüsternheit emporkeimen fühlte die wunderbare Reliquie zu sehen, desto
mehr war ich, der Warnung des Bruders Cyrillus gedenkend, bemüht, auf
jede Art es mir zu erschweren. Als Cyrillus mich verlassen, übersah
ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligtümer, löste ich aber das
Schlüsselchen, welches den gefährlichen Schrank schloß, vom Bunde ab
und versteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte. --

Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner,
jedesmal, wenn er predigte, war die Kirche überfüllt; der Feuerstrom
seiner Worte riß alles unwiderstehlich fort, die inbrünstigste Andacht
im Innern entzündend. Auch mir drangen seine herrlichen, begeisterten
Reden ins Innerste, aber indem ich den Hochbegabten glücklich pries,
war es mir, als rege sich eine innere Kraft die mich mächtig antrieb
es ihm gleich zu tun. Hatte ich ihn gehört, so predigte ich auf meiner
einsamen Stube, mich ganz der Begeisterung des Moments überlassend,
bis es mir gelang, meine Ideen, meine Worte festzuhalten und
aufzuschreiben. -- Der Bruder, welcher im Kloster zu predigen pflegte,
wurde zusehends schwächer, seine Reden schlichen wie ein halbversiegter
Bach mühsam und tonlos dahin, und die ungewöhnlich gedehnte Sprache,
welche der Mangel an Ideen und Worten erzeugte, da er ohne Konzept
sprach, machte seine Reden so unausstehlich lang, daß vor dem Amen
schon der größte Teil der Gemeinde, wie bei dem bedeutungslosen,
eintönigen Geklapper einer Mühle, sanft eingeschlummert war und nur
durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte. Der Prior
Leonardus war zwar ein ganz vorzüglicher Redner, indessen trug er
Scheu zu predigen, weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren
zu stark angriff, und sonst gab es im Kloster keinen, der die Stelle
jenes schwächlichen Bruders hätte ersetzen können. Leonardus sprach mit
mir über diesen Übelstand, der der Kirche den Besuch mancher Frommen
entzog; ich faßte mir ein Herz und sagte ihm, wie ich schon im Seminar
einen innern Beruf zum Predigen gespürt und manche geistliche Rede
aufgeschrieben habe. Er verlangte sie zu sehen und war so höchlich
damit zufrieden, daß er in mich drang, schon am nächsten heiligen Tage
den Versuch mit einer Predigt zu machen, der umsoweniger mißlingen
werde, als mich die Natur mit allem ausgestattet habe, was zum guten
Kanzelredner gehöre, nämlich mit einer einnehmenden Gestalt, einem
ausdrucksvollen Gesicht und einer kräftigen, tonreichen Stimme.
Rücksichts des äußern Anstandes, der richtigen Gestikulation unternahm
Leonardus selbst mich zu unterrichten. Der Heiligentag kam heran,
die Kirche war besetzter als gewöhnlich, und ich bestieg nicht ohne
inneres Erbeben die Kanzel. -- Im Anfange blieb ich meiner Handschrift
getreu, und Leonardus sagte mir nachher, daß ich mit zitternder
Stimme gesprochen, welches aber gerade den andächtigen, wehmutsvollen
Betrachtungen, womit die Rede begann, zugesagt, und bei den mehrsten
für eine besondere wirkungsvolle Kunst des Redners gegolten habe. Bald
aber war es, als strahle der glühende Funke himmlischer Begeisterung
durch mein Inneres -- ich dachte nicht mehr an die Handschrift, sondern
überließ mich ganz den Eingebungen des Moments. Ich fühlte wie das
Blut in allen Pulsen glühte und sprühte -- ich hörte meine Stimme
durch das Gewölbe donnern -- ich sah mein erhobenes Haupt, meine
ausgebreiteten Arme, wie vom Strahlenglanz der Begeisterung umflossen.
-- Mit einer Sentenz, in der ich alles Heilige und Herrliche das ich
verkündet, nochmals wie in einem flammenden Fokus zusammenfaßte, schloß
ich meine Rede, deren Eindruck ganz ungewöhnlich, ganz unerhört war.
Heftiges Weinen -- unwillkürlich den Lippen entfliehende Ausrufe der
andachtvollsten Wonne -- lautes Gebet, hallten meinen Worten nach. Die
Brüder zollten mir ihre höchste Bewunderung, Leonardus umarmte mich, er
nannte mich den Stolz des Klosters. Mein Ruf verbreitete sich schnell,
und um den Bruder Medardus zu hören, drängte sich der vornehmste,
der gebildetste Teil der Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem
Läuten in die nicht allzu große Klosterkirche. Mit der Bewunderung
stieg mein Eifer und meine Sorge, den Reden im stärksten Feuer Ründe
und Gewandtheit zu geben. Immer mehr gelang es mir die Zuhörer zu
fesseln und, immer steigend und steigend glich bald die Verehrung die
ich überall wo ich ging und stand in den stärksten Zügen an den Tag
legte, beinahe der Vergötterung eines Heiligen. Ein religiöser Wahn
hatte die Stadt ergriffen, alles strömte bei irgend einem Anlaß, auch
an gewöhnlichen Wochentagen nach dem Kloster, um den Bruder Medardus
zu sehen, zu sprechen. -- Da keimte in mir der Gedanke auf, ich sei
ein besonders Erkorner des Himmels; die geheimnisvollen Umstände bei
meiner Geburt am heiligen Orte zur Entsündigung des verbrecherischen
Vaters, die wunderbaren Begebenheiten in meinen ersten Kinderjahren,
alles deutete dahin, daß mein Geist in unmittelbarer Berührung mit
dem Himmlischen, sich schon hienieden über das Irdische erhebe, und
ich nicht der Welt, den Menschen angehöre, denen Heil und Trost zu
geben ich hier auf Erden wandle. Es war mir nun gewiß, daß der alte
Pilgrim in der heiligen Linde der heilige Josef, der wunderbare Knabe
aber das Jesuskind selbst gewesen, das in mir den Heiligen, der auf
Erden zu wandeln bestimmt, begrüßt habe. Aber sowie dies alles immer
lebendiger vor meiner Seele stand, wurde mir auch meine Umgebung immer
lästiger und drückender. Jene Ruhe und Heiterkeit des Geistes die mich
sonst umfing, war aus meiner Seele entschwunden -- ja alle gemütlichen
Äußerungen der Brüder, die Freundlichkeit des Priors, erweckten in
mir einen feindseligen Zorn. Den +Heiligen+, den hoch über sie
erhabenen, sollten sie in mir erkennen, sich niederwerfen in den Staub
und die Fürbitte erflehen vor dem Throne Gottes. So aber hielt ich sie
für befangen in verderblicher Verstocktheit. Selbst in meine Reden
flocht ich gewisse Anspielungen ein, die darauf hindeuteten, wie nun
eine wundervolle Zeit, gleich der in schimmernden Strahlen leuchtenden
Morgenröte, angebrochen, in der Trost und Heil bringend der gläubigen
Gemeinde ein Auserwählter Gottes auf Erden wandle. Meine eingebildete
Sendung kleidete ich in mystische Bilder ein, die umsomehr wie ein
fremdartiger Zauber auf die Menge wirkten, je weniger sie verstanden
wurden. Leonardus wurde sichtlich kälter gegen mich, er vermied, mit
mir ohne Zeugen zu sprechen, aber endlich, als wir einst zufällig von
allen Brüdern verlassen in der Allee des Klostergartens einhergingen,
brach er los: „Nicht verhehlen kann ich es dir, lieber Bruder Medardus,
daß du seit einiger Zeit durch dein ganzes Betragen mir Mißfallen
erregst. -- Es ist etwas in deine Seele gekommen, das dich dem Leben
in frommer Einfalt abwendig macht. In deinen Reden herrscht ein
feindliches Dunkel, aus dem nur noch manches hervorzutreten sich
scheut, was dich wenigstens mit mir auf immer entzweien würde. -- Laß
mich offenherzig sein! -- Du trägst in diesem Augenblick die Schuld
unseres sündigen Ursprungs, die jedem mächtigen Emporstreben unserer
geistigen Kraft die Schranken des Verderbnisses öffnet, wohin wir
uns in unbedachtem Fluge nur zu leicht verirren! -- Der Beifall, ja
die abgöttische Bewunderung, die dir die leichtsinnige, nach jeder
Anreizung lüsterne Welt gezollt, hat dich geblendet, und du siehst dich
selbst in einer Gestalt, die nicht dein eigen, sondern ein Trugbild
ist, welches dich in den verderblichen Abgrund lockt. Gehe in dich,
Medardus! -- entsage dem Wahn, der dich betört -- ich glaube ihn zu
kennen! -- schon jetzt ist dir die Ruhe des Gemüts, ohne welche kein
Heil hienieden zu finden, entflohen. -- Laß dich warnen, weiche aus
dem Feinde, der dir nachstellt. -- Sei wieder der gutmütige Jüngling
den ich mit ganzer Seele liebte.“ -- Tränen quollen aus den Augen
des Priors als er dies sprach; er hatte meine Hand ergriffen, sie
loslassend entfernte er sich schnell, ohne meine Antwort abzuwarten.
-- Aber nur feindselig waren seine Worte in mein Inneres gedrungen; er
hatte des Beifalls, ja der höchsten Bewunderung erwähnt, die ich mir
durch meine außerordentlichen Gaben erworben, und es war mir deutlich,
daß nur kleinlicher Neid jenes Mißbehagen an mir erzeugt habe, das er
so unverhohlen äußerte. Stumm und in mich gekehrt, blieb ich vom innern
Groll ergriffen, bei den Zusammenkünften der Mönche, und ganz erfüllt
von dem neuen Wesen das mir aufgegangen, sann ich den Tag über, und in
den schlaflosen Nächten, wie ich alles in mir Aufgekeimte in prächtige
Worte fassen und dem Volke verkünden wollte. Je mehr ich mich nun von
Leonardus und den Brüdern entfernte, mit desto stärkeren Banden wußte
ich die Menge an mich zu ziehen. --

Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche so gedrängt voll, daß man
die Türen weit öffnen mußte, um dem zuströmenden Volke zu vergönnen,
mich auch noch vor der Kirche zu hören. Nie hatte ich kräftiger,
feuriger, eindringender gesprochen. Ich erzählte, wie es gewöhnlich,
manches aus dem Leben des Heiligen und knüpfte daran fromme, tief ins
Leben eindringende Betrachtungen. Von den Verführungen des Teufels, dem
der Sündenfall die Macht gegeben die Menschen zu verlocken, sprach ich,
und unwillkürlich führte mich der Strom der Rede hinein in die Legende
von den Elixieren, die ich wie eine sinnreiche Allegorie darstellen
wollte. Da fiel mein in der Kirche umherschweifender Blick auf einen
langen, hageren Mann, der mir schrägüber auf eine Bank gestiegen, sich
an einen Eckpfeiler lehnte. Er hatte auf seltsame fremde Weise einen
dunkelvioletten Mantel umgeworfen, und die übereinander geschlagenen
Arme darein gewickelt. Sein Gesicht war leichenblaß, aber der Blick
der großen schwarzen, stieren Augen fuhr wie ein glühender Dolchstich
durch meine Brust. Mich durchbebte ein unheimliches, grauenhaftes
Gefühl, schnell wandte ich mein Auge ab und sprach, alle meine Kraft
zusammennehmend, weiter. Aber wie von einer fremden, zauberischen
Gewalt getrieben, mußte ich immer wieder hinschauen, und immer starr
und bewegungslos stand der Mann da, den gespenstischen Blick auf
mich gerichtet. So wie bittrer Hohn -- verachtender Haß, lag es auf
der hohen gefurchten Stirn, in dem herabgezogenen Munde. Die ganze
Gestalt hatte etwas Furchtbares -- Entsetzliches! -- Ja! -- es war
der unbekannte Maler aus der heiligen Linde. Ich fühlte mich wie von
eiskalten, grausigen Fäusten gepackt -- Tropfen des Angstschweißes
standen auf meiner Stirn -- meine Perioden stockten -- immer verwirrter
und verwirrter wurden meine Reden -- es entstand ein Flüstern --
ein Gemurmel in der Kirche -- aber starr und unbeweglich lehnte der
fürchterliche Fremde am Pfeiler, den stieren Blick auf mich gerichtet.
Da schrie ich auf in der Höllenangst wahnsinniger Verzweiflung. „Ha,
Verruchter! hebe dich weg! -- hebe dich weg -- denn ich bin es selbst!
-- ich bin der heilige Antonius!“ -- Als ich aus dem bewußtlosen
Zustand, in den ich mit jenen Worten versunken, wieder erwachte, befand
ich mich auf meinem Lager und der Bruder Cyrillus saß neben mir, mich
pflegend und tröstend. Das schreckliche Bild des Unbekannten stand mir
noch lebhaft vor Augen, aber je mehr der Bruder Cyrillus, dem ich alles
erzählte, mich zu überzeugen suchte, daß dieses nur ein Gaukelbild
meiner durch das eifrige und starke Reden erhitzten Fantasie gewesen,
desto tiefer fühlte ich bittre Reue und Scham über mein Betragen auf
der Kanzel. Die Zuhörer dachten, wie ich nachher erfuhr, es habe mich
ein plötzlicher Wahnsinn überfallen, wozu ihnen vorzüglich mein letzter
Ausruf gerechten Anlaß gab. Ich war zerknirscht -- zerrüttet im Geiste;
eingeschlossen in meine Zelle, unterwarf ich mich den strengsten
Bußübungen und stärkte mich durch inbrünstige Gebete zum Kampfe mit
dem Versucher, der mir selbst an heiliger Stätte erschienen, nur in
frechem Hohn die Gestalt borgend von dem frommen Maler in der heiligen
Linde. Niemand wollte übrigens den Mann im violetten Mantel erblickt
haben, und der Prior Leonardus verbreitete nach seiner anerkannten
Gutmütigkeit auf das eifrigste überall, wie es nur der Anfall einer
hitzigen Krankheit gewesen, welcher mich in der Predigt auf solche
entsetzliche Weise mitgenommen und meine verwirrten Reden veranlaßt
habe: wirklich war ich auch noch siech und krank, als ich nach mehreren
Wochen wieder in das gewöhnliche klösterliche Leben eintrat. Dennoch
unternahm ich es wieder die Kanzel zu besteigen, aber von innerer Angst
gefoltert, gefolgt von der entsetzlichen, bleichen Gestalt, vermochte
ich kaum zusammenhängend zu sprechen, viel weniger mich wie sonst dem
Feuer der Beredsamkeit zu überlassen. Meine Predigten waren gewöhnlich
-- steif -- zerstückelt. -- Die Zuhörer bedauerten den Verlust meiner
Rednergabe, verloren sich nach und nach, und der alte Bruder der sonst
gepredigt und nun noch offenbar besser redete als ich, ersetzte wieder
meine Stelle.

Nach einiger Zeit begab es sich, daß ein junger Graf, von seinem
Hofmeister mit dem er auf Reisen begriffen, begleitet, unser Kloster
besuchte und die vielen Merkwürdigkeiten desselben zu sehen begehrte.
Ich mußte die Reliquienkammer aufschließen und wir traten hinein, als
der Prior, der mit uns durch Chor und Kirche gegangen, abgerufen wurde,
so daß ich mit den Fremden allein blieb. Jedes Stück hatte ich gezeigt
und erklärt, da fiel dem Grafen der mit zierlichem, altdeutschen
Schnitzwerk geschmückte Schrank ins Auge, in dem sich das Kistchen
mit dem Teufels-Elixier befand. Unerachtet ich nun nicht gleich mit
der Sprache heraus wollte was in dem Schrank verschlossen, so drangen
beide, der Graf und der Hofmeister, doch so lange in mich, bis ich
die Legende vom hl. Antonius und dem arglistigen Teufel erzählte und
mich über die als Reliquie aufbewahrte Flasche ganz getreu nach den
Worten des Bruders Cyrillus ausließ, ja sogar die Warnung hinzufügte,
die er mir Rücksichts der Gefahr des Öffnens der Kiste und des
Vorzeigens der Flasche gegeben. Unerachtet der Graf unserer Religion
zugetan war, schien er doch ebensowenig als der Hofmeister auf die
Wahrscheinlichkeit der heiligen Legenden viel zu bauen. Sie ergossen
sich beide in allerlei witzigen Anmerkungen und Einfällen über den
komischen Teufel der die Verführungsflaschen im zerrissenen Mantel
trage, endlich nahm aber der Hofmeister eine ernsthafte Miene an und
sprach: „Haben Sie an uns leichtsinnigen Weltmenschen kein Ärgernis,
ehrwürdiger Herr! -- Seien Sie überzeugt, daß wir beide, ich und mein
Graf, die Heiligen als herrliche von der Religion hoch begeisterte
Menschen verehren, die dem Heil ihrer Seele sowie dem Heil der Menschen
alle Freuden des Lebens, ja, das Leben selbst opferten, was aber solche
Geschichten betrifft, wie die soeben von Ihnen erzählte, so glaube ich,
daß nur eine geistreiche, von dem Heiligen ersonnene Allegorie durch
Mißverstand, als wirklich geschehen, ins Leben gezogen wurde.“ --

[Illustration]

Unter diesen Worten hatte der Hofmeister den Schieber des Kistchens
schnell aufgeschoben und die schwarze, sonderbar geformte Flasche
herausgenommen. Es verbreitete sich wirklich, wie der Bruder
Cyrillus es mir gesagt, ein starker Duft, der indessen nichts weniger
als betäubend, sondern vielmehr angenehm und wohltätig wirkte. „Ei“,
rief der Graf, „ich wette, daß das Elixier des Teufels weiter nichts
ist als herrlicher echter Syrakuser.“ -- „Ganz gewiß,“ erwiderte der
Hofmeister, „und stammt die Flasche wirklich aus dem Nachlaß des
hl. Antonius, so geht es Ihnen, ehrwürdiger Herr, beinahe besser wie
dem Könige von Neapel, den die Unart der Römer, den Wein nicht zu
pfropfen sondern nur durch darauf getröpfeltes Öl zu bewahren um das
Vergnügen brachte, altrömischen Wein zu kosten. Ist dieser Wein auch
lange nicht so alt als jener gewesen wäre, so ist es doch fürwahr
der älteste, den es wohl geben mag, und darum täten Sie wohl, die
Reliquie in ihrem Nutzen zu verwenden und getrost auszunippen.“ --
„Gewiß“, fiel der Graf ein, „dieser uralte Syrakuser würde neue Kraft
in Ihre Adern gießen und die Kränklichkeit verscheuchen, von der Sie,
ehrwürdiger Herr, heimgesucht scheinen.“ Der Hofmeister holte einen
stählernen Korkzieher aus der Tasche und öffnete, meiner Protestationen
unerachtet, die Flasche. -- Es war mir als zucke mit dem Herausfliegen
des Korks ein blaues Flämmchen empor, das gleich wieder verschwand. --
Stärker stieg der Duft aus der Flasche und wallte durch das Zimmer.
Der Hofmeister kostete zuerst und rief begeistert: „Herrlicher --
herrlicher Syrakuser! In der Tat, der Weinkeller des hl. Antonius
war nicht übel und machte der Teufel seinen Kellermeister, so meinte
er es mit dem heiligen Mann nicht so böse als man glaubt -- kosten
Sie, Graf!“ -- Der Graf tat es und bestätigte das, was der Hofmeister
gesprochen. Beide scherzten noch mehr über die Reliquie, die offenbar
die schönste in der ganzen Sammlung sei -- sie wünschten sich einen
ganzen Keller voll solcher Reliquien usw. Ich hörte alles schweigend
mit niedergesenktem Haupte, mit zur Erde starrendem Blick an; der
Frohsinn der Fremden hatte für mich, in meiner düsteren Stimmung,
etwas Quälendes; vergebens drangen sie in mich, auch von dem Wein des
heiligen Antonius zu kosten, ich verweigerte es standhaft und verschloß
die Flasche, wohl zugepfropft, wieder in ihr Behältnis. --

Die Fremden verließen das Kloster, aber als ich einsam in meiner
Zelle saß, konnte ich mir selbst ein gewisses inneres Wohlbehagen,
eine rege Heiterkeit des Geistes nicht ableugnen. Es war offenbar,
daß der geistige Duft des Weins mich gestärkt hatte. Keine Spur der
üblen Wirkung, von der Cyrillus gesprochen, empfand ich, und nur der
entgegengesetzte, wohltätige Einfluß zeigte sich auf auffallende
Weise: je mehr ich über die Legende des hl. Antonius nachdachte, je
lebhafter die Worte des Hofmeisters in meinem Innern wiederklangen,
desto gewisser wurde es mir, daß die Erklärung des Hofmeisters die
richtige sei, und nun erst durchfuhr mich, wie ein leuchtender Blitz
der Gedanke, daß an jenem unglücklichen Tage, als eine feindselige
Vision mich in der Predigt auf so verstörende Weise unterbrach, ich ja
selbst im Begriff gewesen, die Legende auf dieselbe Weise, als eine
geistreiche, belehrende Allegorie des heiligen Mannes vorzutragen.
Diesem Gedanken knüpfte sich ein anderer an, welcher bald mich so
ganz und gar erfüllte, daß alles übrige in ihm unterging. -- Wie,
dachte ich, wenn das wunderbare Getränk mit geistiger Kraft dein
Inneres stärkte, ja die erloschene Flamme entzünden könnte, daß sie in
neuem Leben emporstrahlte? -- Wenn schon dadurch eine geheimnisvolle
Verwandtschaft deines Geistes mit den in jenem Wein verschlossenen
Naturkräften sich offenbaret hätte, daß derselbe Duft der den
schwächlichen Cyrillus betäubte, auf dich nur wohltätig wirkte? --
Aber, war ich auch schon entschlossen dem Rate der Fremden zu folgen,
wollte ich schon zur Tat schreiten, so hielt mich immer wieder ein
inneres, mir selbst unerklärliches Widerstreben davon zurück. Ja, im
Begriff den Schrank aufzuschließen, schien es mir, als erblicke ich
in dem Schnitzwerk das entsetzliche Gesicht des Malers mit den mich
durchbohrenden, lebendigtotstarren Augen, und von gespenstischem Grauen
gewaltsam ergriffen, floh ich aus der Reliquienkammer, um an heiliger
Stätte meinen Vorwitz zu bereuen. Aber immer und immer verfolgte mich
der Gedanke, daß nur durch den Genuß des wunderbaren Weins mein Geist
sich erlaben und stärken könne. -- Das Betragen des Priors -- der
Mönche -- die mich wie einen geistig Erkrankten mit gutgemeinter, aber
niederbeugender Schonung behandelten, brachte mich zur Verzweiflung,
und als Leonardus nun gar mich von den gewöhnlichen Andachtsübungen
dispensierte, damit ich meine Kräfte ganz sammeln solle, da beschloß
ich, in schlafloser Nacht von tiefem Schlaf gefoltert, auf den
Tod alles zu wagen, um die geistige Kraft wiederzugewinnen oder
unterzugehen. -- Ich stand vom Lager auf und schlich wie ein Gespenst
mit der Lampe, die ich bei dem Marienbilde auf dem Gange des Klosters
angezündet, durch die Kirche nach der Reliquienkammer. Von dem
flackernden Scheine der Lampe beleuchtet, schienen die heiligen Bilder
in der Kirche sich zu regen, es war, als blickten sie mitleidsvoll auf
mich herab, es war, als höre ich in dem dumpfen Brausen des Sturms,
der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor hineinfuhr, klägliche,
warnende Stimmen, ja, als riefe mir meine Mutter zu aus weiter
Ferne: „Sohn Medardus, was beginnst du, laß ab von dem gefährlichen
Unternehmen!“ -- Als ich in die Reliquienkammer getreten war alles
still und ruhig, ich schloß den Schrank auf, ich ergriff das Kistchen,
die Flasche, bald hatte ich einen kräftigen Zug getan! -- Glut strömte
durch meine Adern und erfüllte mich mit dem Gefühl unbeschreiblichen
Wohlseins -- ich trank noch einmal, und die Lust eines neuen,
herrlichen Lebens ging in mir auf! -- Schnell verschloß ich das leere
Kistchen in den Schrank, eilte rasch mit der wohltätigen Flasche nach
meiner Zelle und stellte sie in mein Schreibpult. -- Da fiel mir der
kleine Schlüssel in die Hände, den ich damals, um jeder Versuchung zu
entgehen, vom Bunde löste, und doch hatte ich ohne ihn, sowohl damals
als die Fremden zugegen waren, als jetzt, den Schrank aufgeschlossen?
-- Ich untersuchte meinen Schlüsselbund, und siehe, ein unbekannter
Schlüssel, mit dem ich damals und jetzt den Schrank geöffnet, ohne
in der Zerstreuung darauf zu merken, hatte sich zu den übrigen
gefunden. -- Ich erbebte unwillkürlich, aber ein buntes Bild jug das
andere bei dem wie aus tiefem Schlaf aufgerüttelten Geiste vorüber.
Ich hatte nicht Ruhe, nicht Rast, bis der Morgen heiter anbrach und
ich hinabeilen konnte in den Klostergarten, um mich in den Strahlen
der Sonne, die feurig und glühend hinter den Bergen emporstieg, zu
baden. Leonardus, die Brüder, bemerkten meine Veränderung; statt daß
ich sonst in mich verschlossen kein Wort sprach, war ich heiter und
lebendig. Als rede ich vor versammelter Gemeinde, sprach ich mit dem
Feuer der Beredsamkeit, wie es sonst mir eigen. Da ich mit Leonardus
allein geblieben, sah er mich lange an, als wollte er mein Innerstes
durchdringen; dann sprach er aber, indem ein leises ironisches Lächeln
über sein Gesicht flog: „Hat der Bruder Medardus vielleicht in einer
Vision neue Kraft und verjüngtes Leben von oben herab erhalten?“ --
Ich fühlte mich vor Scham erglühen, denn in dem Augenblick kam mir
meine Exaltation, durch einen Schluck alten Weins erzeugt, nichtswürdig
und armselig vor. Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Haupte
stand ich da, Leonardus überließ mich meinen Betrachtungen. Nur zu
sehr hatte ich gefürchtet, daß die Spannung in die mich der genossene
Wein versetzt, nicht lange anhalten, sondern vielleicht zu meinem
Gram noch größere Ohnmacht nach sich ziehn würde; es war aber dem
nicht so, vielmehr fühlte ich, wie mit der wiedererlangten Kraft
auch jugendlicher Mut und jenes rastlose Streben nach dem höchsten
Wirkungskreise den mir das Kloster darbot, zurückkehrte. Ich bestand
darauf, am nächsten heiligen Tage wieder zu predigen, und es wurde mir
vergönnt. Kurz vorher ehe ich die Kanzel bestieg, genoß ich von dem
wunderbaren Weine; nie hatte ich darauf feuriger, salbungsreicher,
eindringender gesprochen. Schnell verbreitete sich der Ruf meiner
gänzlichen Wiederherstellung und so wie sonst füllte sich wieder die
Kirche, aber je mehr ich den Beifall der Menge erwarb, desto ernster
und zurückhaltender wurde Leonardus, und ich fing an, ihn von ganzer
Seele zu hassen, da ich ihn von kleinlichem Neide und mönchischem Stolz
befangen glaubte. --

Der Bernardustag kam heran und ich war voll brennender Begierde vor
der Fürstin recht mein Licht leuchten zu lassen, weshalb ich den Prior
bat es zu veranstalten, daß es mir vergönnt werde, an dem Tage im
Cisterzienserkloster zu predigen. -- Den Leonardus schien meine Bitte
auf besondere Weise zu überraschen, er gestand mir unverhohlen, daß
er gerade dieses Mal im Sinn gehabt habe selbst zu predigen, und daß
deshalb schon das Nötige angeordnet sei, desto leichter sei indessen
die Erfüllung meiner Bitte, da er sich mit Krankheit entschuldigen und
mich statt seiner herausschicken werde. --

Das geschah wirklich! -- Ich sah meine Mutter sowie die Fürstin den
Abend vorher; mein Inneres war aber so ganz von meiner Rede erfüllt,
die den höchsten Gipfel der Beredsamkeit erreichen sollte, daß ihr
Wiedersehen nur einen geringen Eindruck auf mich machte. Es war in
der Stadt verbreitet, daß ich statt des erkrankten Leonardus predigen
würde, und dies hatte vielleicht noch einen größeren Teil des
gebildeten Publikums herbeigezogen. Ohne das Mindeste aufzuschreiben,
nur in Gedanken die Rede in ihren Teilen ordnend, rechnete ich auf
die hohe Begeisterung, die das feierliche Hochamt, das versammelte
andächtige Volk, ja selbst die herrliche hochgewölbte Kirche in mir
erwecken würde, und hatte mich in der Tat nicht geirrt. -- Wie ein
Feuerstrom flossen meine Worte, die mit der Erinnerung an den heiligen
Bernhard die sinnreichsten Bilder, die frömmsten Betrachtungen
enthielten, dahin, und in allen auf mich gerichteten Blicken las ich
Staunen und Bewunderung. Wie war ich darauf gespannt was die Fürstin
wohl sagen werde, wie erwartete ich den höchsten Ausbruch ihres
innigsten Wohlgefallens, ja es war mir, als müsse sie den, der sie
schon als Kind in Erstaunen gesetzt, jetzt die ihm inwohnende höhere
Macht deutlicher ahnend, mit unwillkürlicher Ehrfurcht empfangen. Als
ich sie sprechen wollte ließ sie mir sagen, daß sie, plötzlich von
einer Kränklichkeit überfallen, niemanden, auch mich nicht sprechen
könne. -- Dies war mir um so verdrießlicher, als nach meinem stolzen
Wahn die Äbtissin in der höchsten Begeisterung das Bedürfnis hätte
fühlen sollen, noch salbungsreiche Worte von mir zu vernehmen. Meine
Mutter schien einen heimlichen Gram in sich zu tragen, nach dessen
Ursache ich mich nicht unterstand zu forschen, weil ein geheimes Gefühl
mir selbst die Schuld davon aufbürdete, ohne daß ich mir dies hätte
deutlicher enträtseln können. Sie gab mir ein kleines Billet von der
Fürstin, das ich erst im Kloster öffnen sollte: kaum war ich in meiner
Zelle, als ich zu meinem Erstaunen folgendes las:

„Du hast mich, mein lieber Sohn (denn noch will ich Dich so
nennen), durch die Rede, die Du in der Kirche unseres Klosters
hieltest, in die tiefste Betrübnis gesetzt. Deine Worte kommen
nicht aus dem andächtigen ganz dem Himmlischen zugewandten Gemüte,
Deine Begeisterung war nicht diejenige, welche den Frommen auf
Seraphsfittichen emporträgt, daß er in heiliger Verzückung das
himmlische Reich zu schauen vermag. Ach! -- der stolze Prunk Deiner
Rede, Deine sichtliche Anstrengung, nur recht viel Auffallendes,
Glänzendes zu sagen, hat mir bewiesen, daß Du, statt die Gemeinde
zu belehren und zu frommen Betrachtungen zu entzünden, nur nach
dem Beifall, nach der wertlosen Bewunderung der weltlich gesinnten
Menge trachtest. Du hast Gefühle geheuchelt die nicht in Deinem
Innern waren, ja Du hast selbst gewisse sichtlich studierte Mienen
und Bewegungen erkünstelt wie ein eitler Schauspieler, alles nur
des schnöden Beifalls wegen. Der Geist des Truges ist in Dich
gefahren und wird Dich verderben, wenn Du nicht in Dich gehst und
der Sünde entsagest. Denn Sünde, große Sünde, ist dein Tun und
Treiben, umsomehr, als Du Dich zum frömmsten Wandel, zur Entsagung
aller irdischen Torheit im Kloster, dem Himmel verpflichtet. Der
heilige Bernardus, den Du durch Deine trügerische Rede so schnöde
beleidigt, möge Dir nach seiner himmlischen Langmut verzeihen, ja
Dich erleuchten, daß Du den rechten Pfad, von dem Du durch den Bösen
verlockt abgewichen, wieder findest, und er fürbitten könne für das
Heil Deiner Seele. Gehab Dich wohl!“

Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Äbtissin und ich
erglühte vor innerm Zorn, denn nichts war mir gewisser, als daß
Leonardus, dessen mannigfache Andeutungen über meine Predigten
ebendahin gewiesen hatten, die Andächtelei der Fürstin benutzt und
sie gegen mich und mein Rednertalent aufgewiegelt habe. Kaum konnte
ich ihn mehr anschauen, ohne vor innerlicher Wut zu erbeben, ja es
kamen mir oft Gedanken, ihn zu verderben in den Sinn, vor denen ich
selbst erschrak. Um so unerträglicher waren mir die Vorwürfe der
Äbtissin und des Priors, als ich in der tiefsten meiner Seele wohl die
Wahrheit derselben fühlte; aber immer fester und fester beharrend in
meinem Tun, mich stärkend durch Tropfen Weins aus der geheimnisvollen
Flasche, fuhrt ich fort, meine Predigten mit allen Künsten der Rhetorik
auszuschmücken und mein Mienenspiel, meine Gestikulationen sorgfältig
zu studieren, und so gewann ich des Beifalls, der Bewunderung immer
mehr und mehr.

Das Morgenlicht brach in farbigten Strahlen durch die bunten Fenster
der Klosterkirche; einsam, und in tiefe Gedanken versunken saß ich im
Beichtstuhl; nur die Tritte des dienenden Laienbruders der die Kirche
reinigte, hallten durch das Gewölbe. Da rauschte es in meiner Nähe
und ich erblickte ein großes, schlankes Frauenzimmer, auf fremdartige
Weise gekleidet, einen Schleier über das Gesicht gehängt, die durch
die Seitenpforte hereingetreten, sich mir nahte um zu beichten. Sie
bewegte sich mit unbeschreiblicher Anmut, sie kniete nieder, ein tiefer
Seufzer entfloh ihrer Brust, ich fühlte ihren glühenden Atem, es war
als umstricke mich ein betäubender Zauber, noch ehe sie sprach! -- Wie
vermag ich den ganz eignen, ins Innerste dringenden Ton ihrer Stimme
zu beschreiben! -- Jedes ihrer Worte griff in meine Brust, als sie
bekannte, wie sie eine verbotene Liebe hege, die sie schon seit langer
Zeit vergebens bekämpfe, und daß diese Liebe um so sündlicher sei,
als den Geliebten heilige Bande auf ewig fesselten; aber im Wahnsinn
hoffnungsloser Verzweiflung habe sie diesen Banden schon geflucht. --
Sie stockte -- mit einem Tränenstrom der die Worte beinahe erstickte,
brach sie los: „Du selbst -- du selbst, Medardus, bist es, den ich so
unaussprechlich liebe!“ -- Wie im tötenden Krampf zuckten alle meine
Nerven, ich war außer mir selbst, ein nie gekanntes Gefühl zerriß
meine Brust, sie sehen, sie an mich drücken -- vergehen vor Wonne und
Qual, eine Minute dieser Seligkeit für ewige Marter der Hölle! --
Sie schwieg, aber ich hörte sie tief atmen. -- In einer Art wilder
Verzweiflung raffte ich mich gewaltsam zusammen, was ich gesprochen,
weiß ich nicht mehr, aber ich nahm wahr, daß sie schweigend aufstand
und sich entfernte, während ich das Tuch fest vor die Augen drückte,
und wie erstarrt, bewußtlos im Beichtstuhl sitzen blieb. --

Zum Glück kam niemand mehr in die Kirche, ich konnte daher unbemerkt in
meine Zelle entweichen. Wie so ganz anders erschien mir jetzt alles,
wie töricht, wie schal mein ganzes Streben. -- Ich hatte das Gesicht
der Unbekannten nicht gesehen und doch lebte sie in meinem Innern und
blickte mich an mit holdseligen dunkelblauen Augen, in denen Tränen
perlten, die wie mit verzehrender Glut in meine Seele fielen und die
Flamme entzündeten, die kein Gebet, keine Bußübung mehr dämpfte.
Denn diese unternahm ich, mich züchtigend bis aufs Blut mit dem
Knotenstrick, um der ewigen Verdammnis zu entgehen, die mir drohte, da
oft jenes Feuer, das das fremde Weib in mich geworfen, die sündlichsten
Begierden, welche sonst mir unbekannt geblieben, erregte, so daß ich
mich nicht zu retten wußte vor wollüstiger Qual.

Ein Altar in unserer Kirche war der heiligen Rosalia geweiht und ihr
herrliches Bild in dem Moment gemalt, als sie den Märtyrertod erleidet.
-- Es war meine Geliebte, ich erkannte sie, ja sogar ihre Kleidung
war dem seltsamen Anzug der Unbekannten völlig gleich. Da lag ich
stundenlang wie von verderblichem Wahnsinn befangen, niedergeworfen
auf den Stufen des Altars und stieß heulende, entsetzliche Töne der
Verzweiflung aus, daß die Mönche sich entsetzten und scheu vor mir
wichen. -- In ruhigeren Augenblicken lief ich im Klostergarten auf und
ab, in duftiger Ferne sah ich sie wandeln, sie trat aus den Gebüschen,
sie stieg empor aus den Quellen, sie schwebte auf blumigter Wiese,
überall nur sie, nur sie! -- Da verwünschte ich mein Gelübde, mein
Dasein! -- Hinaus in die Welt wollte ich und nicht rasten, bis ich sie
gefunden, sie erkaufen mit dem Heil meiner Seele. Es gelang mir endlich
wenigstens, mich in den Ausbrüchen meines den Brüdern und dem Prior
unerklärlichen Wahnsinns zu mäßigen, ich konnte ruhiger scheinen, aber
immer tiefer ins Innere hinein zehrte die verderbliche Flamme. Kein
Schlaf! -- Keine Ruhe! -- Von ihrem Bilde verfolgt wälzte ich mich auf
dem harten Lager und rief die Heiligen an, nicht, mich zu retten von
dem verführerischen Gaukelbilde das mich umschwebte, nicht, meine Seele
zu bewahren vor ewiger Verdammnis, nein! -- mir das Weib zu geben,
meinen Schwur zu lösen, mir Freiheit zu schenken zum sündigen Abfall! --

Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht
aus dem Kloster ein Ende zu machen. Denn nur die Befreiung von den
Klostergelübden schien mir notwendig zu sein, um das Weib in meinen
Armen zu sehen und die Begierde zu stillen, die in mir brannte. Ich
beschloß, unkenntlich geworden durch das Abscheren meines Barts und
weltliche Kleidung, so lange in der Stadt umherzuschweifen, bis ich
sie gefunden, und dachte nicht daran, wie schwer, ja wie unmöglich
das vielleicht sein werde, ja, wie ich vielleicht, von allem Gelde
entblößt, nicht einen einzigen Tag außerhalb der Mauern würde leben
können.

Der letzte Tag den ich noch im Kloster zubringen wollte, war endlich
herangekommen, durch einen günstigen Zufall hatte ich anständige
bürgerliche Kleider erhalten; in der nächsten Nacht wollte ich das
Kloster verlassen um nie wieder zurückzukehren. Schon war es Abend
geworden als der Prior mich ganz unerwartet zu sich rufen ließ. Ich
erbebte, denn nichts glaubte ich gewisser, als daß er von meinem
heimlichen Anschlage etwas bemerkt habe. Leonardus empfing mich mit
ungewöhnlichem Ernst, ja mit einer imponierenden Würde, vor der ich
unwillkürlich erzittern mußte. „Bruder Medardus,“ fing er an, „dein
unsinniges Betragen, das ich nur für den stärkeren Ausbruch jener
geistigen Exaltation halte, die du seit längerer Zeit vielleicht
nicht aus den reinsten Absichten herbeigeführt hast, zerreißt unser
ruhiges Beisammensein, ja es wirkt zerstörend auf die Heiterkeit und
Gemütlichkeit, die ich als das Erzeugnis eines stillen, frommen Lebens
bis jetzt unter den Brüdern zu erhalten strebte. -- Vielleicht ist aber
auch irgend ein feindliches Ereignis das dich betroffen, daran schuld.
Du hättest bei mir, deinem väterlichen Freunde, dem du sicher alles
anvertrauen konntest, Trost gefunden, doch du schwiegst, und ich mag
umsoweniger in dich dringen, als mich jetzt dein Geheimnis um einen
Teil meiner Ruhe bringen könnte, die ich im heitern Alter über alles
schätze. -- Du hast oftmals, vorzüglich bei dem Altar der hl. Rosalia,
durch anstößige entsetzliche Reden, die dir wie im Wahnsinn zu
entfahren schienen, nicht nur den Brüdern, sondern auch Fremden, die
sich zufällig in der Kirche befanden, ein heilloses Ärgernis gegeben;
ich könnte dich daher nach der Klosterzucht hart strafen, doch will ich
dies nicht tun, da vielleicht irgend eine böse Macht -- der Widersacher
selbst, dem du nicht genugsam widerstanden, an deiner Verirrung schuld
ist, und gebe dir nur auf, rüstig zu sein in Buße und Gebet. -- Ich
schaue tief in deine Seele! -- Du willst ins Freie!“ --

Durchdringend schaute Leonardus mich an, ich konnte seinen Blick nicht
ertragen, schluchzend stürzte ich nieder in den Staub, mir bewußt des
bösen Vorhabens. „Ich verstehe dich,“ fuhr Leonardus fort, „und glaube
selbst, daß besser, als die Einsamkeit des Klosters, die Welt, wenn
du sie in Frömmigkeit durchziehst, dich von deiner Verirrung heilen
wird. Eine Angelegenheit unseres Klosters erfordert die Sendung eines
Bruders nach Rom. Ich habe dich dazu gewählt und schon morgen kannst
du, mit den nötigen Vollmachten und Instruktionen versehen, deine Reise
antreten. Umsomehr eignest du dich zur Ausführung dieses Auftrags,
als du noch jung, rüstig, gewandt in Geschäften und der italienischen
Sprache vollkommen mächtig bist. -- Begieb dich jetzt in deine Zelle;
bete mit Inbrunst um das Heil deiner Seele, ich will ein Gleiches tun,
doch unterlasse alle Kasteiungen, die dich nur schwächen und zur Reise
untauglich machen würden. Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich
hier im Zimmer.“ --

Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des ehrwürdigen
Leonardus, ich hatte ihn gehaßt, aber jetzt durchdrang mich wie ein
wonnevoller Schmerz +die+ Liebe, welche mich sonst an ihn gefesselt
hatte. Ich vergoß heiße Tränen, ich drückte seine Hände an die Lippen.
Er umarmte mich und es war mir, als wisse er nun meine geheimsten
Gedanken, und erteile mir die Freiheit dem Verhängnis nachzugeben, das,
über mich waltend, nach minutenlanger Seligkeit mich vielleicht in
ewiges Verderben stürzen konnte.

Nun war die Flucht unnötig geworden, ich konnte das Kloster verlassen
und ihr, ihr, ohne die nun keine Ruhe, kein Heil hieneden zu finden,
rastlos folgen, bis ich sie gefunden. Die Reise nach Rom, die Aufträge
dahin, schienen mir nur von Leonardus ersonnen, um mich auf schickliche
Weise aus dem Kloster zu entlassen.

Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise, zu, den Rest
des geheimnisvollen Weins füllte ich in eine Korbflasche, um ihn als
bewährtes Wirkungsmittel zu gebrauchen und setzte die Flasche, welche
sonst das Elixier enthielt, wieder in die Kiste.

Nicht wenig verwundert war ich, als ich aus den weitläufigen
Instruktionen des Priors wahrnahm, daß es mit meiner Sendung nach Rom
nun wohl seine Richtigkeit hatte, und daß die Angelegenheit, welche
dort die Gegenwart eines bevollmächtigten Bruders verlangte, gar viel
bedeutete und in sich trug. Es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich
gesonnen, mit dem ersten Schritt aus dem Kloster ohne alle Rücksicht
mich meiner Freiheit zu überlassen; doch der Gedanke an +sie+ ermutigte
mich und ich beschloß, meinem Plan treu zu bleiben.

Die Brüder versammelten sich, und der Abschied von ihnen, vorzüglich
von dem Vater Leonardus, erfüllte mich mit der tiefsten Wehmut. --
Endlich schloß sich die Klosterpforte hinter mir, und ich war, gerüstet
zur weiten Reise, im Freien.




2. Abschnitt.

Der Eintritt in die Welt.


In blauen Duft gehüllt, lag das Kloster unter mir im Tale; der frische
Morgenwind rührte sich und trug, die Lüfte durchstreichend, die frommen
Gesänge der Brüder zu mir herauf. Unwillkürlich stimmte ich ein. Die
Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes
Gold erglänzte in den Bäumen und in freudigem Rauschen fielen die
Tautropfen wie glühende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein,
die sich schwirrend und sumsend erhoben. Die Vögel erwachten und
flatterten, singend und jubilierend sich in froher Lust liebkosend,
durch den Wald! -- Ein Zug von Bauerburschen und festlich geschmückten
Dirnen kam den Berg herauf. „Gelobt sei Jesus Christus!“ riefen sie,
bei mir vorüberwandelnd. „In Ewigkeit!“ antwortete ich, und es war
mir, als trete ein neues Leben, voll Lust und Freiheit, mit tausend
holdseligen Erscheinungen auf mich ein! -- Nie war mir so zu Mute
gewesen, ich schien mir selbst ein andrer, und, wie von neuerweckter
Kraft beseelt und begeistert schritt ich rasch fort durch den Wald,
den Berg herab. Den Bauer, der mir jetzt in den Weg kam, frug ich
nach dem Orte, den meine Reiseroute als den ersten bezeichnete, wo
ich übernachten sollte; und er beschrieb mir genau einen nähern,
von der Heerstraße abweichenden Richtsteig mitten durchs Gebirge.
Schon war ich eine ziemliche Strecke einsam fortgewandelt, als mir
erst der Gedanke an die Unbekannte und an den fantastischen Plan sie
aufzusuchen, wiederkam. Aber ihr Bild war wie von fremder, unbekannter
Macht verwischt, so daß ich nur mit Mühe die bleichen, entstellten Züge
wiedererkennen konnte; je mehr ich trachtete, die Erscheinung im Geiste
festzuhalten, desto mehr zerrann sie in Nebel. Nur mein ausgelassenes
Betragen im Kloster nach jener geheimnisvollen Begebenheit stand mir
noch klar vor Augen. Es war mir jetzt selbst unbegreiflich, mit welcher
Langmut der Prior das alles ertragen und mich statt der wohlverdienten
Strafe in die Welt geschickt hatte. Bald war ich überzeugt, daß jene
Erscheinung des unbekannten Weibes nur eine Vision gewesen, die Folge
gar zu großer Anstrengung, und statt, wie ich sonst getan haben würde,
das verführerische, verderbliche Trugbild der steten Verfolgung des
Widersachers zuzuschreiben, rechnete ich nur der Täuschung der eignen
aufgeregten Sinne zu, da der Umstand, daß die Fremde ganz wie die
hl. Rosalia gekleidet gewesen, mir zu beweisen schien, daß das lebhafte
Bild jener Heiligen, welches ich wirklich, wiewohl in beträchtlicher
Ferne und in schiefer Richtung aus dem Beichtstuhl sehen konnte,
großen Anteil daran gehabt habe. Tief bewunderte ich die Weisheit des
Priors, der das richtige Mittel zu meiner Heilung wählte, denn, in den
Klostermauern eingeschlossen, immer von denselben Gegenständen umgeben,
immer brütend und hineinzehrend in das Innere, hätte mich jene Vision,
der die Einsamkeit glühendere, keckere Farben lieh, zum Wahnsinn
gebracht. Immer vertrauter werdend mit der Idee nur geträumt zu haben,
konnte ich mich kaum des Lachens über mich selbst erwehren, ja mit
einer Frivolität, die mir sonst nicht eigen, scherzte ich im Innern
über den Gedanken, eine Heilige in mich verliebt zu wähnen, wobei ich
zugleich daran dachte, daß ich ja selbst schon einmal der hl. Antonius
gewesen. --

Schon mehrere Tage war ich durch das Gebirge gewandelt, zwischen kühn
emporgetürmten, schauerlichen Felsenmassen, über schmale Stege, unter
denen reißende Waldbäche brausten; immer öder, immer beschwerlicher
wurde der Weg. Es war hoher Mittag, die Sonne brannte auf mein
unbedecktes Haupt, ich lechzte vor Durst, aber keine Quelle war in
der Nähe und noch immer konnte ich nicht das Dorf erreichen, auf das
ich stoßen sollte. Ganz entkräftet setzte ich mich auf ein Felsstück
und konnte nicht widerstehen einen Zug aus der Korbflasche zu tun,
unerachtet ich das seltsame Getränk soviel nur möglich aufsparen
wollte. Neue Kraft durchglühte meine Adern und erfrischt und gestärkt
schritt ich weiter, um mein Ziel, das nicht mehr fern sein konnte, zu
erreichen. Immer dichter und dichter wurde der Tannenwald, im tiefsten
Dickicht rauschte es, und bald darauf wieherte laut ein Pferd, das dort
angebunden. Ich trat einige Schritte weiter und erstarrte beinahe vor
Schreck, als ich dicht an einem jähen, entsetzlichen Abgrund stand, in
den sich, zwischen schroffen, spitzen Felsen, ein Waldbach zischend
und brausend hinabstürzte, dessen donnerndes Getöse ich schon in
der Ferne vernommen. Dicht, dicht an dem Sturz, saß auf einem über
die Tiefe hervorragenden Felsenstück ein junger Mann in Uniform,
der Hut mit dem hohen Federbusch, der Degen, ein Portefeuille lagen
neben ihm. Mit dem ganzen Körper über den Abgrund hängend, schien er
eingeschlafen und immer mehr und mehr herüber zu sinken. -- Sein Sturz
war unvermeidlich. Ich wagte mich heran; indem ich ihn mit der Hand
ergreifen und zurückhalten wollte, schrie ich laut: Um Jesus willen!
Herr! -- erwacht -- Um Jesus willen. -- Sowie ich ihn berührte, fuhr
er aus tiefem Schlafe, aber in demselben Augenblick stürzte er, das
Gleichgewicht verlierend, hinab in den Abgrund, daß, von Felsenspitze
zu Felsenspitze geworfen, die zerschmetterten Glieder zusammenkrachten;
sein schneidendes Jammergeschrei verhallte in der unermeßlichen Tiefe,
aus der nur ein dumpfes Gewimmer herauftönte, das endlich auch erstarb.
Leblos vor Schreck und Entsetzen stand ich da, endlich ergriff ich
den Hut, den Degen, das Portefeuille und wollte mich schnell von
dem Unglücksorte entfernen, da trat mir ein junger Mensch aus dem
Tannenwalde entgegen, wie ein Jäger gekleidet, schaute mir erst starr
ins Gesicht und fing dann an, ganz übermäßig zu lachen, so daß ein
eiskalter Schauer mich durchbebte.

„Nun, gnädiger Herr Graf,“ sprach endlich der junge Mensch, „die
Maskerade ist in der Tat vollständig und herrlich, und wäre die
Gnädige Frau nicht schon vorher davon unterrichtet, wahrhaftig, sie
würde den Herzensgeliebten nicht wiedererkennen. Wo haben Sie aber die
Uniform hingetan, gnädiger Herr?“ -- „Die schleuderte ich hinab in den
Abgrund,“ antwortete es aus mir hohl und dumpf, denn ich war es nicht,
der diese Worte sprach, unwillkürlich entflohen sie meinen Lippen. In
mich gekehrt, immer in den Abgrund starrend, ob der blutige Leichnam
des Grafen sich nicht mir drohend erheben werde, stand ich da. -- Es
war mir als habe ich ihn ermordet, noch immer hielt ich den Degen, Hut
und Portefeuille krampfhaft fest. Da fuhr der junge Mensch fort: „Nun
gnädiger Herr, reite ich den Fahrweg herab nach dem Städtchen, wo ich
mich in dem Hause dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will,
Sie werden wohl gleich herab nach dem Schlosse wandeln, man wird Sie
wohl schon erwarten, Hut und Degen nehme ich mit mir.“ -- Ich reichte
ihm beides hin. „Nun leben Sie wohl, Herr Graf! recht viel Glück im
Schlosse,“ rief der junge Mensch und verschwand singend und pfeifend
in dem Dickicht. Ich hörte, daß er das Pferd, das dort angebunden,
losmachte und mit sich fortführte. Als ich mich von meiner Betäubung
erholt und die ganze Begebenheit überdachte, mußte ich mir wohl
eingestehen, daß ich bloß dem Spiel des Zufalls, der mich mit einem
Ruck in das sonderbarste Verhältnis geworfen, nachgegeben. Es war mir
klar, daß eine große Ähnlichkeit meiner Gesichtszüge und meiner Gestalt
mit der des unglücklichen Grafen den Jäger getäuscht, und der Graf
gerade die Verkleidung als Kapuziner gewählt haben müsse, um irgend ein
Abenteuer in dem nahen Schlosse zu bestehen. Der Tod hatte ihn ereilt
und ein wunderbares Verhängnis mich in demselben Augenblick an seine
Stelle geschoben. Der innere, unwiderstehliche Drang in mir, wie es
jenes Verhängnis zu wollen schien, die Rolle des Grafen fortzuspielen,
überwog jeden Zweifel und übertäubte die innere Stimme, welche mich des
Mordes und des frechen Frevels bezieh. Ich eröffnete das Portefeuille,
welches ich behalten; Briefe, beträchtliche Wechsel fielen mir in die
Hand. Ich wollte die Papiere einzeln durchgehen, ich wollte die Briefe
lesen um mich von den Verhältnissen des Grafen zu unterrichten, aber
die innere Unruhe, der Flug von tausend und tausend Ideen die durch
meinen Kopf brausten, ließ es nicht zu.

Ich stand nach einigen Schritten wieder still, ich setzte mich auf
ein Felsstück, ich wollte eine ruhigere Stimmung erzwingen, ich sah
die Gefahr, so ganz unvorbereitet mich in den Kreis mir fremder
Erscheinungen zu wagen; da tönten lustige Hörner durch den Wald und
mehrere Stimmen jauchzten und jubelten immer näher und näher. Das Herz
pochte mir in gewaltigen Schlägen, mein Atem stockte, nun sollte sich
mir eine neue Welt, ein neues Leben erschließen! -- Ich bog in einen
schmalen Fußsteig ein, der mich einen jähen Abhang hinabführte; als
ich aus dem Gebüsch trat, lag ein großes schön gebautes Schloß vor mir
im Talgrunde. -- Das war der Ort des Abenteuers, welches der Graf zu
bestehen im Sinn gehabt und ich ging ihm mutig entgegen. Bald befand
ich mich in den Gängen des Parks, welcher das Schloß umgab; in einer
dunklen Seitenallee sah ich zwei Männer wandeln, von denen der eine
wie ein Weltgeistlicher gekleidet war. Sie kamen mir näher, aber ohne
mich gewahr zu werden gingen sie in tiefem Gespräch bei mir vorüber.
Der Weltgeistliche war ein Jüngling, auf dessen schönem Gesichte die
Totenblässe eines tief nagenden Kummers lag, der andere schlicht aber
anständig gekleidet, schien ein schon bejahrter Mann. Sie setzten sich,
mir den Rücken zuwendend auf eine steinerne Bank, ich konnte jedes Wort
verstehen was sie sprachen. „Hermogen!“ sagte der Alte, „Sie bringen
durch Ihr starrsinniges Schweigen Ihre Familie zur Verzweiflung, Ihre
düstre Schwermut steigt mit jedem Tage, Ihre jugendliche Kraft ist
gebrochen, die Blüte verwelkt, Ihr Entschluß den geistlichen Stand zu
wählen zerstört alle Hoffnungen, alle Wünsche Ihres Vaters! -- Aber
willig würde er diese Hoffnung aufgeben, wenn ein wahrer innerer Beruf,
ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf den Entschluß
in Ihnen erzeugt hätte, er würde dann nicht dem zu widerstreben wagen
was das Schicksal einmal über ihn verhängt. Die plötzliche Änderung
Ihres ganzen Wesens hat indessen nur zu deutlich gezeigt, daß irgend
ein Ereignis das Sie uns hartnäckig verschweigen, Ihr Inneres auf
furchtbare Weise erschüttert hat und nun zerstörend fortarbeitet. --
Sie waren sonst ein froher, unbefangener, lebenslustiger Jüngling!
-- Was konnte Sie denn dem Menschen so entfremden, daß Sie daran
verzweifeln, in eines Menschen Brust könne Trost für Ihre kranke
Seele zu finden sein? Sie schweigen? Sie starren vor sich hin? --
Sie seufzen? Hermogen! Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener
Innigkeit, ist es Ihnen aber jetzt unmöglich geworden ihm Ihr Herz
zu erschließen, so quälen Sie ihn wenigstens nicht durch den Anblick
Ihres Rocks, der auf den für ihn entsetzlichen Entschluß hindeutet. Ich
beschwöre Sie, Hermogen! werfen Sie diese verhaßte Kleidung ab. Glauben
Sie mir, es liegt eine geheimnisvolle Kraft in diesen äußerlichen
Dingen; es kann Ihnen nicht mißfallen, denn ich glaube von Ihnen ganz
verstanden zu werden, wenn ich in diesem Augenblick freilich auf
fremdartig scheinende Weise der Schauspieler gedenke, die oft, wenn sie
sich in das Kostüm geworfen, wie von einem fremden Geist sich angeregt
fühlen und leichter in den darzustellenden Charakter eingehen. Lassen
Sie mich, meiner Natur gemäß, heitrer von der Sache sprechen als sich
sonst wohl ziemen würde. -- Meinen Sie denn nicht, daß wenn dieses
lange Kleid nicht mehr Ihren Gang zur düstern Gravität einhemmen würde,
Sie wieder rasch und froh dahin schreiten, ja laufen, springen würden,
wie sonst? Der blinkende Schein der Epaulettes die sonst auf Ihren
Schultern prangten würde wieder jugendliche Glut auf diese blassen
Wangen werfen und die klirrenden Sporen würden wie liebliche Musik dem
muntern Rosse ertönen das Ihnen entgegenwieherte, vor Lust tanzend und
den Nacken beugend dem geliebten Herrn. Auf, Baron! -- Herunter mit
dem schwarzen Gewande das Ihnen nicht ansteht! -- Soll Friedrich Ihre
Uniform hervorsuchen?“

Der Alte stand auf und wollte fortgehen, der Jüngling fiel ihm in
die Arme. „Ach, Sie quälen mich, guter Reinhold!“ rief er mit matter
Stimme, „Sie quälen mich unaussprechlich! -- Ach, je mehr Sie sich
bemühen die Saiten in meinem Innern anzuschlagen die sonst harmonisch
erklangen, desto mehr fühle ich, wie des Schicksals eherne Faust mich
ergriffen, mich erdrückt hat, so daß, wie in einer zerbrochenen Laute
nur Mißtöne in mir wohnen!“ -- „So scheint es Ihnen, lieber Baron,“
fiel der Alte ein, „Sie sprechen von einem ungeheuren Schicksal, das
Sie ergriffen, worin das bestanden, verschweigen Sie, dem sei aber wie
ihm wolle, ein Jüngling so wie Sie, mit innerer Kraft, mit jugendlichem
Feuermute ausgerüstet, muß vermögen sich gegen des Schicksals eherne
Faust zu wappnen, ja er muß, wie durchstrahlt von einer göttlichen
Natur, sich über sein Geschick erheben und so dies höhere Sein in
sich selbst erweckend und entzündend, sich emporschwingen über die
Qual dieses armseligen Lebens! Ich wüßte nicht, Baron, welch ein
Geschick denn imstande sein sollte, dies kräftige innere Wollen zu
zerstören.“ -- Hermogen trat einen Schritt zurück und den Alten mit
einem düsteren, wie im verhaltenen Zorn glühenden Blicke, der etwas
Entsetzliches hatte, anstarrend, rief er mit dumpfer, hohler Stimme:
„So wisse denn, daß ich selbst das Schicksal bin das mich vernichtet,
daß ein ungeheures Verbrechen auf mir lastet, ein schändlicher Frevel,
den ich abbüße in Elend und Verzweiflung. -- Darum sei barmherzig und
flehe den Vater an, daß er mich fort lasse in die Mauern!“ -- „Baron,“
fiel der Alte ein, „Sie sind in einer Stimmung die nur dem gänzlich
zerrütteten Gemüte eigen, Sie sollen nicht fort, Sie dürfen durchaus
nicht fort. In diesen Tagen kommt die Baronesse mit Aurelien, +die+
müssen Sie sehen.“ Da lachte der Jüngling wie in furchtbarem Hohn
und rief mit einer Stimme, die durch mein Inneres dröhnte: „Muß ich?
-- muß ich bleiben? -- Ja, wahrhaftig, Alter, du hast recht, ich muß
bleiben und meine Buße wird hier schrecklicher sein als in den dumpfen
Mauern.“ -- Damit sprang er fort durch das Gebüsch und ließ den Alten
stehen, der, das gesenkte Haupt in die Hand gestützt, sich ganz dem
Schmerz zu überlassen schien. „Gelobt sei Jesus Christus!“ sprach
ich, zu ihm hinantretend. -- Er fuhr auf, er sah mich ganz verwundert
an, doch schien er sich bald auf meine Erscheinung wie auf etwas ihm
schon Bekanntes zu besinnen indem er sprach: „Ach gewiß sind Sie es,
ehrwürdiger Herr, dessen Ankunft uns die Frau Baronesse zum Trost der
in Trauer versunkenen Familie schon vor einiger Zeit ankündigte?“ --
Ich bejahte das, Reinhold ging bald ganz in die Heiterkeit über, die
ihm eigentümlich zu sein schien, wir durchwanderten den schönen Park
und kamen endlich in ein dem Schlosse ganz nahgelegenes Boskett, vor
dem sich eine herrliche Aussicht ins Gebirge öffnete. Auf seinen Ruf
eilte der Bediente, der eben aus dem Portal des Schlosses trat, herbei,
und gar bald wurde uns ein gar stattliches Frühstück aufgetragen.
Während daß wir die gefüllten Gläser anstießen, schien es mir, als
betrachte mich Reinhold immer aufmerksamer, ja, als suche er mit Mühe
eine halb erloschene Erinnerung aufzufrischen. Endlich brach er los:
„Mein Gott, ehrwürdiger Herr, alles müßte mich trügen, wenn Sie nicht
der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r-- wären, aber wie
sollte das möglich sein? -- und doch! Sie sind es -- Sie sind es gewiß
-- sprechen Sie doch nur!“ -- Als hätte ein Blitz aus heitrer Luft mich
getroffen, bebte es bei Reinholds Worten mir durch alle Glieder. Ich
sah mich entlarvt, entdeckt, des Mordes beschuldigt, die Verzweiflung
gab mir Stärke, es ging nun auf Tod und Leben. „Ich bin allerdings der
Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r-- und mit Auftrag und
Vollmacht des Klosters auf einer Reise nach Rom begriffen.“ -- Dies
sprach ich mit all der Ruhe und Gelassenheit, die ich nur zu erkünsteln
vermochte. „So ist es denn vielleicht nur Zufall,“ sagte Reinhold,
„daß Sie auf der Reise, vielleicht von der Heerstraße verirrt, hier
eintrafen, oder wie kam es, daß die Frau Baronesse mit Ihnen bekannt
wurde und Sie herschickte?“ -- Ohne mich zu besinnen, blindlings
das nachsprechend was mir eine fremde Stimme im Innern zuzuflüstern
schien, sagte ich: „Auf der Reise machte ich die Bekanntschaft des
Beichtvaters der Baronesse, und dieser empfahl mich, den Auftrag
hier im Hause zu vollbringen.“ „Es ist wahr,“ fiel Reinhold ein, „so
schrieb es ja die Frau Baronesse. Nun, dem Himmel sei es gedankt, der
Sie zum Heil des Hauses diesen Weg führte und daß Sie als ein frommer,
wackrer Mann es sich gefallen lassen mit Ihrer Reise zu zögern, um
hier Gutes zu stiften. Ich war zufällig vor einigen Jahren in ..r--
und hörte Ihre salbungsvollen Reden, die Sie in wahrhaft himmlischer
Begeisterung von der Kanzel herab hielten. Ihrer Frömmigkeit, Ihrem
wahren Beruf, das Heil verlorner Seelen zu erkämpfen mit glühendem
Eifer, Ihrer herrlichen aus innerer Begeisterung hervorströmenden
Rednergabe, traue ich zu, daß Sie das vollbringen werden, was wir alle
nicht vermochten. Es ist mir lieb, daß ich Sie traf, ehe sie den Baron
gesprochen, ich will dies dazu benutzen, Sie mit den Verhältnissen
der Familie bekannt zu machen, und +so+ aufrichtig sein, als ich es
Ihnen, ehrwürdiger Herr, als einem heiligen Manne, den uns der Himmel
selbst zum Trost zu schicken scheint, wohl schuldig bin. Sie müssen
auch ohnedem, um Ihren Bemühungen die richtige Tendenz und gehörige
Wirkung zu geben, über manches wenigstens Andeutungen erhalten,
worüber ich gern schweigen möchte. -- Alles ist übrigens mit nicht gar
zu viel Worten abgetan. -- Mit dem Baron bin ich aufgewachsen, die
gleiche Stimmung unsrer Seelen machte uns zu Brüdern und vernichtete
die Scheidewand, die sonst unsere Geburt zwischen uns gezogen hätte.
Ich trennte mich nie von ihm und wurde in demselben Augenblick als
wir unsere akademischen Studien vollendet und er die Güter seines
verstorbenen Vaters hier im Gebirge in Besitz nahm, Intendant dieser
Güter. -- Ich blieb sein innigster Freund und Bruder, und als solcher
eingeweiht in die geheimsten Angelegenheiten seines Hauses. Sein Vater
hatte seine Verbindung mit einer ihm befreundeten Familie durch eine
Heirat gewünscht, und um so freudiger erfüllte er diesen Willen, als
er in der ihm bestimmten Braut ein herrliches, von der Natur reich
ausgestattetes Wesen fand, zu dem er sich unwiderstehlich hingezogen
fühlte. Selten kam wohl der Wille der Väter so vollkommen mit dem
Geschick überein, das die Kinder in allen nur möglichen Beziehungen
für einander bestimmt zu haben schien. Hermogen und Aurelie waren die
Frucht der glücklichen Ehe. Mehrenteils brachten wir den Winter in
der benachbarten Hauptstadt zu, als aber bald nach Aureliens Geburt
die Baronesse zu kränkeln anfing, blieben wir auch den Sommer über
in der Stadt, da sie unausgesetzt des Beistandes geschickter Ärzte
bedurfte. Sie starb, als eben im herannahenden Frühling ihre scheinbare
Besserung den Baron mit den frohsten Hoffnungen erfüllte. Wir flohen
auf das Land und nur die Zeit vermochte den tiefen zerstörenden Gram zu
mildern der den Baron ergriffen hatte. Hermogen wuchs zum herrlichen
Jüngling heran, Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer Mutter,
die sorgfältige Erziehung der Kinder war unser Tagewerk und unsere
Freude. Hermogen zeigte entschiedenen Hang zum Militär und dies zwang
den Baron, ihn nach der Hauptstadt zu schicken, um dort unter den Augen
seines alten Freundes, des Gouverneurs, die Laufbahn zu beginnen. --
Erst vor drei Jahren brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wieder,
wie vor alter Zeit, zum erstenmal den Winter in der Residenz zu, teils
seinen Sohn wenigstens einige Zeit hindurch in der Nähe zu haben, teils
seine Freunde, die ihn unaufhörlich dazu aufgefordert, wieder zu sehen.
Allgemeines Aufsehen in der Hauptstadt erregte damals die Nichte des
Gouverneurs, welche aus der Residenz dahin gekommen. Sie war elternlos
und hatte sich unter den Schutz des Oheims begeben, wiewohl sie, einen
besonderen Flügel des Palastes bewohnend, ein eignes Haus machte und
die schöne Welt um sich zu versammeln pflegte. Ohne Euphemien näher zu
beschreiben, welches um so unnötiger, da Sie, ehrwürdiger Herr, sie
bald selbst sehen werden, begnüge ich mich zu sagen, daß alles was
sie tat, was sie sprach, von einer unbeschreiblichen Anmut belebt,
und so der Reiz ihrer ausgezeichneten körperlichen Schönheit bis zum
Unwiderstehlichen erhöht wurde. -- Überall wo sie erschien ging ein
neues herrliches Leben auf und man huldigte ihr mit dem glühendsten
Enthusiasmus; den Unbedeutendsten, Leblosesten wußte sie selbst in sein
eignes Inneres hinein zu entzünden, daß er, wie inspiriert, sich über
die eigne Dürftigkeit erhob und entzückt in den Genüssen eines höheren
Lebens schwelgte, die ihm unbekannt gewesen. Es fehlte natürlicherweise
nicht an Anbetern, die täglich zu der Gottheit mit Inbrunst flehten;
man konnte indessen nie mit Bestimmtheit sagen, daß sie diesen oder
jenen besonders auszeichne, vielmehr wußte sie mit schalkhafter Ironie,
die, ohne zu beleidigen, nur wie starkes brennendes Gewürz anregte und
reizte, alle mit einem unauflöslichen Bande zu umschlingen, daß sie
sich, festgezaubert in dem magischen Kreise, froh und lustig bewegten.
Auf den Baron hatte diese Circe einen wunderbaren Eindruck gemacht. Sie
bewies ihm gleich bei seinem Erscheinen eine Aufmerksamkeit, die von
kindlicher Ehrfurcht erzeugt zu sein schien; in jedem Gespräch mit ihm
zeigte sie den gebildetsten Verstand und tiefes Gefühl, wie er es kaum
noch bei Weibern gefunden. Mit unbeschreiblicher Zartheit suchte und
fand sie Aureliens Freundschaft und nahm sich ihrer mit so vieler Wärme
an, daß sie sogar es nicht verschmähte, für die kleinsten Bedürfnisse
ihres Anzuges und sonst wie eine Mutter zu sorgen. Sie wußte dem
blöden unerfahrnen Mädchen in glänzender Gesellschaft auf eine so
feine Art beizustehen, daß dieser Beistand statt bemerkt zu werden,
nur dazu diente, Aureliens natürlichen Verstand und tiefes richtiges
Gefühl so herauszuheben, daß man sie bald mit der höchsten Achtung
auszeichnete. Der Baron ergoß sich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens
Lob, und hier traf es sich vielleicht zum erstenmal in unserm Leben,
daß wir so ganz verschiedener Meinung waren. Gewöhnlich machte ich
in jeder Gesellschaft mehr den stillen aufmerksamen Beobachter, als
daß ich hätte unmittelbar eingehen sollen in lebendige Mitteilung und
Unterhaltung. So hatte ich auch Euphemien, die nur dann und wann,
nach ihrer Gewohnheit niemanden zu übersehen, ein paar freundliche
Worte mit mir gewechselt, als eine höchst interessante Erscheinung
recht genau beobachtet. Ich mußte eingestehen, daß sie das schönste,
herrlichste Weib von allen war, daß aus allem was sie sprach, Verstand
und Gefühl hervorleuchtete; und doch wurde ich auf ganz unerklärliche
Weise von ihr zurückgestoßen, ja ich konnte ein gewisses unheimliches
Gefühl nicht unterdrücken, das sich augenblicklich meiner bemächtigte,
sobald ihr Blick mich traf oder sie mit mir zu sprechen anfing. In
ihren Augen brannte oft eine ganz eigne Glut, aus der, wenn sie
sich unbemerkt glaubte, funkelnde Blitze schossen, und es schien
ein inneres verderbliches Feuer, das nur mühsam überbaut, gewaltsam
hervorzustrahlen. Nächstdem schwebte oft um ihren sonst weich geformten
Mund eine gehässige Ironie, die mich, da es oft der grellste Ausdruck
des hämischen Hohns war, im Innersten erbeben machte. Daß sie oft den
Hermogen, der sich wenig oder gar nicht um sie bemühte, in dieser Art
anblickte, machte es mir gewiß, daß manches hinter der schönen Maske
verborgen, was wohl niemand ahne. Ich konnte dem ungemessenen Lob
des Barons freilich nichts entgegensetzen als meine physiognomischen
Bemerkungen, die er nicht im mindesten gelten ließ, vielmehr in meinem
innerlichen Abscheu gegen Euphemien nur eine höchst merkwürdige
Idiosynkrasie fand. Er vertraute mir, daß Euphemie wahrscheinlich in
die Familie treten werde, da er alles anwenden wolle, sie künftig mit
Hermogen zu verbinden. Dieser trat, als wir soeben recht ernstlich
über die Angelegenheit sprachen, und ich alle nur mögliche Gründe
hervorsuchte, meine Meinung über Euphemien zu rechtfertigen, ins
Zimmer, und der Baron, gewohnt in allem schnell und offen zu handeln,
machte ihn augenblicklich mit seinen Plänen und Wünschen Rücksichts
Euphemiens bekannt. Hermogen hörte alles ruhig an, was der Baron
darüber und zum Lobe Euphemiens mit dem größten Enthusiasmus sprach.
Als die Lobrede geendet, antwortete er, wie er sich auch nicht im
mindesten von Euphemien angezogen fühle, sie niemals lieben könne, und
daher recht herzlich bitte, den Plan jeder näheren Verbindung mit ihr
aufzugeben. Der Baron war nicht wenig bestürzt, seinen Lieblingsplan so
beim ersten Schritt zertrümmert zu sehen, indessen war er umsoweniger
bemüht, noch mehr in Hermogen zu dringen, als er nicht einmal
Euphemiens Gesinnungen hierüber wußte. Mit der ihm eignen Heiterkeit
und Gemütlichkeit scherzte er bald über sein unglückliches Bemühen
und meinte, daß Hermogen mit mir vielleicht die Idiosynkrasie teile,
obgleich er nicht begreife, wie in einem schönen, interessanten Weibe
solch ein zurückschreckendes Prinzip wohnen könne. Sein Verhältnis
mit Euphemien blieb natürlicherweise dasselbe; er hatte sich so an
sie gewöhnt, daß er keinen Tag zubringen konnte, ohne sie zu sehen.
So kam es denn, daß er einmal in ganz heitrer, gemütlicher Laune ihr
scherzend sagte: Wie es nur einen einzigen Menschen in ihrem Zirkel
gebe, der nicht in sie verliebt sei, nämlich Hermogen. -- Er habe die
Verbindung mit ihr, die er, der Baron, doch so herzlich gewünscht,
hartnäckig ausgeschlagen.

Euphemie meinte, daß es auch wohl noch darauf angekommen sein würde,
was sie zu der Verbindung gesagt, und daß ihr zwar jedes nähere
Verhältnis mit dem Baron wünschenswert sei, aber nicht durch Hermogen,
der ihr viel zu ernst und launisch wäre. Von der Zeit, als dieses
Gespräch, das mir der Baron gleich wieder erzählte, stattgefunden,
verdoppelte Euphemie ihre Aufmerksamkeit für den Baron und Aurelien,
ja in manchen leisen Andeutungen führte sie den Baron darauf, daß eine
Verbindung mit ihm selbst dem Ideal, das sie sich nun einmal von einer
glücklichen Ehe mache, ganz entspreche. Alles, was man Rücksichts des
Unterschieds der Jahre oder sonst entgegensetzen konnte, wußte sie auf
die eindringendste Weise zu widerlegen, und mit dem allen ging sie so
leise, so fein, so geschickt Schritt vor Schritt vorwärts, daß der
Baron glauben mußte, alle die Ideen, alle die Wünsche, die Euphemie
gleichsam nur in sein Inneres hauchte, wären eben in seinem Innern
emporgekeimt. Kräftiger, lebensvoller Natur wie er war, fühlte er sich
bald von der glühenden Leidenschaft des Jünglings ergriffen. Ich konnte
den wilden Flug nicht mehr aufhalten, es war zu spät. Nicht lange
dauerte es, so war Euphemie, zum Erstaunen der Hauptstadt, des Barons
Gattin. Es war mir, als sei nun das bedrohliche, grauenhafte Wesen,
das mich in der Ferne geängstigt, recht in mein Leben getreten und als
müsse ich wachen und auf sorglicher Hut sein für meinen Freund und für
mich selbst. -- Hermogen nahm die Verheiratung seines Vaters mit kalter
Gleichgültigkeit auf. Aurelie, das liebe, ahnungsvolle Kind, zerfloß in
Tränen.

Bald nach der Verbindung sehnte sich Euphemie ins Gebirge; sie kam her
und ich muß gestehen, daß ihr Betragen in hoher Liebenswürdigkeit sich
so ganz gleich blieb, daß sie mir unwillkürliche Bewunderung abnötigte.
So verflossen zwei Jahre in ruhigem, ungestörten Lebensgenuß. Die
beiden Winter brachten wir in der Hauptstadt zu, aber auch hier bewies
die Baronesse dem Gemahl so viel unbegrenzte Ehrfurcht, so viel
Aufmerksamkeit für seine leisesten Wünsche, daß der giftige Neid
verstummen mußte und keiner der jungen Herren, die sich schon freien
Spielraum für ihre Galanterie bei der Baronesse geträumt hatten, sich
auch die kleinste Glosse erlaubte. Im letzten Winter mochte ich auch
wieder der einzige sein, der, ergriffen von der alten, kaum verwundenen
Idiosynkrasie, wieder arges Mißtrauen zu hegen anfing.

Vor der Verbindung mit dem Baron war der Graf Viktorin, ein junger
schöner Mann, Major bei der Ehrengarde, und nur abwechselnd in der
Hauptstadt, einer der eifrigsten Verehrer Euphemiens, und der einzige,
den sie oft wie unwillkürlich, hingerissen von dem Eindruck des
Moments, vor den andern auszeichnete. Man sprach sogar schon einmal
davon, daß wohl ein näheres Verhältnis zwischen ihm und Euphemien
stattfinden möge, als man es nach dem äußern Anschein vermuten
solle, aber das Gerücht verscholl ebenso dumpf als es entstanden.
Graf Viktorin war eben den Winter wieder in der Hauptstadt und
natürlicherweise in Euphemiens Zirkeln, er schien sich aber nicht
im mindesten um sie zu bemühen, sondern vielmehr sie absichtlich
zu vermeiden. Demunerachtet war es mir oft, als begegneten sich,
wenn sie nicht bemerkt zu werden glaubten, ihre Blicke, in denen
inbrünstige Sehnsucht, lüsternes, glühendes Verlangen wie verzehrendes
Feuer brannte. Bei dem Gouverneur war eines Abends eine glänzende
Gesellschaft versammelt, ich stand in ein Fenster gedrückt, so daß
mich die herabfallende Draperie des reichen Vorhangs halb versteckte,
nur zwei bis drei Schritte vor mir stand Graf Viktorin. Da streifte
Euphemie, reizender gekleidet als je und in voller Schönheit strahlend,
an ihm vorüber; er faßte, so daß es niemand, als gerade ich, bemerken
konnte, mit leidenschaftlicher Heftigkeit ihren Arm, -- sie erbebte
sichtlich; ihr ganz unbeschreiblicher Blick -- es war die glutvollste
Liebe, die nach Genuß dürstende Wollust selbst -- fiel auf ihn. Sie
lispelten einige Worte die ich nicht verstand. Euphemie mochte mich
erblicken; sie wandte sich schnell um, aber ich vernahm deutlich die
Worte: „Wir werden bemerkt!“

Ich erstarrte vor Erstaunen, Schrecken und Schmerz! -- Ach, wie soll
ich Ihnen, ehrwürdiger Herr, denn mein Gefühl beschreiben! -- Denken
Sie an meine Liebe, an meine treue Anhänglichkeit mit der ich dem Baron
ergeben war -- an meine bösen Ahnungen die nun erfüllt wurden; denn
die wenigen Worte hatten es mir ja ganz erschlossen, daß ein geheimes
Verhältnis zwischen der Baronesse und dem Grafen stattfand. Ich mußte
wohl vorderhand schweigen, aber die Baronesse wollte ich bewachen mit
Argusaugen, und dann, bei erlangter Gewißheit ihres Verbrechens, die
schändlichen Bande lösen, mit denen sie meinen unglücklichen Freund
umstrickt hatten. Doch wer vermag teuflischer Arglist zu begegnen;
umsonst, ganz umsonst waren meine Bemühungen und es wäre lächerlich
gewesen, dem Baron das mitzuteilen was ich gesehen und gehört, da
die Schlaue Auswege genug gefunden haben würde, mich als einen
abgeschmackten, törichten Geisterseher darzustellen. --

Der Schnee lag noch auf den Bergen als wir im vergangenen Frühling
hier einzogen, demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die
Berge hinein; im nächsten Dorfe begegne ich einem Bauer, der in Gang
und Haltung etwas Fremdartiges hat, als er den Kopf umwendet, erkenne
ich den Grafen Viktorin, aber in demselben Augenblick verschwindet er
hinter den Häusern und ist nicht mehr zu finden. -- Was konnte ihn
anders zu der Verkleidung vermocht haben, als das Verständnis mit
der Baronesse! -- Eben jetzt weiß ich gewiß, daß er sich wieder hier
befindet, ich habe seinen Jäger vorüberreiten gesehn, unerachtet es mir
unbegreiflich ist, daß er die Baronesse nicht in der Stadt aufgesucht
haben sollte! -- Vor drei Monaten begab es sich, daß der Gouverneur
heftig erkrankte und Euphemien zu sehen wünschte, sie reiste mit
Aurelien augenblicklich dahin und nur eine Unpäßlichkeit hielt den
Baron ab sie zu begleiten. Nun brach aber das Unglück und die Trauer
ein in unser Haus, denn bald schrieb Euphemie dem Baron, wie Hermogen
plötzlich von einer oft in wahnsinnige Wut ausbrechenden Melancholie
befallen, wie er einsam umherirre, sich und sein Geschick verwünsche
und wie alle Bemühungen der Freunde und Ärzte bis jetzt umsonst
gewesen. Sie können denken, ehrwürdiger Herr, welch einen Eindruck
diese Nachricht auf den Baron machte. Der Anblick seines Sohnes würde
ihn zu sehr erschüttert haben, ich reiste daher allein nach der Stadt.
Hermogen war durch starke Mittel die man angewandt, wenigstens von den
wilden Ausbrüchen des wütenden Wahnsinns befreit, aber eine stille
Melancholie war eingetreten, die den Ärzten unheilbar schien. Als er
mich sah, war er tief bewegt -- er sagte mir, wie ihn ein unglückliches
Verhängnis treibe, dem Stande, in welchem er sich jetzt befinde, auf
immer zu entsagen und nur als Klostergeistlicher könne er seine Seele
erretten vor ewiger Verdammnis. Ich fand ihn schon in der Tracht, wie
Sie, ehrwürdiger Herr, ihn vorhin gesehen, und es gelang mir seines
Widerstrebens unerachtet endlich ihn hierher zu bringen. Er ist ruhig,
aber läßt nicht ab von der einmal gefaßten Idee, und alle Bemühungen
das Ereignis zu erforschen, das ihn in diesen Zustand versetzt, bleiben
fruchtlos, unerachtet die Entdeckung dieses Geheimnisses vielleicht am
ersten auf wirksame Mittel führen könnte ihn zu heilen.

Vor einiger Zeit schrieb die Baronesse, wie sie auf Anraten ihres
Beichtvaters einen Ordensgeistlichen hersenden werde, dessen Umgang
und tröstender Zuspruch vielleicht besser als alles andere auf
Hermogen wirken könne, da sein Wahnsinn augenscheinlich eine ganz
religiöse Tendenz genommen. -- Es freut mich recht innig, daß die Wahl
Sie, ehrwürdiger Herr, den ein glücklicher Zufall in die Hauptstadt
führte, traf. Sie können einer gebeugten Familie die verlorne Ruhe
wiedergeben, wenn Sie Ihre Bemühungen, die der Herr segnen möge, auf
einen doppelten Zweck richten. Erforschen Sie Hermogens entsetzliches
Geheimnis, seine Brust wird erleichtert sein, wenn er sich, sei es
auch in heiliger Beichte, entdeckt hat, und die Kirche wird ihn dem
frohen Leben in der Welt, der er angehört, wiedergeben, statt ihn in
den Mauern zu begraben. -- Aber treten Sie auch der Baronesse näher. --
Sie wissen alles. -- Sie stimmen mir bei, daß meine Bemerkungen von der
Art sind, daß, so wenig sich darauf eine Anklage gegen die Baronesse
bauen läßt, doch eine Täuschung, ein ungerechter Verdacht kaum möglich
ist. Ganz meiner Meinung werden Sie sein, wenn Sie Euphemien sehen und
kennen lernen. Euphemie ist religiös schon aus Temperament, vielleicht
gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe, tief in ihr Herz zu dringen,
sie zu erschüttern und zu bessern, daß sie den Verrat am Freunde, der
sie um die ewige Seligkeit bringt, unterläßt. Noch muß ich sagen,
ehrwürdiger Herr, daß es mir in manchen Augenblicken scheint, als trage
der Baron einen Gram in der Seele, dessen Ursache er mir verschweigt,
denn außer der Bekümmernis um Hermogen kämpft er sichtlich mit einem
Gedanken, der ihn beständig verfolgt. Es ist mir in den Sinn gekommen,
daß vielleicht ein böser Zufall noch deutlicher ihm die Spur von dem
verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem fluchwürdigen Grafen
zeigte, als mir. -- Auch meinen Herzensfreund, den Baron, empfehle ich,
ehrwürdiger Herr, Ihrer geistlichen Sorge.“ --

Mit diesen Worten schloß Reinhold seine Erzählung, die mich auf
mannigfache Weise gefoltert hatte, indem die seltsamsten Widersprüche
in meinem Innern sich durchkreuzten. Mein eignes Ich, zum grausamen
Spiel eines launenhaften Zufalls geworden, und in fremdartige Gestalten
zerfließend, schwamm ohne Halt wie in einem Meer all der Ereignisse,
die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten. -- Ich konnte mich
selbst nicht wiederfinden! -- Offenbar wurde Viktorin durch den Zufall,
der meine Hand, nicht meinen Willen leitete, in den Abgrund gestürzt!
-- ich trete an seine Stelle, aber Reinhold kennt den Pater Medardus,
den Prediger im Kapuzinerkloster in ..r--, und so bin ich ihm das
wirklich, was ich bin! -- Aber das Verhältnis mit der Baronesse,
welches Viktorin unterhält, kommt auf mein Haupt, denn ich bin selbst
Viktorin. Ich bin das, was ich scheine und scheine das nicht, was ich
bin, mir selbst ein unerklärliches Rätsel, bin ich entzweit mit meinem
Ich!

Des Sturms in meinem Innern unerachtet, gelang es mir die dem Priester
ziemliche Ruhe zu erheucheln, und so trat ich vor den Baron. Ich fand
in ihm einen bejahrten Mann, aber in den erloschenen Zügen lagen noch
die Andeutungen seltner Fülle und Kraft. Nicht das Alter, sondern
der Gram hatte die tiefen Furchen auf seiner breiten, offenen Stirn
gezogen und die Locken weiß gefärbt. Unerachtet dessen herrschte noch
in allem was er sprach, in seinem ganzen Benehmen, eine Heiterkeit
und Gemütlichkeit, die jeden unwiderstehlich zu ihm hinziehen mußte.
Als Reinhold mich als den vorstellte, dessen Ankunft die Baronesse
angekündigt, sah er mich an mit durchdringendem Blick, der immer
freundlicher wurde, als Reinhold erzählte, wie er mich schon vor
mehreren Jahren im Kapuzinerkloster zu ..r-- predigen gehört, und sich
von meiner seltnen Rednergabe überzeugt hätte. Der Baron reichte mir
treuherzig die Hand und sprach, sich zu Reinhold wendend: „Ich weiß
nicht, lieber Reinhold, wie so sonderbar mich die Gesichtszüge des
ehrwürdigen Herrn bei dem ersten Anblick ansprachen; sie weckten eine
Erinnerung, die vergebens strebte, deutlich und lebendig hervorzugehen.“

Es war mir als würde er gleich herausbrechen: es ist ja Graf Viktorin,
denn auf wunderbare Weise glaubte ich nun wirklich Viktorin zu sein,
und ich fühlte mein Blut heftiger wallen und aufsteigend meine Wangen
höher färben. -- Ich baute auf Reinhold, der mich ja als den Pater
Medardus kannte, unerachtet mir das eine Lüge zu sein schien: nichts
konnte meinen verworrenen Zustand lösen.

Nach dem Willen des Barons sollte ich sogleich Hermogens Bekanntschaft
machen, aber er war nirgends zu finden; man hatte ihn nach dem Gebirge
wandeln gesehen und war deshalb nicht besorgt um ihn, weil er schon
mehrmals tagelang auf diese Weise entfernt gewesen. Den ganzen Tag
über blieb ich in Reinholds und des Barons Gesellschaft, und nach und
nach faßte ich mich so im Innern, daß ich mich am Abend voll Mut und
Kraft fühlte, keck all den wunderlichen Ereignissen entgegen zu treten,
die meiner zu harren schienen. In der einsamen Nacht öffnete ich das
Portefeuille und überzeugte mich ganz davon, daß es eben Graf Viktorin
war, der zerschmettert im Abgrunde lag, doch waren übrigens die an ihn
gerichteten Briefe gleichgültigen Inhalts und kein einziger führte mich
auch nur mit einer Silbe ein in seine näheren Lebensverhältnisse. Ohne
mich darum weiter zu kümmern, beschloß ich +dem+ mich ganz zu fügen,
was der Zufall über mich verhängt haben würde, wenn die Baronesse
angekommen und mich gesehen. -- Schon den andern Morgen traf die
Baronesse mit Aurelien ganz unerwartet ein. Ich sah beide aus dem Wagen
steigen und, von dem Baron und Reinhold empfangen, in das Portal des
Schlosses gehen. Unruhig schritt ich im Zimmer auf und ab von seltsamen
Ahnungen bestürmt, nicht lange dauerte es, so wurde ich hinabgerufen.
-- Die Baronesse trat mir entgegen -- ein schönes, herrliches Weib,
noch in voller Blüte. -- Als sie mich erblickte, schien sie auf
besondere Weise bewegt, ihre Stimme zitterte, sie vermochte kaum Worte
zu finden. Ihre sichtliche Verlegenheit gab mir Mut, ich schaute
ihr keck ins Auge und gab ihr nach Klostersitte den Segen -- sie
erbleichte, sie mußte sich niederlassen. Reinhold sah mich an, ganz
froh und zufrieden lächelnd. In dem Augenblick öffnete sich die Türe
und der Baron trat mit Aurelien ein. --

Sowie ich Aurelien erblickte fuhr ein Strahl in meine Brust und
entzündete all die geheimsten Regungen, die wonnevollste Sehnsucht,
das Entzücken der inbrünstigen Liebe, alles was sonst nur gleich einer
Ahnung aus weiter Ferne im Innern erklungen, zum regen Leben; ja das
Leben selbst ging mir nun erst auf farbig und glänzend, denn alles
vorher lag kalt und erstorben in öder Nacht hinter mir. -- Sie war
es selbst, sie die ich in jener wundervollen Vision im Beichtstuhl
geschaut. Der schwermütige, kindlich fromme Blick des dunkelblauen
Auges, die weichgeformten Lippen, der wie in betender Andacht sanft
vorgebeugte Nacken, die hohe, schlanke Gestalt, nicht Aurelie, die
heilige Rosalie selbst war es. -- Sogar der azurblaue Schal, den
Aurelie über das dunkelrote Kleid geschlagen, war im fantastischen
Faltenwurf ganz dem Gewande ähnlich, wie es die Heilige auf jenem
Gemälde, und eben die Unbekannte in jener Vision trug. -- Was war der
Baronesse üppige Schönheit gegen Aureliens himmlischen Liebreiz. Nur
sie sah ich, indem alles um mich verschwunden. Meine innere Bewegung
konnte den Umstehenden nicht entgehen. „Was ist Ihnen, ehrwürdiger
Herr,“ fing der Baron an, „Sie scheinen auf ganz besondere Weise
bewegt?“ -- Diese Worte brachten mich zu mir selbst, ja ich fühlte in
diesem Augenblick eine übermenschliche Kraft in mir emporkeimen, einen
nie gefühlten Mut alles zu bestehen, denn +Sie+ mußte der Preis des
Kampfes werden.

„Wünschen Sie sich Glück, Herr Baron!“ rief ich, wie von hoher
Begeisterung plötzlich ergriffen, „wünschen Sie sich Glück! -- eine
Heilige wandelt unter uns in diesen Mauern und bald öffnet sich
in segensreicher Klarheit der Himmel, und sie selbst, die heilige
Rosalia, von den heiligen Engeln umgeben, spendet Trost und Seligkeit
den Gebeugten, die fromm und gläubig sie anflehten. -- Ich höre die
Hymnen verklärter Geister, die sich sehnen nach der Heiligen und sie im
Gesange rufend, aus glänzenden Wolken herabschweben. Ich sehe ihr Haupt
strahlend in der Glorie himmlischer Verklärung, emporgehoben nach dem
Chor der Heiligen, der ihrem Auge sichtlich! -- ~Sancta Rosalia, ora
pro nobis~!“

Ich sank mit in die Höhe gerichteten Augen auf die Knie, die Hände
faltend zum Gebet, und alles folgte meinem Beispiel. Niemand frug mich
weiter, man schrieb den plötzlichen Ausbruch meiner Begeisterung irgend
einer Inspiration zu, so daß der Baron beschloß, wirklich am Altar der
heiligen Rosalia in der Hauptkirche der Stadt Messen lesen zu lassen.
Herrlich hatte ich mich auf diese Weise aus der Verlegenheit gerettet
und immer mehr war ich bereit, alles zu wagen, denn es galt Aureliens
Besitz, um den mir selbst mein Leben feil war. -- Die Baronesse schien
in ganz besonderer Stimmung, ihre Blicke verfolgten mich, aber sowie
ich sie unbefangen anschaute, irrten ihre Augen unstät umher. Die
Familie war in ein anderes Zimmer getreten, ich eilte in den Garten
hinab und schweifte durch die Gänge, mit tausend Entschlüssen, Ideen,
Plänen für mein künftiges Leben im Schlosse arbeitend und kämpfend.
Schon war es Abend geworden, da erschien Reinhold und sagte mir, daß
die Baronesse, durchdrungen von meiner frommen Begeisterung, mich auf
ihrem Zimmer zu sprechen wünsche. --

Als ich in das Zimmer der Baronesse trat, kam sie mir einige Schritte
entgegen, mich bei den Armen fassend, sah sie mir starr ins Auge und
rief: „Ist es möglich -- ist es möglich! -- Bist du Medardus, der
Kapuziner-Mönch? -- Aber die Stimme, die Gestalt, deine Augen, dein
Haar! sprich oder ich vergehe in Angst und Zweifel.“ -- Viktorinus!
lispelte ich leise, da umschlang sie mich mit dem wilden Ungestüm
unbezähmbarer Wollust, -- ein Glutstrom brauste durch meine Adern,
das Blut siedete, die Sinne vergingen mir in namenloser Wonne, in
wahnsinniger Verzückung; aber sündigend war mein ganzes Gemüt nur
Aurelien zugewendet und +Ihr+ nur opferte ich in dem Augenblick,
durch den Bruch des Gelübdes, das Heil meiner Seele.

Ja! Nur Aurelie lebte in mir, mein ganzer Sinn war vor ihr erfüllt,
und doch ergriff mich ein innerer Schauer, wenn ich daran dachte sie
wiederzusehen, was doch schon an der Abendtafel geschehen sollte. Es
war mir, als würde mich ihr frommer Blick heilloser Sünde zeihen,
und als würde ich, entlarvt und vernichtet, in Schmach und Verderben
sinken. Ebenso konnte ich mich nicht entschließen die Baronesse gleich
nach jenen Momenten wiederzusehen, und alles dieses bestimmte mich,
eine Andachtsübung vorschützend, in meinem Zimmer zu bleiben als man
mich zur Tafel einlud. Nur weniger Tage bedurfte es indessen, um
alle Scheu, alle Befangenheit, zu überwinden; die Baronesse war die
Liebenswürdigkeit selbst, und je enger sich unser Bündnis schloß, je
reicher an frevelhaften Genüssen es wurde, desto mehr verdoppelte sich
ihre Aufmerksamkeit für den Baron. Sie gestand mir, daß nur meine
Tonsur, mein natürlicher Bart sowie mein echt klösterlicher Gang, den
ich aber jetzt nicht mehr so strenge als anfangs beibehalte, sie in
tausend Ängsten gesetzt habe. Ja, bei meiner plötzlichen begeisterten
Anrufung der heiligen Rosalia sei sie beinahe überzeugt worden, irgend
ein Irrtum, irgend ein feindlicher Zufall habe ihren mit Viktorin so
schlau entworfenen Plan vereitelt und einen verdammten wirklichen
Kapuziner an die Stelle geschoben. Sie bewundere meine Vorsicht, mich
wirklich tonsurieren und mir den Bart wachsen zu lassen, ja mich in
Gang und Stellung so ganz in meine Rolle einzustudieren, daß sie oft
selbst mir recht ins Auge blicken müsse, um nicht in abenteuerliche
Zweifel zu geraten.

Zuweilen ließ sich Viktorins Jäger, als Bauer verkleidet, am Ende des
Parks sehen und ich versäumte nicht, insgeheim mit ihm zu sprechen und
ihn zu ermahnen sich bereit zu halten, um mit mir fliehen zu können,
wenn vielleicht ein böser Zufall mich in Gefahr bringen sollte. Der
Baron und Reinhold schienen höchlich mit mir zufrieden und drangen in
mich, ja des tiefsinnigen Hermogen mich mit aller Kraft die mir zu
Gebote stehe, anzunehmen. Noch war es mir aber nicht möglich geworden
auch nur ein einziges Wort mit ihm zu sprechen, denn sichtlich wich
er jeder Gelegenheit aus mit mir allein zu sein, und traf er mich
in der Gesellschaft des Barons oder Reinholds, so blickte er mich
auf so sonderbare Weise an, daß ich in der Tat Mühe hatte nicht in
augenscheinliche Verlegenheit zu geraten. Er schien tief in meine
Seele zu dringen und meine geheimsten Gedanken zu erspähen. Ein
unbezwinglicher tiefer Mißmut, ein unterdrückter Groll, ein nur mit
Mühe bezähmter Zorn lag auf seinem bleichen Gesichte sobald er mich
ansichtig wurde. -- Es begab sich, daß er mir einmal als ich eben
im Park lustwandelte, ganz unerwartet entgegentrat; ich hielt dies
für den schicklichen Moment, endlich das drückende Verhältnis mit
ihm aufzuklären, daher faßte ich ihn schnell bei der Hand als er mir
entweichen wollte, und mein Rednertalent machte es mir möglich, so
eindringend, so salbungsvoll zu sprechen, daß er wirklich aufmerksam
zu werden schien und eine innere Rührung nicht unterdrücken konnte.
Wir hatten uns auf eine steinerne Bank am Ende eines Ganges, der nach
dem Schloß führte, niedergelassen. Im Reden stieg meine Begeisterung,
ich sprach davon, daß es sündlich sei, wenn der Mensch im innern Gram
sich verzehrend den Trost, die Hilfe der Kirche, die den Gebeugten
aufrichte, verschmähe und so den Zwecken des Lebens wie die höhere
Macht sie ihm gestellt, feindlich entgegenstrebe. Ja, daß selbst der
Verbrecher nicht zweifeln solle an der Gnade des Himmels, da dieser
Zweifel ihn eben um die Seligkeit bringe, die er, entsündigt durch Buße
und Frömmigkeit, erwerben könne. Ich forderte ihn endlich auf, gleich
jetzt mir zu beichten und so sein Inneres wie vor Gott auszuschütten,
indem ich ihm von jeder Sünde die er begangen, Absolution zusage:
da stand er auf, seine Augenbraunen zogen sich zusammen, die Augen
brannten, eine glühende Röte überflog sein leichenblasses Gesicht
und mit seltsam gellender Stimme rief er: „Bist du denn rein von der
Sünde, daß du es wagst, wie der Reinste, ja wie Gott selbst, den du
verhöhnest, in meine Brust schauen zu wollen, daß du es wagst, mir
Vergebung der Sünde zuzusagen, du, der du selbst vergeblich ringen
wirst nach der Entsündigung, nach der Seligkeit des Himmels die sich
dir auf ewig verschloß? Elender Heuchler, bald kommt die Stunde
der Vergeltung, und in den Staub getreten, wie ein giftiger Wurm,
zuckst du im schmachvollen Tode vergebens nach Hilfe, nach Erlösung
von unnennbarer Qual ächzend, bis du verdirbst in Wahnsinn und
Verzweiflung!“ -- Er schritt rasch von dannen, ich war zerschmettert,
vernichtet, all meine Fassung, mein Mut, war dahin. Ich sah Euphemien
aus dem Schlosse kommen mit Hut und Schal, wie zum Spaziergange
gekleidet; bei ihr nur war Trost und Hilfe zu finden, ich warf mich ihr
entgegen, sie erschrak über mein zerstörtes Wesen, sie frug nach der
Ursache, und ich erzählte ihr getreulich den ganzen Auftritt den ich
eben mit dem wahnsinnigen Hermogen gehabt, indem ich noch meine Angst,
meine Besorgnis, daß Hermogen vielleicht durch einen unerklärlichen
Zufall unser Geheimnis erraten, hinzusetzte. Euphemie schien über
alles nicht einmal betroffen, sie lächelte auf so ganz seltsame Weise,
daß mich ein Schauer ergriff und sagte: „Gehen wir tiefer in den Park,
denn hier werden wir zu sehr beobachtet und es könnte auffallen, daß
der ehrwürdige Pater Medardus so heftig mit mir spricht.“ Wir waren in
ein ganz entlegenes Boskett getreten, da umschlang mich Euphemie mit
leidenschaftlicher Heftigkeit; ihre heißen, glühenden Küsse brannten
auf meinen Lippen. „Ruhig, Viktorin,“ sprach Euphemie, „ruhig kannst du
sein über das alles, was dich so in Angst und Zweifel gestürzt hat; es
ist mir sogar lieb, daß es so mit Hermogen gekommen, denn nun darf und
muß ich mit dir über manches sprechen, wovon ich so lange schwieg. --
Du mußt eingestehen, daß ich mir eine seltene geistige Herrschaft über
alles was mich im Leben umgibt, zu erringen gewußt, und ich glaube, daß
dies dem Weibe leichter ist als euch. Freilich gehört nichts Geringeres
dazu, als daß außer jenem unnennbaren unwiderstehlichen Reiz der
äußern Gestalt, den die Natur dem Weibe zu spenden vermag, dasjenige
höhere Prinzip in ihr wohne, welches eben jenen Reiz mit dem geistigen
Vermögen in eins verschmilzt und nun nach Willkür beherrscht. Es ist
das eigne wunderbare Heraustreten aus sich selbst, das die Anschauung
des eignen Ichs vom andern Standpunkte gestattet, welches dann als ein
sich dem höheren Willen schmiegendes Mittel erscheint, +dem+ Zweck zu
dienen, den er sich als den höchsten, im Leben zu erringenden gesetzt.
-- Gibt es etwas Höheres als das Leben im Leben zu beherrschen, alle
seine Erscheinungen, seine reichen Genüsse wie im mächtigen Zauber zu
bannen, nach der Willkür, die dem Herrscher verstattet? -- Du Viktorin,
gehörtest von jeher zu den wenigen, die mich ganz verstanden, auch
du hattest dir den Standpunkt über dein Selbst gestellt, und ich
verschmähte es daher nicht, dich wie den königlichen Gemahl auf meinen
Thron im höheren Reiche zu erheben. Das Geheimnis erhöhte den Reiz
dieses Bundes, und unsere scheinbare Trennung diente nur dazu, unserer
fantastischen Laune Raum zu geben, die wie zu unserer Ergötzlichkeit
mit den untergeordneten Verhältnissen des gemeinen Alltagslebens
spielte. Ist nicht unser jetziges Beisammensein das kühnste Wagstück,
das, im höheren Geiste gedacht, der Ohnmacht konventioneller
Beschränktheit spottet? Selbst bei deinem so ganz fremdartigen Wesen,
das nicht allein die Kleidung erzeugt, ist es mir als unterwerfe sich
das Geistige dem herrschenden, es bedingenden Prinzip, und wirke so mit
wunderbarer Kraft nach außen, selbst das Körperliche anders formend
und gestaltend, so daß es ganz der vorgesetzten Bestimmung gemäß
erscheint. -- Wie herzlich ich nun bei dieser tief aus meinem Wesen
entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle Beschränktheit
verachte, indem ich mit dir spiele, weißt du. -- Der Baron ist mir
eine bis zum höchsten Überdruß ekelhaft gewordene Maschine, die zu
meinem Zweck verbraucht, tot daliegt wie ein abgelaufenes Räderwerk. --
Reinhold ist zu beschränkt um von mir beachtet zu werden, Aurelie ein
gutes Kind, wir haben es nur mit Hermogen zu tun. -- Ich gestand dir
schon, daß Hermogen, als ich ihn zum erstenmal sah, einen wunderbaren
Eindruck auf mich machte. -- Ich hielt ihn für fähig, einzugehen in
das höhere Leben, das ich ihm erschließen wollte, und irrte mich zum
erstenmal. -- Es war etwas mir Feindliches in ihm, was in stetem regen
Widerspruch sich gegen mich auflehnte, ja der Zauber womit ich die
andern unwillkürlich zu umstricken wußte, stieß ihn zurück. Er blieb
kalt, düster verschlossen und reizte, indem er mit eigner wunderbarer
Kraft mir widerstrebte, meine Empfindlichkeit, meine Lust den Kampf
zu beginnen, in dem er unterliegen sollte. -- Diesen Kampf hatte ich
beschlossen, als der Baron mir sagte, wie er Hermogen eine Verbindung
mit mir vorgeschlagen, dieser sie aber unter jeder Bedingung abgelehnt
habe. -- Wie ein göttlicher Funke durchstrahlte mich in demselben
Moment der Gedanke, mich mit dem Baron selbst zu vermählen und so
mit einem Mal all die kleinen konventionellen Rücksichten, die mich
oft einzwängten auf widrige Weise, aus dem Wege zu räumen: doch ich
habe ja selbst mit dir, Viktorin, oft genug über jene Vermählung
gesprochen, ich widerlegte deine Zweifel mit der Tat, denn es gelang
mir, den Alten in wenigen Tagen zum albernen, zärtlichen Liebhaber zu
machen und er mußte das, was ich gewollt, als die Erfüllung seines
innigsten Wunsches, den er laut werden zu lassen kaum gewagt, ansehen.
Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke der Rache an
Hermogen, die mir nun leichter und befriedigender werden sollte. Der
Schlag wurde verschoben, um richtiger, tötender zu treffen. -- Kennte
ich weniger dein Inneres, wüßte ich nicht, daß du dich zu der Höhe
meiner Ansichten zu erheben vermagst, ich würde Bedenken tragen dir
mehr von der Sache zu sagen, die nun einmal geschehen. Ich ließ es
mir angelegen sein, Hermogen recht in seinem Innern aufzufassen, ich
erschien in der Hauptstadt düster, in mich gekehrt, und bildete so
den Kontrast mit Hermogen, der in den lebendigen Beschäftigungen des
Kriegsdienstes sich heiter und lustig bewegte. Die Krankheit des Oheims
verbot alle glänzende Zirkel und selbst den Besuchen meiner nächsten
Umgebung wußte ich auszuweichen. -- Hermogen kam zu mir, vielleicht
nur um die Pflicht, die er der Mutter schuldig, zu erfüllen, er fand
mich in düstres Nachdenken versunken, und als er, befremdet von meiner
auffallenden Änderung, dringend nach der Ursache frug, gestand ich ihm
unter Tränen, wie des Barons mißliche Gesundheitsumstände, die er nur
mühsam verheimliche, mich befürchten ließen, ihn bald zu verlieren,
und wie dieser Gedanke mir schrecklich, ja unerträglich sei. Er war
erschüttert, und als ich nun den Ausdruck des tiefsten Gefühls das
Glück meiner Ehe mit dem Baron schilderte, als ich zart und lebendig in
die kleinsten Einzelheiten unseres Lebens auf dem Lande einging, als
ich immer mehr des Barons herrliches Gemüt, sein ganzes Ich in vollem
Glanz darstellte, so daß es immer lichter hervortrat wie grenzenlos
ich ihn verehre, ja wie ich so ganz in ihm lebe, da schien immer mehr
seine Bewunderung, sein Erstaunen zu steigen. -- Er kämpfte sichtlich
mit sich selbst, aber die Macht, die jetzt wie mein Ich selbst in sein
Inneres gedrungen, siegte über das feindliche Prinzip, das sonst mir
widerstrebte; mein Triumph war mir gewiß, als er schon am andern Abend
wiederkam.

Er fand mich einsam, noch düstrer, noch aufgeregter als gestern, ich
sprach von dem Baron und meiner unaussprechlichen Sehnsucht, ihn
wiederzusehen. Hermogen war bald nicht mehr derselbe, er hing an meinen
Blicken und ihr gefährliches Feuer fiel zündend in sein Inneres. Wenn
meine Hand in der seinigen ruhte, zuckte diese oft krampfhaft, tiefe
Seufzer entflohen seiner Brust. Ich hatte die höchste Spitze dieser
bewußtlosen Exaltation richtig berechnet. Den Abend als er fallen
sollte, verschmähte ich selbst jene Künste nicht, die so verbraucht
sind und immer wieder so wirkungsvoll erneuert werden. Es gelang!
-- Die Folgen waren entsetzlicher als ich sie mir gedacht, und doch
erhöhten sie meinen Triumph, indem sie meine Macht auf glänzende
Weise bewährten. -- Die Gewalt, mit der ich das feindliche Prinzip
bekämpfte, das wie in seltsamen Ahnungen in ihm sich sonst aussprach,
hatte seinen Geist gebrochen, er verfiel in Wahnsinn wie du weißt,
ohne daß du jedoch bis jetzt die eigentliche Ursache gekannt haben
solltest. -- Es ist etwas Eignes, daß Wahnsinnige oft, als ständen
sie in näherer Beziehung mit dem Geiste und gleichsam in ihrem eignen
Innern leichter, wiewohl bewußtlos angeregt vom fremden geistigen
Prinzip, oft das in uns Verborgene durchschauen und in seltsamen
Anklängen aussprechen, so daß uns oft die grauenvolle Stimme eines
zweiten Ichs mit unheimlichem Schauer befängt. Es mag daher wohl
sein, daß, zumal in der eignen Beziehung, in der du, Hermogen und
ich stehen, er auf geheimnisvolle Weise dich durchschaut und so dir
feindlich ist, allein Gefahr für uns ist deshalb nicht im mindesten
vorhanden. Bedenke, selbst wenn er mit seiner Feindschaft gegen
dich offen ins Feld rückte, wenn er es ausspräche: traut nicht dem
verkappten Priester, wer würde das für was anderes halten als für eine
Idee, die der Wahnsinn erzeugte, zumal, da Reinhold so gut gewesen
ist, in dir den Pater Medardus wiederzuerkennen? -- Indessen bleibt
es gewiß, daß du nicht mehr wie ich gewollt und gedacht hatte, auf
Hermogen wirken kannst. Meine Rache ist erfüllt und Hermogen mir nun
wie ein weggeworfenes Spielzeug unbrauchbar, und umso überlästiger
als er es wahrscheinlich für eine Bußübung hält, mich zu sehen und
daher mit seinem stieren, lebendigtoten Blicken mich verfolgt. Er muß
fort, und ich glaubte dich dazu benutzen zu können, ihn in der Idee
ins Kloster zu gehen zu bestärken und den Baron sowie den ratgebenden
Freund Reinhold zu gleicher Zeit durch die dringendsten Vorstellungen,
wie Hermogens Seelenheil nun einmal das Kloster begehre, geschmeidiger
zu machen, daß sie in sein Vorhaben willigten. -- Hermogen ist mir in
der Tat höchst zuwider, sein Anblick erschüttert mich oft, er muß fort!
-- Die einzige Person der er ganz anders erscheint ist Aurelie, das
fromme, kindische Kind; durch sie allein kannst du auf Hermogen wirken
und ich will dafür sorgen, daß du in nähere Beziehung mit ihr trittst.
Findest du einen schicklichen Zusammenhang der äußern Umstände, so
kannst du auch Reinholden oder dem Baron entdecken, wie dir Hermogen
ein schweres Verbrechen gebeichtet, das du natürlicherweise, deiner
Pflicht gemäß, verschweigen müßtest. -- Doch davon künftig mehr! --
Nun weißt du alles, Viktorin, handle und bleibe mein. Herrsche mit mir
über die läppische Puppenwelt, wie sie sich um uns dreht. Das Leben muß
uns seine herrlichsten Genüsse spenden ohne uns in seine Beengtheit
einzuzwängen.“ -- Wir sahen den Baron in der Entfernung und gingen ihm,
wie im frommen Gespräch begriffen, entgegen. --

Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklärung über die Tendenz
ihres Lebens, um mich selbst die überwiegende Macht fühlen zu lassen,
die wie der Ausfluß höherer Prinzipe mein Inneres beseelte. Es war
etwas Übermenschliches in mein Wesen getreten, das mich plötzlich
auf einen Standpunkt erhob, von dem mir alles in anderm Verhältnis,
in anderer Farbe als sonst erschien. Die Geistesstärke, die Macht
über das Leben, womit Euphemie prahlte, war mir des bittersten Hohns
würdig. In dem Augenblick, daß die Elende ihr loses, unbedachtes Spiel
mit den gefährlichsten Verknüpfungen des Lebens zu treiben wähnte,
war sie hingegeben dem Zufall oder dem bösen Verhängnis, das meine
Hand leitete. Es war nur +meine+ Kraft, entflammt von geheimnisvollen
Mächten, die sie zwingen konnte im Wahn, +den+ für den Freund und
Bundesbruder zu halten, der, nur ihr zum Verderben die äußere zufällige
Bildung jenes Freundes tragend, sie wie die feindliche Macht selbst
umkrallte, so daß keine Freiheit mehr möglich. Euphemie wurde mir in
ihrem eitlen, selbstsüchtigen Wahn verächtlich, und das Verhältnis
mit ihr umso widriger, als Aurelie in meinem Innern lebte, und nur
+sie+ die Schuld meiner begangenen Sünden trug, wenn ich das, was mir
jetzt die höchste Spitze alles irdischen Genusses zu sein schien,
noch für Sünde gehalten hätte. Ich beschloß von der mir innewohnenden
Macht den vollsten Gebrauch zu machen, und +so+ selbst den Zauberstab
zu ergreifen um die Kreise zu beschreiben, in denen sich all die
Erscheinungen um mich her mir zur Lust bewegen sollten. Der Baron und
Reinhold wetteiferten miteinander, mir das Leben im Schlosse recht
angenehm zu machen; nicht die leiseste Ahnung von meinem Verhältnis
mit Euphemien stieg in ihnen auf, vielmehr äußerte der Baron oft,
wie in unwillkürlicher Herzensergießung, daß erst durch mich ihm
Euphemie ganz wiedergegeben sei, und dies schien mir die Richtigkeit
der Vermutung Reinholds, daß irgend ein Zufall dem Baron wohl die Spur
von Euphemiens verbotenen Wegen entdeckt haben könne, klar anzudeuten.
Den Hermogen sah ich selten, er vermied mich mit sichtlicher Angst
und Beklemmung, welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem
heiligen, frommen Wesen und vor meiner geistigen Kraft, die das
zerrüttete Gemüt durchschaute, zuschrieben. Auch Aurelie schien sich
absichtlich meinem Blick zu entziehen, sie wich mir aus, und wenn ich
mit ihr sprach, war auch sie ängstlich und beklommen, wie Hermogen. Es
war mir beinahe gewiß, daß der wahnsinnige Hermogen gegen Aurelie jene
schrecklichen Ahnungen die mich durchbebten, ausgesprochen, indessen
schien mir der böse Eindruck zu bekämpfen möglich. -- Wahrscheinlich
auf Veranlassung der Baronesse, die mich in näheren Rapport mit
Aurelien setzen wollte, um durch sie auf Hermogen zu wirken, bat
mich der Baron, Aurelien in den höheren Geheimnissen der Religion
zu unterrichten. So verschaffte mir Euphemie selbst die Mittel, das
Herrlichste zu erreichen, was mir meine glühende Einbildungskraft in
tausend üppigen Bildern vorgemalt. Was war jene Vision in der Kirche
anderes als das Versprechen der höheren auf mich einwirkenden Macht,
mir +die+ zu geben, von deren Besitz allein die Besänftigung des
Sturms zu hoffen, der in mir rasend, mich wie auf tobenden Wellen
umherwarf. -- Aureliens Anblick, ihre Nähe, ja die Berührung ihres
Kleides, setzte mich in Flammen. Des Blutes Glutstrom stieg fühlbar auf
in die geheimnisvolle Werkstatt der Gedanken, und so sprach ich von
den wundervollen Geheimnissen der Religion in feurigen Bildern, deren
tiefere Bedeutung die wollüstige Raserei der glühendsten, verlangenden
Liebe war. So sollte diese Glut meiner Rede wie in elektrischen
Schlägen Aureliens Inneres durchdringen und sie sich vergebens dagegen
wappnen. -- Ihr unbewußt sollten die in ihre Seele geworfenen Bilder
sich wunderbar entfalten und glänzender, flammender in der tieferen
Bedeutung hervorgehen, und diese ihre Brust dann mit den Ahnungen des
unbekannten Genusses erfüllen, bis sie sich, von unnennbarer Sehnsucht
gefoltert und zerrissen, selbst in meine Arme würfe. Ich bereitete
mich auf die sogenannten Lehrstunden bei Aurelien sorgsam vor, ich
wußte den Ausdruck meiner Rede zu steigern; andächtig, mit gefalteten
Händen, mit niedergeschlagenen Augen hörte mir das fromme Kind zu, aber
nicht eine Bewegung, nicht ein leiser Seufzer verrieten irgend eine
tiefere Wirkung meiner Worte. -- Meine Bemühungen brachten mich nicht
weiter; statt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entzünden das sie
der Verführung preisgeben sollte, wurde nur qualvoller und verzehrender
die Glut die in meinem Innern brannte. -- Rasend vor Schmerz und
Wollust brütete ich über Pläne zu Aureliens Verderben und indem ich
Euphemien Wonne und Entzücken heuchelte, keimte ein glühender Haß in
meiner Seele empor, der, im seltsamen Widerspruch, meinem Betragen
bei der Baronesse etwas Wildes, Entsetzliches gab, vor dem sie selbst
erbebte. -- Fern von ihr war jede Spur des Geheimnisses das in meiner
Brust verborgen, und unwillkürlich mußte sie der Herrschaft Raum geben,
die ich immer mehr und mehr über sie mir anzumaßen anfing. -- Oft kam
es mir in den Sinn, durch einen wohlberechneten Gewaltstreich, dem
Aurelie erliegen sollte, meine Qual zu enden, aber sowie ich Aurelien
erblickte, war es mir, als stehe ein Engel neben ihr sie schirmend
und schützend und Trotz bietend der Macht des Feindes. Ein Schauer
bebte dann durch meine Glieder in dem mein böser Vorsatz erkaltete.
Endlich fiel ich darauf mit ihr zu beten, denn im Gebet strömt feuriger
die Glut der Andacht und die geheimsten Regungen werden wach und
erheben sich wie auf brausenden Wellen und strecken ihre Polypenarme
aus um das Unbekannte zu fahen, das die unnennbare Sehnsucht stillen
soll, von der die Brust zerrissen. Dann mag das Irdische sich wie
Himmlisches verkündend, keck dem aufgeregten Gemüt entgegentreten und
im höchsten Genuß schon hienieden die Erfüllung des Überschwenglichen
verheißen; die bewußtlose Leidenschaft wird getäuscht und das Streben
nach dem Heiligen, Überirdischen wird gebrochen in dem namenlosen nie
gekannten Entzücken irdischer Begierde. -- Selbst darin, daß sie von
mir verfaßte Gebete nachsprechen sollte, glaubte ich Vorteile für meine
verräterischen Absichten zu finden. -- Es war dem so! -- Denn neben
mir kniend, mit zum Himmel gewandten Blick meine Gebete nachsprechend,
färbten höher sich ihre Wangen und ihr Busen wallte auf und nieder. --
Da nahm ich wie im Eifer des Gebets ihre Hände und drückte sie an meine
Brust, ich war ihr so nahe, daß ich die Wärme ihres Körpers fühlte,
ihre losgelösten Locken hingen über meine Schulter; ich war außer mir
vor rasender Begierde, ich umschlang sie mit wildem Verlangen, schon
brannten meine Küsse auf ihrem Munde, auf ihrem Busen, da wand sie
sich mit einem durchdringenden Schrei aus meinen Armen; ich hatte
nicht Kraft sie zu halten, es war als strahle ein Blitz herab, mich
zerschmetternd! -- Sie entfloh rasch in das Nebenzimmer, die Türe
öffnete sich und Hermogen zeigte sich in derselben, er blieb stehen,
mich mit dem furchtbaren, entsetzlichen Blick des wilden Wahnsinns
anstarrend. Da raffte ich alle meine Kraft zusammen, ich trat keck auf
ihn zu und rief mit trotziger, gebietender Stimme: „Was willst du hier?
Hebe dich weg Wahnsinniger!“ Aber Hermogen streckte mir die rechte Hand
entgegen und sprach dumpf und schaurig. „Ich wollte mit dir kämpfen,
aber ich habe kein Schwert und du bist der Mord, denn Blutstropfen
quillen aus deinen Augen und kleben in deinem Barte!“ --

Er verschwand die Türe heftig zuschlagend und ließ mich allein,
knirschend vor Wut über mich selbst, der ich mich hatte hinreißen
lassen von der Gewalt des Moments, so daß nun der Verrat mir Verderben
drohte. Niemand ließ sich sehen, ich hatte Zeit genug mich ganz zu
ermannen und der mir innewohnende Geist gab mir bald die Einschläge
ein, jeder üblen Folge des bösen Beginnens auszuweichen.

Sobald es tunlich war, eilte ich zu Euphemien und mit keckem Übermut
erzählte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien. Euphemie schien
die Sache nicht so leicht zu nehmen als ich es gewünscht hätte und
es war mir begreiflich, daß, ihrer gerühmten Geistesstärke, ihrer
hohen Ansicht der Dinge unerachtet, wohl kleinliche Eifersucht in ihr
wohnen, sie aber überdem noch befürchten könne, daß Aurelie über mich
klagen, so der Nimbus meiner Heiligkeit verlöschen und unser Geheimnis
in Gefahr geraten werde: aus einer mir selbst unerklärlichen Scheu
verschwieg ich Hermogens Hinzutreten und seine entsetzlichen mich
durchbohrenden Worte.

Euphemie hatte einige Minuten geschwiegen und schien, mich seltsamlich
anstarrend, in tiefes Nachdenken versunken. --

„Solltest du nicht, Viktorin,“ sprach sie endlich, „erraten, welche
herrliche Gedanken meines Geistes würdig mich durchströmen? -- Aber
du kannst es nicht, doch rüttle frisch die Schwingen, um dem kühnen
Fluge zu folgen, den ich zu beginnen bereit bin. Daß du, der du
mit voller Herrschaft über alle Erscheinungen des Lebens schweben
solltest, nicht neben einem leidlich schönen Mädchen knien kannst
ohne sie zu umarmen und zu küssen, nimmt mich wunder, so wenig ich
dir das Verlangen verarge, das in dir aufstieg. So wie ich Aurelien
kenne, wird sie voller Scham über die Begebenheit schweigen und sich
höchstens nur unter irgend einem Vorwande deinem zu leidenschaftlichen
Unterrichte entziehen. Ich befürchte daher nicht im mindesten die
verdrießlichen Folgen, die dein Leichtsinn, deine ungezähmte Begierde
hätte herbeiführen können. -- Ich hasse sie nicht, diese Aurelie, aber
ihre Anspruchslosigkeit, ihr stilles Frommtun, hinter dem sich ein
unleidlicher Stolz versteckt, ärgert mich. Nie habe ich, unerachtet
ich es nicht verschmähte mit ihr zu spielen, ihr Zutrauen gewinnen
können, sie blieb scheu und verschlossen. Diese Abgeneigtheit sich
mir zu schmiegen, ja diese stolze Art mir auszuweichen, erregt in mir
die widrigsten Gefühle. -- Es ist ein sublimer Gedanke, die Blume,
die auf den Prunk ihrer glänzenden Farben so stolz tut, gebrochen und
dahinwelken zu sehen! -- ich gönne es dir, diesen sublimen Gedanken
auszuführen und es soll nicht an Mitteln fehlen, den Zweck leicht und
sicher zu erreichen. -- Auf Hermogens soll die Schuld fallen und ihn
vernichten!“ -- Ephemie sprach noch über ihren Plan und wurde mir mit
jedem Worte verhaßter, denn nur das gemeine, verbrecherische Weib sah
ich in ihr, und so sehr ich nach Aureliens Verderben dürstete, da ich
nur dadurch Befreiung von der grenzenlosen Qual wahnsinniger Liebe, die
meine Brust zerfleischte, hoffen konnte, so war mir doch Euphemiens
Mitwirkung verächtlich. Ich wies daher zu ihrem nicht geringen
Erstaunen ihren Anschlag von der Hand, indem ich im Innern fest
entschlossen war, das durch eigne Macht zu vollführen, wozu Euphemie
mir ihre Beihilfe aufdringen wollte.

So wie die Baronesse es vermutet, blieb Aurelie in ihrem Zimmer, sich
mit einer Unpäßlichkeit entschuldigend, und so sich meinem Unterricht
für die nächsten Tage entziehend. Hermogen war wider seine Gewohnheit
jetzt viel in der Gesellschaft Reinholds und des Barons, er schien
weniger in sich gekehrt, aber wilder, zorniger. Man hörte ihn oft
laut und nachdrücklich sprechen und ich bemerkte, daß er mich mit
Blicken des verhaltenen Grimms ansah so oft der Zufall mich ihm in den
Weg führte: das Betragen des Barons und Reinholds veränderte sich in
einigen Tagen auf ganz seltsame Weise. Ohne im äußerlichen im mindesten
von der Aufmerksamkeit und Hochachtung, die sie mir sonst bezeigt,
nachzulassen, schien es, als wenn sie, gedrückt von einem wunderbaren,
ahnenden Gefühl, nicht jenen gemütlichen Ton finden konnten, der sonst
unsre Unterhaltung belebte. Alles, was sie mit mir sprachen, war so
gezwungen, so frostig, daß ich mich ernstlich mühen mußte, von allerlei
Vermutungen ergriffen, wenigstens unbefangen zu scheinen. --

Euphemiens Blicke, die ich immer richtig zu deuten wußte, sagten mir,
daß irgend etwas vorgegangen, wovon sie sich besonders aufgeregt
fühlte, doch war es den ganzen Tag unmöglich, uns unbemerkt zu
sprechen. --

In dieser Nacht, als alles im Schlafe längst schlief, öffnete sich
eine Tapetentür in meinem Zimmer, die ich selbst noch nicht bemerkt,
und Euphemie trat herein, mit einem verstörten Wesen, wie ich sie
noch niemals gesehen. „Viktorin,“ sprach sie, „es droht uns Verrat.
Hermogen, der wahnsinnige Hermogen ist es, der, durch seltsame Ahnungen
auf die Spur geleitet, unser Geheimnis entdeckt hat. In allerlei
Andeutungen, die gleich schauerlichen, entsetzlichen Sprüchen einer
dunklen Macht, die über uns waltet, lauten, hat er dem Baron einen
Verdacht eingeflößt, der ohne deutlich ausgesprochen zu sein, mich
doch auf quälende Weise verfolgt. -- Wer du bist, daß unter diesem
heiligen Kleide Graf Viktorin verborgen, das scheint Hermogen durchaus
verschlossen geblieben; dagegen behauptet er, aller Verrat, alle
Arglist, alles Verderben das über uns einbrechen werde, ruhe in dir, ja
wie der Widersacher selbst, sei der Mönch in das Haus getreten, der von
teuflischer Macht beseelt, verdammten Verrat brüte. -- Es kann so nicht
bleiben, ich bin es müde, diesen Zwang zu tragen, den mir der kindische
Alte auferlegt, der nun mit kränkelnder Eifersucht wie es scheint,
ängstlich meine Schritte bewachen wird. Ich will dies Spielzeug, das
mir langweilig geworden, wegwerfen, und du, Viktorin, wirst dich umso
williger meinem Begehren fügen, als du auf einmal selbst der Gefahr
entgehst, endlich ertappt zu werden und so das geniale Verhältnis
das unser Geist ausbrütete, in eine gemeine, verbrauchte Mummerei,
in eine abgeschmackte Ehestandsgeschichte herabsinken zu sehen. Der
lästige Alte muß fort, und wie das am besten ins Werk zu richten
ist, darüber laß uns zu Rate gehen, höre aber erst meine Meinung. Du
weißt, daß der Baron jeden Morgen, wenn Reinhold beschäftigt, allein
hinausgeht in das Gebirge, um sich an den Gegenden nach seiner Art zu
erlaben. -- Schleiche dich früher hinaus und suche ihm am Ausgange
des Parks zu begegnen. Nicht weit von hier gibt es eine wilde,
schauerliche Felsengruppe; wenn man sie erstiegen, gähnt dem Wandrer
auf der einen Seite ein schwarzer bodenloser Abgrund entgegen, dort
ist, oben über den Abgrund herüberragend, der sogenannte Teufelssitz.
Man fabelt, daß giftige Dünste aus dem Abgrunde steigen, die den der
vermessen hinabschaut um zu erforschen was drunten verborgen, betäuben
und rettungslos in den Tod hinabziehen. Der Baron, dieses Märchen
verlachend, stand schon oft auf jenem Felsstück über dem Abgrund, um
die Aussicht die sich dort öffnet, zu genießen. Es wird leicht sein ihn
selbst darauf zu bringen, daß er dich an die gefährliche Stelle führt;
steht er nun dort und starrt in die Gegend hinein, so erlöst uns ein
kräftiger Stoß deiner Faust auf immer von dem ohnmächtigen Narren.“ --
„Nein, nimmermehr,“ schrie ich heftig, „ich kenne den entsetzlichen
Abgrund, ich kenne den Sitz des Teufels, nimmermehr, fort mit dir und
dem Frevel, den du mir zumutest!“ Da sprang Euphemie auf, wilde Glut
entflammte ihren Blick, ihr Gesicht war verzerrt von der wütenden
Leidenschaft, die in ihr tobte. „Elender Schwächling,“ rief sie, „du
wagst es in dumpfer Feigheit dem zu widerstreben, was ich beschloß?
Du willst dich lieber dem schmachvollen Joche schmiegen als mit mir
herrschen? Aber du bist in meiner Hand, vergebens entwindest du dich
der Macht die dich gefesselt hält zu meinen Füßen! -- Du vollziehst
meinen Auftrag, morgen darf der, dessen Anblick mich peinigt, nicht
mehr leben!“ --

Indem Euphemie die Worte sprach, durchdrang mich die tiefste Verachtung
ihrer armseligen Prahlerei und im bittern Hohn lachte ich ihr gellend
entgegen, daß sie erbebte und die Totenblässe der Angst und des
tiefen Grauens ihr Gesicht überflog. -- „Wahnsinnige,“ rief ich, „die
du glaubst über das Leben zu herrschen, die du glaubst mit seinen
Erscheinungen zu spielen, habe acht, daß dies Spielzeug nicht in deiner
Hand zur schneidenden Waffe wird, die dich tötet! Wisse Elende, daß
ich, den du in deinem ohnmächtigen Wahn zu beherrschen glaubst, dich
wie das Verhängnis selbst in meiner Macht festgekettet halte, dein
frevelhaftes Spiel ist nur das krampfhafte Winden des gefesselten
Raubtiers im Käfig! -- Wisse, Elende, daß dein Buhle zerschmettert in
jenem Abgrunde liegt und daß du statt seiner den Geist der Rache selbst
umarmtest! -- Geh und verzweifle!“

Euphemie wankte; im konvulsivischen Erbeben war sie im Begriff zu Boden
zu sinken, ich faßte sie und drückte sie durch die Tapetentüre den Gang
hinab. -- Der Gedanke stieg mir auf, sie zu töten, ich unterließ es
ohne mich dessen bewußt zu sein, denn im ersten Augenblick als ich die
Tapetentüre schloß, glaubte ich die Tat vollbracht zu haben! -- Ich
hörte einen durchdringenden Schrei und Türen zuschlagen.

Jetzt hatte ich mich selbst auf einen Standpunkt gestellt, der mich
dem gewöhnlichen menschlichen Tun ganz entrückte; jetzt mußte Schlag
auf Schlag folgen, und mich selbst als den bösen Geist der Rache
verkündend, mußte ich das Ungeheuere vollbringen. -- Euphemiens
Untergang war beschlossen und der glühendste Haß sollte, mit der
höchsten Inbrunst der Liebe sich vermählend, mir +den+ Genuß gewähren,
der nun noch dem übermenschlichen mir innewohnenden Geiste würdig. --
In dem Augenblick, daß Euphemie untergegangen, sollte Aurelie mein
werden.

Ich erstaunte über Euphemiens innere Kraft, die es ihr möglich machte,
den andern Tag unbefangen und heiter zu scheinen. Sie sprach selbst
darüber, daß sie vorige Nacht in eine Art Somnambulismus geraten und
dann heftig an Krämpfen gelitten, der Baron schien sehr teilnehmend,
Reinholds Blicke waren zweifelhaft und mißtrauisch. Aurelie blieb auf
ihrem Zimmer und je weniger es mir gelang sie zu sehen, desto rasender
tobte die Wut in meinem Innern. Euphemie lud mich ein, auf bekanntem
Wege in ihr Zimmer zu schleichen wenn alles im Schlosse ruhig geworden.
-- Mit Entzücken vernahm ich das, denn der Augenblick der Erfüllung
ihres bösen Verhängnisses war gekommen. -- Ein kleines spitzes Messer,
das ich schon von Jugend auf bei mir trug und mit dem ich geschickt
in Holz zu schneiden wußte, verbarg ich in meiner Kutte, und so zum
Morde entschlossen, ging ich zu ihr. „Ich glaube,“ fing sie an, „wir
haben beide gestern schwere ängstliche Träume gehabt, es kam viel
von Abgründen darin vor, doch das ist nun vorbei!“ -- Sie gab sich
darauf wie gewöhnlich meinen frevelnden Liebkosungen hin, ich war
erfüllt von entsetzlichem, teuflischem Hohn, indem ich nur die Lust
empfand, die mir der Mißbrauch ihrer eignen Schändlichkeit erregte.
Als sie in meinen Armen lag, entfiel mir das Messer, sie schauerte
zusammen wie von Todesangst ergriffen, ich hob das Messer rasch auf,
den Mord noch verschiebend, der mir selbst andere Waffen in die Hände
gab. -- Euphemie hatte italienischen Wein und eingemachte Früchte
auf dem Tisch stehen lassen. -- Wie so ganz plump und verbraucht,
dachte ich, verwechselte geschickt die Gläser und genoß nur scheinbar
die mir dargebotenen Früchte, die ich in meinen weiten Ärmel fallen
ließ. Ich hatte zwei, drei Gläser von dem Wein, aber aus dem Glase,
das Euphemie für sich hingestellt, getrunken, als sie vorgab Geräusch
im Schlosse zu hören und mich bat, sie schnell zu verlassen. -- Nach
ihrer Absicht sollte ich auf meinem Zimmer enden! Ich schlich durch
die langen, schwach erhellten Korridore, ich kam bei Aureliens Zimmer
vorüber, wie festgebannt blieb ich stehen. -- Ich sah sie, es war als
schwebe sie daher, mich voll Liebe anblickend wie in jener Vision und
mir winkend, daß ich ihr folgen sollte. -- Die Türe wich durch den
Druck meiner Hand, ich stand im Zimmer, nur angelehnt war die Türe des
Kabinetts, eine schwüle Luft wallte mir entgegen, meine Liebesglut
stärker entzündend, mich betäubend; kaum konnte ich atmen. -- Aus dem
Kabinett quollen die tiefen, angstvollen Seufzer der vielleicht von
Verrat und Mord Träumenden, ich hörte sie im Schlafe beten! -- „Zur
Tat, zur Tat, was zauderst du, der Augenblick entflieht,“ so trieb mich
die unbekannte Macht in meinem Innern. -- Schon hatte ich einen Schritt
ins Kabinett getan, da schrie es hinter mir. „Verruchter Mordbruder!
nun gehörst du mein!“ und ich fühlte mich mit Riesenkraft von hinten
festgepackt. -- Es war Hermogen, ich wand mich, alle meine Kräfte
aufbietend, endlich von ihm los und wollte mich fortdrängen, aber von
neuem packte er mich hinterwärts und zerfleischte meinen Nacken mit
wütenden Bissen! -- Vergebens rang ich, unsinnig vor Schmerz und Wut,
lange mit ihm, endlich zwang ihn ein kräftiger Stoß von mir abzulassen
und als er von neuem über mich herfiel, da zog ich mein Messer;
zwei Stiche und er sank röchelnd zu Boden, daß es dumpf im Korridor
wiederhallte. -- Bis heraus aus dem Zimmer hatten wir uns gedrängt im
Kampfe der Verzweiflung! --

Sowie Hermogen gefallen, rannte ich in wilder Wut die Treppe herab, da
riefen gellende Stimmen durch das ganze Schloß: Mord! Mord! -- Lichter
schweiften hin und her und die Tritte der Herbeieilenden schallten
durch die langen Gänge, die Angst verwirrte mich, ich war auf entlegene
Seitentreppen geraten. -- Immer lauter, immer heller wurde es im
Schlosse, immer näher und näher erscholl es gräßlich: Mord, Mord! Ich
unterschied die Stimme des Barons und Reinholds, welche heftig mit den
Bedienten sprachen. -- Wohin fliehen, wohin mich verbergen? -- Noch vor
wenig Augenblicken, als ich Euphemien mit demselben Messer ermorden
wollte, mit dem ich den wahnsinnigen Hermogen tötete, war es mir, als
könne ich mit dem blutigen Mordinstrument in der Hand, vertrauend auf
meine Macht, keck hinaustreten, da keiner, von scheuer Flucht ergriffen
es wagen würde mich aufzuhalten; jetzt war ich selbst von tödlicher
Angst befangen. Endlich, endlich war ich auf der Haupttreppe, der
Tumult hatte sich nach den Zimmern der Baronesse gezogen, es wurde
ruhiger, in drei gewaltigen Sprüngen war ich hinab, nur noch wenige
Schritte vom Portal entfernt. Da gellte ein durchdringender Schrei
durch die Gänge, dem ähnlich, den ich in voriger Nacht gehört. -- Sie
ist tot, gemordet durch das Gift das sie mir bereitet, sprach ich
dumpf in mich hinein. Aber nun strahlte es wieder hell aus Euphemiens
Zimmern. Aurelie schrie angstvoll um Hilfe. Aufs neue erscholl es
gräßlich: Mord, Mord! -- Sie brachten Hermogens Leichnam! -- „Eilt
nach dem Mörder,“ hörte ich Reinhold rufen. Da lachte ich grimmig
auf, daß es durch den Saal, durch die Gänge dröhnte und rief mit
schrecklicher Stimme. „Wahnwitzige, wollt ihr das Verhängnis fahen, das
die frevelnden Sünder gerichtet?“ -- Sie horchten auf, der Zug blieb
wie festgebannt auf der Treppe stehen. -- Nicht fliehen wollte ich
mehr, -- ja ihnen entgegenschreiten, die Rache Gottes an den Frevlern
in donnernden Worten verkündend. Aber -- des gräßlichen Anblicks! --
vor mir -- vor mir stand Viktorins blutige Gestalt, nicht ich, er
hatte die Worte gesprochen. -- Das Entsetzen sträubte mein Haar, ich
stürzte in wahnsinniger Angst hinaus durch den Park! -- Bald war ich
im Freien, da hörte ich Pferdegetrappel hinter mir, und indem ich
meine letzte Kraft zusammennahm um der Verfolgung zu entgehen, fiel
ich über eine Baumwurzel strauchelnd zu Boden. Bald standen die Pferde
bei mir. Es war Viktorins Jäger. „Um Jesus willen, gnädiger Herr,“
fing er an, „was ist im Schlosse vorgefallen, man schreit Mord! Schon
ist das Dorf im Aufruhr. -- Nun, was es auch sein mag, ein guter Geist
hat es mir eingegeben aufzupacken und aus dem Städtchen hierher zu
reiten; es ist alles im Felleisen auf Ihrem Pferde, gnädiger Herr,
denn wir werden uns doch wohl trennen müssen vorderhand, es ist gewiß
recht was Gefährliches geschehen, nicht wahr?“ -- Ich raffte mich
auf und mich aufs Pferd schwingend, bedeutete ich dem Jäger, in das
Städtchen zurückzureiten und dort meine Befehle zu erwarten. Sobald er
sich in der Finsternis entfernt hatte, stieg ich wieder vom Pferde und
leitete es behutsam in den dicken Tannenwald hinein, der sich vor mir
ausbreitete.




3. Abschnitt.

Die Abenteuer der Reise.


Als die ersten Strahlen der Sonne durch den finstern Tannenwald
brachen, befand ich mich an einem frisch und hell über glatte
Kieselsteine dahinströmenden Bach. Das Pferd, welches ich mühsam durch
das Dickicht geleitet stand ruhig neben mir und ich hatte nichts
Angelegentlicheres zu tun, als das Felleisen, womit es bepackt war, zu
untersuchen. -- Wäsche, Kleidungsstücke, ein mit Gold wohlgefüllter
Beutel fielen mir in die Hände. -- Ich beschloß, mich sogleich
umzukleiden; mit Hilfe der kleinen Schere und des Kamms den ich in
einem Besteck gefunden, verschnitt ich den Bart und brachte die Haare
so gut es gehen wollte in Ordnung. Ich warf die Kutte ab, in welcher
ich noch das kleine verhängnisvolle Messer, Viktorins Portefeuille
sowie die Korbflasche mit dem Rest des Teufels-Elixiers vorfand,
und bald stand ich da in weltlicher Kleidung mit der Reisemütze
auf dem Kopf, so daß ich mich selbst, als mir der Bach mein Bild
heraufspiegelte, kaum wieder erkannte. Bald war ich am Ausgange des
Waldes und der in der Ferne aufsteigende Dampf, sowie das helle
Glockengeläute, das zu mir herübertönte, ließen mich ein Dorf in
der Nahe vermuten. Kaum hatte ich die Anhöhe vor mir erreicht, als
ein freundliches, schönes Tal sich öffnete in dem ein großes Dorf
lag. Ich schlug den breiten Weg ein, der sich hinabschlängelte und
sobald der Abhang weniger steil wurde, schwang ich mich aufs Pferd
um soviel möglich mich an das mir ganz fremde Reiten zu gewöhnen. --
Die Kutte hatte ich in einen hohlen Baum verborgen und mit ihr all
die feindseligen Erscheinungen auf dem Schlosse in den finstern Wald
gebannt; denn ich fühlte mich froh und mutig und es war mir, als habe
nur meine überreizte Fantasie mir Viktorins blutige, gräßliche Gestalt
gezeigt und als wären die letzten Worte die ich den mir Verfolgenden
entgegenrief, wie in hoher Begeisterung, unbewußt, aus meinem Innern
hervorgegangen und hätten die wahre, geheime Beziehung des Zufalls, der
mich auf das Schloß brachte und das, was ich dort begann, herbeiführte,
deutlich ausgesprochen. -- Wie das waltende Verhängnis selbst trat ich
ein, den boshaften Frevel strafend und den Sünder in dem ihm bereiteten
Untergange entsündigend. Nur Aureliens holdes Bild lebte noch wie sonst
in mir und ich konnte nicht an sie denken, ohne meine Brust beengt, ja
physisch einen nagenden Schmerz in meinem Innern zu fühlen. -- Doch
war es mir, als müsse ich sie vielleicht in fernen Landen wiedersehen,
ja, als müsse sie, wie von unwiderstehlichem Drange hingerissen, von
unauflöslichen Banden an mich gekettet, mein werden. --

Ich bemerkte, daß die Leute welche mir begegneten, still standen und
mir verwundert nachsahen, ja, daß der Wirt im Dorfe vor Erstaunen über
meinen Anblick kaum Worte finden konnte, welches mich nicht wenig
ängstigte. Während daß ich mein Frühstück verzehrte und mein Pferd
gefüttert wurde, versammelten sich mehrere Bauern in der Wirtsstube,
die, mit scheuen Blicken mich anschielend, miteinander flüsterten.
-- Immer mehr drängte sich das Volk zu, und mich dicht umringend,
gafften sie mich an mit dummen Erstaunen. Ich bemühte mich, ruhig und
unbefangen zu bleiben und rief mir lauter Stimme den Wirt, den ich
befahl mein Pferd satteln und das Felleisen aufpacken zu lassen. Er
ging zweideutig lächelnd hinaus und kam bald darauf mit einem langen
Mann zurück, der mit finstrer Amtsmiene und komischer Gravität auf mich
zuschritt. Er faßte mich scharf ins Auge, ich erwiderte den Blick,
indem ich aufstand und mich dicht vor ihn stellte. Das schien ihn etwas
außer Fassung zu setzen, indem er sich scheu nach den versammelten
Bauern umsah. „Nun was ist es,“ rief ich, „Ihr scheint mir etwas sagen
zu wollen.“ Da räusperte sich der ernsthafte Mann und sprach, indem er
sich bemühte in den Ton seiner Stimme recht viel Gewichtiges zu legen.
„Herr! Ihr kommt nicht eher von hinnen, bis Ihr uns, dem Richter hier
am Orte umständlich gesagt, wer Ihr seid, mit allen Qualitäten, was
Geburt, Stand und Würde anbelangt, auch woher Ihr gekommen und wohin
Ihr zu reisen gedenkt, nach allen Qualitäten, der Lage des Orts, des
Namens, Provinz und Stadt und was weiter zu bemerken, und über das
alles müßt Ihr uns, dem Richter, einen Paß vorzeigen, geschrieben und
unterschrieben, untersiegelt nach allen Qualitäten, wie es recht ist
und gebräuchlich!“ -- Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß
es nötig sei irgend einen Namen anzunehmen und noch weniger war mir
eingefallen, daß das Sonderbare, Fremde meines Äußern -- welches durch
die Kleidung, der sich mein mönchischer Anstand nicht fügen wollte,
sowie durch die Spuren des übelverschnittenen Bartes erzeugt wurde --
mich jeden Augenblick in die Verlegenheit setzen würde, über meine
Person ausgeforscht zu werden. Die Frage des Dorfrichters kam mir daher
so unerwartet, daß ich vergebens sann, ihm irgend eine befriedigende
Antwort zu geben. Ich entschloß mich zu versuchen, was entschiedene
Keckheit bewirken würde und sagte mit fester Stimme: „Wer ich bin, habe
ich Ursache zu verschweigen und deshalb trachtet Ihr vergeblich meinen
Paß zu sehen, übrigens hütet Euch, eine Person von Stande mit Euren
läppischen Weitläufigkeiten nur einen Augenblick aufzuhalten.“ „Hoho!“
rief der Dorfrichter, indem er eine große Dose hervorzog, in die, als
er schnupfte, fünf Hände der hinter ihm stehenden Gerichtsschöppen
hineingriffen, gewaltige Prisen herausholend, „hoho, nur nicht so
barsch, gnädigster Herr! -- Ihre Exzellenz wird sich gefallen lassen
müssen, uns, dem Richter, Rede zu stehen und den Paß zu zeigen,
denn, nun gerade heraus gesagt, hier im Gebirge gibt es seit einiger
Zeit allerlei verdächtige Gestalten, die dann und wann aus dem Walde
gucken und wieder verschwinden wie der Gottseibeiuns selbst, aber es
ist verfluchtes Diebs- und Raubgesindel, die den Reisenden auflauern
und allerlei Schaden anrichten durch Mord und Brand, und Ihr, mein
gnädigster Herr, seht in der Tat so absonderlich aus, daß Ihr ganz
dem Bilde ähnlich seid, das die hochlöbliche Landesregierung von
einem großen Räuber und Hauptspitzbuben geschrieben und beschrieben
nach allen Qualitäten, an uns den Richter geschickt hat. Also nur
ohne alle weitere Umstände und zeremonische Worte den Paß oder in
den Turm!“ -- Ich sah, daß mit dem Mann +so+ nichts auszurichten
war, ich schickte mich daher an zu einem andern Versuch. „Gestrenger
Herr Richter,“ sprach ich, „wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet,
daß ich mit Euch allein sprechen dürfte, so wollte ich alle Eure
Zweifel leicht aufklären und im Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das
Geheimnis offenbaren, das mich in dem Aufzuge, der Euch so auffallend
dünkt, herführt.“ -- „Ha ha! Geheimnisse offenbaren,“ sprach der
Richter, „ich merke schon, was das sein wird; nun, geht nun hinaus,
ihr Leute, bewacht die Türe und die Fenster und laßt niemanden hinein
und heraus!“ -- Als wir allein waren, fing ich an: „Ihr seht in mir,
Herr Richter, einen unglücklichen Flüchtling, dem es endlich durch
seine Freunde glückte, einem schmachvollen Gefängnis und der Gefahr
auf ewig ins Kloster gesperrt zu werden, zu entgehen. Erlaßt mir die
näheren Umstände meiner Geschichte, die das Gewebe von Ränken und
Bosheiten einer rachsüchtigen Familie ist. Die Liebe zu einem Mädchen
niedern Standes war die Ursache meiner Leiden. In dem langen Gefängnis
war mir der Bart gewachsen und man hatte mir schon die Tonsur geben
lassen, wie Ihrs bemerken könnet, sowie ich auch in dem Gefängnisse in
dem ich schmachtete, in eine Mönchskutte gekleidet gehen mußte. Erst
nach meiner Flucht, hier im Walde, durfte ich mich umkleiden, weil
man mich sonst ereilt haben würde. Ihr merkt nun selbst, woher das
Auffallende in meinem Äußern rührt, das mich bei Euch in solch bösen
Verdacht gebracht hat. Einen Paß kann ich Euch, wie Ihr seht, nun
nicht vorzeigen, aber für die Wahrheit meiner Behauptungen habe ich
gewisse Gründe, die Ihr wohl für richtig anerkennen werdet.“ -- Mit
diesen Worten zog ich den Geldbeutel hervor, legte drei blanke Dukaten
auf den Tisch und der gravitätische Ernst des Herrn Richters verzog
sich zum schmunzelnden Lächeln. „Eure Gründe, mein Herr,“ sagte er,
„sind gewiß einleuchtend genug, aber nehmt es nicht übel, mein Herr,
es fehlt ihnen noch eine gewisse überzeugende Gleichheit nach allen
Qualitäten! Wenn Ihr wollt, daß ich das Ungerade für gerade nehmen
soll, so müssen Eure Gründe auch so beschaffen sein.“ -- Ich verstand
den Schelm und legte noch einen Dukaten hinzu. „Nun sehe ich,“ sprach
der Richter, „daß ich Euch mit meinem Verdacht unrecht getan habe;
reiset nur weiter, aber schlagt, wie Ihr es wohl gewohnt sein möget,
hübsch die Nebenwege ein, haltet Euch von der Heerstraße ab, bis Ihr
Euch des verdächtigen Äußeren ganz entledigt.“ -- Er öffnete die Türe
nun weit und rief laut der versammelten Menge entgegen. „Der Herr da
drinnen ist ein vornehmer Herr, nach allen Qualitäten, er hat sich uns,
dem Richter, in einer geheimen Audienz entdeckt, er reiset inkognito,
das heißt, unbekannterweise, und daß ihr alle davon nichts zu wissen
und zu vernehmen braucht, ihr Schlingel! -- Nun, glückliche Reise,
gnäd’ger Herr!“ Die Bauern zogen ehrfurchtsvoll schweigend die Mützen
ab als ich mich auf das Pferd schwang. Rasch wollte ich durch das Tor
sprengen, aber das Pferd fing an sich zu bäumen, meine Unwissenheit,
meine Ungeschicklichkeit im Reiten versagte mir jedes Mittel es von der
Stelle zu bringen, im Kreise drehte es sich mit mir herum und warf mich
endlich, unter dem schallenden Gelächter der Bauern, dem herbeieilenden
Richter und dem Wirte in die Arme. „Das ist ein böses Pferd!“ sagte der
Richter mit unterdrücktem Lachen. -- „Ein böses Pferd!“ wiederholte
ich, mir den Staub abklopfend. Sie halfen mir wieder herauf, aber von
neuem bäumte sich schnaubend und prustend das Pferd, durchaus war es
nicht durch das Tor zu bringen. Da rief ein alter Bauer. „Ei seht doch,
da sitzt ja das Zeterweib, die alte Liese, an dem Tor und läßt den
gnädigen Herrn nicht fort aus Schabernack, weil er ihr keinen Groschen
gegeben.“ -- Nun erst fiel mir ein altes, zerlumptes Bettelweib ins
Auge, die dicht am Torwege niedergekauert saß und mich mit wahnsinnigen
Blicken anlachte. „Will die Zeterhexe gleich aus dem Wege!“ schrie
der Richter, aber die Alte kreischte: „Der Blutbruder hat mir keinen
Groschen gegeben, seht ihr nicht den toten Menschen vor mir liegen?
Über den kann der Blutbruder nicht wegspringen, der tote Mensch richtet
sich auf, aber ich drücke ihn nieder, wenn mir der Blutbruder einen
Groschen gibt.“ Der Richter hatte das Pferd bei dem Zügel ergriffen und
wollte es, ohne auf das wahnwitzige Geschrei der Alten zu achten, durch
das Tor ziehen, vergeblich war indessen alle Anstrengung, und die Alte
schrie gräßlich dazwischen: „Blutbruder, Blutbruder, gib mir Groschen,
gib mir Groschen!“ Da griff ich in die Tasche und warf ihr Geld in den
Schoß und jubelnd und jauchzend sprang die Alte auf in die Lüfte und
schrie: „Seht die schönen Groschen die mir der Blutbruder gegeben, seht
die schönen Groschen!“ Aber mein Pferd wieherte laut und kurbettierte,
von dem Richter losgelassen, durch das Tor. „Nun geht es gar schön und
herrlich mit dem Reiten, gnädiger Herr, nach allen Qualitäten,“ sagte
der Richter, und die Bauern, die mir bis vors Tor nachgelaufen, lachten
noch einmal über die Maßen, als sie mich unter den Sprüngen des muntern
Pferdes so auf und nieder fliegen sahen und riefen: „Seht doch, seht
doch, der reitet wie ein Kapuziner!“ --

Der ganze Vorfall im Dorfe, vorzüglich die verhängnisvollen Worte des
wahnsinnigen Weibes hatten mich nicht wenig aufgeregt. Die vornehmsten
Maßregeln die ich jetzt zu ergreifen hatte, schienen mir bei der
ersten Gelegenheit alles Auffallende aus meinem Äußern zu verbannen
und mir irgend einen Namen zu geben, mit dem ich mich ganz unbemerkt
in die Masse der Menschen eindrängen könne. -- Das Leben lag vor
mir wie ein finstres, undurchschauliches Verhängnis, was konnte ich
anders tun, als mich in meiner Verbannung ganz den Wellen des Stroms
überlassen, der mich unaufhaltsam dahinriß. Alle Faden, die mich sonst
an bestimmte Lebensverhältnisse banden, waren zerschnitten, und daher
kein Halt für mich zu finden. Immer lebendiger und lebendiger wurde
die Heerstraße, und alles kündigte schon in der Ferne die reiche,
lebhafte Handelsstadt an, der ich mich jetzt näherte. In wenigen
Tagen lag sie mir vor Augen; ohne gefragt, ja ohne einmal eben genau
betrachtet zu werden, ritt ich in die Vorstadt hinein. Ein großes Haus
mit hellen Spiegelfenstern, über dessen Türe ein goldner, geflügelter
Löwe prangte, fiel mir in die Augen. Eine Menge Menschen wogte hinein
und hinaus, Wagen kamen und fuhren ab, aus den untern Zimmern schallte
mir Gelächter und Gläserklang entgegen. Kaum hielt ich an der Türe,
als geschäftig der Hausknecht herbeisprang, mein Pferd bei dem Zügel
ergriff und es, als ich abgestiegen, hineinführte. Der zierlich
gekleidete Kellner kam mit dem klappernden Schlüsselbunde und schritt
mir voran die Treppe hinauf; als wir uns im zweiten Stock befanden, sah
er mich noch einmal flüchtig an und führte mich dann noch eine Treppe
höher, wo er ein mäßiges Zimmer öffnete und mich dann höflich frug,
was ich vorderhand befehle, um zwei Uhr würde gespeiset im Saal Nr. 10
erster Stock usw. „Bringen Sie mir eine Flasche Wein!“ Das war in der
Tat das erste Wort, das ich der dienstfertigen Geschäftigkeit dieser
Leute einschieben konnte.

Kaum war ich allein als es klopfte und ein Gesicht zur Türe hereinsah,
das einer komischen Maske glich, wie ich sie wohl ehemals gesehen. Eine
spitze rote Nase, ein paar kleine, funkelnde Augen, ein langes Kinn
und dazu ein aufgetürmtes, gepudertes Toupet, das, wie ich nachher
wahrnahm, ganz unvermuteterweise hinten in einen Titus ausging, ein
großes Jabot, ein brennend rotes Gilet, unter dem zwei starke Uhrketten
hervorhingen, Pantalons, ein Frack, der manchmal zu enge, dann aber
auch wieder zu weit war, kurz mit Konsequenz überall nicht paßte! --
So schritt die Figur in der Krümmung des Bücklings, der in der Türe
begonnen, herein, Hut, Schere und Kamm in der Hand, sprechend: „Ich bin
der Friseur des Hauses und biete meine Dienste, meine unmaßgeblichen
Dienste gehorsamst an.“ -- Die kleine, winddürre Figur hatte so etwas
Possierliches, daß ich das Lachen kaum unterdrücken konnte. Doch war
mir der Mann willkommen und ich stand nicht an ihn zu fragen, ob er
sich getraue, meine durch die lange Reise und noch dazu durch übles
Verschneiden ganz in Verwirrung geratenen Haare in Ordnung zu bringen.
Er sah meinen Kopf mit kunstrichterlichen Augen an und sprach,
indem er die rechte Hand, graziös gekrümmt, mit ausgespreizten Fingern
auf die rechte Brust legte: „In Ordnung bringen? -- O Gott! Pietro
Belcampo, du, den die schnöden Neider schlechtweg Peter Schönfeld
nennen, wie den göttlichen Regimentspfeifer und Hornisten Giacomo
Punto, Jakob Stich, du wirst verkannt. Aber stellst du nicht selbst
dein Licht unter den Scheffel, statt es leuchten zu lassen vor der
Welt? Sollte der Bau dieser Hand, sollte der Funke des Genies der aus
diesem Auge strahlt und wie ein lieblich Morgenrot die Nase färbt
im Vorbeistreifen, sollte dein ganzes Wesen nicht dem ersten Blick
des Kenners verraten, daß der Geist dir einwohnt, der nach dem Ideal
strebt? -- In Ordnung bringen! -- ein kaltes Wort, mein Herr!“ --

[Illustration]

Ich bat den wunderlichen, kleinen Mann, sich nicht zu ereifern,
indem ich seiner Geschicklichkeit alles zutraue. „Geschicklichkeit?“
fuhr er in einem Eifer fort, „was ist Geschicklichkeit? -- Sie ist
fremd dem Pietro Belcampo, den die Kunst, die heilige, durchdringt.
-- Die Kunst, mein Herr, die Kunst! -- Meine Fantasie irrt in dem
wunderbaren Lockenbau, in dem künstlichen Gefüge, das der Zephirhauch
in Wellenzirkeln baut und zerstört. -- Sie verstehen mich, mein Herr,
denn Sie scheinen mir ein denkender Kopf, wie ich aus dem Löckchen
schließe, das sich rechter Hand über Dero verehrte Stirn gelegt.“ --
Ich versicherte, daß ich ihn vollkommen verstände, und indem mich die
ganz originelle Narrheit des Kleinen höchlich ergötzte, beschloß ich,
seine gerühmte Kunst in Anspruch nehmend, seinen Eifer, seinen Pathos
nicht im mindesten zu unterbrechen. „Was gedenken Sie denn,“ sagte
ich, „aus meinen verworrenen Haaren herauszubringen?“ -- „Alles was
Sie wollen,“ erwiderte der Kleine, „soll Pietro Belcampo des Künstlers
Rat aber etwas vermögen, so lassen Sie mich erst in den gehörigen
Weiten, Breiten und Längen, Ihr wertes Haupt, Ihre ganze Gestalt, Ihren
Gang, Ihre Mienen, Ihr Gebärdenspiel betrachten, dann werde ich sagen,
ob Sie sich mehr zum Antiken oder zum Romantischen, zum Heroischen,
Großen, Erhabenen, zum Naiven, zum Idyllischen, zum Spöttischen, zum
Humoristischen hinneigen; dann werde ich die Geister des Caracalla,
des Titus, Karls des Großen, Heinrich des Vierten, Gustav Adolfs oder
Virgils, Tassos, Boccaccios, heraufbeschwören. -- Von ihnen beseelt
zucken die Muskeln meiner Finger, und unter der sonoren, zwitschernden
Schere geht das Meisterstück hervor. Ich werde es sein, mein Herr, der
Ihre Charakteristik, wie sie sich aussprechen soll im Leben, vollendet.
Aber jetzt bitte ich die Stube einigemal auf und ab zu schreiten, ich
will beobachten, bemerken, anschauen, ich bitte!“

Dem wunderlichen Manne mußte ich mich wohl fügen, ich schritt daher
wie er gewollt, die Stube auf und ab, indem ich mir alle Mühe gab, den
gewissen mönchischen Anstand, den keiner ganz abzulegen vermag, ist er
auch noch so lange her, daß er das Kloster verlassen, zu verbergen. Der
Kleine betrachtete mich aufmerksam, dann aber fing er an, um mich her
zu trippeln, er seufzte und ächzte, er zog sein Schnupftuch hervor und
wischte sich die Schweißtropfen von der Stirne. Endlich stand er still
und ich frug ihn, ob er nun mit sich einig worden, wie er mein Haar
behandeln müsse. Da seufzte er und sprach: „Ach, mein Herr, was ist
denn das? -- Sie haben sich nicht Ihrem natürlichen Wesen überlassen,
es war ein Zwang in dieser Bewegung, ein Kampf streitender Naturen.
Noch ein paar Schritte, mein Herr!“ -- Ich schlug es ihm rund ab, mich
noch einmal zur Schau zu stellen, indem ich erklärte, daß wenn er nun
sich nicht entschließen könne, mein Haar zu verschneiden, ich darauf
verzichten müsse seine Kunst in Anspruch zu nehmen. „Begrabe dich,
Pietro,“ rief der Kleine in vollem Eifer, „denn du wirst verkannt
in dieser Welt, wo keine Treue ist, keine Aufrichtigkeit mehr zu
finden. Aber Sie sollen doch meinen Blick, der in die Tiefe schaut,
bewundern, ja den Genius in mir verehren, mein Herr! Vergebens suchte
ich lange all das Widersprechende, was in Ihrem ganzen Wesen, in Ihren
Bewegungen liegt, zusammenzufügen. Es liegt in Ihrem Gange etwas, das
auf einen Geistlichen hindeutet. ~Ex profundis clamavi ad te Domine
-- Oremus -- Et in omnia saecula saeculorum Amen!~“ -- Diese Worte
sang der Kleine mit heisrer, quäkender Stimme, indem er mit treuster
Wahrheit, Stellung und Gebärde der Mönche nachahmte. Er drehte sich
wie vor dem Altar, er kniete und stand wieder auf, aber nun nahm er
einen stolzen, trotzigen Anstand an, er runzelte die Stirn, er riß die
Augen auf und sprach: „Mein ist die Welt! -- Ich bin reicher, klüger,
verständiger als ihr alle, ihr Maulwürfe; beugt euch vor mir! Sehen
Sie, mein Herr, sagte der Kleine, das sind die Hauptingredienzien Ihres
äußern Anstandes, und wenn Sie es wünschen, so will ich, Ihre Züge,
Ihre Gestalt, Ihre Sinnesart beachtend, etwas Caracalla, Abälard und
Boccaz zusammengießen, und so in der Glut, Form und Gestalt bindend,
den wunderbaren antik-romantischen Bau ätherischer Locken und Löckchen
beginnen.“ -- Es lag so viel Wahres in der Bemerkung des Kleinen, daß
ich es für geraten hielt, ihm zu gestehen, wie ich in der Tat geistlich
gewesen und schon die Tonsur erhalten, die ich jetzt soviel möglich zu
verstecken wünsche.

Unter seltsamen Sprüngen, Grimassen und wunderlichen Reden bearbeitete
der Kleine mein Haar. Bald sah er finster und mürrisch aus, bald
lächelte er, bald stand er in athletischer Stellung, bald erhob er
sich auf den Fußspitzen, kurz es war mir kaum möglich, nicht noch
mehr zu lachen als schon wider meinen Willen geschah. -- Endlich war
er fertig und ich bat ihn, noch ehe er in Worte ausbrechen konnte,
die ihm schon auf der Zunge schwebten, mir jemanden heraufzuschicken,
der sich, ebenso wie er des Haupthaars, meines verwirrten Barts
annehmen könnte. Da lächelte er ganz seltsam, schlich auf den Zehen
zur Stubentür und verschloß sie. Dann trippelte er leise bis mitten
ins Zimmer und sprach: „Goldne Zeit, als noch Bart und Haupthaar in
einer Lockenfülle sich zum Schmuck des Mannes ergoß, und die süße
Sorge +eines+ Künstlers war. -- Aber du bist dahin! -- der Mann hat
seine schönste Zierde verworfen und eine schändliche Klasse hat sich
hingegeben, den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die Haut
zu vertilgen. -- Es gibt Pietros, die euerm schmachvollen Treiben, die
Bärte auszurotten, noch das zu retten suchen, was sich über die Wellen
der Zeit erhebt. Ha, Pietro! zeige, welcher Geist dir einwohnt, ja, was
du für die Kunst zu unternehmen bereit bist, indem du herabsteigst zum
unleidlichen Geschäft der Bartkratzer.“ -- Unter diesen Worten hatte
der Kleine ein vollständiges Barbierzeug hervorgehoben und fing an,
mich mit leichter geübter Hand von meinem Barte zu befreien. Wirklich
ging ich aus seinen Händen ganz anders gestaltet hervor, und es
bedurfte nur noch anderer, weniger ins Auge fallender Kleidungsstücke,
um mich der Gefahr zu entziehen, wenigstens durch mein Äußeres eine
mir gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen. Der Kleine stand, in
inniger Zufriedenheit mich anlächelnd, da. Ich sagte ihm, daß ich
ganz unbekannt in der Stadt wäre, und daß es mir angenehm sein würde,
mich bald nach der Sitte des Orts kleiden zu können. Ich drückte ihm
für seine Bemühung und um ihn aufzumuntern, meinen Kommissionär zu
machen, einen Dukaten in die Hand. Er war wie verklärt, er beäugelte
die Dukaten in der flachen Hand. „Wertester Gönner und Mäzen,“ fing er
an, „ich habe mich nicht in Ihnen betrogen, der Geist leitete meine
Hand, und im Adlerflug des Backenbarts sind Ihre hohen Gesinnungen
rein ausgesprochen. Ich habe einen Freund, einen Damon, einen Orest,
der das am Körper vollendet, was ich am Haupt begonnen, mit demselben
tiefen Sinn, mit demselben Genie. Sie merken, mein Herr, daß es ein
Kostümkünstler ist, denn so nenne ich ihn, statt des gewöhnlichen
trivialen Ausdrucks +Schneider+. -- Er hüpfte schnell von dannen und
erschien bald mit einem großen, starken, anständig gekleideten Manne
wieder, der gerade den Gegensatz des Kleinen machte, sowohl im Äußern,
als in seinem ganzen Wesen, und den er mir doch eben als seinen Damon
vorstellte. -- Damon maß mich mit den Augen und suchte dann selbst aus
dem Paket, das ihm ein Bursch nachgetragen, Kleidungsstücke heraus,
die den Wünschen, welche ich ihm eröffnet, ganz entsprachen. Ja, erst
in der Folge habe ich den feinen Takt des Kostümkünstlers, wie ihn
der Kleine preziös nannte, eingesehen, der in dem Sinn durchaus nicht
aufzufallen, sondern unbemerkt und doch beim Bekanntwerden geachtet,
ohne Neugierde über Stand, Gewerbe usw. zu erregen, zu wandeln, so
richtig wählte. Es ist in der Tat schwer, sich so zu kleiden, daß der
gewisse allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung, man
treibe dies oder jenes Gewerbe, nicht aufkommen läßt, ja daß niemand
daran denkt, darauf zu sinnen. Das Kostüm des Weltbürgers wird wohl nur
durch das Negative bedingt, und läuft ungefähr darauf hinaus, was man
das gebildete Benehmen heißt, das auch mehr im Unterlassen als im Tun
liegt. -- Der Kleine ergoß sich noch in allerlei sonderbaren grotesken
Redensarten, ja, da ihm vielleicht wenige so williges Ohr verliehen
als ich, schien er überglücklich, sein Licht recht leuchten lassen
zu können. -- Damon, ein ernster, und wie mir schien verständiger
Mann, schnitt ihm aber plötzlich die Rede ab, indem er ihn bei der
Schulter faßte und sprach. „Schönfeld! du bist heute wieder einmal
recht im Zuge tolles Zeug zu schwatzen; ich wette, daß dem Herrn
schon die Ohren wehe tun, von all dem Unsinn, den du vorbringst.“ --
Belcampo ließ traurig sein Haupt sinken, aber dann ergriff er schnell
den bestaubten Hut und rief laut, indem er zur Türe hinaussprang: „So
werd ich prostituiert von meinen besten Freunden.“ -- Damon sagte,
indem er sich mir empfahl: „Es ist ein Hasenfuß ganz eigner Art,
dieser Schönfeld! -- Das viele Lesen hat ihn halb verrückt gemacht,
aber sonst ein gutmütiger Mensch und in seinem Metier geschickt,
weshalb ich ihn leiden mag, denn leistet man recht viel wenigstens in
+einer+ Sache, so kann man sonst wohl etwas weniges über die Schnur
hauen.“ -- Als ich allein war, fing ich vor dem großen Spiegel, der
im Zimmer aufgehängt war, eine förmliche Übung im Gehen an. Der
kleine Friseur hatte mir einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den
Mönchen ist eine gewisse schwerfällige, ungelenke Geschwindigkeit im
Gehen eigen, die durch die lange Kleidung, welche die Schritte hemmt
und durch das Streben, sich schnell zu bewegen, wie es der Kultus
erfordert, hervorgebracht wird. Ebenso liegt in dem zurückgebeugten
Körper und in dem Tragen der Arme, die niemals herunterhängen dürfen,
da der Mönch die Hände, wenn er sie nicht faltet, in die weiten Ärmel
der Kutte steckt, etwas so Charakteristisches, das dem Aufmerksamen
nicht leicht entgeht. Ich versuchte dies alles abzulegen, um jede
Spur meines Standes zu verwischen. Nur darin fand ich Trost für mein
Gemüt, daß ich mein ganzes Leben, als ausgelebt möcht ich sagen, als
überstanden ansah, und nun in ein neues Sein so eintrat, als belebe
ein geistiges Prinzip die neue Gestalt, von der überhaupt selbst die
Erinnerung ehemaliger Existenz immer schwächer und schwächer werdend,
endlich ganz unterginge. Das Gewühl der Menschen, der fortdauernde Lärm
des Gewerbes, das sich auf den Straßen rührte, alles war mir neu und
ganz dazu geeignet, die heitre Stimmung zu erhalten, in die mich der
komische Kleine versetzt. In meiner neuen anständigen Kleidung wagte
ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel und jede Scheu verschwand,
als ich wahrnahm, daß mich niemand bemerkte, ja daß mein nächster
Nachbar sich nicht einmal die Mühe gab mich anzuschauen, als ich mich
neben ihn setzte. In der Fremdenliste hatte ich, meiner Befreiung durch
den Prior gedenkend, mich Leonhard genannt und für einen Privatmann
ausgegeben, der zu seinem Vergnügen reise. Dergleichen Reisende mochte
es in der Stadt gar viele geben, und umsoweniger veranlaßte ich
weitere Nachfrage. -- Es war mir ein eignes Vergnügen, die Straßen
zu durchstreifen und mich an dem Anblick der reichen Kaufladen, der
ausgehängten Bilder und Kupferstiche zu ergötzen. Abends besuchte ich
die öffentlichen Spaziergänge, wo mich oft meine Abgeschiedenheit
mitten im lebhaftesten Gewühl der Menschen mit bittern Empfindungen
erfüllte. -- Von niemandem gekannt zu sein, in niemandes Brust die
leiseste Ahnung vermuten zu können, wer ich sei, welch ein wunderbares,
merkwürdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen, ja was ich alles
in mir selbst verschließe, so wohltätig es mir in meinem Verhältnis
sein mußte, hatte doch für mich etwas wahrhaft Schauerliches, indem
ich mir selbst dann vorkam, wie ein abgeschiedener Geist, der noch
auf Erden wandle, da alles ihm sonst im Leben Befreundete längst
gestorben. Dachte ich daran, wie ehemals den berühmten Kanzelredner
alles freundlich und ehrfurchtsvoll grüßte, wie alles nach seiner
Unterhaltung, ja nach ein paar Worten von ihm geizte, so ergriff mich
bittere Unmut. -- Aber jener Kanzelredner war der Mönch Medardus, der
ist gestorben und begraben in den Abgründen des Gebirges, ich bin es
nicht, denn ich lebe, ja mir ist erst jetzt das Leben neu aufgegangen,
das mir seine Genüsse bietet. -- So war es mir, wenn Träume mir die
Begebenheiten im Schlosse wiederholten, als wären sie einem anderen,
nicht mir, geschehen; dieser andere war doch wieder der Kapuziner, aber
nicht ich selbst. Nur der Gedanke an Aurelien verknüpfte noch mein
voriges Sein mit dem jetzigen, aber wie ein tiefer nie zu verwindender
Schmerz tötete er oft die Lust, die mir aufgegangen, und ich wurde
dann plötzlich herausgerissen aus den bunten Kreisen, womit mich immer
mehr das Leben umfing. -- Ich unterließ nicht, die vielen öffentlichen
Häuser zu besuchen, in denen man trank, spielte usw. und vorzüglich
war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden, in dem
sich, des guten Weins wegen, jeden Abend eine zahlreiche Gesellschaft
versammelte. -- An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer dieselben
Personen, ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich. Es gelang mir
den Männern, die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten, näher zu
treten, indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden
meinen Wein trank, endlich irgend eine interessante literarische Notiz,
nach der sie vergebens suchten, mitteilte, und so einen Platz am Tische
erhielt, den sie mir umso lieber einräumten, als ihnen mein Vortrag
sowie meine mannigfachen Kenntnisse, die ich, täglich mehr eindringend
in all die Zweige der Wissenschaft, die mir bisher unbekannt bleiben
mußten, erweiterte, zusagten. So erwarb ich mir eine Bekanntschaft, die
mir wohl tat, und mich immer mehr und mehr an das Leben in der Welt
gewöhnend, wurde meine Stimmung täglich unbefangener und heitrer; ich
schliff all die rauhen Ecken ab, die mir von meiner vorigen Lebensweise
übrig geblieben. --

Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft, die ich besuchte,
viel von einem fremden Maler, der angekommen und eine Ausstellung
seiner Gemälde veranstaltet habe: Alle außer mir hatten die Gemälde
schon gesehen und rühmten ihre Vortrefflichkeit so sehr, daß ich
mich entschloß auch hinzugehen. Der Maler war nicht zugegen als
ich in den Saal trat, doch machte ein alter Mann den Cicerone und
nannte die Meister der fremden Gemälde, die der Maler zugleich mit
den seinigen ausgestellt. -- Es waren herrliche Stücke, mehrenteils
Originale berühmter Meister, deren Anblick mich entzückte. -- Bei
manchen Bildern, die der Alte flüchtige, großen Freskogemälden
entnommene Kopien nannte, dämmerten in meiner Seele Erinnerungen aus
meiner frühsten Jugend auf. -- Immer deutlicher und deutlicher, immer
lebendiger erglühten sie in regen Farben. Es waren offenbar Kopien aus
der heiligen Linde. So erkannte ich auch bei einer heiligen Familie
in Josephs Zügen ganz das Gesicht jenes fremden Pilgers, der mir den
wunderbaren Knaben brachte. Das Gefühl der tiefsten Wehmut durchdrang
mich, aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren, als
mein Blick auf ein lebensgroßes Porträt fiel, in dem ich die Fürstin,
meine Pflegemutter, erkannte. Sie war herrlich und mit jener im
höchsten Sinn aufgefaßten Ähnlichkeit, wie Van Dyk seine Porträts
malte, in der Tracht, wie sie in der Prozession am Bernardustage vor
den Nonnen einherzuschreiten pflegte, gemalt. Der Maler hatte gerade
den Moment ergriffen, als sie nach vollendetem Gebet sich anschickt,
aus ihrem Zimmer zu treten, um die Prozession zu beginnen, auf welche
das versammelte Volk in der Kirche, die sich in der Perspektive des
Hintergrundes öffnet, erwartungsvoll harrt. In dem Blick der herrlichen
Frau lag ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemüts, ach
es war, als schien sie Vergebung für den frevelnden, frechen Sünder
zu erflehen, der sich gewaltsam von ihrem Mutterherzen losgerissen
und dieser Sünder war ja ich selbst! Gefühle, die mir längst fremd
worden, durchströmten meine Brust, eine unaussprechliche Sehnsucht
riß mich fort, ich war wieder bei dem guten Pfarrer im Dorfe des
Cisterzienserklosters, ein muntrer, unbefangener, froher Knabe, vor
Lust jauchzend, weil der Bernardustag gekommen. Ich sah sie. -- Bist
du recht fromm und gut gewesen, Franziskus? frug sie mit der Stimme,
deren vollen Klang die Liebe dämpfte, daß sie weich und lieblich zu
mir herübertönte. -- Bist du recht fromm und gut gewesen? Ach, was
konnte ich ihr antworten? -- Frevel auf Frevel habe ich gehäuft, dem
Bruch des Gelübdes folgte der Mord! -- Von Gram und Reue zerfleischt
sank ich halb ohnmächtig auf die Knie, Tränen entstürzten meinen Augen.
-- Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig: „Was ist
Ihnen, was ist Ihnen, mein Herr?“ -- Das Bild der Äbtissin ist meiner
eines grausamen Todes gestorbenen Mutter so ähnlich, sagte ich dumpf
in mich hinein und suchte, indem ich aufstand, soviel Fassung als
möglich zu gewinnen. „Kommen Sie, mein Herr!“ sagte der Alte, „solche
Erinnerungen sind zu schmerzhaft, man darf sie vermeiden, es ist noch
ein Porträt hier, welches mein Herr für sein bestes hält. Das Bild ist
nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet, wir haben es verhängt
damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz eingetrockneten
Farben verderbe.“ -- Der Alte stellte mich sorglich in das gehörige
Licht und zog dann schnell den Vorhang weg. -- Es war Aurelie! -- Mich
ergriff ein Entsetzen, das ich kaum zu bekämpfen vermochte. -- Aber
ich erkannte die Nähe des Feindes, der mich in die wogende Flut der
ich kaum entronnen, gewaltsam hineindrängen, mich vernichten wollte,
und mir kam der Mut wieder, mich aufzulehnen gegen das Ungetüm, das in
geheimnisvollem Dunkel auf mich einstürmte. --

Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize, die aus dem in
regem Leben glühenden Bilde hervorstrahlten. -- Der kindliche milde
Blick des frommen Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders
anzuklagen, aber jedes Gefühl der Reue erstarb in dem bittern,
feindlichen Hohn, der, in meinem Innern aufkeimend, mich wie mit
giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. -- Nur
+das+ peinigte mich, daß in jener verhängnisvollen Nacht auf dem
Schlosse Aurelie nicht mein worden. Hermogens Erscheinung vereitelte
das Unternehmen, aber er büßte mit dem Tode! -- Aurelie lebt, und das
ist genug, der Hoffnung Raum zu geben, sie zu besitzen! -- Ja, es ist
gewiß, daß sie noch mein wird, denn das Verhängnis waltet, dem sie
nicht entgehen kann; und bin ich nicht selbst dieses Verhängnis?

So ermutigte ich mich zum Frevel, indem ich das Bild anstarrte. Der
Alte schien über mich verwundert. Er kramte viel Worte aus über
Zeichnung, Ton, Kolorit, ich hörte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie,
die Hoffnung, die nur aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen,
erfüllte mich so ganz und gar, daß ich forteilte ohne nach dem fremden
Maler zu fragen, und so vielleicht näher zu erforschen, was für eine
Bewandtnis es mit den Gemälden habe könne, die wie in einem Zyklus
Andeutungen über mein ganzes Leben enthielten. -- Um Aureliens Besitz
war ich entschlossen alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst
über die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend,
niemals zu befürchten, und daher auch niemals zu wagen haben könne. Ich
brütete über allerlei Pläne und Entwürfe meinem Ziele näher zu kommen,
vorzüglich glaubte ich nun, von dem fremden Maler manches zu erfahren
und manche mir fremde Beziehung zu erforschen, die mir zu wissen, als
Vorbereitung zu meinem Zweck, nötig sein konnte. Ich hatte nämlich
nichts Geringeres im Sinn, als in meiner jetzigen neuen Gestalt auf das
Schloß zurückzukehren, und das schien mir nicht einmal ein sonderlich
kühnes Wagstück zu sein. -- Am Abend ging ich in jene Gesellschaft; es
war mir darum zu tun, der immer steigenden Spannung meines Geistes,
dem ungezähmten Arbeiten meiner aufgeregten Fantasie Schranken zu
setzen. --

Man sprach viel von den Gemälden des fremden Malers und vorzüglich von
dem seltnen Ausdruck, den er seinen Porträts zu geben wüßte; es war mir
möglich in dies Lob einzustimmen und mit einem besonderen Glanz des
Ausdrucks, der nur der Reflex der höhnenden Ironie war, die in meinem
Innern wie verzehrendes Feuer brannte, die unnennbaren Reize, die über
Aureliens frommes, engelschönes Gesicht verbreitet, zu schildern.
Einer sagte, daß er den Maler, den die Vollendung mehrerer Porträts,
die er angefangen, noch am Orte festhielte, und der ein interessanter,
herrlicher Künstler, wiewohl schon ziemlich bejahrt sei, morgen abend
in die Gesellschaft mitbringen wolle.

Von seltsamen Gefühlen, von unbekannten Ahnungen bestürmt, ging ich
den andern Abend, später als gewöhnlich, in die Gesellschaft; der
Fremde saß mit mir zugekehrtem Rücken am Tische. Als ich mich setzte,
als ich ihn erblickte, da starrten mir die Züge jenes fürchterlichen
Unbekannten entgegen, der am Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt
stand, und mich mit Angst und Entsetzen erfüllte. -- Er sah mich lange
an mit tiefem Ernst, aber die Stimmung, in der ich mich befand, seitdem
ich Aureliens Bild geschaut hatte, gab mir Mut und Kraft diesen Blick
zu ertragen. Der Feind war nun sichtlich ins Leben getreten, und es
galt, den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen. Ich beschloß, den
Angriff abzuwarten, aber dann ihn mit den Waffen, auf deren Stärke ich
bauen konnte, zurückzuschlagen. Der Fremde schien mich nicht sonderlich
zu beachten, sondern setzte, den Blick wieder von mir abwendend, das
Kunstgespräch fort, in dem er begriffen gewesen, als ich eintrat. Man
kam auf seine Gemälde und lobte vorzüglich Aureliens Porträt. Jemand
behauptete, daß das Bild, unerachtet es sich auf den ersten Blick als
Porträt ausspreche, doch als Studie dienen und zu irgend einer Heiligen
benutzt werden könne. -- Man frug nach meinem Urteil, da ich eben jenes
Bild so herrlich mit allen seinen Vorzügen in Worten dargestellt, und
unwillkürlich fuhr es mir heraus, daß ich die heilige Rosalia mir nicht
wohl anders denken könne, als eben so wie das Porträt der Unbekannten.
Der Maler schien meine Worte kaum zu bemerken, indem er sogleich
einfiel: „In der Tat ist jenes Frauenzimmer, die das Porträt getreulich
darstellt, eine fromme Heilige, die im Kampfe sich zum Himmlischen
erhebt. Ich habe sie gemalt, als sie, von dem entsetzlichen Jammer
ergriffen, doch in der Religion Trost, und von dem ewigen Verhängnis,
das über den Wolken thront, Hilfe hoffte; und den Ausdruck dieser
Hoffnung, die nur in dem Gemüt wohnen kann, das sich über das Irdische
hoch erhebt, habe ich dem Bilde zu geben gesucht.“ -- Man verlor sich
in andere Gespräche, der Wein, der heute, dem fremden Maler zu Ehren,
in bessrer Sorte und reichlicher getrunken wurde als sonst, erheiterte
die Gemüter. Jeder wußte irgend etwas Ergötzliches zu erzählen, und
wiewohl der Fremde nur im Innern zu lachen, und dies innere Lachen sich
nur im Auge abzuspiegeln schien, so wußte er doch, oft nur durch ein
paar hineingeworfene kräftige Worte, das Ganze in besonderem Schwunge
zu erhalten. -- Konnte ich auch, so oft mich der Fremde ins Auge faßte,
ein unheimliches, grauenhaftes Gefühl nicht unterdrücken, so überwand
ich doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung, von der ich
erst ergriffen, als ich den Fremden erblickte. Ich erzählte von dem
possierlichen Belcampo, den alle kannten, und wußte zu ihrer Freude
seine fantastische Hasenfüßigkeit recht ins grelle Licht zu stellen,
so daß ein recht gemütlicher, dicker Kaufmann, der mir gegenüber zu
sitzen pflegte, mit vor Lachen tränenden Augen versicherte, das sei
seit langer Zeit der vergnügteste Abend, den er erlebe. Als das Lachen
endlich zu verstummen anfing, frug der Fremde plötzlich. „Haben Sie
schon den Teufel gesehen, meine Herren? -- Man hielt die Frage für die
Einleitung zu irgend einem Schwank und versicherte allgemein, daß man
noch nicht die Ehre gehabt; da fuhr der Fremde fort: „Nun, es hätte
wenig gefehlt, so wäre ich zu der Ehre gekommen, und zwar auf dem
Schlosse des Barons F. im Gebirge.“ -- Ich erbebte, aber die andern
riefen lachend, nur weiter, weiter! „Sie kennen,“ nahm der Fremde
wieder das Wort, „wohl alle wahrscheinlich, wenn Sie die Reise durch
das Gebirge machten, jene wilde, schauerliche Gegend, in der, wenn der
Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die hohen Felsenmassen tritt,
sich ihm ein tiefer, schwarzer Abgrund öffnet. Es ist der sogenannte
Teufelsgrund, und oben ragt ein Felsenstück hervor, welches den
sogenannten Teufelssitz bildet. -- Man spricht davon, daß der Graf
Viktorin, mit bösen Anschlägen im Kopfe, eben auf diesem Felsen saß,
als plötzlich der Teufel erschien, und, weil er beschlossen, Viktorins
ihm wohlgefällige Anschläge selbst auszuführen, den Grafen in den
Abgrund schleuderte. Der Teufel erschien sodann als Kapuziner auf
dem Schlosse des Barons, und nachdem er seine Lust mit der Baronesse
gehabt, schickte er sie zur Hölle, sowie er auch den wahnsinnigen Sohn
des Barons, der durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte,
sondern laut verkündete: es ist der Teufel, erwürgte, wodurch denn aber
eine fromme Seele aus dem Verderben errettet wurde, das der arglistige
Teufel beschlossen. Nachher verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche
Weise, und man sagt, er sei feige geflohn vor Viktorin, der aus seinem
Grabe blutig emporgestiegen. -- Dem sei nun allem, wie ihm wolle, so
kann ich Sie doch davon versichern, daß die Baronesse an Gift umkam,
Hermogen meuchlings ermordet wurde, der Baron kurz darauf vor Gram
starb, und Aurelie, eben die fromme Heilige, die ich in der Zeit, als
das Entsetzliche geschehen, auf dem Schlosse malte, als verlassene
Waise in ein fernes Land, und zwar in ein Cisterzienserkloster,
flüchtete, dessen Äbtissin ihrem Vater befreundet war. Sie haben das
Bild dieser herrlichen Frau in meiner Galerie gesehen. Doch das alles
wird Ihnen dieser Herr (er wies nach mir) viel umständlicher und
besser erzählen können, da er während der ganzen Begebenheit auf dem
Schlosse zugegen war.“ -- Alle Blicke waren voll Erstaunen auf mich
gerüstet, entrüstet sprang ich auf und rief mit heftiger Stimme: „Ei,
mein Herr, was habe ich mit Ihren albernen Teufelsgeschichten, mit
Ihren Morderzählungen zu schaffen, Sie verkennen mich, Sie verkennen
mich in der Tat, und ich bitte, mich ganz aus dem Spiel zu lassen.“ Bei
dem Aufruhr in meinem Innern wurde es mir schwer genug, meinen Worten
noch diesen Anstrich von Gleichgültigkeit zu geben; die Wirkung der
geheimnisvollen Reden des Malers, sowie meine leidenschaftliche Unruhe,
die ich zu verbergen mich vergebens bemühte, war nur zu sichtlich. Die
heitre Stimmung verschwand, und die Gäste, nun sich erinnernd, wie ich,
allen gänzlich fremd, mich so nach und nach dazu gefunden, sahen mich
mit mißtrauischen, argwöhnischen Blicken an.

Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den stieren,
lebendigtoten Augen, wie damals in der Kapuzinerkirche. -- Er sprach
kein Wort, er schien starr und leblos, aber sein gespenstischer Anblick
sträubte mein Haar, kalte Tropfen standen auf der Stirn, und von
Entsetzen gewaltig erfaßt, erbebten alle Fibern. -- „Hebe dich weg,“
schrie ich außer mir, „du bist der Satan, du bist der frevelnde Mord,
aber über mich hast du keine Macht!“

Alles erhob sich von den Sitzen. „Was ist das, was ist das?“ rief es
durcheinander; aus dem Saal drängten sich, das Spiel verlassend, die
Menschen herein, von dem fürchterlichen Ton meiner Stimme erschreckt.
„Ein Betrunkener, ein Wahnsinniger, bringt ihn fort, bringt ihn
fort,“ riefen mehrere. Aber der fremde Maler stand unbeweglich mich
anstarrend. Unsinnig vor Wut und Verzweiflung riß ich das Messer, womit
ich Hermogen getötet, und das ich stets bei mir zu tragen pflegte,
aus der Seitentasche und stürzte mich auf den Maler, aber ein Schlag
warf mich nieder und der Maler lachte im fürchterlichen Hohn, daß es
im Zimmer wiederhallte. „Bruder Medardus, Bruder Medardus, falsch
ist dein Spiel, geh und verzweifle in Reue und Scham.“ -- Ich fühlte
mich von den Gästen angepackt, da ermannte ich mich, und wie ein
wütender Stier drängte und stieß ich gegen die Menge, daß mehrere zur
Erde stürzten und ich mir den Weg zur Tür bahnte. -- Rasch eilte ich
durch den Korridor, da öffnete sich eine kleine Seitentüre, ich wurde
in ein finstres Zimmer hineingezogen, ich widerstrebte nicht, weil
die Menschen schon hinter mir herbrausten. Als der Schwarm vorüber,
führte man mich eine Seitentreppe hinab in den Hof, und dann durch
das Hintergebäude auf die Straße. Bei dem hellen Schein der Laterne
erkannte ich in meinem Retter den possierlichen Belcampo. „Dieselben
scheinen,“ fing er an, „einige Fatalität mit dem fremden Maler zu
haben, ich trank im Nebenzimmer ein Gläschen, als der Lärm anging und
beschloß, da mir die Gelegenheit des Hauses bekannt, Sie zu retten,
denn nur ich allein bin an der ganzen Fatalität schuld.“ „Wie ist
das möglich?“ frug ich voll Erstaunen. -- „Wer gebietet dem Moment,
wer widerstrebt den Eingebungen des höhern Geistes!“ fuhr der Kleine
voll Pathos fort. „Als ich Ihr Haupthaar arrangierte, Verehrter,
entzündeten sich in mir ~comme à l’ordinaire~ die sublimsten Ideen,
ich überließ mich dem Ausbruch ungeregelter Fantasie, und darüber
vergaß ich nicht allein die Locke des Zorns auf dem Hauptwirbel gehörig
zur weichen Runde abzuglätten, sondern ließ auch sogar siebenundzwanzig
Haare der Angst und des Entsetzens über der Stirne stehen, diese
richteten sich auf bei den starren Blicken des Malers, der eigentlich
ein Revenant ist, und neigten sich ächzend gegen die Locke des Zorns,
die zischend und knisternd auseinanderfuhr. Ich habe alles geschaut,
da zogen Sie, von Wut entbrannt, ein Messer, Verehrter, an dem schon
diverse Blutstropfen hingen, aber es war ein eitles Bemühen, dem Orkus
+den+ zuzusenden, der dem Orkus schon gehörte, denn dieser Maler ist
Ahasverus der ewige Jude, oder Bertram de Bornis, oder Mephistopheles,
oder Benvenuto Cellini, oder der heilige Peter, kurz ein schnöder
Revenant.“ Das tolle Geschwätz des Kleinen, der unterdessen mit mir
durch die Straßen rannte, hatte in dem Augenblick für mich etwas
Grauenhaftes, und wenn ich dann und wann seine skurrilen Sprünge, sein
komisches Gesicht bemerkte, mußte ich, wie im konvulsivischen Krampf,
laut auflachen. Endlich waren wir in meinem Zimmer; Belcampo half
mir packen, bald war alles zur Reise bereit, ich drückte dem Kleinen
mehrere Dukaten in die Hand, er sprang hoch auf vor Freude und rief
laut: „Heisa, nun habe ich ehrenwertes Geld, lauter flimmerndes Gold
mit Herzblut getränkt, gleißend und rote Strahlen spielen. Das ist ein
Einfall und noch dazu ein lustiger, mein Herr, weiter nichts.“

Den Zusatz mochte ihm mein Befremden über seinen Ausruf entlocken; er
bat sich es aus, der Locke des Zorns noch die gehörige Runde geben,
die Haare des Entsetzens kürzer schneiden und ein Löckchen Liebe zum
Andenken mitnehmen zu dürfen. Ich ließ ihn gewähren und er vollbrachte
alles unter den possierlichsten Gebärden und Grimassen. -- Zuletzt
ergriff er das Messer, welches ich beim Umkleiden auf den Tisch
gelegt und stach damit, indem er eine Fechterstellung annahm, in die
Luft hinein. „Ich töte Ihren Widersacher,“ rief er, „und da er eine
bloße Idee ist, muß er getötet werden können durch eine Idee, und
erstirbt demnach an dieser, der meinigen, die ich, um die Expression
zu verstärken, mit schicklichen Leibesbewegungen begleite. ~Apage
Satanas, apage, apage, Ahasverus, allez-vous-en!~“ -- Nun das wäre
getan, sagte er, das Messer weglegend, tief atmend und sich die Stirne
trocknend, wie einer, der sich tüchtig angegriffen, um eine schwere
Arbeit zu vollbringen. Rasch wollte ich das Messer verbergen, und fuhr
damit in den Ärmel, als trüge ich noch die Mönchskutte, welches der
Kleine bemerkte und ganz schlau belächelte. Indem blies der Postillon
vor dem Hause, da veränderte Belcampo plötzlich Ton und Stellung, er
holte ein kleines Schnupftuch hervor, tat als wische er sich die Tränen
aus den Augen, bückte sich einmal über das andere ganz ehrerbietig,
küßte mir die Hand und den Rock und flehte. „Zwei Messen für meine
Großmutter, die an einer Indigestion, vier Messen für meinen Vater, der
an unwillkürlichen Fasten starb, ehrwürdiger Herr! Aber für mich jede
Woche eine, wenn ich gestorben. -- Vorderhand Ablaß für meine vielen
Sünden. -- Ach, ehrwürdiger Herr, es steckt ein infamer, sündlicher
Kerl in meinem Innern und spricht. „Peter Schönfeld, sei kein Affe, und
glaube, daß du bist, sondern ich bin eigentlich +du+, heiße Belcampo
und bin eine geniale Idee, und wenn du das nicht glaubst, so stoße
ich dich nieder mit einem spitzigen, haarscharfen Gedanken.“ Dieser
feindliche Mensch, Belcampo genannt, Ehrwürdiger! begeht alle mögliche
Laster; unter andern zweifelt er oft an der Gegenwart, betrinkt sich
sehr, schlägt um sich, und treibt Unzucht mit schönen, jungfräulichen
Gedanken; dieser Belcampo hat mich, den Peter Schönfeld, ganz verwirrt
und konfuse gemacht, daß ich oft ungebürlich springe und die Farbe der
Unschuld schände, indem ich singend in ~dulci jubilo~ mit weißseidenen
Strümpfen in den Dr-- setze. Vergebung für beide, Pietro Belcampo und
Peter Schönfeld!“ -- Er kniete vor mir nieder und tat als schluchzte er
heftig. Die Narrheit des Menschen wurde mir lästig. -- „Seien Sie doch
vernünftig,“ rief ich ihm zu; der Kellner trat herein um mein Gepäck
zu holen. Belcampo sprang auf, und wieder in seinen lustigen Humor
zurückkommend, half er, indem er in einemfort schwatzte, dem Kellner
das herzubringen, was ich noch in der Eile verlangte. „Der Kerl ist ein
ausgemachter Hasenfuß, man darf sich mit ihm nicht viel einlassen,“
rief der Kellner, indem er die Wagentüre zuschlug. Belcampo schwenkte
den Hut und rief: „Bis zum letzten Hauch meines Lebens!“ als ich mit
bedeutendem Blick den Finger auf den Mund legte.

Als der Morgen zu dämmern anfing, lag die Stadt schon weit hinter mir,
und die Gestalt des furchtbaren, entsetzlichen Menschen, der wie ein
unerforschtes Geheimnis mich grauenvoll umfing, war verschwunden. --
Die Frage der Postmeister: „Wohin?“ rückte es immer wieder aufs neue
mir vor, wie ich nun jeder Verbindung im Leben abtrünnig worden und den
wogenden Wellen des Zufalls preisgegeben, umherstreiche. Aber, hatte
nicht eine unwiderstehliche Macht mich gewaltsam herausgerissen aus
allem, was mir sonst befreundet, nur damit der mir inwohnende Geist in
ungehemmter Kraft seine Schwingen rüstig entfalte und rege? -- Rastlos
durchstrich ich das herrliche Land, nirgends fand ich Ruhe, es trieb
mich unaufhaltsam fort, immer weiter hinab in den Süden, ich war, ohne
daran zu denken, bis jetzt kaum merklich von der Reiseroute abgewichen
die mir Leonardus bezeichnet, und so wirkte der Stoß, mit dem er
mich in die Welt getrieben, wie mit magischer Gewalt fort in gerader
Richtung. --

In einer finstern Nacht fuhr ich durch einen dichten Wald, der sich
bis über die nächste Station ausdehnen sollte, wie mir der Postmeister
gesagt, und deshalb geraten hatte, bei ihm den Morgen abzuwarten,
welches ich, um nur so rasch als möglich ein Ziel zu erreichen, das mir
selbst ein Geheimnis war, ausschlug. Schon als ich abfuhr, leuchteten
Blitze in der Ferne, aber bald zogen schwärzer und schwärzer die Wolken
herauf, die der Sturm zusammengeballt hatte und brausend vor sich
herjagte; der Donner hallte furchtbar im tausendstimmigen Echo wieder,
und rote Blitze durchkreuzten den Horizont soweit das Auge reichte; die
hohen Tannen krachten, bis in die Wurzel erschüttert, der Regen goß
in Strömen herab. Jeden Augenblick liefen wir Gefahr von den Bäumen
erschlagen zu werden, die Pferde bäumten sich, scheu geworden durch das
Leuchten der Blitze, bald konnten wir kaum noch fort; endlich wurde der
Wagen so hart umgeschleudert, daß das Hinterrad zerbrach. So mußten wir
nun auf der Stelle bleiben und warten, bis das Gewitter nachließ und
der Mond durch die Wolken brach. Jetzt bemerkte der Postillon, daß er
in der Finsternis ganz von der Straße abgekommen und in einen Waldweg
geraten sei; es war kein anderes Mittel, als diesen Weg, so gut es
gehen wollte, zu verfolgen, und so vielleicht mit Tagesanbruch in ein
Dorf zu kommen. Der Wagen wurde mit einem Baumast gestützt, und so ging
es Schritt vor Schritt fort. Bald bemerkte ich, der ich voranging,
in der Ferne den Schimmer eines Lichts, und glaubte Hundegebell zu
vernehmen; ich hatte mich nicht getäuscht, denn kaum waren wir einige
Minuten länger gegangen, als ich ganz deutlich Hunde anschlagen hörte.
Wir kamen an ein ansehnliches Haus, das in einem großen, mit einer
Mauer umschlossenen Hofe stand. Der Postillon klopfte an die Pforte,
die Hunde sprangen tobend und bellend herbei, aber im Hause selbst
blieb alles stille und tot, bis der Postillon sein Horn erschallen
ließ; da wurde im obern Stock das Fenster, aus dem mir das Licht
entgegenschimmerte, geöffnet, und eine tiefe, rauhe Stimme rief herab.
„Christian, Christian!“ -- „Ja, gestrenger Herr,“ antwortete es unten.
„Da klopft und bläst es,“ fuhr die Stimme von oben fort, „an unserm Tor
und die Hunde sind ganz des Teufels. Nehm er einmal die Laterne und die
Büchse No. 3 und sehe er zu, was es gibt.“ -- Bald darauf hörten wir,
wie Christian die Hunde ablockte, und sahen ihn endlich mit der Laterne
kommen. Der Postillon meinte, es sei kein Zweifel, wie er gleich, als
der Wald begonnen, statt geradeaus zu fahren, seitwärts eingebogen sein
müsse, da wir bei der Försterwohnung wären, die von der letzten Station
eine Stunde rechts abliege. -- Als wir dem Christian den Zufall, der
uns betroffen, geklagt, öffnete er sogleich beide Flügel des Tors und
half den Wagen hinein. Die beschwichtigten Hunde schwänzelten und
schnüffelten um uns her, und der Mann, der sich nicht vom Fenster
entfernt, rief unaufhörlich herab. „Was da, was da? was für eine
Karawane?“ -- ohne daß Christian oder einer von uns Bescheid gegeben.
Endlich trat ich, während Christian Pferde und Wagen unterbrachte, ins
Haus, das Christian geöffnet, und es kam mir ein großer, starker Mann
mit sonneverbranntem Gesicht, den großen Hut mit grünem Federbusch
auf dem Kopfe, übrigens im Hemde, nur die Pantoffeln an die Füße
gesteckt, mit dem bloßen Hirschfänger in der Hand, entgegen, indem er
mir barsch entgegenrief: „Woher des Landes? -- was turbiert man die
Leute in der Nacht, das ist hier kein Wirtshaus, keine Poststation.
-- Hier wohnt der Revierförster, und das bin ich! -- Christian ist ein
Esel, daß er das Tor geöffnet.“ Ich erzählte ganz kleinmütig meinen
Unfall, und daß nur die Not uns hier hineingetrieben, da wurde der Mann
geschmeidiger, er sagte: „Nun freilich, das Unwetter war gar heftig,
aber der Postillon ist doch ein Schlingel, daß er falsch fuhr und den
Wagen zerbrach. -- Solch ein Kerl muß mit verbundenen Augen im Walde
fahren können, er muß darin zu Hause sein, wie unsereins. -- Er führte
mich herauf, und indem er den Hirschfänger aus der Hand legte, den
Hut abnahm und den Rock überwarf, bat er, seinen rauhen Empfang nicht
übel zu deuten, da er hier in der abgelegenen Wohnung umsomehr auf
der Hut sein müsse, als wohl öfters allerlei liederlich Gesindel den
Wald durchstreife, und er vorzüglich mit den sogenannten Freischützen,
die ihm schon oft nach dem Leben getrachtet, beinahe in offener Fehde
liege. „Aber,“ fuhr er fort, „die Spitzbuben können mir nichts anhaben,
denn mit der Hilfe Gottes verwalte ich mein Amt treu und redlich, und
im Glauben und im Vertrauen auf ihn, auf mein gut Gewehr, biete ich
ihnen Trotz.“ -- Unwillkürlich schob ich, wie ich es noch oft aus alter
Gewohnheit nicht lassen konnte, einige salbungsvolle Worte über die
Kraft des Vertrauens auf Gott ein, und der Förster erheiterte sich
immer mehr und mehr. Meinen Protestationen unerachtet weckte er seine
Frau, eine betagte, aber muntre, rührige Matrone, die, wiewohl aus dem
Schlafe gestört, doch freundlich den Gast bewillkommnete und auf des
Mannes Geheiß sogleich ein Abendessen zu bereiten anfing. Der Postillon
sollte, so hatte es ihm der Förster als Strafe aufgegeben, noch in
derselben Nacht mit dem zerbrochenen Wagen auf die Station zurück, von
der er gekommen, und ich von ihm, dem Förster, nach meinem Belieben
auf die nächste Station gebracht werden. Ich ließ mir das umsoeher
gefallen, als mir selbst wenigstens eine kurze Ruhe nötig schien. Ich
äußerte deshalb dem Förster, daß ich wohl bis zum Mittag des folgenden
Tages dazubleiben wünsche, um mich ganz von der Ermüdung zu erholen,
die mir das beständige, unaufhörliche Fahren mehrere Tage hindurch
verursacht. „Wenn ich Ihnen raten soll, mein Herr,“ erwiderte der
Förster, „so bleiben Sie morgen den ganzen Tag über hier, und warten
Sie bis übermorgen, da bringt Sie mein ältester Sohn, den ich in die
fürstliche Residenz schicke, selbst bis auf die nächste Station.“ Auch
damit war ich zufrieden, indem ich die Einsamkeit des Ortes rühmte, die
mich wunderbar anziehe. „Nun, mein Herr!“ sagte der Förster, „einsam
ist es hier wohl gar nicht, Sie müßten denn so nach den gewöhnlichen
Begriffen der Städter jede Wohnung einsam nennen, die im Walde liegt,
unerachtet es denn doch sehr darauf ankommt, wer sich darin aufhält.
Ja, wenn hier in diesem alten Jagdschloß noch so ein griesgrammiger
alter Herr wohnte, wie ehemals, der sich in seinen vier Mauern
einschloß und keine Lust hatte an Wald und Jagd, da möchte es wohl ein
einsamer Aufenthalt sein, aber seitdem er tot ist, und der gnädige
Landesfürst das Gebäude zur Försterwohnung hat einrichten lassen, da
ist es hier recht lebendig worden. Sie sind doch wohl so ein Städter,
mein Herr; der nichts weiß von Wald und Jagdlust, da können Sie sichs
denn nicht denken, was wir Jägersleute für ein herrlich freudig Leben
führen. Ich mit meinen Jägerburschen mache nur eine Familie aus, ja,
Sie mögen das nun kurios finden oder nicht, ich rechne meine klugen,
anstelligen Hunde auch dazu; die verstehen mich und passen auf mein
Wort, auf meinen Wink und sind mir treu bis zum Tode. -- Sehen Sie
wohl, wie mein Waldmann da mich so verständig anschaut, weil er weiß,
daß ich von ihm rede? -- Nun, Herr, gibt es beinahe immer was im Walde
zu tun, da ist denn nun abends ein Vorbereiten und Wirtschaften, und
sowie der Morgen graut, bin ich aus den Federn, und trete heraus, ein
lustig Jägerstückchen auf meinem Horn blasend. Da rüttelt und rappelt
sich alles aus dem Schlafe, die Hunde schlagen an, sie jauchzen vor
Mut und Jagdbegier. Die Bursche werfen sich schnell in die Kleider,
Jagdtasch’ umgeworfen, Gewehr über die Schulter, treten sie hinein in
die Stube, wo meine Alte das Jägerfrühstück bereitet, und nun geht’s
heraus in Jubel und Lust. Wir kommen hin an die Stellen, wo das Wild
verborgen, da nimmt jeder vom andern entfernt einzeln seinen Platz,
die Hunde schleichen, den Kopf geduckt zur Erde und schnüffeln und
spüren, und schauen den Jäger an, wie mit klugen menschlichen Augen,
und der Jäger steht, kaum atmend, mit gespanntem Hahn regungslos, wie
eingewurzelt auf der Stelle. -- Und wenn nun das Wild herausspringt
aus dem Dickicht, und die Schüsse knallen, und die Hunde stürzen
hinterdrein, ei Herr, da klopft einem das Herz und man ist ein ganz
andrer Mensch. Und jedesmal ist solch ein Ausziehen zur Jagd was Neues,
denn immer kommt was ganz Besonderes vor, was noch nicht dagewesen.
Schon dadurch, daß das Wild sich in die Zeiten teilt, so daß nun dies,
dann jenes sich zeigt, wird das Ding so herrlich, daß kein Mensch auf
Erden es satt haben kann. Aber, Herr! auch der Wald schon an und für
sich selbst, der Wald ist ja so lustig und lebendig, daß ich mich
niemals einsam fühle. Da kenne ich jedes Plätzchen und jeden Baum, und
es ist mir wahrhaftig so, als wenn jeder Baum, der unter meinen Augen
aufgewachsen und nun seine blanken regen Wipfel in die Lüfte streckt,
mich auch kennen und liebhaben müßte, weil ich ihn gehegt und gepflegt,
ja ich glaube ordentlich, wenn es manchmal so wunderbar rauscht und
flüstert, als spräche es zu mir mit ganz eignen Stimmen, und das wäre
eigentlich das wahre Lobpreisen Gottes und seiner Allmacht, und ein
Gebet, wie man es gar nicht mit Worten auszusprechen vermag. -- Kurz,
ein rechtschaffener, frommer Jägersmann führt ein gar lustig, herrlich
Leben, denn es ist ihm ja wohl noch etwas von der alten schönen
Freiheit geblieben, wie die Menschen so recht in der Natur lebten, und
von all dem Geschwänzel und Geziere nichts wußten, womit sie sich in
ihren gemauerten Kerkern quälen, so daß sie auch ganz entfremdet sind
all den herrlichen Dingen, die Gott um sie hergestellt hat, damit sie
sich daran erbauen und ergötzen sollen, wie es sonst die Freien taten,
die mit der ganzen Natur in Liebe und Freundschaft lebten, wie man es
in den alten Geschichten lieset.“ --

Alles das sagte der alte Förster mit einem Ton und Ausdruck, daß man
wohl überzeugt sein mußte, wie er es tief in der Brust fühle, und
ich beneidete ihn in der Tat um sein glückliches Leben, um seine im
Innersten tiefbegründete ruhige Gemütsstimmung, die der meinigen so
unähnlich war.

Im andern Teil des, wie ich jetzt wahrnahm, ziemlich weitläuftigen
Gebäudes wies mir der Alte ein kleines, nett aufgeputztes Gemach an,
in welchem ich meine Sachen bereits vorfand, und verließ mich, indem
er versicherte, daß mich der frühe Lärm im Hause nicht wecken würde,
da ich mich von der übrigen Hausgenossenschaft ganz abgesondert
befinde, und daher so lange ruhen könne, als ich wolle, nur erst,
wenn ich hinabrufe, würde man mir das Frühstück bringen, ich aber
ihn, den Alten, erst beim Mittagsessen wiedersehen, da er früh mit
den Burschen in den Wald ziehe und vor Mittag nicht heimkehre. Ich
warf mich auf das Lager, und fiel, ermüdet wie ich war, bald in tiefen
Schlaf, aber es folterte mich ein entsetzliches Traumbild. -- Auf ganz
wunderbare Weise fing der Traum mit dem Bewußtsein des Schlafs an,
ich sagte mir nämlich selbst: nun das ist herrlich, daß ich gleich
eingeschlafen bin und so fest und ruhig schlummere, das wird mich von
der Ermüdung ganz erlaben; nur muß ich ja nicht die Augen öffnen. Aber
demunerachtet war es mir, als könne ich das nicht unterlassen, und
doch wurde mein Schlaf dadurch nicht unterbrochen: da ging die Türe
auf und eine dunkle Gestalt trat herein, die ich zu meinem Entsetzen,
als mich selbst, im Kapuzinerhabit, mit Bart und Tonsur erkannte. Die
Gestalt kam näher und näher an mein Bett, ich war regungslos, und jeder
Laut, den ich herauszupressen suchte, erstickte in dem Starrkrampf,
der mich ergriffen. Jetzt setzte sich die Gestalt auf mein Bett und
grinste mich höhnisch an. „Du mußt jetzt mit mir kommen,“ sprach die
Gestalt, „wir wollen auf das Dach steigen unter die Wetterfahne, die
ein lustig Brautlied spielt, weil der Uhu Hochzeit macht. Dort wollen
wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und
darf Blut trinken.“ -- Ich fühlte, wie die Gestalt mich packte und
in die Höhe zog, da gab mir die Verzweiflung meine Kraft wieder. „Du
bist nicht ich, du bist der Teufel,“ schrie ich auf, und griff wie
mit Krallen dem bedrohlichen Gespenst ins Gesicht, aber es war, als
bohrten meine Finger sich in die Augen wie in tiefe Höhlen, und die
Gestalt lachte von neuem auf in schneidendem Ton. In dem Augenblick
erwachte ich, wie von einem plötzlichen Ruck emporgeschüttelt. Aber
das Gelächter dauerte fort im Zimmer. Ich fuhr in die Höhe, der
Morgen brach in lichten Strahlen durch das Fenster, und ich sah vor
dem Tisch, den Rücken mir zugewendet, eine Gestalt im Kapuzinerhabit
stehen. -- Ich erstarrte vor Schreck, der grauenhafte Traum trat ins
Leben. -- Der Kapuziner stöberte unter den Sachen, die auf dem Tische
lagen. Jetzt wandte er sich, und mir kam aller Mut wieder, als ich in
ein fremdes Gesicht mit schwarzem, verwildertem Barte blickte, aus
dessen Augen der gedankenlose Wahnsinn lachte: gewisse Züge erinnerten
entfernt an Hermogen. -- Ich beschloß abzuwarten, was der Unbekannte
beginnen werde, und nur irgendeiner schädlichen Unternehmung Einhalt
zu tun. Mein Stilett lag neben mir, ich war deshalb und schon meiner
körperlichen Leibeskräfte wegen, auf die ich bauen konnte, auch ohne
weitere Hilfe des Fremden mächtig. Er schien mit meinen Sachen wie ein
Kind zu spielen, vorzüglich hatte er Freude an dem roten Portefeuille,
das er hin und her gegen das Fenster wandte, und dabei auf seltsame
Weise in die Höhe sprang. Endlich fand er die Korbflasche mit dem Rest
des geheimnisvollen Weins; er öffnete sie und roch daran, da bebte
es ihm durch alle Glieder, er stieß einen Schrei aus, der dumpf und
grauenvoll im Zimmer wiederklang. Eine helle Glocke im Hause schlug
drei Uhr, da heulte er wie von entsetzlicher Qual ergriffen, aber
dann brach er wieder aus in das schneidende Gelächter, wie ich es im
Traum gehört, er schwenkte sich in wilden Sprüngen, er trank aus der
Flasche und rannte dann, sie von sich schleudernd, zur Türe hinaus.
Ich stand schnell auf und lief ihm nach, aber er war mir schon aus dem
Gesichte, ich hörte ihn die entfernte Treppe hinabpoltern und einen
dumpfen Schlag wie von einer hart zugeworfenen Türe. Ich verriegelte
mein Zimmer, um eines zweiten Besuchs überhoben zu sein, und warf mich
aufs neue ins Bett. Zu erschöpft war ich nun, um nicht bald wieder
einzuschlafen; erquickt und gestärkt erwachte ich, als schon die
Sonne ins Gemach hineinfunkelte. -- Der Förster war, wie er es gesagt
hatte, mit seinen Söhnen und den Jägerburschen in den Wald gezogen;
ein blühendes, freundliches Mädchen, des Försters jüngere Tochter,
brachte mir das Frühstück, während die ältere mit der Mutter in der
Küche beschäftigt war. Das Mädchen wußte gar lieblich zu erzählen,
wie sie hier alle Tage froh und friedlich zusammen lebten und nur
manchmal es Tumult von vielen Menschen gäbe, wenn der Fürst im Revier
jage und dann manchmal im Hause übernachte. So schlichen ein paar
Stunden hin, da war es Mittag und lustiger Jubel und Hörnerklang
verkündeten den Förster, der mit seinen vier Söhnen, herrlichen
blühenden Jünglingen, von denen der jüngste kaum fünfzehn Jahre alt
sein mochte, und drei Jägerburschen, heimkehrte. -- Er frug, wie ich
denn geschlafen, und ob mich nicht der frühe Lärm vor der Zeit geweckt
habe; ich mochte ihm das überstandene Abenteuer nicht erzählen, denn
die lebendige Erscheinung des grauenhaften Mönchs hatte sich so fest
an das Traumbild gereiht, daß ich kaum zu unterscheiden vermochte,
wo der Traum übergegangen sei ins wirkliche Leben. -- Der Tisch war
gedeckt, die Suppe dampfte, der Alte zog sein Käppchen ab um das
Gebet zu halten, da ging die Türe auf und der Kapuziner, den ich in
der Nacht gesehen, trat hinein. Der Wahnsinn war aus seinem Gesichte
verschwunden, aber er hatte ein düstres, störrisches Ansehen. „Seien
Sie willkommen, ehrwürdiger Herr!“ rief ihm der Alte entgegen. --
„sprechen Sie das Gratias und speisen Sie dann mit uns.“ -- Da blickte
er um sich mit zornfunkelnden Augen und schrie mit fürchterlicher
Stimme: „Der Satan soll dich zerreißen mit deinem ehrwürdigen Herrn
und deinem verfluchten Beten; hast du mich nicht hergelockt, damit
ich der dreizehnte sein soll, und du mich umbringen lassen kannst von
dem fremden Mörder? -- Hast du mich nicht in diese Kutte gesteckt,
damit niemand den Grafen, deinen Herrn und Gebieter erkennen soll? --
Aber hüte dich, Verfluchter, vor meinem Zorn!“ -- Damit ergriff der
Mönch einen schweren Krug, der auf dem Tische stand und schleuderte
ihn nach dem Alten, der nur durch eine geschickte Wendung dem Wurf
auswich, der ihm den Kopf zerschmettert hätte. Der Krug flog gegen die
Wand und zerbrach in tausend Scherben. Aber in dem Augenblick packten
die Jägerburschen den Rasenden und hielten ihn fest. „Was!“ rief der
Förster, „du verruchter, gotteslästerlicher Mensch, du wagst es, hier
wieder mit deinem rasenden Beginnen unter fromme Leute zu treten, du
wagst es, mir, der ich dich aus viehischem Zustande, aus der ewigen
Verderbnis errettet, aufs neue nach dem Leben zu trachten? -- Fort mit
dir in den Turm!“ -- Der Mönch fiel auf die Knie, er flehte heulend um
Erbarmen, aber der Alte sagte: „Du mußt in den Turm und darfst nicht
eher wieder hierher kommen, bis ich weiß, daß du dem Satan entsagt
hast, der dich verblendet, sonst mußt du sterben.“ Da schrie der Mönch
auf, wie im trostlosen Jammer der Todesnot, aber die Jägerburschen
brachten ihn fort und berichteten, wiederkehrend, daß der Mönch
ruhiger geworden, sobald er in das Turmgemach getreten. Christian,
der ihn bewache, habe übrigens erzählt, daß der Mönch die ganze Nacht
über in den Gängen des Hauses herumgepoltert und vorzüglich nach
Tagesanbruch geschrien habe: „Gib mir noch mehr von deinem Wein und
ich will mich dir ganz ergeben; mehr Wein, mehr Wein!“ Es habe dem
Christian übrigens wirklich geschienen, als taumle der Mönch wie
betrunken, unerachtet er nicht begriffen, wie der Mönch an irgend ein
starkes, berauschendes Getränk gekommen sein könne. -- Nun nahm ich
nicht länger Anstand, das überstandene Abenteuer zu erzählen, wobei
ich nicht vergaß der ausgeleerten Korbflasche zu gedenken. „Ei, das
ist schlimm,“ sagte der Förster, „doch Sie scheinen mir ein mutiger,
frommer Mann, ein anderer hätte des Todes sein können vor Schreck.“
Ich bat ihn, mir näher zu sagen, was es mit dem wahnsinnigen Mönch für
eine Bewandtnis habe. „Ach,“ erwiderte der Alte, „das ist eine lange,
abenteuerliche Geschichte, so was taugt nicht beim Essen. Schlimm
genug schon, daß uns der garstige Mensch, eben als wir, was uns Gott
beschert, froh und freudig genießen wollten, mit seinem freveligen
Beginnen so gestört hat; aber nun wollen wir auch gleich an den Tisch.“
Damit zog er sein Mützchen ab, sprach andächtig und fromm das Gratias,
und unter lustigen, frohen Gesprächen verzehrten wir das ländliche,
kräftig und schmackhaft zubereitete Mahl. Dem Gast zu Ehren ließ der
Alte guten Wein heraufbringen, den er mir nach patriarchalischer Sitte
aus einem schönen Pokal zutrank. Der Tisch war indessen abgeräumt,
die Jägerburschen nahmen ein paar Hörner von der Wand und bliesen
ein Jägerlied. -- Bei der zweiten Wiederholung fielen die Mädchen
singend ein, und mit ihnen wiederholten die Försterssöhne im Chor die
Schlußstrophe. -- Meine Brust erweiterte sich auf wunderbare Weise:
seit langer Zeit war mir nicht im Innersten so wohl gewesen, als unter
diesen einfachen, frommen Menschen. Es wurden mehrere gemütliche,
wohltönende Lieder gesungen, bis der Alte aufstand und mit dem Ausruf:
„Es leben alle braven Männer, die das edle Weidwerk ehren,“ sein Glas
leerte; wir stimmten alle ein, und so war das frohe Mahl, das mir zu
Ehren durch Wein und Gesang verherrlicht wurde, beschlossen.

Der Alte sprach zu mir: „Nun, mein Herr! schlafe ich ein halbes
Stündchen, aber dann gehen wir in den Wald, und ich erzähle es Ihnen,
wie der Mönch in mein Haus gekommen, und was ich sonst von ihm weiß.
Bis dahin tritt die Dämmerung ein, dann gehen wir auf den Anstand,
da es, wie mir Franz sagt, Hühner gibt. Auch Sie sollen ein gutes
Gewehr erhalten und Ihr Glück versuchen.“ Die Sache war mir neu, da
ich als Seminarist zwar manchmal nach der Scheibe, aber nie nach Wild
geschossen; ich nahm daher des Försters Anerbieten an, der höchlich
darüber erfreut schien und mir mit treuherziger Gutmütigkeit in
aller Eil noch vor dem Schlaf, den er zu tun gedachte, die ersten
unentbehrlichsten Grundsätze der Schießkunst beizubringen suchte.

Ich wurde mit Flinte und Jagdtasche ausgerüstet und so zog ich mit dem
Förster in den Wald, der die Geschichte von dem seltsamen Mönch in
folgender Art anfing.

„Künftigen Herbst sind es schon zwei Jahre her, als meine Bursche
im Wald oft ein entsetzliches Heulen vernahmen, das, so wenig
Menschliches es auch hatte, doch wie Franz, mein jüngst angenommener
Lehrling meinte, von einem Menschen herrühren mochte. Franz war dazu
bestimmt, von dem heulenden Ungetüm geneckt zu werden, denn, wenn
er auf den Anstand ging, so verscheuchte das Heulen, welches sich
dicht bei ihm hören ließ, die Tiere, und er sah zuletzt, wenn er auf
ein Tier anlegen wollte, ein borstiges, unkenntliches Wesen aus dem
Gebüsch springen, das seinen Schuß vereitelte. Franz hatte den Kopf
voll von all den spukhaften Jägerlegenden, die ihm sein Vater, ein
alter Jäger, erzählt, und er war geneigt, das Wesen für den Satan
selbst zu halten, der ihm das Weidhandwerk verleiden oder ihn sonst
verlocken wollte. Die anderen Bursche, selbst meine Söhne, denen auch
das Ungetüm aufgestoßen, pflichteten ihm endlich bei, und um so mehr
war mir daran gelegen, dem Dinge näher auf die Spur zu kommen, als
ich es für eine List der Freischützen hielt, meine Jäger vom Anstand
wegzuschrecken. -- Ich befahl deshalb meinen Söhnen und den Burschen,
die Gestalt, falls sie sich wieder zeigen sollte, anzurufen, und falls
sie nicht stehen oder Bescheid geben sollte, nach Jägerrecht ohne
weiteres nach ihr zu schießen. -- Den Franz traf es wieder, der erste
zu sein, dem das Ungetüm auf dem Anstand in den Weg trat. Er rief ihm
zu, das Gewehr anlegend, die Gestalt sprang ins Gebüsch, Franz wollte
hinterdreinknallen, aber der Schuß versagte und nun lief er voll Angst
und Schrecken zu den andern, die von ihm entfernt standen, überzeugt,
daß es der Satan sei, der ihm zum Trutz das Wild verscheuche und
sein Gewehr verzaubere; denn in der Tat traf er, seitdem ihn das
Ungetüm verfolgte, kein Tier, so gut er sonst geschossen. Das Gerücht
von dem Spuk im Walde verbreitete sich und man erzählte schon im
Dorfe, wie der Satan dem Franz in den Weg getreten und ihm Freikugeln
angeboten und noch anderes tolles Zeug mehr. -- Ich beschloß, dem
Unwesen ein Ende zu machen, und das Ungetüm, das mir selbst noch
niemals aufgestoßen, auf den Stätten, wo es sich zu zeigen pflegte,
zu verfolgen. Lange wollte es mir nicht glücken; endlich, als ich an
einem neblichten Novemberabend gerade da, wo Franz das Ungetüm zuerst
erblickt, auf dem Anstand war, rauschte es mir ganz nahe im Gebüsch,
ich legte leise das Gewehr an, ein Tier vermutend, aber eine gräßliche
Gestalt mit rotfunkelnden Augen und schwarzen borstigen Haaren, mit
Lumpen behangen, brach hervor. Das Ungetüm stierte mich an, indem es
entsetzliche, heulende Töne ausstieß. Herr! es war ein Anblick, der
dem Beherztesten Furcht einjagen könnte, ja mir war es, als stehe
wirklich der Satan vor mir und ich fühlte, wie mir der Angstschweiß
ausbrach. Aber im kräftigen Gebet, das ich mit starker Stimme sprach,
ermutigte ich mich ganz. Sowie ich betete und den Namen Jesus
Christus aussprach, heulte wütender das Ungetüm, und brach endlich in
entsetzliche, gotteslästerliche Verwünschungen aus. Da rief ich: „Du
verfluchter, bübischer Kerl, halt ein mit deinen gotteslästerlichen
Reden und gib dich gefangen oder ich schieße dich nieder.“ Da fiel
der Mönch wimmernd zu Boden und bat um Erbarmen. Meine Burschen kamen
herbei, wir packten den Menschen und führten ihn nach Hause, wo ich
ihn in dem Turm bei dem Nebengebäude einsperren ließ, und den nächsten
Morgen den Vorfall der Obrigkeit anzeigen wollte. Er fiel, sowie er
in den Turm kam, in einen ohnmächtigen Zustand. Als ich den andern
Morgen zu ihm ging, saß er auf dem Strohlager, das ich ihm bereiten
lassen und weinte heftig. Er fiel mir zu Füßen und flehte mich an, daß
ich mit ihm Erbarmen haben sollte; schon seit mehreren Wochen habe er
im Walde gelebt und nichts gegessen, als Kräuter und wildes Obst, er
sei ein armer Kapuziner aus einem weit entlegenen Kloster und aus dem
Gefängnisse, in das man ihn Wahnsinns halber gesperrt, entsprungen. Der
Mensch war in der Tat in einem erbarmungswürdigen Zustande, ich hatte
Mitleiden mit ihm und ließ ihm Speise und Wein zur Stärkung reichen,
worauf er sich sichtlich erholte. Er bat mich auf das Eindringendste,
ihn nur einige Tage im Hause zu dulden und ihm ein neues Ordenshabit zu
verschaffen, er wolle dann selbst nach dem Kloster zurückwandeln. Ich
erfüllte seinen Wunsch, und sein Wahnsinn schien wirklich nachzulassen,
da die Paroxysmen minder heftig und seltner wurden. In den Ausbrüchen
der Raserei stieß er entsetzliche Reden aus und ich bemerkte, daß
er, wenn ich ihn deshalb hart anredete, und mit dem Tode drohte, in
einen Zustand innerer Zerknirschung überging, in dem er sich kasteite,
ja sogar Gott und die Heiligen anrief, ihn von der Höllenqual zu
befreien. Er schien sich dann für den heiligen Antonius zu halten,
sowie er in der Raserei immer tobte: er sei Graf und gebietender Herr,
und er wolle uns alle ermorden lassen, wenn seine Diener kämen. In
den lichten Zwischenräumen bat er mich um Gottes willen ihn nicht zu
verstoßen, weil er fühle, daß nur sein Aufenthalt bei mir ihn heilen
könne. Nur ein einziges Mal gab es noch einen harten Auftritt mit
ihm und zwar, als der Fürst hier eben im Revier gejagt, und bei mir
übernachtet hatte. Der Mönch war, nachdem er den Fürsten mit seiner
glänzenden Umgebung gesehen, ganz verändert. Er blieb störrisch und
verschlossen, er entfernte sich schnell, wenn wir beteten, es zuckte
ihm durch alle Glieder, wenn er nur ein andächtiges Wort hörte, und
dabei schaute er meine Tochter Anna mit solchen lüsternen Blicken an,
daß ich beschloß, ihn fortzubringen, um allerlei Unfug zu verhüten.
In der Nacht vorher, als ich den Morgen meinen Plan ausführen wollte,
weckte mich ein durchdringendes Geschrei auf dem Gange, ich sprang aus
dem Bette und lief schnell mit angezündetem Licht nach dem Gemach,
wo meine Töchter schliefen. Der Mönch war aus dem Turm, wo ich ihn
allnächtlich eingeschlossen, gebrochen und in viehischer Brunst nach
dem Gemach meiner Töchter gerannt, dessen Türe er mit einem Fußtritt
sprengte. Zum Glück hatte den Franz ein unausstehlicher Durst aus der
Kammer, wo die Bursche schlafen, hinausgetrieben, und er wollte gerade
nach der Küche gehen, um sich Wasser zu schöpfen, als er den Mönch
über den Gang poltern hörte. Er lief herbei und packte ihn gerade in
dem Augenblick, als er die Türe einstieß, von hinten her; aber der
Junge war zu schwach den Rasenden zu bändigen, sie balgten sich unter
dem Geschrei der erwachten Mädchen in der Türe, und ich kam gerade in
dem Augenblick herzu, als der Mönch den Burschen zu Boden geworfen und
ihn meuchlerisch bei der Kehle gepackt hatte. Ohne mich zu besinnen,
faßte ich den Mönch und riß ihn von Franzen weg, aber plötzlich, noch
weiß ich nicht, wie das zugegangen, blinkte ein Messer in des Mönchs
Faust, er stieß nach mir, aber Franz, der sich aufgerafft, fiel ihm in
den Arm, und mir, der ich nun wohl ein starker Mann bin, gelang es bald
den Rasenden so fest an die Mauer zu drücken, daß ihm schier der Atem
ausgehen wollte. Die Bursche waren, ob dem Lärm, alle wach geworden und
herbeigelaufen; wir banden den Mönch und schmissen ihn in den Turm, ich
holte aber meine Hetzpeitsche herbei und zählte ihm zur Abmahnung von
künftigen Untaten ähnlicher Art, einige kräftige Hiebe auf, so daß er
ganz erbärmlich ächzte und wimmerte; aber ich sprach: „Du Bösewicht,
das ist noch viel zu wenig für deine Schändlichkeit, daß du meine
Tochter verführen wollen und mir nach dem Leben getrachtet, eigentlich
solltest du sterben.“ -- Er heulte vor Angst und Entsetzen, denn die
Furcht vor dem Tode schien ihn ganz zu vernichten. Den andern Morgen
war es nicht möglich, ihn fortzubringen, denn er lag totenähnlich in
gänzlicher Abspannung da und flößte mir wahres Mitleiden ein. Ich ließ
ihm in einem besseren Gemach ein gutes Bette bereiten, und meine Alte
pflegte seiner, indem sie ihm stärkende Suppen kochte und aus unserer
Hausapotheke das reichte, was ihm dienlich schien. Meine Alte hat
die gute Gewohnheit, wenn sie einsam sitzt, oft ein andächtig Lied
anzustimmen, aber wenn es ihr recht wohl ums Herz sein soll, muß meine
Anne mit ihrer hellen Stimme ihr solch ein Lied vorsingen. -- Das
geschah nun auch vor dem Bette des Kranken. -- Da seufzte er oft tief
und sah meine Alte und die Anne mit recht wehmütigen Blicken an, oft
flossen ihm Tränen über die Wangen. Zuweilen bewegte er die Hand und
die Finger, als wolle er sich kreuzigen, aber das gelang nicht, die
Hand fiel kraftlos nieder; dann stieß er auch manchmal leise Töne aus,
als wolle er in den Gesang einstimmen. Endlich fing er an zusehends
zu genesen, jetzt schlug er oft das Kreuz nach Sitte der Mönche und
betete leise. Aber ganz unvermutet fing er einmal an lateinische Lieder
zu singen, die meiner Alten und der Anne unerachtet sie die Worte
nicht verstanden, mit ihren ganz wunderbaren, heiligen Tönen bis ins
Innerste drangen, so daß sie nicht genug sagen konnten, wie der Kranke
sie erbaue. Der Mönch war so weit hergestellt, daß er aufstehen und
im Hause umherwandeln konnte, aber sein Aussehen, sein Wesen war ganz
verändert. Die Augen blickten sanft, statt daß sonst ein gar böses
Feuer in ihnen funkelte, er schritt ganz nach Klostersitte, leise und
andächtig mit gefaltenen Händen umher, jede Spur des Wahnsinns war
verschwunden. Er genoß nichts als Gemüse, Brot und Wasser, und nur
selten konnte ich ihn in der letzten Zeit dahin bringen, daß er sich
an meinen Tisch setzte, und etwas von den Speisen genoß, sowie einen
kleinen Schluck Wein trank. Dann sprach er das Gratias und ergötzte
uns mit seinen Reden, die er so wohl zu stellen wußte, wie nicht
leicht einer. Oft ging er im Walde einsam spazieren, so kam es denn,
daß ich ihm einmal begegnete, und ohne gerade viel zu denken frug, ob
er nicht nun bald in sein Kloster zurückkehren werde. Er schien sehr
bewegt, er faßte meine Hand und sprach: „Mein Freund, ich habe dir
das Heil meiner Seele zu danken, du hast mich errettet von der ewigen
Verderbnis, noch kann ich nicht von dir scheiden, laß mich bei dir
sein. Ach, habe Mitleid mit mir, den der Satan verlockt hat, und der
unwiederbringlich verloren war, wenn ihn der Heilige, zu dem er flehte
in angstvollen Stunden, nicht im Wahnsinn in diesen Wald gebracht
hätte. -- Sie fanden mich,“ fuhr der Mönch nach einigem Stillschweigen
fort, „in einem ganz entarteten Zustande und ahnen auch jetzt gewiß
nicht, daß ich einst ein von der Natur reich ausgestatteter Jüngling
war, den nur eine schwärmerische Neigung zur Einsamkeit und zu den
tiefsinnigsten Studien ins Kloster brachte. Meine Brüder liebten mich
alle ausnehmend, und ich lebte so froh, als es nur in dem Kloster
geschehen kann. Durch Frömmigkeit und musterhaftes Betragen schwang
ich mich empor, man sah in mir schon den künftigen Prior. Es begab
sich, daß einer der Brüder von weiten Reisen heimkehrte und dem Kloster
verschiedene Reliquien, die er sich auf dem Wege zu verschaffen gewußt,
mitbrachte. Unter diesen befand sich eine verschlossene Flasche, die
der heilige Antonius dem Teufel, der darin ein verführerisches Elixier
bewahrte, abgenommen haben sollte. Auch diese Reliquie wurde sorgfältig
aufbewahrt, unerachtet mir die Sache ganz gegen den Geist der Andacht,
den die wahren Reliquien einflößen sollten, und überhaupt ganz
abgeschmackt zu sein schien. Aber eine unbeschreibliche Lüsternheit
bemächtigte sich meiner, das zu erforschen, was wohl eigentlich in
der Flasche enthalten. Es gelang mir sie beiseite zu schaffen, ich
öffnete sie und fand ein herrlich duftendes, süß schmeckendes, starkes
Getränk darin, das ich bis auf den letzten Tropfen genoß. -- Wie nun
mein ganzer Sinn sich änderte, wie ich einen brennenden Durst nach der
Lust der Welt empfand, wie das Laster in verführerischer Gestalt mir
als des Lebens höchste Spitze erschien, das alles mag ich nicht sagen,
kurz, mein Leben wurde eine Reihe schändlicher Verbrechen, so daß, als
ich meiner teuflischen List unerachtet verraten wurde, mich der Prior
zum ewigen Gefängnis verurteilte. Als ich schon mehrere Wochen in dem
dumpfen, feuchten Kerker zugebracht hatte, verfluchte ich mich und mein
Dasein, ich lästerte Gott und die Heiligen, da trat, im glühend roten
Scheine, der Satan zu mir und sprach, daß, wenn ich meine Seele ganz
dem Höchsten abwenden und ihm dienen wolle, er mich befreien werde.
Heulend stürzte ich auf die Knie und rief: „Es ist kein Gott, dem ich
diene, du bist mein Herr, und aus deinen Gluten strömt die Lust des
Lebens.“ -- Da brauste es in den Lüften wie eine Windsbraut und die
Mauern dröhnten wie vom Erdbeben erschüttert, ein schneidender Ton
pfiff durch den Kerker, die Eisenstäbe des Fensters fielen zerbröckelt
herab und ich stand von unsichtbarer Gewalt hinausgeschleudert im
Klosterhofe. Der Mond schien hell durch die Wolken und in seinen
Strahlen erglänzte das Standbild des heiligen Antonius, das mitten im
Hofe bei einem Springbrunnen aufgerichtet war. -- Eine unbeschreibliche
Angst zerriß mein Herz, ich warf mich zerknirscht nieder vor dem
Heiligen, ich schwor dem Bösen ab und flehte um Erbarmen; aber da zogen
schwarze Wolken herauf und aufs neue brauste der Orkan durch die Luft,
mir vergingen die Sinne und ich fand mich erst im Walde wieder, in dem
ich wahnsinnig vor Hunger und Verzweiflung umhertobte und aus dem Sie
mich erretteten.“ -- So erzählte der Mönch und seine Geschichte machte
auf mich solch einen tiefen Eindruck, daß ich nach vielen Jahren noch
so wie heute imstande sein werde, alles Wort für Wort zu wiederholen.
Seit der Zeit hat sich der Mönch so fromm, so gutmütig betragen, daß
wir ihn alle lieb gewannen, und um so unbegreiflicher ist es mir, wie
in voriger Nacht sein Wahnsinn hat aufs neue ausbrechen können.“

„Wissen Sie denn gar nicht,“ fiel ich dem Förster ins Wort, „aus
welchem Kapuzinerkloster der Unglückliche entsprungen ist?“ -- „Er
hat mir es verschwiegen,“ erwiderte der Förster, „und ich mag um so
weniger danach fragen, als es mir beinahe gewiß ist, daß es wohl
derselbe Unglückliche sein mag, der unlängst das Gespräch des Hofes
war, unerachtet man seine Nähe nicht vermutete, und ich auch meine
Vermutung zum wahren Besten des Mönchs nicht gerade bei Hofe laut
werden lassen möchte.“ -- „Aber ich darf sie wohl erfahren,“ versetzte
ich, „da ich ein Fremder bin, und noch überdies mit Hand und Mund
versprechen will, gewissenhaft zu schweigen.“ -- „Sie müssen wissen,“
sprach der Förster weiter, „daß die Schwester unserer Fürstin Äbtissin
des Cisterzienserklosters in *** ist. Diese hatte sich des Sohnes einer
armen Frau, deren Mann mit unserm Hofe in gewissen geheimnisvollen
Beziehungen gestanden haben soll, angenommen und ihn aufziehen lassen.
Aus Neigung wurde er Kapuziner, und als Kanzelredner weit und breit
bekannt. Die Äbtissin schrieb ihrer Schwester sehr oft über den
Pflegling und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust. Er soll
durch den Mißbrauch einer Reliquie schwer gesündigt haben und aus dem
Kloster, dessen Zierde er so lange war, verbannt worden sein. Alles
dies weiß ich aus einem Gespräch des fürstlichen Leibarztes mit einem
andern Herrn vom Hofe, das ich vor einiger Zeit anhörte. Sie erwähnten
einiger sehr merkwürdiger Umstände, die mir jedoch, weil ich all die
Geschichten nicht von Grund aus kenne, unverständlich geblieben und
wieder entfallen sind. Erzählt nun auch der Mönch seine Errettung aus
dem Klostergefängnis auf andere Weise, soll sie nämlich durch den Satan
geschehen sein, so halte ich dies doch für eine Einbildung, die ihm
noch vom Wahnsinn zurückblieb, und meine, daß der Mönch kein anderer
als eben der Bruder Medardus ist, den die Äbtissin zum geistlichen
Stande erziehen ließ, und den der Teufel zu allerlei Sünden verlockte,
bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei strafte.“

Als der Förster den Namen Medardus nannte, durchbebte mich ein innerer
Schauer, ja die ganze Erzählung hatte mich, wie mit tödlichen Stichen,
die mein Innerstes trafen, gepeinigt. -- Nur zu sehr war ich überzeugt,
daß der Mönch die Wahrheit gesprochen, da nur eben ein solches Getränk
der Hölle, das er lüstern genossen, ihn aufs neue in verruchten,
gotteslästerlichen Wahnsinn gestürzt hatte. -- Aber ich selbst war
herabgesunken zum elenden Spielwerk der bösen, geheimnisvollen Macht,
die mich mit unauflöslichen Banden umstrickt hielt, so daß ich, der ich
frei zu sein glaubte, mich nur innerhalb des Käfigs bewegte, in den ich
rettungslos gesperrt worden. -- Die guten Lehren des frommen Cyrillus,
die ich unbeachtet ließ, die Erscheinung des Grafen und seines
leichtsinnigen Hofmeisters, alles kam mir in den Sinn. -- Ich wußte
nun, woher die plötzliche Gärung im Innern, die Änderung meines Gemüts
entstanden; ich schämte mich meines frevelichen Beginnens, und diese
Scham galt mir in dem Augenblick für die tiefe Reue und Zerknirschung,
die ich in wahrhafter Buße hätte empfinden sollen. So war ich in tiefes
Nachdenken versunken, und hörte kaum auf den Alten, der nun, wieder
auf die Jägerei gekommen, mir manchen Strauß schilderte, den er mit
den bösen Freischützen gehabt. Die Dämmerung war eingebrochen und wir
standen vor dem Gebüsch, in dem die Hühner liegen sollten; der Förster
stellte mich auf meinen Platz, schärfte mir ein, weder zu sprechen
noch sonst mich viel zu regen und mit gespanntem Hahn recht sorglich
zu lauschen. Die Jäger schlichen leise auf ihre Plätze und ich stand
einsam in der Dunkelheit, die immer mehr zunahm. -- Da traten Gestalten
aus meinem Leben hervor im düstern Walde. Ich sah meine Mutter, die
Äbtissin, sie schauten mich an mit strafenden Blicken. -- Euphemie
rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht, und starrte mich an mit
ihren schwarzen, glühenden Augen, sie erhob ihre blutigen Hände, mir
drohend, ach es waren Blutstropfen, Hermogens Todeswunde entquollen,
ich schrie auf! -- Da schwirrte es über mir in starkem Flügelschlag,
ich schoß blindlings in die Luft und zwei Hühner stürzten getroffen
herab. „Bravo!“ rief der unfern von mir stehende Jägerbursche, indem
er das dritte herabschoß. -- Schüsse knallten jetzt rings umher, und
die Jäger versammelten sich, jeder seine Beute herbeitragend. Der
Jägerbursche erzählte, nicht ohne listige Seitenblicke auf mich, wie
ich ganz laut aufgeschrien, da die Hühner dicht über meinen Kopf
weggestrichen, als hätte ich großen Schreck und dann, ohne einmal
recht anzulegen, blindlings drunter geschossen und doch zwei Hühner
getroffen; ja es sei in der Finsternis ihm vorgekommen, als hätte ich
das Gewehr ganz nach anderer Richtung hingehalten, und doch wären die
Hühner gestürzt. Der alte Förster lachte laut auf, daß ich so über die
Hühner erschrocken sei, und mich nur gewehrt habe mit Drunterschießen.
-- „Übrigens, mein Herr,“ fuhr er fort, „will ich hoffen, daß Sie ein
ehrlicher, frommer Weidmann und kein Freijäger sind, der es mit dem
Bösen hält und hinschießen kann, wo er will, ohne das zu fehlen, was er
zu treffen willens.“ -- Dieser gewiß unbefangene Scherz des Alten traf
mein Innerstes, und selbst mein glücklicher Schuß in jener aufgeregten,
entsetzlichen Stimmung, den doch nur der Zufall herbeigeführt, erfüllte
mich mit Grauen. Mit meinem Selbst mehr als jemals entzweit, wurde ich
mir selbst zweideutig, und ein inneres Grausen umfing mein eignes Wesen
mit zerstörender Kraft.

Als wir ins Haus zurückkamen berichtete Christian, daß der Mönch sich
im Turm ganz ruhig verhalten, kein einziges Wort gesprochen und auch
keine Nahrung zu sich genommen habe. „Ich kann ihn nun nicht länger
bei mir behalten,“ sprach der Förster, „denn wer steht mir dafür, daß
sein, wie es scheint unheilbarer Wahnsinn, nach langer Zeit nicht aufs
neue ausbricht, und er irgend ein entsetzliches Unheil hier im Hause
anrichtet; er muß morgen in aller Frühe mit Christian und Franz nach
der Stadt; mein Bericht über den ganzen Vorgang ist längst fertig, und
da mag er denn in die Irrenanstalt gebracht werden.“

Als ich in meinem Gemach allein war, stand mir Hermogens Gestalt vor
Augen, und wenn ich sie fassen wollte mit schärferem Blick, wandelte
sie sich um in den wahnsinnigen Mönch. Beide flossen in meinem Gemüt
in eins zusammen, und bildeten so die Warnung der höhern Macht, die
ich wie dicht vor dem Abgrunde vernahm. Ich stieß an die Korbflasche,
die noch auf dem Boden lag; der Mönch hatte sie bis auf den letzten
Tropfen ausgeleert, und so war ich jeder neuen Versuchung, davon zu
genießen, enthoben; aber auch selbst die Flasche, aus der noch ein
starker, berauschender Duft strömte, schleuderte ich fort, durch das
offne Fenster über die Hofmauer weg, um so jede mögliche Wirkung des
verhängnisvollen Elixiers zu vernichten. -- Nach und nach wurde ich
ruhiger, ja der Gedanke ermutigte mich, daß ich auf jeden Fall in
geistiger Hinsicht erhaben sein müsse über jenen Mönch, den das dem
meinigen gleiche Getränk in wilden Wahnsinn stürzte. Ich fühlte, wie
dies entsetzliche Verhängnis bei mir vorübergestreift; ja, daß der
alte Förster den Mönch eben für den unglücklichen Medardus, für mich
selbst, hielt, war mir ein Fingerzeig der höheren, heiligen Macht, die
mich noch nicht sinken lassen wollte in das trostlose Elend. -- Schien
nicht der Wahnsinn, der überall sich mir in den Weg stellte, nur allein
vermögend, mein Inneres zu durchblicken und immer dringender vor dem
bösen Geiste zu warnen, der mir, wie ich glaubte, sichtbarlich in der
Gestalt des bedrohlichen, gespenstischen Malers erschienen? --

Unwiderstehlich zog es mich fort nach der Residenz. Die Schwester
meiner Pflegemutter, die, wie ich mich besann, der Äbtissin ganz
ähnlich war, da ich ihr Bild öfters gesehen, sollte mich wieder
zurückführen in das fromme, schuldlose Leben, wie es ehemals mir
blühte, denn dazu bedurfte es in meiner jetzigen Stimmung nur ihres
Anblicks und der dadurch erweckten Erinnerungen. Dem Zufall wollte ich
es überlassen, mich in ihre Nähe zu bringen.

Kaum war es Tag geworden, als ich des Försters Stimme im Hofe vernahm;
früh sollte ich mit dem Sohne abreisen, ich warf mich daher schnell in
die Kleider. Als ich herabkam, stand ein Leiterwagen mit Strohsitzen
zum Abfahren bereit vor der Haustür: man brachte den Mönch, der mit
totenbleichem und verstörtem Gesicht sich geduldig führen ließ. Er
antwortete auf keine Frage, er wollte nichts genießen, kaum schien er
die Menschen um sich zu gewahren. Man hob ihn auf den Wagen und band
ihn mit Stricken fest, da sein Zustand allerdings bedenklich schien
und man vor dem plötzlichen Ausbruch einer innern, verhaltenen Wut
keineswegs sicher war. Als man seine Arme festschnürte, verzog sich
sein Gesicht krampfhaft und er ächzte leise. Sein Zustand durchbohrte
mein Herz, er war mir verwandt worden, ja nur seinem Verderben
verdankte ich vielleicht meine Rettung. Christian und ein Jägerbursche
setzten sich neben ihn in den Wagen. Erst im Fortfahren fiel sein Blick
auf mich und er wurde plötzlich von tiefem Staunen ergriffen; als der
Wagen sich schon entfernte (wir waren ihm bis vor die Mauer gefolgt),
blieb sein Kopf gewandt und sein Blick auf mich gerichtet. „Sehen
Sie,“ sagte der alte Förster, „wie er Sie so scharf ins Auge faßt; ich
glaube, daß Ihre Gegenwart im Speisezimmer, die er nicht vermutete,
auch viel zu seinem rasenden Beginnen beigetragen hat, denn selbst
in seiner guten Periode blieb er ungemein scheu, und hatte immer den
Argwohn, daß ein Fremder kommen und ihn töten würde. Vor dem Tode hat
er nämlich eine ganz ungemessene Furcht, und durch die Drohung, ihn
gleich erschießen zu lassen, habe ich oft den Ausbrüchen seiner Raserei
widerstanden.“

Mir war wohl und leicht, daß der Mönch, dessen Erscheinung mein eignes
Ich in verzerrten, gräßlichen Zügen reflektierte, entfernt worden. Ich
freute mich auf die Residenz, denn es war mir, als solle dort die Last
des schweren, finstern Verhängnisses, die mich niedergedrückt, mir
entnommen werden, ja, als würde ich mich dort, erkräftigt, der bösen
Macht die mein Leben gefangen, entreißen können. Als das Frühstück
verzehrt, fuhr der saubre, mit raschen Pferden bespannte Reisewagen des
Försters vor. -- Kaum gelang es mir, der Frau für die Gastlichkeit mit
der ich aufgenommen, etwas Geld, sowie den beiden bildhübschen Töchtern
einige Galanteriewaren, die ich zufällig bei mir trug, aufzudringen.
Die ganze Familie nahm so herzlichen Abschied, als sei ich längst
im Hause bekannt gewesen, der Alte scherzte noch viel über mein
Jägertalent. Heiter und froh fuhr ich von dannen.




4. Abschnitt.

Das Leben am fürstlichen Hofe.


Die Residenz des Fürsten bildete gerade den Gegensatz zu der
Handelsstadt, die ich verlassen. Im Umfange bedeutend kleiner, war sie
regelmäßiger und schöner gebaut, aber ziemlich menschenleer. Mehrere
Straßen, worin Alleen gepflanzt, schienen mehr Anlagen eines Parks zu
sein, als zur Stadt zu gehören; alles bewegte sich still und feierlich,
selten von dem rasselnden Geräusch eines Wagens unterbrochen. Selbst
in der Kleidung und in dem Anstande der Einwohner bis auf den gemeinen
Mann herrschte eine gewisse Zierlichkeit, ein Streben, äußere Bildung
zu zeigen.

Der fürstliche Palast war nichts weniger als groß, auch nicht im großen
Stil erbaut, aber Rücksichts der Eleganz, der richtigen Verhältnisse,
eines der schönsten Gebäude, die ich jemals gesehen; an ihn schloß
sich ein anmutiger Park, den der liberale Fürst den Einwohnern zum
Spaziergange geöffnet.

Man sagte mir in dem Gasthause, wo ich eingekehrt, daß die fürstliche
Familie gewöhnlich abends einen Gang durch den Park zu machen pflege,
und daß viele Einwohner diese Gelegenheit niemals versäumten, den
gütigen Landesherrn zu sehen. Ich eilte um die bestimmte Stunde in
den Park, der Fürst trat mit seiner Gemahlin und einer geringen
Umgebung aus dem Schlosse. -- Ach! -- bald sah ich nichts mehr als
die Fürstin, sie, die meiner Pflegemutter so ähnlich war! -- Dieselbe
Hoheit, dieselbe Anmut in jeder ihrer Bewegungen, derselbe geistvolle
Blick des Auges, dieselbe freie Stirne, das himmlische Lächeln. --
Nur schien sie mir im Wuchse voller und jünger als die Äbtissin. Sie
redete liebreich mit mehreren Frauenzimmern, die sich eben in der Allee
befanden, während der Fürst mit einem ernsten Mann im interessanten,
eifrigen Gespräch begriffen schien. -- Die Kleidung, das Benehmen der
fürstlichen Familie, ihre Umgebung, alles griff ein in den Ton des
Ganzen. Man sah wohl, wie die anständige Haltung in einer gewissen Ruhe
und anspruchslosen Zierlichkeit, in der sich die Residenz erhielt, von
dem Hofe ausging. Zufällig stand ich bei einem aufgeweckten Mann, der
mir auf alle mögliche Fragen Bescheid gab und manche muntere Anmerkung
einzuflechten wußte. Als die fürstliche Familie vorüber war, schlug
er mir vor einen Gang durch den Park zu machen, und mir, dem Fremden,
die geschmackvollen Anlagen zu zeigen welche überall in demselben
anzutreffen; das war mir nun ganz recht, und ich fand in der Tat, daß
überall der Geist der Anmut und des geregelten Geschmacks verbreitet,
wiewohl mir oft in den im Park zerstreuten Gebäuden das Streben nach
der antiken Form, die nur die grandiosesten Verhältnisse duldet, den
Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben schien. Ich äußerte
dieses meinem Begleiter, er stimmte mir vollkommen bei und suchte nur
für jene Kleinlichkeiten darin eine Entschuldigung, daß die in einem
Park nötige Abwechslung, und selbst das Bedürfnis, hie und da Gebäude
als Zufluchtsort bei plötzlich einbrechendem Unwetter, oder auch nur
zur Erholung, zum Ausruhen zu finden, beinahe von selbst jene Mißgriffe
herbeiführe. -- Die einfachsten, anspruchslosesten Gartenhäuser,
Strohdächer auf Baumstämme gestützt und in anmutige Gebüsche versteckt,
die eben jenen angedeuteten Zweck erreichten, meinte ich dagegen, wären
mir lieber, als alle jene Tempelchen und Kapellchen; und sollte denn
nun einmal gezimmert und gemauert werden, so stehe dem geistreichen
Baumeister, der Rücksichts des Umfanges und der Kosten beschränkt sei,
wohl ein Stil zu Gebote, der, sich zum antiken oder zum gotischen
hinneigend, ohne kleinliche Nachahmerei, ohne Anspruch, das grandiose
alte Muster zu erreichen, nur das Anmutige, den dem Gemüte des
Beschauers wohltuenden Eindruck bezweckt.

„Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ erwiderte mein Begleiter, „indessen
rühren alle diese Gebäude, ja die Anlage des ganzen Parks von dem
Fürsten selbst her, und dieser Umstand beschwichtigt, wenigstens bei
uns Einheimischen, jeden Tadel. -- Der Fürst ist der beste Mensch,
den es auf der Welt geben kann, von jeher hat er den wahrhaft
landesväterlichen Grundsatz, daß die Untertanen nicht seinetwegen
da wären, er vielmehr der Untertanen wegen da sei, recht an den
Tag gelegt. Die Freiheit, alles zu äußern was man denkt; die
Geringfügigkeit der Abgaben und der daraus entspringende niedrige
Preis aller Lebensbedürfnisse; das gänzliche Zurücktreten der Polizei,
die nur dem boshaften Übermute ohne Geräusch Schranken setzt und weit
entfernt ist, den einheimischen Bürger sowie den Fremden mit gehässigem
Amtseifer zu quälen; die Entfernung alles soldatischen Unwesens, die
gemütliche Ruhe, womit Geschäfte, Gewerbe getrieben werden, alles das
wird Ihnen den Aufenthalt in unserm Ländchen erfreulich machen. Ich
wette, daß man Sie bis jetzt noch nicht nach Namen und Stand gefragt
hat, und der Gastwirt keineswegs, wie in andern Städten, in der ersten
Viertelstunde mit dem großen Buche unterm Arm feierlich angerückt
ist, worin man genötigt wird, seinen eignen Steckbrief mit stumpfer
Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln. Kurz, die ganze Einrichtung
unseres kleinen Staats, in dem die wahre Lebensweisheit herrscht, geht
von unserm herrlichen Fürsten aus, da vorher die Menschen, wie man mir
gesagt hat, durch albernen Pedantismus eines Hofes, der die Ausgabe des
benachbarten großen Hofes in Taschenformat war, gequält wurden. Der
Fürst liebt Künste und Wissenschaften, daher ist ihm jeder geschickte
Künstler, jeder geistreiche Gelehrte willkommen, und der Grad seines
Wissens nur ist die Ahnenprobe, die die Fähigkeit bestimmt, in der
nächsten Umgebung des Fürsten erscheinen zu dürfen. Aber eben in die
Kunst und Wissenschaft des vielseitig gebildeten Fürsten hat sich
etwas von dem Pedantismus geschlichen, der ihn bei seiner Erziehung
einzwängte, und der sich jetzt in dem sklavischen Anhängen an irgend
eine Form ausspricht. Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit
ängstlicher Genauigkeit jedes Detail der Gebäude vor und jede geringe
Abweichung von dem aufgestellten Muster, das er mühsam aus allen nur
möglichen antiquarischen Werken herausgesucht, konnte ihn ebenso
ängstigen, als wenn dieses oder jenes dem verjüngten Maßstab, den ihm
die beengten Verhältnisse aufdrangen, sich durchaus nicht fügen wollte.
Durch eben das Anhängen an diese oder jene Form, die er liebgewonnen,
leidet auch unser Theater, das von der einmal bestimmten Manier,
der sich die heterogensten Elemente fügen müssen, nicht abweicht.
Der Fürst wechselt mit gewissen Lieblingsneigungen, die aber gewiß
niemals irgend jemandem zu nahe treten. Als der Park angelegt wurde,
war er leidenschaftlicher Baumeister und Gärtner, dann begeisterte
ihn der Schwung, den seit einiger Zeit die Musik genommen, und dieser
Begeisterung verdanken wir die Einrichtung einer ganz vorzüglichen
Kapelle. -- Dann beschäftigte ihn die Malerei, in der er selbst das
Ungewöhnliche leistet. Selbst bei den täglichen Belustigungen des
Hofes findet dieser Wechsel statt. -- Sonst wurde viel getanzt, jetzt
wird an Gesellschaftstagen eine Farobank gehalten, und der Fürst,
ohne im mindesten eigentlicher Spieler zu sein, ergötzt er sich an
den sonderbaren Verknüpfungen des Zufalls, doch bedarf es nur irgend
eines Impulses, um wieder etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen.
Dieser schnelle Wechsel der Neigungen hat dem guten Fürsten den Vorwurf
zugezogen, daß ihm diejenige Tiefe des Geistes fehle, in der sich wie
in einem klaren, sonnenhellen See das farbenreiche Bild des Lebens
unverändert spiegelt; meiner Meinung nach tut man ihm aber unrecht, da
eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt, diesem oder
jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer Leidenschaft nachzuhängen,
ohne daß darüber das ebenso Edle vergessen oder auch nur vernachlässigt
werden sollte. Daher kommt es, daß Sie diesen Park so wohl erhalten
sehen, daß unsere Kapelle, unser Theater fortdauernd auf alle mögliche
Weise unterstützt und gehoben, daß die Gemäldesammlung nach Kräften
bereichert wird. Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei Hofe
betrifft, so ist das wohl ein heitres Spiel im Leben, das jeder dem
regsamen Fürsten zur Erholung vom ernsten, oft mühevollen Geschäft
recht herzlich gönnen mag.“

Wir gingen eben bei ganz herrlichen, mit tiefem malerischem Sinn
gruppierten Gebüschen und Bäumen vorüber, ich äußerte meine Bewunderung
und mein Begleiter sagte: „Alle diese Anlagen, diese Pflanzungen, diese
Blumengruppen sind das Werk der vortrefflichen Fürstin. Sie ist selbst
vollendete Landschaftsmalerin, und außerdem ist die Naturkunde ihre
Lieblingswissenschaft. Sie finden daher ausländische Bäume, seltene
Blumen und Pflanzen, aber nicht wie zur Schau ausgestellt, sondern mit
tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien verteilt, als wären
sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden entsprossen.
-- Die Fürstin äußerte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein
unbeholfen gemeißelten Götter und Göttinnen, Najaden und Driaden, wovon
sonst der Park wimmelte. Diese Standbilder sind deshalb verbannt
worden, und Sie finden nun nur einige gute Kopien nach der Antike,
die der Fürst gewisser, ihm teurer Erinnerungen wegen gern im Park
behalten wollte, die aber die Fürstin so geschickt -- mit zartem Sinn
des Fürsten innerste Willensmeinung ergreifend -- aufstellen zu lassen
wußte, daß sie auf jeden, dem auch die geheimeren Beziehungen fremd
sind, ganz wunderbar wirken.“

Es war später Abend geworden, wir verließen den Park, mein Begleiter
nahm die Einladung an, mit mir im Gasthofe zu speisen, und gab sich
endlich als den Inspektor der fürstlichen Bildergalerie zu erkennen.

Ich äußerte ihm, als wir bei der Mahlzeit vertrauter geworden, meinen
herzlichen Wunsch, der fürstlichen Familie näher zu treten, und er
versicherte, daß nichts leichter sei als dieses, da jeder gebildete,
geistreiche Fremde im Zirkel des Hofes willkommen wäre. Ich dürfe nur
dem Hofmarschall den Besuch machen und ihn bitten, mich dem Fürsten
vorzustellen. Diese diplomatische Art zum Fürsten zu gelangen gefiel
mir um so weniger, als ich kaum hoffen konnte, gewissen lästigen
Fragen des Hofmarschalls über das „Woher?“, über Stand und Charakter
zu entgehen; ich beschloß daher, dem Zufall zu vertrauen, der mir
vielleicht den kürzeren Weg zeigen würde, und das traf auch in der
Tat bald ein. Als ich nämlich eines Morgens in dem, zur Stunde gerade
ganz menschenleeren, Park lustwandelte, begegnete mir der Fürst in
einem schlichten Oberrock. Ich begrüßte ihn, als sei er mir gänzlich
unbekannt, er blieb stehen und eröffnete das Gespräch mit der Frage:
„Ob ich fremd hier sei?“ -- Ich bejahte es mit dem Zusatz, wie ich
vor ein paar Tagen angekommen und bloß durchreisen wollen; die Reize
des Orts, und vorzüglich die Gemütlichkeit und Ruhe, die hier überall
herrsche, hätten mich aber vermocht zu verweilen. Ganz unabhängig,
bloß der Wissenschaft und der Kunst lebend, wäre ich gesonnen, recht
lange hier zu bleiben, da mich die ganze Umgebung auf höchste Weise
anspreche und anziehe. Dem Fürsten schien das zu gefallen, und er
erbot sich mir als Cicerone alle Anlagen des Parks zu zeigen. Ich
hütete mich zu verraten, daß ich das alles schon gesehen, sondern
ließ mich durch alle Grotten, Tempel, gotische Kapellen, Pavillons
führen, und hörte geduldig die weitschweifigen Kommentare an, die
der Fürst von jeder Anlage gab. Überall nannte er die Muster, nach
welchen gearbeitet worden, machte mich auf die genaue Ausführung der
gestellten Aufgaben aufmerksam, und verbreitete sich überhaupt über
die eigentliche Tendenz, die bei der ganzen Einrichtung +dieses+
Parks zum Grunde gelegen, und die bei jedem Park vorwalten sollte. Er
frug nach meiner Meinung; ich rühmte die Anmut die Orts, die üppige,
herrliche Vegetation, unterließ aber auch nicht Rücksichts der Gebäude
mich ebenso wie gegen den Gallerieinspektor zu äußern. Er hörte mich
aufmerksam an, er schien manches meiner Urteile nicht gerade zu
verwerfen, indessen schnitt er jede weitere Diskussion über diesen
Gegenstand durch die Äußerung ab, daß ich zwar in ideeller Hinsicht
recht haben könne, indessen mir die Kenntnis des Praktischen und der
wahren Art der Ausführung fürs Leben, abzugehen scheine. Das Gespräch
wandte sich zur Kunst, ich bewies mich als guter Kenner der Malerei
und als praktischer Tonkünstler, ich wagte manchen Widerspruch gegen
seine Urteile, die geistreich und präcis seine innere Überzeugung
aussprachen, aber auch wahrnehmen ließen, daß seine Kunstbildung zwar
bei weitem +die+ übertraf, wie sie die Großen gemeinhin zu erhalten
pflegen, indessen doch viel zu oberflächlich war, um nur die Tiefe zu
ahnen, aus der dem wahren Künstler die herrliche Kunst aufgeht, und in
ihm den göttlichen Funken des Strebens nach dem Wahrhaftigen entzündet.
Meine Widersprüche, meine Ansichten galten ihm nur als Beweis meines
Dilettantismus, der gewöhnlich nicht von der wahren praktischen
Einsicht erleuchtet werde. Er belehrte mich über die wahren Tendenzen
der Malerei und der Musik, über die Bedingnisse des Gemäldes, der
Oper. -- Ich erfuhr viel von Kolorit, Draperie, Pyramidalgruppen, von
ernster und komischer Musik, von Szenen für die Primadonna, von Chören,
vom Effekt, vom Helldunkel, der Beleuchtung usw. Ich hörte alles an
ohne den Fürsten, der sich in dieser Unterhaltung recht zu gefallen
schien, zu unterbrechen. Endlich schnitt er selbst seine Rede ab mit
der schnellen Frage: „Spielen Sie Faro?“ -- Ich verneinte es. „Das
ist ein herrliches Spiel,“ fuhr er fort, „in seiner hohen Einfachheit
das wahre Spiel für geistreiche Männer. Man tritt gleichsam aus sich
selbst heraus, oder besser, man stellt sich auf einen Standpunkt, von
dem man die sonderbaren Verschlingungen und Verknüpfungen, die die
geheime Macht, welche wir Zufall nennen, mit unsichtbarem Faden spinnt,
zu erblicken imstande ist. Gewinn und Verlust sind die beiden Angeln,
auf denen sich die geheimnisvolle Maschine bewegt, die wir angestoßen,
und die nun der ihr einwohnende Geist nach Willkür forttreibt. -- Das
Spiel müssen Sie lernen, ich will selbst Ihr Lehrmeister sein“ -- Ich
versicherte, bis jetzt nicht viel Lust zu einem Spiel in mir zu spüren,
das, wie mir oft versichert worden, höchst gefährlich und verderblich
sein solle. -- Der Fürst lächelte, und fuhr, mich mit seinen lebhaften,
klaren Augen scharf anblickend, fort: „Ei, das sind kindische Seelen,
die das behaupten, aber am Ende halten Sie mich wohl für einen Spieler,
der Sie ins Garn locken will. -- Ich bin der Fürst; gefällt es Ihnen
hier in der Residenz, so bleiben Sie hier, und besuchen Sie meinen
Zirkel, in dem wir manchmal Faro spielen, ohne daß ich zugebe, daß
sich irgend jemand durch dies Spiel derangiere, unerachtet das Spiel
bedeutend sein muß um zu interessieren, denn der Zufall ist träge,
sobald ihm nur Unbedeutendes dargeboten wird.“

Schon im Begriff mich zu verlassen, kehrte der Fürst sich noch zu
mir und frug: „Mit wem habe ich aber gesprochen?“ -- Ich erwiderte,
daß ich Leonard heiße und als Gelehrter privatisiere, ich sei
übrigens keineswegs von Adel und dürfe vielleicht daher von der
mir angebotenen Gnade, im Hofzirkel zu erscheinen, keinen Gebrauch
machen. „Was Adel, was Adel,“ rief der Fürst heftig, „Sie sind,
wie ich mich überzeugt habe, ein sehr unterrichteter, geistreicher
Mann. -- Die Wissenschaft adelt Sie und macht Sie fähig, in meiner
Umgebung zu erscheinen. Adieu, Herr Leonard, auf Wiedersehen!“ --
So war denn mein Wunsch früher und leichter, als ich es mir gedacht
hatte, erfüllt. Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich an einem
Hofe erscheinen, ja, in gewisser Art selbst am Hofe leben, und mir
gingen all die abenteuerlichen Geschichten von den Kabalen, Ränken,
Intriguen der Höfe, wie sie sinnreiche Roman- und Komödienschreiber
aushecken, durch den Kopf. Nach Aussage dieser Leute, mußte der Fürst
von Bösewichtern aller Art umgeben und verblendet, insonderheit aber
der Hofmarschall ein ahnenstolzer, abgeschmackter Pinsel, der erste
Minister ein ränkevoller, habsüchtiger Bösewicht, die Kammerjunker
müssen aber lockere Menschen und Mädchenverführer sein. -- Jedes
Gesicht ist kunstmäßig in freundliche Falten gelegt, aber im Herzen Lug
und Trug; sie schmelzen vor Freundschaft und Zärtlichkeit, sie bücken
und krümmen sich, aber jeder ist des andern unversöhnlicher Feind
und sucht ihm hinterlistig ein Bein zu stellen, daß er rettungslos
umschlägt und der Hintermann in seine Stelle tritt, bis ihm ein
Gleiches widerfährt. Die Hofdamen sind häßlich, stolz, ränkevoll, dabei
verliebt, und stellen Netze und Sprenkeln, vor denen man sich zu hüten
hat, wie vor dem Feuer! -- So stand das Bild eines Hofes vor meiner
Seele, als ich im Seminar so viel davon gelesen; es war mir immer, als
treibe da der Teufel recht ungestört sein Spiel, und unerachtet mir
Leonardus manches von Höfen, an denen er sonst gewesen, erzählte, was
zu meinen Begriffen davon durchaus nicht passen wollte, so blieb mir
doch eine gewisse Scheu vor allem Höfischen zurück, die noch jetzt,
da ich im Begriff stand, einen Hof zu sehen, ihre Wirkung äußerte.
Mein Verlangen der Fürstin näher zu treten, ja eine innere Stimme, die
mir unaufhörlich, wie in dunklen Worten zurief, daß +hier+ mein
Geschick sich bestimmen werde, trieben mich unwiderstehlich fort, und
um die bestimmte Stunde befand ich mich, nicht ohne innere Beklemmung,
im fürstlichen Vorsaal. --

Mein ziemlich langer Aufenthalt in jener Reichs- und Handelsstadt hatte
mir dazu gedient, all das Ungelenke, Steife, Eckigte meines Betragens,
das mir sonst noch vom Klosterleben anklebte, ganz abzuschleifen. Mein
von Natur geschmeidiger, vorzüglich wohlgebauter Körper, gewöhnte sich
leicht an die ungezwungene freie Bewegung, die dem Weltmann eigen. Die
Blässe, die den jungen Mönch auch bei schönem Gesicht entstellt, war
aus meinem Gesicht verschwunden, ich befand mich in den Jahren der
höchsten Kraft, die meine Wangen rötete und aus meinen Augen blitzte;
meine dunkelbraunen Locken verbargen jedes Überbleibsel der Tonsur.
Zu dem allem kam, daß ich eine feine, zierliche schwarze Kleidung im
neuesten Geschmack trug, die ich aus der Handelsstadt mitgebracht,
und so konnte es nicht fehlen, daß meine Erscheinung angenehm auf die
schon Versammelten wirken mußte, wie sie es durch ihr zuvorkommendes
Betragen, das, sich in den Schranken der höchsten Feinheit haltend,
nicht zudringlich wurde, bewiesen. So wie nach meiner, aus Romanen und
Komödien gezogenen Theorie, der Fürst, als er mit mir im Park sprach,
bei den Worten: ich bin der Fürst, eigentlich den Oberrock rasch
aufknöpfen, und mir einen großen Stern entgegenblitzen lassen mußte,
so sollten auch all die Herren, die den Fürsten umgaben, in gestickten
Röcken, steifen Frisuren usw. einhergehen, und ich war nicht wenig
verwundert, nur einfache, geschmackvolle Anzüge zu bemerken. Ich nahm
war, daß mein Begriff vom Leben am Hofe wohl überhaupt ein kindisches
Vorurteil sein könne, meine Befangenheit verlor sich, und ganz
ermutigte mich der Fürst, der mit den Worten auf mich zutrat: „Sieh
da, Herr Leonard!“ und dann über meinen strengen kunstrichterlichen
Blick scherzte, mit dem ich seinen Park gemustert. -- Die Flügeltüren
öffneten sich und die Fürstin trat in den Konversationssaal, nur
von zwei Hofdamen begleitet. Wie erbebte ich bei ihrem Anblick
im Innersten, wie war sie nun, beim Schein der Lichter, meiner
Pflegemutter noch ähnlicher als sonst. -- Die Damen umringten sie,
man stellte sich vor, sie sah mich an mit einem Blick, der Erstaunen,
eine innere Bewegung verriet; sie lispelte einige Worte, die ich nicht
verstand und kehrte sich dann zu einer alten Dame, der sie etwas leise
sagte, worüber diese unruhig wurde und mich scharf anblickte. -- Alles
dieses geschah in einem Moment. -- Jetzt teilte sich die Gesellschaft
in kleinere und größere Gruppen, lebhafte Gespräche begannen, es
herrschte ein freier, ungezwungener Ton und doch fühlte man es, daß
man sich im Zirkel des Hofes, in der Nähe des Fürsten befand, ohne daß
dies Gefühl nur im mindesten gedrückt hätte. Kaum eine einzige Figur
fand ich, die in das Bild des Hofes, wie ich ihn mir sonst dachte,
gepaßt haben sollte. Der Hofmarschall war ein alter, lebenslustiger,
aufgeweckter Mann, die Kammerjunker muntre Jünglinge, die nicht im
mindesten danach aussahen, als führten sie Böses im Schilde. Die
beiden Hofdamen schienen Schwestern, sie waren sehr jung und ebenso
unbedeutend, zum Glück aber sehr anspruchslos geputzt. Vorzüglich war
es ein kleiner Mann mit gestützter Nase und lebhaft funkelnden Augen,
schwarz gekleidet, den langen Stahldegen an der Seite, der, indem
er sich mit unglaublicher Schnelle durch die Gesellschaft wand und
schlängelte, und bald hier, bald dort war, nirgends weilend, keinem
Rede stehend, hundert witzige sarkastische Einfälle wie Feuerfunken
umhersprühte, überall reges Leben entzündete. Es war des Fürsten
Leibarzt. -- Die alte Dame, mit der die Fürstin gesprochen, hatte
unbemerkt mich so geschickt zu umkreisen gewußt, daß ich, ehe ich mir’s
versah, mit ihr allein im Fenster stand. Sie ließ sich alsbald in ein
Gespräch mit mir ein, das, so schlau sie es anfing, bald den einzigen
Zweck verriet, mich über meine Lebensverhältnisse auszufragen. -- Ich
war auf dergleichen vorbereitet, und überzeugt, daß die einfachste
anspruchsloseste Erzählung in solchen Fällen die unschädlichste und
gefahrloseste ist, schränkte ich mich darauf ein, ihr zu sagen, daß ich
ehemals Theologie studiert, jetzt aber, nachdem ich den reichen Vater
beerbt, aus Lust und Liebe reise. Meinen Geburtsort verlegte ich nach
dem polnischen Preußen und gab ihm einen solchen barbarischen Zähne
und Zunge zerbrechenden Namen, der der alten Dame das Ohr verletzte
und ihr jede Lust benahm, noch einmal zu fragen. „Ei, ei,“ sagte die
alte Dame, „Sie haben ein Gesicht, mein Herr, das hier gewisse traurige
Erinnerungen wecken könnte, und sind vielleicht mehr als Sie scheinen
wollen, da Ihr Anstand keinesweges auf einen Studenten der Theologie
deutet.“

Nachdem Erfrischungen gereicht worden, ging es in den Saal, wo der
Farotisch in Bereitschaft stand. Der Hofmarschall machte den Banquier,
doch stand er, wie man mir sagte, mit dem Fürsten in der Art im Verein,
daß er allen Gewinn behielt, der Fürst ihm aber jeden Verlust, insofern
er den Fonds der Bank schwächte, ersetzte. Die Herren versammelten
sich um den Tisch, bis auf den Leibarzt, der durchaus niemals spielte,
sondern bei den Damen blieb, die an dem Spiel keinen Anteil nahmen.
Der Fürst rief mich zu sich, ich mußte neben ihm stehen, und er wählte
meine Karten, nachdem er mir in kurzen Worten das Mechanische des
Spiels erklärt. Dem Fürsten schlugen alle Karten um, und auch ich
befand mich, so genau ich den Rat des Fürsten befolgte, fortwährend im
Verlust, der bedeutend wurde, da ein Louisdor als niedrigster Point
galt. Meine Kasse war ziemlich auf die Neige, und schon oft hatte ich
gesonnen, wie es gehen würde, wenn die letzten Louisdor ausgegeben,
um so mehr war mir das Spiel, welches mich auf einmal arm machen
konnte, fatal. Eine neue Taille begann, und ich bat den Fürsten, mich
nun ganz mir selbst zu überlassen, da es scheine, als wenn ich, als
ein ausgemacht unglücklicher Spieler, ihn auch in Verlust brächte.
Der Fürst meinte lächelnd, daß ich noch vielleicht meinen Verlust
hätte einbringen können, wenn ich nach dem Rat des erfahrnen Spielers
fortgefahren, indessen wolle er nun sehn, wie ich mich benehmen
würde, da ich mir so viel zutraue. -- Ich zog aus meinen Karten,
ohne sie anzusehen, blindlings eine heraus, es war die Dame. -- Wohl
mag es lächerlich zu sagen sein, daß ich in diesem blassen, leblosen
Kartengesicht Aureliens Züge zu entdecken glaubte. Ich starrte das
Blatt an, kaum konnte ich meine innere Bewegung verbergen; der Zuruf
des Banquiers, ob das Spiel gemacht sei, riß mich aus der Betäubung.
Ohne mich zu besinnen, zog ich die letzten fünf Louisdor, die ich noch
bei mir trug, aus der Tasche und setzte sie auf die Dame. Sie gewann,
nun setzte ich immer fort und fort auf die Dame, und immer höher,
so wie der Gewinn stieg. Jedesmal, wenn ich wieder die Dame setzte,
riefen die Spieler: „Nein, es ist unmöglich, jetzt muß die Dame untreu
werden -- und alle Karten der übrigen Spieler schlugen um. „Das ist
mirakulos, das ist unerhört,“ erscholl es von allen Seiten, indem ich
still und in mich gekehrt, ganz mein Gemüt Aurelien zugewendet, kaum
das Gold achtete, das mir der Banquier einmal übers andere zuschob. --
Kurz in den vier letzten Taillen hatte die Dame unausgesetzt gewonnen
und ich die Taschen voll Gold. Es waren an zweitausend Louisdor,
die mir das Glück durch die Dame zugeteilt, und unerachtet ich nun
aller Verlegenheit enthoben, so konnte ich mich doch eines innern
unheimlichen Gefühls nicht erwehren. -- Auf wunderbare Art fand ich
einen geheimen Zusammenhang zwischen dem glücklichen Schuß aufs
Geratewohl, der neulich die Hühner herabwarf, und zwischen meinem
heutigen Glück. Es wurde mir klar, daß nicht ich, sondern die fremde
Macht, die in mein Wesen getreten, alles das Ungewöhnliche bewirke, und
ich nur das willenlose Werkzeug sei, dessen sich jene Macht bediene,
zu mir unbekannten Zwecken. Die Erkenntnis dieses Zwiespalts, der
mein Inneres feindselig trennte, gab mir aber Trost, indem sie mir
das allmähliche Aufkeimen eigner Kraft, die bald stärker und stärker
werdend, dem Feinde widerstehen und ihn bekämpfen werde, verkündete. --
Das ewige Abspiegeln von Aureliens Bild konnte nichts anderes sein als
ein verruchtes Verlocken zum bösen Beginnen, und eben dieser frevelige
Mißbrauch des frommen lieben Bildes erfüllte mich mit Grausen und
Abscheu.

In der düstersten Stimmung schlich ich des Morgens durch den Park,
als mir der Fürst, der um die Stunde auch zu lustwandeln pflegte,
entgegentrat. „Nun, Herr Leonard,“ rief er, „wie finden Sie mein
Farospiel? -- was sagen Sie von der Laune des Zufalls, der Ihnen alles
tolle Beginnen verzieh und das Gold zuwarf. Sie hatten glücklicherweise
die Carte Favorite getroffen, aber so blindlings dürfen Sie selbst
der Carte Favorite nicht immer vertrauen.“ -- Er verbreitete sich
weitläufig über den Begriff der Carte Favorite, gab mir die wohl
ersonnensten Regeln, wie man dem Zufall in die Hand spielen müsse,
und schloß mit der Äußerung, daß ich nun mein Glück im Spiel wohl
eifrigst verfolgen werde. Ich versicherte dagegen freimütig, daß es
mein fester Vorsatz sei, nie mehr eine Karte anzurühren. Der Fürst
sah mich verwundert an. -- „Eben mein gestriges wunderbares Glück,“
fuhr ich fort, „hat diesen Entschluß erzeugt, denn alles das, was ich
sonst von dem Gefährlichen, ja Verderblichen dieses Spiels gehört, ist
dadurch bewährt worden. Es lag für mich etwas Entsetzliches darin,
daß, indem die gleichgültige Karte, die ich blindlings zog, in mir
eine schmerzhafte herzzerreißende Erinnerung weckte, ich von einer
unbekannten Macht ergriffen wurde, die das Glück des Spiels, den losen
Geldgewinn mir zuwarf, als entsprösse es aus meinem eignen Innern,
als wenn ich selbst, jenes Wesen denkend, das aus der leblosen Karte
mir mit glühenden Farben entgegenstrahlte, dem Zufall gebieten könne,
seine geheimsten Verschlingungen erkennend.“ -- „Ich verstehe Sie,“
unterbrach mich der Fürst, „Sie liebten unglücklich, die Karte rief
das Bild der verlornen Geliebten in Ihre Seele zurück, obgleich mich
das, mit Ihrer Erkenntnis, possierlich anspricht, wenn ich mir das
breite, blasse, komische Kartengesicht der Coeurdame, die Ihnen in
die Hand fiel, lebhaft imaginiere. -- Doch Sie dachten nun einmal
an die Geliebte, und sie war Ihnen im Spiel treuer und wohltuender,
als vielleicht im Leben; aber was darin Entsetzliches, Schreckbares
liegen soll, kann ich durchaus nicht begreifen, vielmehr muß es ja
erfreulich sein, daß Ihnen das Glück wohlwollte. Überhaupt -- ist
Ihnen denn nun einmal die ominöse Verknüpfung des Spielglücks mit
Ihrer Geliebten so unheimlich, so trägt nicht das Spiel die Schuld,
sondern nur Ihre individuelle Stimmung.“ -- „Mag das sein, gnädigster
Herr,“ erwiderte ich, „aber ich fühle nur zu lebhaft, daß es nicht
sowohl die Gefahr ist, durch bedeutenden Verlust in die übelste
Lage zu geraten, welche dieses Spiel so verderblich macht, sondern
vielmehr die Kühnheit, geradezu wie in offener Fehde, es mit der
geheimen Macht aufzunehmen, die aus dem Dunkel glänzend hervortritt
und uns wie ein verführerisches Trugbild in eine Region verlockt,
in der sie uns höhnend ergreift und zermalt. Eben dieser Kampf mit
jener Macht scheint das anziehende Wagestück zu sein, das der Mensch,
seiner Kraft kindisch vertrauend, so gern unternimmt, und das er,
einmal begonnen, beständig, ja noch im Todeskampfe den Sieg hoffend,
nicht mehr lassen kann. Daher kommt meines Bedünkens die wahnsinnige
Leidenschaft der Farospieler und die innere Zerrüttung des Geistes,
die der bloße Geldverlust nicht nach sich zu ziehen vermag, und die
Sie zerstört. Aber auch schon in untergeordneter Hinsicht kann selbst
dieser Verlust auch den leidenschaftlosen Spieler, in den noch nicht
jenes feindselige Prinzip gedrungen, in tausend Unannehmlichkeiten, ja
in offenbare Not stürzen, da er doch nur durch die Umstände veranlaßt
spielte. Ich darf es gestehen, gnädigster Herr, daß ich selbst gestern
im Begriff stand, meine ganze Reisekasse gesprengt zu sehen.“ --
„Das hätte ich erfahren,“ fiel der Fürst rasch ein, „und Ihnen den
Verlust dreidoppelt ersetzt, denn ich will nicht, daß sich jemand
meines Vergnügens wegen ruiniere, überhaupt kann das bei mir nicht
geschehen, da ich meine Spieler kenne und sie nicht aus den Augen
lasse.“ -- „Aber eben diese Einschränkung, gnädigster Herr,“ erwiderte
ich, „hebt wieder die Freiheit des Spiels auf und setzt selbst jenen
besonderen Verknüpfungen des Zufalls Schranken, deren Betrachtung
Ihnen, gnädigster Herr, das Spiel so interessant macht. Aber wird nicht
auch dieser oder jener, den die Leidenschaft des Spiels unwiderstehlich
ergriffen, Mittel finden zu seinem eignen Verderben der Aufsicht zu
entgehen, und so ein Mißverhältnis in sein Leben bringen, das ihn
zerstört? -- Verzeihen Sie meine Freimütigkeit, gnädigster Herr! --
Ich glaube überdem, daß jede Einschränkung der Freiheit, sollte diese
auch gemißbraucht werden, drückend, ja, als dem menschlichen Wesen
schnurstracks entgegenstrebend, unausstehlich ist.“ -- „Sie sind nun
einmal, wie es scheint, überall nicht meiner Meinung, Herr Leonard,“
fuhr der Fürst auf und entfernte sich rasch, indem er mir ein leichtes
„Adieu“ zuwarf. Kaum wußte ich selbst, wie ich dazu gekommen, mich so
offenherzig zu äußern, ja ich hatte niemals, unerachtet ich in der
Handelsstadt oft an bedeutenden Banken als Zuschauer stand, genug über
das Spiel nachgedacht, um meine Überzeugung im Innern so zu ordnen,
wie sie mir jetzt unwillkürlich von den Lippen floß. Es tat mir leid,
die Gnade des Fürsten verscherzt und das Recht verloren zu haben, im
Zirkel des Hofes erscheinen und der Fürstin näher treten zu dürfen. Ich
hatte mich indessen geirrt, denn noch denselben Abend erhielt ich eine
Einladungskarte zum Hofkonzert und der Fürst sagte im Vorbeistreifen
mit freundlichem Humor zu mir: „Guten Abend, Herr Leonard, gebe der
Himmel, daß meine Kapelle heute Ehre einlegt und meine Musik Ihnen
besser gefällt als mein Park.“

Die Musik war in der Tat recht artig, es ging alles präcis, indessen
schien mir die Wahl der Stücke nicht glücklich, indem eins die Wirkung
des andern vernichtete, und vorzüglich erregte mir eine lange Szene,
die mir wie nach einer aufgegebenen Formel komponiert zu sein schien,
herzliche Langeweile. Ich hütete mich wohl, meine wahre innere Meinung
zu äußern und hatte um so klüger daran getan, als man mir in der Folge
sagte, daß eben jene lange Szene eine Komposition des Fürsten gewesen.

Ohne Bedenken fand ich mich in dem nächsten Zirkel des Hofes ein und
wollte selbst am Farospiel teilnehmen, um den Fürsten ganz mit mir
zu versöhnen, aber nicht wenig erstaunte ich, als ich keine Bank
erblickte, vielmehr sich einige gewöhnliche Spieltische formten, und
unter den übrigen Herren und Damen, die sich im Zirkel um den Fürsten
setzten, eine lebhafte geistreiche Unterhaltung begann. Dieser oder
jener wußte manches Ergötzliche zu erzählen, ja Anekdoten mit scharfer
Spitze wurden nicht verschmäht; meine Rednergabe kam mir zu statten,
und es waren Andeutungen aus meinem eigenen Leben, die ich unter der
Hülle romantischer Dichtung auf anziehende Weise vorzutragen wußte. So
erwarb ich mir die Aufmerksamkeit und den Beifall des Zirkels; der
Fürst liebte aber mehr das Heitre, Humoristische, und darin übertraf
niemand den Leibarzt, der in tausend possierlichen Einfällen und
Wendungen unerschöpflich war.

Diese Art der Unterhaltung erweiterte sich dahin, daß oft dieser
oder jener etwas aufgeschrieben hatte, das er in der Gesellschaft
vorlas, und so kam es denn, daß das Ganze bald das Ansehen eines
wohlorganisierten literarisch-ästhetischen Vereins erhielt, in dem
der Fürst präsidierte, und in welchem jeder das Fach ergriff, welches
ihm am mehrsten zusagte. -- Einmal hatte ein Gelehrter, der ein
trefflicher, tiefdenkender Physiker war, uns mit neuen interessanten
Entdeckungen im Gebiet seiner Wissenschaft überrascht, und so sehr
dies +den+ Teil der Gesellschaft ansprach, der wissenschaftlich genug
war, den Vortrag des Professors zu fassen, so sehr langweilte sich
+der+ Teil, dem das alles fremd und unbekannt blieb. Selbst der Fürst
schien sich nicht sonderlich in die Ideen des Professors zu finden,
und auf den Schluß mit herzlicher Sehnsucht zu warten. Endlich hatte
der Professor geendet, der Leibarzt war vorzüglich erfreut und brach
aus in Lob und Bewunderung, indem er hinzufügte, daß dem tiefen
Wissenschaftlichen wohl zur Erheiterung des Gemüts etwas folgen könne,
das nun eben auf nichts weiter Anspruch mache, als auf Erreichung
dieses Zwecks. -- Die Schwächlichen, die die Macht der ihnen fremden
Wissenschaft gebeugt hatte, richteten sich auf, und selbst des Fürsten
Gesicht überflog ein Lächeln, welches bewies, wie sehr ihm die Rückkehr
ins Alltagsleben wohltat.

„Sie wissen, gnädigster Herr,“ hob der Leibarzt an, indem er sich
zum Fürsten wandte, „daß ich auf meinen Reisen nicht unterließ, all
die lustigen Vorfälle, wie sie das Leben durchkreuzen, vorzüglich
aber die possierlichen Originale die mir aufstießen, treu in meinem
Reisejournal zu bewahren, und eben aus diesem Journal bin ich im
Begriff etwas mitzuteilen, das, ohne sonderlich bedeutend zu sein,
doch mir ergötzlich scheint. -- Auf meiner vorjährigen Reise kam ich
in später Nacht in das schöne, große Dorf vier Stunden von B.; ich
entschloß mich in den stattlichen Gasthof einzukehren, wo mich ein
freundlicher, aufgeweckter Wirt empfing. Ermüdet, ja zerschlagen von
der weiten Reise, warf ich mich in meinem Zimmer gleich ins Bette, um
recht auszuschlafen, aber es mochte eben Eins geschlagen haben, als
mich eine Flöte, die dicht neben mir geblasen wurde, weckte. In meinem
Leben hatt’ ich solch ein Blasen nicht gehört. Der Mensch muß ungeheure
Lungen haben, denn mit einem schneidenden, durchdringenden Ton, der den
Charakter des Instruments ganz vernichtete, blies er immer dieselbe
Passage hintereinander fort, so daß man sich nichts Abscheulicheres,
Unsinnigeres denken konnte. Ich schimpfte und fluchte auf den
verdammten tollen Musikanten, der mir den Schlaf raubte und die Ohren
zerriß, aber wie ein aufgezogenes Uhrwerk rollte die Passage fort, bis
ich endlich einen dumpfen Schlag vernahm, als würde etwas gegen die
Wand geschleudert, worauf es still blieb und ich ruhig fortschlafen
konnte.

Am Morgen hörte ich ein starkes Gezänk unten im Hause. Ich unterschied
die Stimme des Wirts und eines Mannes, der unaufhörlich schrie:
„Verdammt sei Ihr Haus, wäre ich nie über die Schwelle getreten. --
Der Teufel hat mich in ihr Haus geführt, wo man nichts trinken, nichts
genießen kann! -- alles ist infam schlecht und hundemäßig teuer. --
Da haben Sie Ihr Geld, Adieu, Sie sehen mich nicht wieder in Ihrer
vermaledeiten Kneipe.“ -- Damit sprang ein kleiner, winddürrer Mann,
in einem kaffeebraunen Rocke und fuchsroter runder Perücke, auf die
er einen grauen Hut ganz schief und martialisch gestülpt, schnell zum
Hause hinaus und lief nach dem Stalle, aus dem ich ihn bald auf einem
ziemlich steifen Gaule in schwerfälligem Galopp zum Hofe hinausreiten
sah.

Natürlich hielt ich ihn für einen Fremden, der sich mit dem Wirt
entzweit habe und nun abgereist sei; eben deshalb nahm es mich nicht
wenig wunder, als ich mittags, da ich mich in der Wirtsstube befand,
dieselbe komische kaffeebraune Figur mit der fuchsroten Perücke, welche
des Morgens hinausritt, eintreten und ohne Umstände an dem gedeckten
Tisch Platz nehmen sah. Es war das häßlichste und dabei possierlichste
Gesicht, das mir jemals aufstieß. In dem ganzen Wesen des Mannes lag
so etwas drollig Ernstes, daß man ihn betrachtend, sich kaum des
Lachens enthalten konnte. Wir aßen miteinander, und ein wortkarges
Gespräch schlich zwischen mir und dem Wirt hin, ohne daß der Fremde,
der gewaltig aß, daran Anteil nehmen wollte. Offenbar war es, wie ich
nachher einsah, Bosheit des Wirts, daß er das Gespräch geschickt
auf nationelle Eigentümlichkeiten lenkte, und mich geradezu frug,
ob ich wohl schon Irländer kennen gelernt und von ihren sogenannten
Bulls etwas wisse? Allerdings! erwiderte ich, indem mir gleich eine
ganze Reihe solcher Bulls durch den Kopf ging. Ich erzählte von
jenem Irländer, der, als man ihn frug, warum er den Strumpf verkehrt
angezogen, ganz treuherzig antwortete: „Auf der rechten Seite ist ein
Loch!“ -- Es kam mir ferner der herrliche Bull jenes Irländers in
den Sinn, der mit einem jähzornigen Schotten zusammen in einem Bette
schlief und den bloßen Fuß unter der Decke hervorgestreckt hatte. Nun
bemerkte dies ein Engländer, der im Zimmer befindlich und schnallte
flugs dem Irländer den Sporn an den Fuß, den er von seinem Stiefel
heruntergenommen. Der Irländer zog schlafend den Fuß wieder unter die
Decke und ritzte mit dem Sporn den Schotten, der darüber aufwachte
und dem Irländer eine tüchtige Ohrfeige gab. Darauf entspann sich
unter ihnen folgendes sinnreiche Gespräch: „Was Teufel ficht dich an,
warum schlägst du mich?“ -- „Weil du mich mit deinem Sporn geritzt
hast!“ -- „Wie ist das möglich, da ich mit bloßen Füßen bei dir im
Bette liege.“ -- „Und doch ist es so, sieh nur her.“ -- „Gott verdamm
mich, du hast recht, hat der verfluchte Kerl von Hausknecht mir den
Stiefel ausgezogen und den Sporn sitzen lassen.“ -- Der Wirt brach in
ein unmäßiges Gelächter aus, aber der Fremde, der eben mit dem Essen
fertig worden und ein großes Glas Bier hinuntergestürzt hatte, sah
mich ernst an und sprach: „Sie haben ganz recht, die Irländer machen
oft dergleichen Bulls, aber es liegt keineswegs an dem Volke, das
regsam und geistreich ist, vielmehr weht dort eine solche verfluchte
Luft, die einen mit dergleichen Tollheiten wie mit einem Schnupfen
befällt, denn, mein Herr, ich selbst bin zwar ein Engländer, aber in
Irland geboren und erzogen und nur deshalb jener verdammten Krankheit
der Bulls unterworfen.“ -- Der Wirt lachte noch stärker und ich
mußte unwillkürlich einstimmen, denn sehr ergötzlich war es doch,
daß der Irländer, nur von Bulls sprechend, gleich selbst einen ganz
vortrefflichen zum besten gab. Der Fremde, weit entfernt durch unser
Gelächter beleidigt zu werden, riß die Augen weit auf, legte die Finger
an die Nase und sprach: „In England sind die Irländer das starke
Gewürz, das der Gesellschaft hinzugefügt wird, um sie schmackhaft zu
machen. Ich selbst bin in dem einzigen Stück dem Fallstaff ähnlich, daß
ich oft nicht allein selbst witzig bin, sondern auch den Witz anderer
erwecke, was in dieser nüchternen Zeit kein geringes Verdienst ist.
Sollten Sie denken, daß in dieser ledernen leeren Bierwirtsseele sich
auch oft dergleichen regt, bloß auf meinen Anlaß? Aber dieser Wirt ist
ein guter Wirt, er greift sein dürftig Kapital von guten Einfällen
durchaus nicht an, sondern leiht hie und da in Gesellschaft der Reichen
nur einen aus auf hohe Zinsen; er zeigt, ist er dieser Zinsen nicht
versichert, wie eben jetzt, höchstens den Einband eines Hauptbuchs,
und der ist sein unmäßiges Lachen; denn in dieses Lachen hat er seinen
Witz eingewickelt. Gott befohlen meine Herren!“ -- damit schritt
der originelle Mann zur Türe hinaus, und ich bat den Wirt sofort um
Auskunft über ihn. „Dieser Irländer,“ sagte der Wirt, „der Ewson
heißt und deswegen ein Engländer sein will, weil sein Stammbaum in
England wurzelt, ist erst seit kurzer Zeit hier, es werden nun gerade
zweiundzwanzig Jahre sein. -- Ich hatte als ein junger Mensch den
Gasthof gekauft und hielt Hochzeit, als Herr Ewson, der auch noch ein
Jüngling war, aber schon damals eine fuchsrote Perücke, einen grauen
Hut und einen kaffeebraunen Rock von demselben Schnitt wie heute trug,
auf der Rückreise nach seinem Vaterlande begriffen, hier vorbeikam, und
durch die Tanzmusik, die lustig erschallte, hereingelockt wurde. Er
schwur, daß man nur auf dem Schiffe zu tanzen verstehe, wo er es seit
seiner Kindheit erlernt, und führte, um dies zu beweisen, indem er auf
gräßliche Weise dazu zwischen den Zähnen pfiff, einen Hornpipe auf,
wobei er aber bei einem Hauptsprunge sich den Fuß dermaßen verrenkte,
daß er bei mir liegen bleiben und sich heilen lassen mußte. -- Seit der
Zeit hat er mich nicht wieder verlassen. Mit seinen Eigenheiten habe
ich meine liebe Not; jeden Tag seit den vielen Jahren zankt er mit mir,
er schmält auf die Lebensart, er wirft mir vor, daß ich ihn überteure,
daß er ohne Roastbeef und Porter nicht länger leben könne, packt sein
Felleisen, setzt seine drei Perücken auf, eine über die andre, nimmt
von mir Abschied und reitet auf seinem alten Gaule davon. Das ist aber
nur sein Spazierritt, denn mittags kommt er wieder zum andern Tore
herein, setzt sich, wie Sie heute gesehen haben, ruhig an den Tisch
und ißt von den ungenießbaren Speisen für drei Mann. Jedes Jahr erhält
er einen starken Wechsel; dann sagt er mir ganz wehmütig Lebewohl, er
nennt mich seinen besten Freund und vergießt Tränen, wobei mir auch
die Tränen über die Backen laufen, aber vor unterdrücktem Lachen.
Nachdem er noch, Lebens und Sterbens halber, seinen letzten Willen
aufgesetzt, und, wie er sagt, meiner ältesten Tochter sein Vermögen
vermacht hat, reitet er ganz langsam und betrübt nach der Stadt. Den
dritten oder höchstens vierten Tag ist er aber wieder hier und bringt
zwei kaffeebraune Röcke, drei fuchsrote Perücken, eine gleißender wie
die andere, sechs Hemden, einen neuen grauen Hut und andere Bedürfnisse
seines Anzuges, meiner ältesten Tochter, seiner Lieblingin, aber ein
Tütchen Zuckerwerk mit, wie einem Kinde, unerachtet sie nun schon
achtzehn Jahre alt worden. Er denkt dann weder an seinen Aufenthalt
in der Stadt, noch an die Heimreise. Seine Zeche berichtigt er jeden
Abend und das Geld für das Frühstück wirft er mir jeden Morgen zornig
hin, wenn er wegreitet, um nicht wiederzukommen. Sonst ist er der
gutmütigste Mensch von der Welt, er beschenkt meine Kinder bei jeder
Gelegenheit, er tut den Armen im Dorfe wohl, nur den Prediger kann
er nicht leiden, weil er, wie Herr Ewson es von dem Schulmeister
erfuhr, einmal ein Goldstück, das Ewson in die Armenbüchse geworfen,
eingewechselt und lauter Kupferpfennige dafür gegeben hat. Seit der
Zeit weicht er ihm überall aus und geht niemals in die Kirche, weshalb
der Prediger ihn für einen Atheisten ausschreit. Wie gesagt, habe ich
aber oft meine liebe Not mit ihm, weil er jähzornig ist und ganz tolle
Einfälle hat. Erst gestern hörte ich, als ich nach Hause kam, schon von
weitem ein heftiges Geschrei und unterschied Ewsons Stimme. Als ich ins
Haus trat, fand ich ihn im stärksten Zank mit der Hausmagd begriffen.
Er hatte, wie es im Zorn immer geschieht, bereits seine Perücke
weggeschleudert und stand im kahlen Kopf, ohne Rock, in Hemdärmeln
dicht vor der Magd, der er ein großes Buch unter die Nase hielt und
stark schreiend und fluchend mit dem Finger hineinwies. Die Magd hatte
die Hände in die Seiten gestemmt und schrie, er möge andere zu seinen
Streichen brauchen, er sei ein schlechter Mensch, der an nichts glaube
usw. Mit Mühe gelang es mir, die Streitenden auseinander zu bringen und
der Sache auf den Grund zu kommen. -- Herr Ewson hatte verlangt, die
Magd solle ihm Oblate verschaffen zum Briefsiegeln; die Magd verstand
ihn anfangs gar nicht, zuletzt fiel ihr ein, daß das Oblate sei, was
bei dem Abendmahl gebraucht werde, und meinte, Herr Ewson wolle mit
der Hostie verruchtes Gespötte treiben, weil der Herr Pfarrer ohnedies
gesagt, daß er ein Gottesleugner sei. Sie widersetzte sich daher und
Herr Ewson, der da glaubte nur nicht richtig ausgesprochen zu haben
und nicht verstanden zu sein, holte sofort sein englisch-deutsches
Wörterbuch und demonstrierte daraus der Bauernmagd, die kein Wort
lesen konnte, was er haben wolle, wobei er zuletzt nichts als englisch
sprach, welches die Magd für das sinnverwirrende Gewäsche des Teufels
hielt. Nur mein Dazwischentreten verhinderte die Prügelei, in der Herr
Ewson vielleicht den Kürzeren gezogen.“

Ich unterbrach den Wirt in der Erzählung von dem drolligen Manne, indem
ich frug, ob das vielleicht auch Herr Ewson gewesen, der mich in der
Nacht durch sein gräßliches Flötenblasen so gestört und geärgert habe.
„Ach, mein Herr,“ fuhr der Wirt fort, „das ist nun auch eine von Herr
Ewsons Eigenheiten, womit er mir beinahe die Gäste verscheucht. Vor
drei Jahren kam mein Sohn aus der Stadt hierher; der Junge bläst eine
herrliche Flöte und übte hier fleißig sein Instrument. Da fiel es Herrn
Ewson ein, daß er ehemals auch Flöte geblasen und ließ nicht nach, bis
ihm Fritz seine Flöte und ein Konzert, das er mitgebracht hatte, für
schweres Geld verkaufte.

Nun fing Herr Ewson, der gar keinen Sinn für Musik, gar keinen Takt
hat, mit dem größten Eifer an, das Konzert zu blasen. Er kam aber nur
bis zum zweiten Solo des ersten Allegros, da stieß ihm eine Passage
auf, die er nicht herausbringen konnte, und diese einzige Passage bläst
er nun seit den drei Jahren fast jeden Tag hundertmal hintereinander,
bis er im höchsten Zorn erst die Flöte und dann die Perücke an die Wand
schleudert. Da dies nun wenige Flöten lange aushalten, so braucht er
gar oft neue, und hat jetzt gewöhnlich drei bis vier im Gange. Ist nur
ein Schräubchen zerbrochen oder eine Klappe schadhaft, so wirft er sie
mit einem: Gott verdamm mich, nur in England macht man Instrumente,
die was taugen! -- durchs Fenster. Ganz erschrecklich ist es, daß ihn
diese Passion der Flötenblaserei oft nachts überfällt und er dann meine
Gäste aus dem tiefsten Schlafe dudelt. Sollten Sie aber glauben, daß
hier im Amtshause sich, beinahe ebenso lange als Herr Ewson bei mir
ist, ein englischer Doktor aufhält, der Green heißt und mit Herrn Ewson
darin sympathisiert, daß er ebenso originell, ebenso voll sonderbaren
Humors ist? -- Sie zanken sich unaufhörlich und können doch nicht ohne
einander leben. Es fällt mir eben ein, daß Herr Ewson auf heute abend
einen Punsch bei mir bestellt hat, zu dem er den Amtmann und den Doktor
Green eingeladen. Wollen Sie es sich, mein Herr, gefallen lassen, noch
bis morgen früh hier zu verweilen, so können Sie heute abend bei mir
das possierlichste Kleeblatt sehen, das sich nur zusammenfinden kann.“
--

Sie stellen sich es vor, gnädigster Herr, daß ich mir den Aufschub der
Reise gern gefallen ließ, weil ich hoffte, den Herrn Ewson in seiner
Glorie zu sehen. Er trat, sowie es Abend worden, ins Zimmer und war
artig genug, mich zu dem Punsch einzuladen, indem er hinzusetzte,
wie es ihm nur leid täte, mich mit dem nichtswürdigen Getränk, das
man hier Punsch nenne, bewirten zu müssen; nur in England trinke man
Punsch, und da er nächstens dahin zurückkehren werde, hoffe er, käme
ich jemals nach England, mir es beweisen zu können, daß er es verstehe,
das köstliche Getränk zu bereiten. -- Ich wußte, was ich davon zu
denken hatte. -- Bald darauf traten auch die eingeladenen Geiste ein.
Der Amtmann war ein kleines kugelrundes, höchst freundliches Männlein
mit vergnügt blickenden Augen und einem roten Näschen; der Doktor
Green ein robuster Mann von mittlern Jahren mit einem ausfallenden
Nationalgesicht, modern, aber nachlässig gekleidet, Brill’ auf der
Nase, Hut auf dem Kopfe. -- „Gebt mir Sekt, daß meine Augen rot
werden!“ rief er pathetisch, indem er auf den Wirt zuschritt und ihn,
bei der Brust packend, heftig schüttelte: „Hallunkischer Cambyses,
sprich! wo sind die Prinzessinnen? Nach Kaffee riecht’s und nicht nach
Trank der Götter!“ -- „Laß ab von mir, o Held! weg mit der starken
Faust, zermalmst im Zorne mir die Rippen!“ -- rief der Wirt keuchend.
„Nicht eher, feiger Schwächling,“ fuhr der Doktor fort, „bis süßer
Dampf des Punsches Sinn umnebelnd Nase kitzelt, nicht eher laß ich
dich, du ganz unwerter Wirt!“ -- Aber nun schoß Ewson grimmig auf den
Doktor zu und schalt: „Unwürdiger Green! Grün soll’s dir werden vor
den Augen, ja greinen sollst du gramerfüllt, wenn du nicht abläßt von
schmachvoller Tat!“ -- Nun dacht ich, würde Zank und Tumult losbrechen,
aber der Doktor sagte: „So will ich, feiger Ohnmacht spottend, ruhig
sein, und harrn des Göttertranks den du bereitet, würd’ger Ewson.“ --
Er ließ den Wirt los, der eiligst davonsprang, setzte sich mit einer
Catomiene an den Tisch, ergriff die gestopfte Pfeife und blies große
Dampfwolken von sich. -- „Ist das nicht, als wäre man im Theater?“
sagte der freundliche Amtmann zu mir, „aber der Doktor, der sonst kein
deutsches Buch in die Hand nimmt, fand zufällig Schlegels Shakespeare
bei mir, und seit der Zeit spielt er, nach seinem Ausdruck, uralte
bekannte Melodien auf einem fremden Instrumente. Sie werden bemerkt
haben, daß sogar der Wirt rhythmisch spricht, der Doktor hat ihn so zu
sagen eingejambt.“ -- Der Wirt brachte den dampfenden Punschnapf, und
unerachtet Ewson und Green schwuren, er sei kaum trinkbar, so stürzten
sie doch ein großes Glas nach dem andern hinab. Wir führten ein
leidlich Gespräch. Green blieb wortkarg, nur dann und wann gab er auf
komische Weise, die Opposition behauptend, etwas von sich. So sprach
z. B. der Amtmann von dem Theater in der Stadt, und ich versicherte,
der erste Held spiele vortrefflich. -- „Das kann ich nicht finden,“
fiel sogleich der Doktor ein, „glauben Sie nicht, daß, hatte der Mann
sechsmal besser gespielt, er des Beifalls viel würdiger sein würde?“
Ich mußte das notgedrungen zugeben, und meinte nur, daß dies sechsmal
besser spielen +dem+ Schauspieler not tue, der die zärtlichen Väter
ganz erbärmlich tragiere. -- „Das kann ich nicht finden,“ sagte Green
wieder, „der Mann gibt alles, was er in sich trägt! Kann er dafür,
daß seine Tendenz sich zum Schlechten hinneigt? Er hat es aber im
Schlechten zu rühmlicher Vollkommenheit gebracht, man muß ihn deshalb
loben!“ -- Der Amtmann saß mit seinem Talent, die beiden anzuregen
zu allerlei tollen Einfällen und Meinungen, in ihrer Mitte, wie das
exzitierende Prinzip, und so ging es fort, bis der starke Punsch
zu wirken anfing. Da wurde Ewson ausgelassen lustig, er sang mit
krächzender Stimme Nationallieder, er warf Perücke und Rock durchs
Fenster in den Hof und fing an mit den sonderbarsten Grimassen auf so
drollige Weise zu tanzen, daß man sich vor Lachen hätte ausschütten
mögen. Der Doktor blieb ernsthaft, hatte aber die seltsamsten Visionen.
Er sah den Punschnapf für eine Baßgeige an und wollte durchaus darauf
herumstreichen, mit dem Löffel Ewsons Lieder akkompagnierend, wovon
ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten. -- Der
Amtmann war immer stiller und stiller geworden, am Ende stolperte er
in eine Ecke des Zimmers, wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen
anfing. Ich verstand den Wink des Wirts und frug den Amtmann um die
Ursache seines tiefen Schmerzes. -- „Ach! ach!“ brach er schluchzend
los; „der Prinz Eugen war doch ein großer Feldherr, und dieser
heldenmütige Fürst mußte sterben. Ach, ach!“ -- und damit weinte
er heftiger, daß ihm die hellen Tränen über die Backen liefen. Ich
versuchte ihn über den Verlust dieses wackern Prinzen des längst
vergangenen Jahrhunderts möglichst zu trösten, aber es war vergebens.
Der Doktor Green hatte indessen eine große Lichtschere ergriffen und
fuhr damit unaufhörlich gegen das offene Fenster. -- Er hatte nichts
Geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen, der hell hineinschien.
Ewson sprang und schrie als wäre er besessen von tausend Teufeln, bis
endlich der Hausknecht, des hellen Mondscheins unerachtet, mit einer
großen Laterne in das Zimmer trat und laut rief: „Da bin ich, meine
Herren, nun kann’s fortgehen.“ Der Doktor stellte sich dicht vor ihm
hin und sprach, ihm die Dampfwolken ins Gesicht blasend: „Willkommen,
Freund! Bist du der Squenz der Mondschein trägt, und Hund, und
Dornbusch? Ich habe dich geputzt, Hallunke, darum scheinst du hell! Gut
Nacht denn, viel des schnöden Safts hab ich getrunken, gut Nacht, mein
werter Wirt, gut Nacht, mein Pylades!“ -- Ewson schwur, daß kein Mensch
zu Hause gehen solle, ohne den Hals zu brechen, aber niemand achtete
darauf, vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen, den
Amtmann, der noch immer über den Verlust des Prinzen Eugen lamentierte,
unter den andern Arm, und so wackelten sie über die Straße fort nach
dem Amtshause. Mir Mühe brachten wir den närrischen Ewson in sein
Zimmer, wo er noch die halbe Nacht auf der Flöte tobte, so daß ich
kein Auge zutun, und mich erst im Wagen schlafend, von dem tollen Abend
im Gasthause erholen konnte.“

Die Erzählung des Leibarztes wurde oft durch lauteres Gelächter, als
man es sonst wohl im Zirkel eines Hofes hören mag, unterbrochen. Der
Fürst schien sich sehr ergötzt zu haben. „Nur eine Figur,“ sagte er
zum Leibarzt, „haben Sie in dem Gemälde zu sehr in den Hintergrund
gestellt, und das ist Ihre eigne, denn ich wette, daß Ihr zu Zeiten
etwas boshafter Humor den närrischen Ewson sowie den pathetischen
Doktor zu tausend tollen Ausschweifungen verleitet hat, und daß Sie
eigentlich das exzitierende Prinzip waren, für das Sie den lamentablen
Amtmann ausgeben.“ -- „Ich versichere, gnädigster Herr,“ erwiderte
der Leibarzt, „daß dieser aus seltner Narrheit komponierte Klub so in
sich abgeründet war, daß alles Fremde nur dissoniert hätte. Um in dem
musikalischen Gleichnis zu bleiben, waren die drei Menschen der reine
Dreiklang, jeder verschieden, im Ton aber harmonisch mitklingend,
der Wirt sprang hinzu wie eine Septime.“ -- Auf diese Weise wurde
noch manches hin und her gesprochen, bis sich, wie gewöhnlich, die
fürstliche Familie in ihre Zimmer zurückzog und die Gesellschaft in
der gemütlichsten Laune auseinander ging. -- Ich bewegte mich heiter
und lebenslustig in einer neuen Welt. Je mehr ich in den ruhigen,
gemütlichen Gang des Lebens in der Residenz und am Hofe eingriff,
je mehr man mir einen Platz einräumte, den ich mit Ehre und Beifall
behaupten konnte, desto weniger dachte ich an die Vergangenheit,
sowie daran, daß mein hiesiges Verhältnis sich jemals ändern könne.
Der Fürst schien ein besonderes Wohlgefallen an mir zu finden, und
aus verschiedenen flüchtigen Andeutungen konnte ich schließen, daß
er mich auf diese oder jene Weise in seiner Umgebung fest zu stellen
wünschte. Nicht zu leugnen war es, daß eine gewisse Gleichförmigkeit
der Ausbildung, ja eine gewisse angenommene gleiche Manier in allem
wissenschaftlichen und künstlerischen Treiben, die sich vom Hofe
aus über die ganze Residenz verbreitete, manchem geistreichen und
an unbedingte Freiheit gewöhnten Mann den Aufenthalt daselbst bald
verleidet hätte; indessen kam mir, so oft auch die Beschränkung, welche
die Einseitigkeit des Hofes hervorbrachte, lästig wurde, das frühere
Gewöhnen an eine bestimmte Form, die wenigstens das Äußere regelt,
dabei sehr zu statten. Mein Klosterleben war es, das hier, freilich
unmerklicher Weise, noch auf mich wirkte. -- So sehr mich der Fürst
auszeichnete, so sehr ich mich bemühte die Aufmerksamkeit der Fürstin
auf mich zu ziehen, so blieb diese doch kalt und verschlossen. -- Ja,
meine Gegenwart schien sie oft auf besondere Weise zu beunruhigen, und
nur mit Mühe erhielt sie es über sich, mir wie den andern ein paar
freundliche Worte zuzuwerfen. Bei den Damen, die sie umgaben, war ich
glücklicher; mein Äußeres schien einen günstigen Eindruck gemacht zu
haben, und indem ich mich oft in ihren Kreisen bewegte, gelang es
mir bald, diejenige wunderliche Weltbildung zu erhalten, welche man
Galanterie nennt, und die in nichts anderm besteht, als die äußere
körperliche Geschmeidigkeit, vermöge der man immer da, wo man steht
oder geht, hinzupassen scheint, auch in die Unterhaltung zu übertragen.
Es ist die sonderbare Gabe, über Nichts mit bedeutenden Worten zu
schwatzen und so den Weibern ein gewisses Wohlbehagen zu erregen,
von dem, wie es entstanden, sie sich selbst nicht Rechenschaft geben
können. Daß diese höhere und eigentliche Galanterie sich nicht mit
plumpen Schmeicheleien abgeben kann, fließt aus dem Gesagten, wiewohl
in jenem interessanten Geschwätz, das wie ein Hymnus der Angebeteten
erklingt, eben das gänzliche Eingehen in ihr Innerstes liegt, so daß
ihr eignes Selbst ihnen klar zu werden scheint, und sie sich in dem
Reflex ihres eignen Ichs mit Wohlgefallen spiegeln. -- -- Wer hätte nun
noch den Mönch in mir erkennen sollen! -- Der einzige mir gefährliche
Ort war vielleicht nur noch die Kirche, in welcher es mir schwer wurde,
jene klösterlichen Andachtsübungen, die ein besonderer Rhythmus, ein
besonderer Takt auszeichnet, zu vermeiden. --

Der Leibarzt war der Einzige, der das Gepräge, womit alles wie gleiche
Münze ausgestempelt war, nicht angenommen hatte, und dies zog mich zu
ihm hin, so wie er sich deshalb an mich anschloß, weil ich, wie er
recht gut wußte, anfangs die Opposition gebildet, und meine freimütigen
Äußerungen, die dem für kecke Wahrheit empfänglichen Fürsten
eindrangen, das verhaßte Farospiel mit einem Mal verbannt hatten.

So kam es denn, daß wir oft zusammen waren, und bald über Wissenschaft
und Kunst, bald über das Leben, wie es sich vor uns ausbreitete,
sprachen. Der Leibarzt verehrte ebenso hoch die Fürstin, als ich,
und versicherte, daß nur sie es sei, die manche Abgeschmacktheit des
Fürsten abwende, und diejenige sonderbare Art Langeweile, welche
ihn auf der Oberfläche hin und her treibe, dadurch zu verscheuchen
wisse, daß sie ihm oft ganz unvermerkt ein unschädliches Spielzeug in
die Hände gebe. Ich unterließ nicht, bei dieser Gelegenheit mich zu
beklagen, daß ich, ohne den Grund erforschen zu können, der Fürstin
durch meine Gegenwart oft ein unausstehliches Mißbehagen zu erregen
scheine. Der Leibarzt stand sofort auf und holte, da wir uns gerade in
seinem Zimmer befanden, ein kleines Miniaturbild aus dem Schreibepult,
welches er mir mit der Weisung, es recht genau zu betrachten, in die
Hände gab. Ich tat es und erstaunte nicht wenig, als ich in den Zügen
des Mannes, den das Bild darstellte, ganz die meinigen erkannte. Nur
der Änderung der Frisur und der Kleidung, die nach verjährter Mode
gemalt war, nur der Hinzufügung meines Backenbarts, dem Meisterstück
Belcampos, bedurfte es, um das Bild ganz zu meinem Porträt zu
machen. Ich äußerte dies unverhohlen dem Leibarzt. „Und eben diese
Ähnlichkeit,“ sagte er, „ist es, welche die Fürstin erschreckt und
beunruhigt, so oft Sie in ihre Nähe kommen, denn Ihr Gesicht erneuert
das Andenken einer entsetzlichen Begebenheit, die vor mehreren Jahren
den Hof traf wie ein zerstörender Schlag. Der vorige Leibarzt, der
vor einigen Jahren starb und dessen Zögling in der Wissenschaft ich
bin, vertraute mir jenen Vorgang in der fürstlichen Familie und gab
mir zugleich das Bild, welches den ehemaligen Günstling des Fürsten,
Francesko, darstellt, und zugleich, wie Sie sehen, rücksichts der
Malerei, ein wahres Meisterstück ist. Es rührt von dem wunderlichen
fremden Maler her, der sich damals am Hofe befand und eben in jener
Tragödie die Hauptrolle spielte.“ -- Bei der Betrachtung des Bildes
regten sich gewisse verworrene Ahnungen in mir, die ich vergebens
trachtete klar aufzufassen. -- Jene Begebenheit schien mir ein
Geheimnis erschließen zu wollen, in das ich selbst verflochten war, und
um so mehr drang ich in den Leibarzt, mir das zu vertrauen, welches zu
erfahren mich die zufällige Ähnlichkeit mit Francesko zu berechtigen
scheine. -- „Freilich,“ sagte der Leibarzt, „muß dieser höchst
merkwürdige Umstand Ihre Neugierde nicht wenig aufregen und so ungern
ich eigentlich von jener Begebenheit sprechen mag, über die noch
jetzt, für mich wenigstens, ein geheimnisvoller Schleier liegt, den ich
auch weiter gar nicht lüften will, so sollen Sie doch alles erfahren,
was ich davon weiß. Viele Jahre sind vergangen und die Hauptpersonen
von der Bühne abgetreten, nur die Erinnerung ist es, welche feindselig
wirkt. Ich bitte, gegen niemanden von dem, was Sie erfuhren, etwas zu
äußern.“ Ich versprach das, und der Arzt fing in folgender Art seine
Erzählung an:

„Eben zu der Zeit, als unser Fürst sich vermählte, kam sein Bruder in
der Gesellschaft eines Mannes, den er Francesko nannte, unerachtet man
wußte, daß er ein Deutscher war, sowie eines Malers, von weiten Reisen
zurück. Der Prinz war einer der schönsten Männer die man gesehen, und
schon deshalb stach er vor unserm Fürsten hervor, hätte er ihn auch
nicht an Lebensfülle und geistiger Kraft übertroffen. -- Er machte auf
die junge Fürstin, die damals bis zur Ausgelassenheit lebhaft, und der
der Fürst viel zu formell, viel zu kalt war, einen seltenen Eindruck,
und ebenso fand sich der Prinz von der jungen bildschönen Gemahlin
seines Bruders angezogen. Ohne an ein strafbares Verhältnis zu denken,
mußten sie der unwiderstehlichen Gewalt nachgeben, die ihr inneres
Leben, nur wie wechselseitig sich entzündend, bedingte, und so die
Flamme nähren, die ihr Wesen in eins verschmolz. -- Francesko allein
war es, der in jeder Hinsicht seinem Freunde an die Seite gesetzt
werden konnte, und so, wie der Prinz auf die Gemahlin seines Bruders,
so wirkte Francesko auf die ältere Schwester der Fürstin. Francesko
wurde sein Glück bald gewahr, benutzte es mit durchdachter Schlauheit
und die Neigung der Prinzessin wuchs bald zur heftigsten brennendsten
Liebe. Der Fürst war von der Tugend seiner Gemahlin zu sehr überzeugt,
um nicht alle hämische Zwischenträger zu verachten, wiewohl ihn das
gespannte Verhältnis mit dem Bruder drückte; und nur dem Francesko,
den er seines seltnen Geistes, seiner lebensklugen Umsicht halber lieb
gewonnen, war es möglich, ihn in gewissem Gleichmut zu erhalten. Der
Fürst wollte ihn zu den ersten Hofstellen befördern, Francesko begnügte
sich aber mit den geheimen Vorrechten des ersten Günstlings und mit
der Liebe der Prinzessin. In diesen Verhältnissen bewegte sich der
Hof so gut es gehen wollte, aber nur die vier durch geheime Bande
verknüpften Personen waren glücklich in dem Eldorado der Liebe, das
sie sich gebildet und das anderen verschlossen. -- Wohl mochte es der
Fürst, ohne daß man es wußte, veranstaltet haben, daß mit vielem Pomp
eine italienische Prinzessin am Hofe erschien, die früher dem Prinzen
als Gemahlin zugedacht war, und der er, als er auf der Reise sich am
Hofe ihres Vaters befand, sichtliche Zuneigung bewiesen hatte. --
Sie soll ausnehmend schön und überhaupt die Grazie, die Anmut selbst
gewesen sein, und dies spricht auch das herrliche Porträt aus, was Sie
noch auf der Galerie sehen können. Ihre Gegenwart belebte den in düstre
Langeweile versunkenen Hof, sie überstrahlte alles, selbst die Fürstin
und ihre Schwester nicht ausgenommen. Franceskos Betragen änderte
sich bald nach der Ankunft der Italienerin auf eine ganz auffallende
Weise; es war, als zehre ein geheimer Gram an seiner Lebensblüte, er
wurde mürrisch, verschlossen, er vernachlässigte seine fürstliche
Geliebte. Der Prinz war ebenso tiefsinnig geworden, er fühlte sich
von Regungen ergriffen, denen er nicht zu widerstehen vermochte.
Der Fürstin stieß die Ankunft der Italienerin einen Dolch ins Herz.
Für die zur Schwärmerei geneigte Prinzessin war nun mit Franceskos
Liebe alles Lebensglück entflohen, und so waren die vier Glücklichen,
Beneidenswerten, in Gram und Betrübnis versenkt. Der Prinz erholte
sich zuerst, indem er, bei der strengen Tugend seiner Schwägerin,
den Lockungen des schönen, verführerischen Weibes nicht widerstehen
konnte. Jenes kindliche, recht aus dem tiefsten Innern entsprossene
Verhältnis mit der Fürstin, ging unter in der namenlosen Lust, die ihm
die Italienerin verhieß, und so kam es denn, daß er bald aufs neue in
den alten Fesseln lag, denen er, seit nicht lange her, sich entwunden.
-- Je mehr der Prinz dieser Liebe nachhing, desto auffallender wurde
Franceskos Betragen, den man jetzt beinahe gar nicht mehr am Hofe sah,
sondern der einsam umherschwärmte und oft wochenlang von der Residenz
abwesend war. Dagegen ließ sich der wunderliche, menschenscheue Maler
mehr sehen als sonst, und arbeitete vorzüglich gern in dem Atelier, das
ihm die Italienerin in ihrem Hause hatte einrichten lassen. Er malte
sie mehrmals mit einem Ausdruck ohnegleichen; der Fürstin schien er
abhold, er wollte sie durchaus nicht malen, dagegen vollendete er das
Porträt der Prinzessin, ohne daß sie ihm ein einziges Mal gesessen,
auf das Ähnlichste und Herrlichste. Die Italienerin erwies diesem
Maler so viel Aufmerksamkeit, und er dagegen begegnete ihr mit solcher
vertraulicher Galanterie, daß der Prinz eifersüchtig wurde, und dem
Maler, als er ihn einmal im Atelier arbeitend antraf, und er, fest
den Blick auf den Kopf der Italienerin, den er wieder hingezaubert,
gerichtet, sein Eintreten gar nicht zu bemerken schien, -- rund
heraussagte, er möge ihm den Gefallen tun und hier nicht arbeiten,
sondern sich ein anderes Atelier suchen. Der Maler schnikte gelassen
den Pinsel aus und nahm schweigend das Bild von der Staffelei. Im
höchsten Unmute riß es der Prinz ihm aus der Hand mit der Äußerung, es
sei so herrlich getroffen, daß +er+ es besitzen müsse. Der Maler, immer
ruhig und gelassen bleibend, bat, nur zu erlauben, daß er das Bild mit
ein paar Zügen vollende. Der Prinz stellte das Bild wieder auf die
Staffelei, nach ein paar Minuten gab der Maler es ihm zurück und lachte
hell auf, als der Prinz über das gräßlich verzerrte Gesicht erschrak,
zu dem das Porträt geworden. Nun ging der Maler langsam aus dem Saal,
aber nah an der Türe kehrte er um, sah den Prinzen an mit ernstem
durchdringenden Blick und sprach dumpf und feierlich: „Nun bist du
verloren!“ --

Dies geschah als die Italienerin schon für des Prinzen Braut erklärt
war und in wenigen Tagen die feierliche Vermählung vor sich gehen
sollte. Des Malers Betragen achtete der Prinz um so weniger, als er in
dem allgemeinen Ruf stand, zuweilen von einiger Tollheit heimgesucht zu
werden. Er saß, wie man erzählte, nun wieder in seinem kleinen Zimmer
und starrte tagelang eine große aufgespannte Leinwand an, indem er
versicherte, wie er eben jetzt an ganz herrlichen Gemälden arbeite; so
vergaß er den Hof und wurde von diesem wieder vergessen.

Die Vermählung des Prinzen mit der Italienerin ging in dem Palast des
Fürsten auf das feierlichste vor sich; die Fürstin hatte sich in ihr
Geschick gefügt und einer zwecklosen, nie zu befriedigenden Neigung
entsagt; die Prinzessin war wie verklärt, denn ihr geliebter Francesko
war wieder erschienen, blühender, lebensfroher als je. Der Prinz sollte
mit seiner Gemahlin den Flügel des Schlosses beziehen, den der Fürst
erst zu dem Behuf einrichten lassen. Bei diesem Bau war er recht in
seinem Wirkungskreise, man sah ihn nicht anders, als von Architekten,
Malern, Tapezierern umgeben, in großen Büchern blätternd und Pläne,
Risse, Skizzen vor sich ausbreitend, die er zum Teil selbst gemacht und
die mitunter schlecht genug geraten waren. Weder der Prinz noch seine
Braut durften früher etwas von der inneren Einrichtung sehen bis zum
späten Abend des Vermählungstages, an dem sie von dem Fürsten in einem
langen feierlichen Zuge durch die in der Tat mit geschmackvoller Pracht
dekorierten Zimmer geleitet wurden, und ein Ball in einem herrlichen
Saal, der einem blühenden Garten glich, das Fest beschloß. In der
Nacht entstand in dem Flügel des Prinzen ein dumpfer Lärm, aber lauter
und lauter wurde das Getöse, bis es den Fürsten selbst aufweckte.
Unglückahnend sprang er auf, eilte von der Wache begleitet nach dem
entfernten Flügel und trat in den breiten Korridor, als eben der Prinz
gebracht wurde, den man vor der Türe des Brautgemachs durch einen
Messerstich in den Hals ermordet gefunden. Man kann sich das Entsetzen
des Fürsten, der Prinzessin Verzweiflung, die tiefe herzzerreißende
Trauer der Fürstin denken. -- Als der Fürst ruhiger geworden, fing
er an, der Möglichkeit wie der Mord geschehen, wie der Mörder durch
die überall mit Wachen besetzten Korridore habe entfliehen können,
nachzuspähen; alle Schlupfwinkel wurden durchsucht, aber vergebens.
Der Page, der den Prinzen bedient, erzählte, wie er seinen Herrn,
der, von banger Ahnung ergriffen, sehr unruhig gewesen und lange in
seinem Kabinett auf und ab gegangen sei, endlich entkleidet und mit
dem Armleuchter in der Hand bis an das Vorzimmer des Brautgemachs
geleuchtet habe. Der Prinz hätte ihm den Leuchter aus der Hand genommen
und ihn zurückgeschickt; kaum sei er aber aus dem Zimmer gewesen, als
er einen dumpfen Schrei, einen Schlag und das Klirren des fallenden
Armleuchters gehört. Gleich sei er zurückgerannt und habe bei dem
Schein eines Lichts, das noch auf der Erde fortgebrannt, den Prinzen
vor der Türe des Brautgemachs und neben ihm ein kleines blutiges Messer
liegen sehen, nun aber gleich Lärm gemacht. -- Nach der Erzählung der
Gemahlin des unglücklichen Prinzen war er, gleich nachdem sie die
Kammerfrau entfernt, hastig ohne Licht in das Zimmer getreten, hatte
alle Lichter schnell ausgelöscht, war wohl eine halbe Stunde bei ihr
geblieben und hatte sich dann wieder entfernt; erst einige Minuten
darauf geschah der Mord. -- Als man sich in Vermutungen, wer der Mörder
sein könnte, erschöpfte, als es durchaus kein einziges Mittel mehr
gab, dem Täter auf die Spur zu kommen, da trat eine Kammerfrau der
Prinzessin auf, die in einem Nebenzimmer, dessen Türe geöffnet war,
jenen verfänglichen Auftritt des Prinzen mit dem Maler bemerkt hatte;
den erzählte sie nun mit allen Umständen. Niemand zweifelte, daß der
Maler sich auf unbegreifliche Weise in den Palast zu schleichen gewußt
und den Prinzen ermordet habe. Der Maler sollte im Augenblick verhaftet
werden, schon seit zwei Tagen war er aber aus dem Hause verschwunden,
niemand wußte wohin und alle Nachforschungen blieben vergebens. Der
Hof war in die tiefste Trauer versenkt, die die ganze Residenz mit
ihm teilte, und es war nur Francesko, der, unausgesetzt bei Hofe
erscheinend, in dem kleinen Familienzirkel manchen Sonnenblick aus den
trüben Wolken hervorzuzaubern wußte.

Die Prinzessin fühlte sich schwanger, und da es klar zu sein schien,
daß der Mörder des Gemahls die ähnliche Gestalt zum verruchten Betruge
gemißbraucht, begab sie sich auf ein entferntes Schloß des Fürsten,
damit die Niederkunft verschwiegen bliebe und so die Frucht eines
höllischen Frevels wenigstens nicht vor der Welt, der der Leichtsinn
der Diener die Ereignisse der Brautnacht verraten, den unglücklichen
Gemahl schände. --

Franceskos Verhältnis mit der Schwester der Fürstin wurde in dieser
Trauerzeit immer fester und inniger, und ebensosehr verstärkte sich
die Freundschaft des fürstlichen Paares für ihn. Der Fürst war längst
in Franceskos Geheimnis eingeweiht, er konnte bald nicht länger dem
Andringen der Fürstin und der Prinzessin widerstehen und willigte in
Franceskos heimliche Vermählung mit der Prinzessin. Francesko sollte
sich im Dienst eines fremden Hofes zu einem hohen militärischen Grad
aufschwingen und dann die öffentliche Kundgebung seiner Ehe mit der
Prinzessin erfolgen. An jenem Hofe war das damals, bei den Verbindungen
des Fürsten mit ihm, möglich.

Der Tag der Verbindung erschien, der Fürst mit seiner Gemahlin sowie
zwei vertraute Männer des Hofes (mein Vorgänger war einer von
ihnen) waren die einzigen, die der Trauung in der kleinen Kapelle
im fürstlichen Palast beiwohnen sollten. Ein einziger Page, in das
Geheimnis eingeweiht, bewachte die Türe.

Das Paar stand vor dem Altar, der Beichtiger des Fürsten, ein alter
ehrwürdiger Priester, begann das Formular, nachdem er ein stilles Amt
gehalten. -- Da erblaßte Francesko, und mit stieren, auf den Eckpfeiler
beim Hochaltar gerichteten Augen, rief er mit dumpfer Stimme: „Was
willst du von mir?“ -- An den Eckpfeiler gelehnt stand der Maler,
in fremder, seltsamer Tracht, den violetten Mantel um die Schulter
geschlagen und durchbohrte Francesko mit dem gespenstischen Blick
seiner hohlen, schwarzen Augen. Die Prinzessin war der Ohnmacht nahe,
alles erbebte vom Entsetzen ergriffen, nur der Priester blieb ruhig
und sprach zu Francesko: „Warum erschreckt dich die Gestalt dieses
Mannes, wenn dein Gewissen rein ist?“ Da raffte sich Francesko auf,
der noch gekniet, und stürzte mit einem kleinen Messer in der Hand auf
den Maler, aber noch ehe er ihn erreicht, sank er mit einem dumpfen
Geheul ohnmächtig nieder und der Maler verschwand hinter dem Pfeiler.
Da erwachten alle wie aus einer Betäubung, man eilte Francesko zu
Hilfe, er lag totenähnlich da. Um alles Aufsehen zu vermeiden, wurde er
von den beiden vertrauten Männern in die Zimmer des Fürsten getragen.
Als er aus der Ohnmacht erwachte, verlangte er heftig, daß man ihn
entlasse in seine Wohnung, ohne eine einzige Frage des Fürsten über
den geheimnisvollen Vorgang in der Kirche zu beantworten. Den andern
Morgen war Francesko aus der Residenz, mit den Kostbarkeiten, die ihm
die Gunst des Prinzen und des Fürsten zugewendet, entflohen. Der Fürst
unterließ nichts, um dem Geheimnisse, dem gespenstischen Erscheinen des
Malers, auf die Spur zu kommen. Die Kapelle hatte nur zwei Eingänge,
von denen einer aus den inneren Zimmern des Palastes nach den Logen
neben dem Hochaltar, der andere hingegen aus dem breiten Hauptkorridor
in das Schiff der Kapelle führte. Diesen Eingang hatte der Page
bewacht, damit kein Neugieriger sich nahe, der andere war verschlossen,
unbegreiflich blieb es daher, wie der Maler in der Kapelle erscheinen
und wieder verschwinden können. -- Das Messer, welches Francesko gegen
den Maler gezückt, behielt er, ohnmächtig werdend, wie im Starrkrampf
in der Hand, und der Page (derselbe, der an dem unglücklichen
Vermählungsabende den Prinzen entkleidete und der nun die Türe der
Kapelle bewachte) behauptete, es sei dasselbe gewesen, was damals
neben dem Prinzen gelegen, da es seiner silbernen blinkenden Schale
wegen sehr ins Auge falle. -- Nicht lange nach diesen geheimnisvollen
Begebenheiten kamen Nachrichten von der Prinzessin; an eben dem Tage,
da Franceskos Vermählung vor sich gehen sollte, hatte sie einen Sohn
geboren, und war bald nach der Entbindung gestorben. -- Der Fürst
betrauerte ihren Verlust, wiewohl das Geheimnis der Brautnacht schwer
auf ihr lag, und in gewisser Art einen vielleicht ungerechten Verdacht
gegen sie selbst erweckte. Der Sohn, die Frucht einer freveligen,
verruchten Tat, wurde in entfernten Landen unter dem Namen des Grafen
Viktorin erzogen. Die Prinzessin (ich meine die Schwester der Fürstin)
im Innersten zerrissen von den schrecklichen Begebenheiten, die in so
kurzer Zeit auf sie eindrangen, wählte das Kloster. Sie ist, wie es
Ihnen bekannt sein wird, Äbtissin des Cisterzienserklosters in ***. --
Ganz wunderbar und geheimnisvoll sich beziehend auf jene Begebenheiten
an unserm Hofe, ist nun aber ein Ereignis, das sich unlängst auf
dem Schlosse des Barons F. zutrug, und diese Familie, so wie damals
unsern Hof, auseinander warf. -- Die Äbtissin hatte nämlich, gerührt
von dem Elende einer armen Frau, die mit einem kleinen Kinde auf der
Pilgerfahrt von der heiligen Linde ins Kloster einkehrte, ihren --“

Hier unterbrach ein Besuch die Erzählung des Leibarztes und es gelang
mir den Sturm, der in mir wogte, zu verbergen. Klar stand es vor meiner
Seele, Francesko war mein Vater, er hatte den Prinzen mit demselben
Messer ermordet, mit dem ich Hermogen tötete. -- Ich beschloß, in
einigen Tagen nach Italien abzureisen, und so endlich aus dem Kreise zu
treten, in den mich die böse feindliche Macht gebannt hatte. Denselben
Abend erschien ich im Zirkel des Hofes; man erzählte viel von einem
herrlichen, bildschönen Fräulein, die als Hofdame in der Umgebung der
Fürstin heute zum erstenmal erscheinen werde, da sie erst gestern
angekommen.

Die Flügeltüren öffneten sich, die Fürstin trat herein, mit ihr die
Fremde. -- Ich erkannte Aurelien.




Zweiter Teil.




1. Abschnitt.

Der Wendepunkt.


In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust
bewahrte Geheimnis der Liebe auf! -- Wer du auch sein magst, der du
künftig diese Blätter liesest, rufe dir jene höchste Sonnenzeit zurück,
schaue noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe
selbst, dir entgegentrat. Da glaubtest du ja nun in +ihr+ dich, dein
höheres Sein zu erkennen. Weißt du noch, wie die rauschenden Quellen,
die flüsternden Büsche, wie der kosende Abendwind von ihr, von deiner
Liebe, so vernehmlich zu dir sprachen? Siehst du es noch, wie die
Blumen dich mit hellen, freundlichen Augen anblickten, Gruß und Kuß
von ihr bringend? -- Und sie kam, sie wollte dein sein ganz und gar.
Du umfingst sie voll glühenden Verlangens und wolltest, losgelöset von
der Erde, auflodern in inbrünstiger Sehnsucht! -- Aber das Mysterium
blieb unerfüllt, eine finstre Macht zog stark und gewaltig dich zur
Erde nieder, als du dich aufschwingen wolltest mit ihr zu dem fernen
Jenseits, das dir verheißen. Noch ehe du zu hoffen wagtest, hattest du
sie verloren, alle Stimmen, alle Töne waren verklungen, und nur die
hoffnungslose Klage des Einsamen ächzte grauenvoll durch die düstre
Einöde. -- Du, Fremder! Unbekannter! hat dich je solch namenloser
Schmerz zermalmt, so stimme ein in den trostlosen Jammer des ergrauten
Mönchs, der in finstrer Zelle der Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend,
das harte Lager mit blutigen Tränen netzt, dessen bange Todesseufzer
in stiller Nacht durch die düstren Klostergänge hallen. -- Aber auch
du, du mir im Innern Verwandter, auch du glaubst es, daß der Liebe
höchste Seligkeit, die Erfüllung des Geheimnisses im Tode aufgeht. --
So verkünden es uns die dunklen, weissagenden Stimmen, die aus jener,
keinem irdischen Maßstab meßlichen Urzeit zu uns herübertönen, und wie
in den Mysterien, die die Säuglinge der Natur feierten, ist uns ja auch
der Tod das Weihfest der Liebe! -- --

Ein Blitz fuhr durch mein Innres, mein Atem stockte, die Pulse
schlugen, krampfhaft zuckte das Herz, zerspringen wollte die Brust! --
Hin zu ihr -- hin zu ihr -- sie an mich reißen in toller Liebeswut!
-- Was widerstrebst du, Unselige! der Macht, die dich unauflöslich
an mich gekettet? Bist du nicht mein! -- mein immerdar? Doch besser,
wie damals, als ich Aurelien zum erstenmal im Schlosse des Barons
erblickte, hemmte ich den Ausbruch meiner wahnsinnigen Leidenschaft.
Überdem waren aller Augen auf Aurelien gerichtet, und so gelang es mir,
im Kreise gleichgültiger Menschen mich zu drehen und zu wenden, ohne
daß irgend einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet hätte,
welches mir unerträglich gewesen sein würde, da ich nur +sie+ sehen --
hören -- denken wollte. -- --

Man sage nicht, daß das einfache Hauskleid das wahrhaft schöne Mädchen
am besten ziere, der Putz der Weiber übt einen geheimnisvollen Zauber,
dem wir nicht leicht widerstehen können. In ihrer tiefsten Natur mag
es liegen, daß im Putz recht aus ihrem Innern heraus, sich alles
schimmernder und schöner entfaltet, wie Blumen nur dann vollendet sich
darstellen, wenn sie in üppiger Fülle in bunten, glänzenden Farben
aufgebrochen. -- Als du die Geliebte zum erstenmal geschmückt sahst,
fröstelte da nicht ein unerklärlich Gefühl dir durch Nerv und Adern?
-- Sie kam dir so fremd vor, aber selbst das gab ihr einen unnennbaren
Reiz. Wie durchbebten dich Wonne und namenlose Lüsternheit, wenn du
verstohlen ihre Hand drücken konntest! -- Aurelien hatte ich nie
anders als im einfachen Hauskleide gesehen, heute erschien sie, der
Hofsitte gemäß, in vollem Schmuck. -- Wie schön sie war! Wie fühlte ich
mich bei ihrem Anblick von unnennbarem Entzücken, von süßer Wollust
durchschauert! -- Aber da wurde der Geist des Bösen mächtig in mir
und erhob seine Stimme, der ich williges Ohr lieh. „Siehst du es nun
wohl, Medardus,“ so flüsterte es mir zu, siehst du es nun wohl, wie
du dem Geschick gebietest, wie der Zufall, dir untergeordnet, nur die
Faden geschickt verschlingt, die du selbst gesponnen?“ -- Es gab in
dem Zirkel des Hofes Frauen, die für vollendet schön geachtet werden
konnten, aber vor Aureliens, das Gemüt tief ergreifendem Liebreiz
verblaßte alles wie in unscheinbarer Farbe. Eine eigne Begeisterung
regte die Trägsten auf, selbst den älteren Männern riß der Faden
gewöhnlicher Hofkonversation, wo es nur auf Wörter ankommt, denen
von außen her einiger Sinn anfliegt, jählings ab, und es war lustig,
wie jeder mit sichtlicher Qual darnach rang, in Wort und Miene recht
sonntagsmäßig vor der Fremden zu erscheinen. Aurelie nahm diese
Huldigungen mit niedergeschlagenen Augen in holder Anmut hoch errötend
auf: aber als nun der Fürst die älteren Männer um sich sammelte
und mancher bildschöne Jüngling sich schüchtern mit freundlichen
Worten Aurelien nahte, wurde sie sichtlich heitrer und unbefangener.
Vorzüglich gelang es einem Major von der Leibgarde, ihre Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen, so daß sie bald in lebhaftem Gespräch begriffen
schienen. Ich kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber.
Er wußte mit geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel, Sinn und
Geist aufzuregen und zu umstricken. Mit feinem Ohr auch den leisesten
Anklang erlauschend, ließ er schnell, wie ein geschickter Spieler,
alle verwandte Akkorde nach Willkür vibrieren, so daß die Getäuschte
in den fremden Tönen nur ihre eigne innere Musik zu hören glaubte. --
Ich stand nicht fern von Aurelien, sie schien mich nicht zu bemerken
-- ich wollte hin zu ihr, aber wie mit eisernen Banden gefesselt,
vermochte ich nicht, mich von der Stelle zu rühren. -- Noch einmal
den Major scharf anblickend, war es mir plötzlich, als stehe Viktorin
bei Aurelien. Da lachte ich auf im grimmigen Hohn: „Hei! -- Hei! Du
Verruchter, hast du dich im Teufelsgrunde so weich gebettet, daß du in
toller Brunst trachten magst nach der Buhlin des Mönchs?“ --

Ich weiß nicht, ob ich diese Worte wirklich sprach, aber ich hörte
mich selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum, als der alte
Hofmarschall, sanft meine Hand fassend, frug: „Worüber erfreuen Sie
sich so, lieber Herr Leonard?“ -- Eiskalt durchbebte es mich!

Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill, der mich ebenso
frug, als er bei der Einkleidung mein freveliches Lächeln bemerkte?
-- Kaum vermochte ich, etwas Unzusammenhängendes herzustammeln. Ich
fühlte es, daß Aurelie nicht mehr in meiner Nähe war, doch wagte ich
es nicht, aufzublicken, ich rannte fort durch die erleuchteten Säle.
Wohl mag mein ganzes Wesen gar unheimlich erschienen sein; denn ich
bemerkte, wie mir alles scheu auswich, als ich die breite Haupttreppe
mehr herabsprang als herabstieg.

Ich mied den Hof, denn Aurelien, ohne Gefahr mein tiefstes Geheimnis zu
verraten, wiederzusehen, schien mir unmöglich. Einmal lief ich durch
Flur und Wald, nur sie denkend, nur sie schauend. Fester und fester
wurde meine Überzeugung, daß ein dunkles Verhängnis ihr Geschick in das
meinige verschlungen habe, und daß das, was mir manchmal als sündhafter
Frevel erschienen, nur die Erfüllung eines ewigen, unabänderlichen
Ratschlusses sei. So mich ermutigend lachte ich der Gefahr, die mir
dann drohen könnte, wenn Aurelie in mir Hermogens Mörder erkennen
sollte. Dies dünkte mir jedoch überdem höchst unwahrscheinlich. --
Wie erbärmlich erschienen mir nun jene Jünglinge, die in eitlem Wahn
sich um +die+ bemühten, die so ganz und gar mein Eigen worden, daß ihr
leisester Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien. -- Was
sind mir diese Grafen, diese Freiherren, diese Kammerherren, diese
Offiziere in ihren bunten Röcken -- in ihrem blinkenden Golde, ihren
schimmernden Orden, anders als ohnmächtige, geschmückte Insektlein,
die ich, wird mir das Volk lästig, mit kräftiger Faust zermalme. --
In der Kutte will ich unter sie treten, Aurelien bräutlich geschmückt
in meinen Armen, und diese stolze, feindliche Fürstin soll selbst das
Hochzeitslager bereiten dem siegenden Mönch, den sie verachtet. --
In solchen Gedanken arbeitend, rief ich oft laut Aureliens Namen und
lachte und heulte wie ein Wahnsinniger. Aber bald legte sich der Sturm.
Ich wurde ruhiger und fähig, darüber Entschlüsse zu fassen, wie ich nun
mich Aurelien nähern wollte. -- Eben schlich ich eines Tages durch den
Park, nachsinnend, ob es ratsam sei, die Abendgesellschaft zu besuchen,
die der Fürst ansagen lassen, als man von hinten her auf meine Schulter
klopfte. Ich wandte mich um, der Leibarzt stand vor mir. „Erlauben
Sie mir Ihren werten Puls!“ fing er sogleich an, und griff, starr
mir ins Auge blickend, nach meinem Arm. „Was bedeutet das?“ frug ich
erstaunt. „Nicht viel,“ fuhr er fort, „es soll hier still und heimlich
einige Tollheit umherschleichen, die die Menschen recht banditenmäßig
überfällt und ihnen eins versetzt, daß sie laut aufkreischen müssen,
klingt das auch zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen. Indessen kann
alles auch nur ein Fantasma, oder jener tolle Teufel nur ein gelindes
Fieber mit steigender Hitze sein, darum erlauben Sie Ihren werten Puls,
Liebster!“ -- „Ich versichere Sie, mein Herr, daß ich von dem allen
kein Wort verstehe!“ So fiel ich ein, aber der Leibarzt hatte meinen
Arm gefaßt und zählte den Puls mit zum Himmel gerichtetem Blick --
eins -- zwei, drei. -- Mir war sein wunderliches Betragen rätselhaft,
ich drang in ihn, mir doch nur zu sagen, was er eigentlich wolle. „Sie
wissen also nicht, werter Herr Leonard, daß Sie neulich den ganzen Hof
in Schrecken und Bestürzung gesetzt haben? -- Die Oberhofmeisterin
leidet bis dato an Krämpfen und der Konsistorialpräsident versäumt
die wichtigsten Sessionen, weil es Ihnen beliebt hat, über seine
podagrischen Füße wegzurennen, so daß er, im Lehnstuhl sitzend, noch
über mannigfache Stiche beträchtlich brüllt! -- das geschah nämlich,
als Sie, wie von einiger Tollheit heimgesucht, aus dem Saale stürzten,
nachdem Sie ohne merkliche Ursache so aufgelacht hatten, daß allen
ein Grausen ankam und sich die Haare sträubten!“ -- In dem Augenblick
dachte ich an den Hofmarschall und meinte, daß ich mich nun wohl
erinnere in Gedanken laut aufgelacht zu haben, um so weniger könne das
aber von solch wunderlicher Wirkung gewesen sein, als der Hofmarschall
mich ja ganz sanft gefragt hätte, worüber ich mich so erfreue? „Ei,
ei!“ -- fuhr der Leibarzt fort, „das will nichts bedeuten, der
Hofmarschall ist solch ein ~homo impavidus~, der sich aus dem Teufel
selbst nichts macht. Er blieb in seiner ruhigen ~Dolcezza~, obgleich
erwähnter Konsistorialpräsident wirklich meinte, der Teufel habe aus
Ihnen, mein Teurer, auf seine Art gelächelt und unsere schöne Aurelie
von solchem Grausen und Entsetzen ergriffen wurde, daß alle Bemühungen
der Herrschaft sie zu beruhigen, vergebens blieben und sie bald die
Gesellschaft verlassen mußte, zur Verzweiflung sämtlicher Herren, denen
sichtlich das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte! In dem
Augenblick, als Sie, werter Herr Leonard, so lieblich lachten, soll
Aurelie mit schneidendem, in das Herz dringendem Ton: Hermogen! gerufen
haben. Ei, ei! was mag das bedeuten? -- Das könnten +Sie+ vielleicht
wissen -- Sie sind überhaupt ein lieber, lustiger, kluger Mann, Herr
Leonard, und es ist mir nicht unlieb, daß ich Ihnen Franceskos
merkwürdige Geschichte anvertraut habe, das muß recht lehrreich für Sie
werden!“ -- Immerfort hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir
starr in die Augen. -- „Ich weiß,“ sagte ich, mich ziemlich unsanft
losmachend, „ich weiß Ihre wunderlichen Reden nicht zu deuten, mein
Herr, aber ich muß gestehen, daß, als ich Aurelien von den geschmückten
Herrn umlagert sah, denen, wie Sie witzig bemerken, das Liebesfeuer
aus den exaltierten Toupets dampfte, mir eine sehr bittre Erinnerung
aus meinem früheren Leben durch die Seele fuhr, und daß ich, von recht
grimmigem Hohn über mancher Menschen töricht’ Treiben ergriffen,
unwillkürlich hell auflachen mußte. Es tut mir leid, daß ich, ohne es
zu wollen, so viel Unheil angerichtet habe, und ich büße dafür, indem
ich mich selbst auf einige Zeit vom Hofe verbanne. Mag mir die Fürstin,
mag mir Aurelie verzeihen. „Ei, mein lieber Leonard,“ versetzte der
Leibarzt, „man hat ja wohl wunderliche Anwandlungen, denen man leicht
widersteht, wenn man sonst nur reinen Herzens ist.“ -- „Wer darf sich
dessen rühmen hienieden?“ frug ich dumpf in mich hinein. Der Leibarzt
änderte plötzlich Blick und Ton. „Sie scheinen mir,“ sprach er mild
und ernst, „Sie scheinen mir aber doch wirklich krank. -- Sie sehen
blaß und verstört aus -- Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam
in rötlicher Glut ... Ihr Puls geht fieberhaft ... Ihre Sprache klingt
dumpf ... soll ich Ihnen etwas aufschreiben?“ -- „Gift!“ sprach ich
kaum vernehmbar. -- „Ho ho!“ rief der Leibarzt, „steht es so mit Ihnen?
Nun, nun, statt des Gifts das niederschlagende Mittel zerstreuender
Gesellschaft. -- Es kann aber auch sein, daß ... Wunderlich ist es
aber doch ... vielleicht --“ „Ich bitte Sie, mein Herr!“ rief ich ganz
erzürnt, „ich bitte Sie mich nicht mit abgebrochenen, unverständlichen
Reden zu quälen, sondern lieber geradezu alles ...“ -- „Halt!“
unterbrach mich der Leibarzt, „halt ... es gibt die wunderlichsten
Täuschungen, mein Herr Leonard; beinahe ist’s mir gewiß, daß man auf
augenblicklichen Eindruck eine Hypothese gebaut hat, die vielleicht
in wenigen Minuten in Nichts zerfällt. Dort kommt die Fürstin mit
Aurelien, nützen Sie dieses zufällige Zusammentreffen, entschuldigen
Sie Ihr Betragen ... Eigentlich ... mein Gott! eigentlich haben Sie ja
auch nur gelacht ... freilich auf etwas wunderliche Weise, wer kann
aber dafür, daß schwachnervige Personen darüber erschrecken. Adieu!“

Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon. Die
Fürstin kam mit Aurelien den Gang herab. -- Ich erbebte. -- Mit aller
Gewalt raffte ich mich zusammen. Ich fühlte nach des Leibarztes
geheimnisvollen Reden, daß es nun galt, mich auf der Stelle zu
behaupten. Keck trat ich den Kommenden entgegen. Als Aurelie mich ins
Auge faßte, sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen, ich
wollte hinzu, mit Abscheu und Entsetzen winkte mich die Fürstin fort,
laut um Hilfe rufend. Wie von Furien und Teufeln gepeitscht, rannte
ich fort durch den Park. Ich schloß mich in meine Wohnung ein und warf
mich, vor Wut und Verzweiflung knirschend, aufs Lager! -- Der Abend
kam, die Nacht brach ein, da hörte ich die Haustüre aufschließen,
mehrere Stimmen murmelten und flüsterten durcheinander, es wandte und
tappte die Treppe herauf -- endlich pochte man an meine Türe und befahl
mir, im Namen der Obrigkeit, aufzumachen. Ohne deutliches Bewußtsein,
was mir drohen könne, glaubte ich zu fühlen, daß ich nun verloren sei.
Rettung durch Flucht -- so dachte ich und riß das Fenster auf. -- Ich
erblickte Bewaffnete vor dem Hause, von denen mich einer sogleich
bemerkte. „Wohin?“ rief er mir zu, und in dem Augenblick wurde die Türe
meines Schlafzimmers gesprengt. Mehrere Männer traten herein; bei dem
Leuchten der Laterne, die einer von ihnen trug, erkannte ich sie für
Polizeisoldaten. Man zeigte mir die Ordre des Kriminalgerichts mich zu
verhaften, vor; jeder Widerstand wäre töricht gewesen. Man warf mich in
den Wagen, der vor dem Hause hielt, und als ich an dem Ort, der meine
Bestimmung schien, angekommen, frug, wo ich mich befände, so erhielt
ich zur Antwort, in den Gefängnissen der obern Burg. Ich wußte, daß
man hier gefährliche Verbrecher während des Prozesses einsperre. Nicht
lange dauerte es, so wurde mein Bette gebracht und der Gefangenwärter
frug mich, ob ich noch etwas zu meiner Bequemlichkeit wünsche? Ich
verneinte das, und blieb endlich allein. Die lange nachhallenden Tritte
und das Auf- und Zuschließen vieler Türen ließen mich wahrnehmen, daß
ich mich in einem der innersten Gefängnisse auf der Burg befand. Auf
mir selbst unerklärliche Weise war ich während der ziemlich langen
Fahrt ruhig geworden, ja in einer Art Sinnesbetäubung erblickte ich
alle Bilder, die mir vorübergingen, nur in blassen, halberloschenen
Farben. Ich erlag nicht dem Schlaf, sondern einer gedanken- und
phantasielähmenden Ohnmacht. Als ich am hellen Morgen erwachte, kam
mir nur nach und nach die Erinnerung dessen, was geschehen und wo ich
hingebracht worden. Die gewölbte, ganz zellenartige Kammer, wo ich
lag, hätte mir kaum ein Gefängnis erschienen, wenn nicht das kleine
Fenster stark mit Eisenstäben vergittert und so hoch angebracht gewesen
wäre, daß ich es nicht einmal mit ausgestreckter Hand erreichen, viel
weniger hinausschauen konnte. Nur wenige Sonnenstrahlen fielen sparsam
hinein; mich wandelte die Lust an, die Umgebungen meines Aufenthaltes
zu erforschen, ich rückte daher mein Bette heran und stellte den
Tisch darauf. Eben wollte ich hinaufklettern, als der Gefangenwärter
hereintrat und über mein Beginnen sehr verwundert schien. Er frug mich,
was ich da mache, ich erwiderte, daß ich nur hinausschauen wollen;
schweigend trug er Tisch, Bette und den Stuhl fort und schloß mich
sogleich wieder ein. Nicht eine Stunde hatte es gedauert, als er von
zwei andern Männern begleitet, wieder erschien und mich durch lange
Gänge treppauf, treppab führte, bis ich endlich in einen kleinen Saal
eintrat, wo mich der Kriminalrichter erwartete. Ihm zur Seite saß
ein junger Mann, dem er in der Folge alles, was ich auf die an mich
gerichteten Fragen erwidert hatte, laut in die Feder diktierte. Meinen
ehemaligen Verhältnissen bei Hofe und der allgemeinen Achtung, die
ich in der Tat so lange genossen hatte, mochte ich die höfliche Art
danken, mit der man mich behandelte, wiewohl ich auch die Überzeugung
darauf baute, daß nur Vermutungen, die hauptsächlich auf Aureliens
ahnendem Gefühl beruhen konnten, meine Verhaftung veranlaßt hatten.
Der Richter forderte mich auf, meine bisherigen Lebensverhältnisse
genau anzugeben; ich bat ihn, mir erst die Ursache meiner plötzlichen
Verhaftung zu sagen, er erwiderte, daß ich über das mir schuld gegebene
Verbrechen zu seiner Zeit genau genug vernommen werden solle. Jetzt
komme es nur darauf an, meinen ganzen Lebenslauf bis zur Ankunft in
der Residenz auf das genaueste zu wissen, und er müsse mich daran
erinnern, daß es dem Kriminalgericht nicht an Mitteln fehlen würde,
auch dem kleinsten von mir angegebenen Umstande nachzuspüren, weshalb
ich denn ja der strengsten Wahrheit treu bleiben möge. Diese Ermahnung,
die der Richter, ein kleiner dürrer Mann mit fuchsroten Haaren,
mit heiserer, lächerlich quäkender Stimme mir hielt, indem er die
grauen Augen weit aufriß, fiel auf einen fruchtbaren Boden; denn ich
erinnerte mich nun, daß ich in meiner Erzählung den Faden genau so
aufgreifen und fortspinnen müsse, wie ich ihn angelegt, als ich bei
Hofe meinen Namen und Geburtsort angab. Auch war es wohl nötig, alles
auffallende vermeidend, meinen Lebenslauf ins Alltägliche, aber weit
Entfernte, Ungewisse zu spielen, so daß die weitern Nachforschungen
dadurch auf jeden Fall weit aussehend und schwierig werden mußten. In
dem Augenblick kam mir auch ein junger Pole ins Gedächtnis, mit dem
ich auf dem Seminar in B. studierte; ich beschloß, seine einfachen
Lebensumstände mir anzueignen. So gerüstet begann ich in folgender Art:
„Es mag wohl sein, daß man mich eines schweren Verbrechen beschuldigt,
ich habe indessen hier unter den Augen des Fürsten und der ganzen
Stadt gelebt, und es ist während der Zeit meines Aufenthaltes kein
Verbrechen verübt worden, für dessen Urheber ich gehalten werden oder
dessen Teilnehmer ich sein könnte. Es muß also ein Fremder sein, der
mich eines in früherer Zeit begangenen Verbrechens anklagt, und da
ich mich von aller Schuld völlig rein fühle, so hat vielleicht nur
eine unglückliche Ähnlichkeit die Vermutung meiner Schuld erregt;
um so härter finde ich es aber, daß man mich leerer Vermutungen und
vorgefaßter Meinungen wegen, dem überführten Verbrecher gleich, in ein
strenges Kriminalgefängnis sperrt. Warum stellt man mich nicht meinem
leichtsinnigen, vielleicht boshaften Ankläger unter die Augen? ...
Gewiß ist es am Ende ein alberner Tor, der ...“ „Gemach, gemach, Herr
Leonard,“ quäkte der Richter, „menagieren Sie sich, Sie könnten sonst
garstig anstoßen gegen hohe Personen, und die fremde Person, die Sie,
mein Herr Leonard, oder Herr ... (er biß sich schnell in die Lippen)
erkannt hat, ist auch weder leichtsinnig noch albern, sondern ... Nun,
und dann haben wir gute Nachrichten aus der ...“ Er nannte die Gegend,
wo die Güter des Barons F. lagen, und alles klärte sich dadurch mir
deutlich auf. Entschieden war es, daß Aurelie in mir den Mönch erkannt
hatte, der ihren Bruder ermordete. Dieser Mönch war ja aber Medardus,
der berühmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B. Als diesen
hatte ihn Reinhold erkannt und so hatte er sich auch selbst kund getan.
Daß Francesko der Vater jenes Medardus war, wußte die Äbtissin, und
so mußte meine Ähnlichkeit mit ihm, die der Fürstin gleich anfangs so
unheimlich worden, die Vermutungen, welche die Fürstin und die Äbtissin
vielleicht schon brieflich unter sich angeregt hatten, beinahe zur
Gewißheit erheben. Möglich war es auch, daß Nachrichten selbst aus
dem Kapuzinerkloster in B. eingeholt worden; daß man meine Spur genau
verfolgt, und so die Identität meiner Person mit dem Mönch Medardus
festgestellt hatte. Alles dieses überdachte ich schnell und sah die
Gefahr meiner Lage. Der Richter schwatzte noch fort, und dies brachte
mir Vorteil, denn es fiel mir auch jetzt der lange vergebens gesuchte
Name des polnischen Städtchens ein, das ich der alten Dame bei Hofe
als meinen Geburtsort genannt hatte. Kaum endete daher der Richter
seinen Sermon mit der barschen Äußerung, daß ich nun ohne weiteres
meinen bisherigen Lebenslauf erzählen solle, als ich anfing: „Ich heiße
eigentlich Leonard Krczynki und bin der einzige Sohn eines Edelmanns,
der sein Gütchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo aufhielt.“
-- „Wie, was? -- rief der Richter, indem er sich vergebens bemühte,
meinen, sowie den Namen meines angeblichen Geburtsorts nachzusprechen.
Der Protokollführer wußte gar nicht, wie er die Wörter aufschreiben
sollte; ich mußte beide Namen selbst einrücken, und fuhr dann fort:
„Sie bemerken, mein Herr, wie schwer es der deutschen Zunge wird,
meinen konsonantenreichen Namen nachzusprechen, und darin liegt die
Ursache, warum ich ihn, als ich nach Deutschland kam, wegwarf, und
mich bloß nach meinem Vornamen, Leonard, nannte. Übrigens kann keines
Menschen Lebenslauf einfacher sein, als der meinige. Mein Vater,
selbst ziemlich unterrichtet, billigte meinen entschiedenen Hang zu
den Wissenschaften, und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm
verwandten Geistlichen, Stanislaw Krczynski, schicken, als er starb.
Niemand bekümmerte sich um mich, ich verkaufte die kleine Habe, zog
einige Schulden ein und begab mich wirklich mit dem ganzen mir von
meinem Vater hinterlassenen Vermögen nach Krakau, wo ich einige Jahre
unter meines Verwandten Aufsicht studierte. Dann ging ich nach Danzig
und nach Königsberg. Endlich trieb es mich wie mit unwiderstehlicher
Gewalt, eine Reise nach dem Süden zu machen; ich hoffte, mich mit dem
Rest meines kleinen Vermögens durchzubringen und dann eine Anstellung
an irgendeiner Universität zu finden, doch wäre es mir hier beinahe
schlimm ergangen, wenn nicht ein beträchtlicher Gewinn an der Farobank
des Fürsten mich in den Stand gesetzt hätte, hier noch ganz gemächlich
zu verweilen und dann, wie ich es im Sinn hatte, meine Reise nach
Italien fortzusetzen. Irgend etwas Ausgezeichnetes, das wert wäre,
erzählt zu werden, hat sich in meinem Leben gar nicht zugetragen. Doch
muß ich wohl noch erwähnen, daß es mir leicht gewesen sein würde, die
Wahrheit meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen, wenn nicht
ein ganz besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hätte,
worin mein Paß, meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen
befindlich waren, die jenem Zweck gedient hätten.“ -- Der Richter fuhr
absichtlich auf, er sah mich scharf an und frug mit beinahe spöttischem
Ton, welcher Zufall mich denn außer stande gesetzt hätte, mich, wie
es verlangt werden müßte, zu legitimieren. „Vor mehreren Monaten, so
erzählte ich, befand ich mich auf dem Wege hierher im Gebirge. Die
anmutige Jahreszeit, sowie die herrliche romantische Gegend bestimmten
mich, den Weg zu Fuße zu machen. Ermüdet saß ich eines Tages in dem
Wirtshause eines kleinen Dörfchens; ich hatte mir Erfrischungen reichen
lassen und ein Blättchen aus meiner Brieftasche genommen, um irgend
etwas, das mir eingefallen, aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor
mir auf dem Tische. Bald darauf kam ein Reiter dahergesprengt, dessen
sonderbare Kleidung und verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit
erregte. Er trat ins Zimmer, forderte einen Trunk und setzte sich,
finster und scheu mich anblickend, mir gegenüber an den Tisch. Der
Mann war mir unheimlich, ich trat daher ins Freie hinaus. Bald darauf
kam auch der Reiter, bezahlte den Wirt und sprengte, mich flüchtig
grüßend, davon. Ich stand im Begriff weiter zu gehen, als ich mich
der Brieftasche erinnerte, die ich in der Stube auf dem Tische liegen
gelassen; ich ging hinein und fand sie noch auf dem alten Platz.
Erst des anderen Tages, als ich die Brieftasche hervorzog, entdeckte
ich, daß es nicht die meinige war, sondern daß sie wahrscheinlich dem
Fremden gehörte, der gewiß aus Irrtum die meinige eingesteckt hatte.
Nur einige mir unverständliche Notizen und mehrere an einen Grafen
Viktorin gerichtete Briefe befanden sich darin. Diese Brieftasche nebst
dem Inhalt wird man noch unter meinen Sachen finden; in der meinigen
hatte ich, wie gesagt, meinen Paß, meine Reiseroute, und, wie mir
jetzt eben einfällt, sogar meinen Taufschein; um das alles bin ich
durch jene Verwechslung gekommen.“ -- Der Richter ließ den Fremden,
dessen ich erwähnt, von Kopf bis zu Fuß beschreiben, und ich ermangelte
nicht, die Figur mit aller nur möglichen Eigentümlichkeit aus der
Gestalt des Grafen Viktorin und aus der meinigen auf der Flucht aus
dem Schlosse des Barons F. geschickt zusammenzufügen. Nicht aufhören
konnte der Richter, mich über die kleinsten Umstände dieser Begebenheit
auszufragen, und indem ich alles befriedigend beantwortete, ründete
sich das Bild davon so in meinem Innern, daß ich selbst daran glaubte,
und keine Gefahr lief, mich in Widersprüche zu verwickeln. Mit Recht
konnte ich es übrigens wohl für einen glücklichen Gedanken halten, wenn
ich, den Besitz jener an den Grafen Viktorin gerichteten Briefe, die in
der Tat sich noch im Portefeuille befanden, rechtfertigend, zugleich
eine fingierte Person einzuflechten, die künftig, je nachdem die
Umstände darauf hindeuteten, den entflohenen Medardus oder den Grafen
Viktorin vorstellen konnte. Dabei fiel mir ein, daß vielleicht unter
Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden, die über Viktorins Plan,
als Mönch im Schlosse zu erscheinen, Aufschluß gaben, und daß dies
aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren
könne. Meine Phantasie arbeitete fort, indem der Richter mich frug, und
es entwickelten sich mir immer neue Mittel, mich vor jeder Entdeckung
zu sichern, so daß ich auf das ärgste gefaßt zu sein glaubte. -- Ich
erwartete nun, da über mein Leben im allgemeinen alles genug erörtert
schien, daß der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen näher
kommen würde, es war dem aber nicht so; vielmehr frug er, warum ich
habe aus dem Gefängnis entfliehen wollen? -- Ich versicherte, daß mir
dies nicht in den Sinn gekommen sei. Das Zeugnis des Gefangenwärters,
der mich an das Fenster hinaufkletternd angetroffen, schien aber
wider mich zu sprechen. Der Richter drohte mir, daß ich nach einem
zweiten Versuch angeschlossen werden solle. Ich wurde in den Kerker
zurückgeführt. -- Man hatte mir das Bett genommen und ein Strohlager
auf dem Boden bereitet, der Tisch war festgeschraubt, statt des
Stuhles fand ich eine sehr niedrige Bank. Es vergingen drei Tage,
ohne daß man weiter nach mir frug, ich sah nur das mürrische Gesicht
eines alten Knechts, der mir das Essen brachte und abends die Lampe
ansteckte. Da ließ die gespannte Stimmung nach, in der es mir war,
als stehe ich im lustigen Kampfe auf Leben und Tod, den ich wie ein
wackrer Streiter ausfechten werde. Ich fiel in ein trübes, düsteres
Hinbrüten, alles schien mir gleichgültig, selbst Aureliens Bild war
verschwunden. Doch bald rüttelte sich der Geist wieder auf, aber nur um
stärker von dem unheimlichen, krankhaften Gefühl befangen zu werden,
das die Einsamkeit, die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte, und dem ich
nicht zu widerstehen vermochte. Ich konnte nicht mehr schlafen. In den
wunderlichen Reflexen, die der düstere, flackernde Schein der Lampe
an Wände und Decke warf, grinsten mich allerlei verzerrte Gesichter
an; ich löschte die Lampe aus, ich barg mich in die Strohkissen, aber
gräßlicher tönte dann das dumpfe Stöhnen, das Kettengerassel der
Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht. Oft war es mir, als
hörte ich Euphemiens -- Viktorins Todesröcheln. „Bin ich denn schuld
an euerm Verderben? wart ihr es nicht selbst, Verruchte! die ihr euch
hingabt meinem rächenden Arm?“ -- So schrie ich laut auf, aber dann
ging ein langer, tief ausatmender Todesseufzer durch die Gewölbe, und
in wilder Verzweiflung heulte ich: „Du bist es Hermogen! ... nah ist
die Rache! ... Keine Rettung mehr!“ -- In der neunten Nacht mochte es
sein, als ich, halb ohnmächtig von Grauen und Entsetzen, auf dem kalten
Boden des Gefängnisses ausgestreckt lag. Da vernahm ich deutlich unter
mir ein leises, abgemessenes Klopfen. Ich horchte auf, das Klopfen
dauerte fort, und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden
hervor! -- Ich sprang auf, und warf mich auf das Strohlager, aber
immerfort klopfte es und lachte und stöhnte dazwischen. -- Endlich
rief es leise, leise, aber wie mit häßlicher, heiserer, stammelnder
Stimme hintereinander fort. Me-dar-dus! Me-dar-dus! -- Ein Eisstrom goß
sich mir durch die Glieder! Ich ermannte mich und rief: Wer da! Wer
ist da? -- Lauter lachte es nun und stöhnte und ächzte und klopfte und
stammelte heiser: Me-dar-dus ... Me-dar-dus! -- Ich raffte mich auf vom
Lager. „Wer du auch bist, der du hier tollen Spuk treibst, stell dich
her sichtbarlich vor meine Augen, daß ich dich schauen mag, oder höre
auf mit deinem wüsten Lachen und Klopfen!“ -- So rief ich in die dicke
Finsternis hinein, aber recht unter meinen Füßen klopfte es stärker
und stammelte: Hihihi ... hihihi ... Brü-der-lein ... Brü-der-lein ...
Me-dar-dus ... ich bin da ... bin da ... ma-mach auf ... auf ... wir
wollen in den Wa-Wald gehn ... Wald gehn! -- Jetzt tönte die Stimme
dunkel in meinem Innern wie bekannt; ich hatte sie schon sonst gehört,
doch nicht, wie mich es dünkte, so abgebrochen und so stammelnd. Ja,
mit Entsetzen glaubte ich, meinen eigenen Sprachton zu vernehmen.
Unwillkürlich, als wollte ich es versuchen, ob es dem so sei, stammelte
ich nach: Me-dar-dus ... Me-dar-dus! Da lachte es wieder, aber höhnisch
und grimmig, und rief: Brü-der-lein ... Brü-der-lein, hast ... du, du
mi-mich erkannt ... erkannt? ... ma-mach auf ... wir wo-wollen in den
Wa-Wald ... in den Wald! -- Armer Wahnsinniger, so sprach es dumpf und
schauerlich aus mir heraus, armer Wahnsinniger, nicht aufmachen kann
ich dir, nicht heraus mit dir in den schönen Wald, in die herrliche,
freie Frühlingsluft, die draußen wehen mag; eingesperrt im dumpfen,
düstern Kerker bin ich wie du! -- Da ächzte es im trostlosen Jammer,
und immer leiser und vernehmlicher wurde das Klopfen, bis es endlich
ganz schwieg; der Morgen brach durch das Fenster, die Schlösser
rasselten, und der Kerkermeister, den ich die ganze Zeit über nicht
gesehen, trat herein. „Man hat“, fing er an, „in dieser Nacht allerlei
Lärm in Ihrem Zimmer gehört und lautes Sprechen. Wie ist es damit?“ --
Ich habe die Gewohnheit, erwiderte ich so ruhig, als es mir nur möglich
war, laut und stark im Schlafe zu reden, und führte ich auch im Wachen
Selbstgespräche, so glaube ich, daß mir dies wohl erlaubt sein wird.
-- „Wahrscheinlich“, fuhr der Kerkermeister fort, „ist Ihnen bekannt
worden, daß jeder Versuch zu entfliehen, jedes Einverständnis mit den
Mitgefangenen hart geahndet wird.“ -- Ich beteuerte, nichts dergleichen
hätte ich vor. -- Ein paar Stunden nachher führte man mich hinauf
zum Kriminalgericht. Nicht der Richter, der mich zuerst vernommen,
sondern ein anderer, ziemlich junger Mann, dem ich auf den ersten Blick
anmerkte, daß er dem vorigen an Gewandtheit und eindringendem Sinn
weit überlegen sein müsse, trat freundlich auf mich zu und lud mich
zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor Augen. Er war für
seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er trug
eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Güte und Gemütlichkeit,
daß ich wohl fühlte, gerade deshalb müsse jeder nicht ganz verstockte
Verbrecher ihm schwer widerstehen können. Seine Fragen warf er leicht,
beinahe im Konversationston hin, aber sie waren überdacht und so
präzis gestellt, daß nur bestimmte Antworten erfolgen konnten. „Ich
muß Sie zuvörderst fragen, (so fing er an) ob alles das, was Sie über
Ihren Lebenslauf angegeben haben, wirklich gegründet ist, oder ob bei
reiflichem Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener Umstand einfiel,
den Sie noch erwähnen wollen?“

„Ich habe alles gesagt, was ich über mein einfaches Leben zu sagen
wußte.“

„Haben Sie nie mit Geistlichen ... mit Mönchen Umgang gepflogen?“

„Ja, in Krakau ... Danzig ... Frauenburg ... Königsberg. Am letzteren
Ort mit den Weltgeistlichen, die bei der Kirche als Pfarrer und
Kapellan angestellt waren.“

„Sie haben früher nicht erwähnt, daß Sie auch in Frauenburg gewesen
sind?“

„Weil ich es nicht der Mühe wert hielt, eines kurzen, wie mich dünkt,
achttägigen Aufenthalts dort, auf der Reise von Danzig nach Königsberg
zu erwähnen.“

„Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren?“

Dies frug der Richter plötzlich in polnischer Sprache, und zwar in
echt polnischem Dialekt, jedoch ebenfalls ganz leichthin. Ich wurde in
der Tat einen Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann
mich auf das wenige Polnische, was ich von meinem Freunde Krczynski im
Seminar gelernt hatte, und antwortete:

„Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo.“

„Wie hieß dieses Gut?“

„Krziniewo, das Stammgut meiner Familie.“

„Sie sprechen für einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich
aus. Aufrichtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. Wie kommt das?“

„Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als deutsch. Ja selbst
schon in Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische
von mir erlernen wollten; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir
angewöhnt haben, wie man leicht provinzielle Aussprache annimmt, und
die bessere, eigentümliche darüber vergißt.“

Der Richter blickte mich an, ein leises Lächeln flog über sein Gesicht,
dann wandte er sich zum Protokollführer und diktierte ihm leise etwas.
Ich unterschied deutlich die Worte: „Sichtlich in Verlegenheit“ und
wollte mich eben noch mehr über mein schlechtes Polnisch auslassen, als
der Richter frug:

„Waren Sie niemals in B.?“

„Niemals!“

„Der Weg von Königsberg hierher kann Sie über den Ort geführt haben?“

„Ich habe eine andere Straße eingeschlagen.“

„Haben Sie nie einen Mönch aus dem Kapuzinerkloster in B. kennen
gelernt?“

„Nein!“

Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise
einen Befehl. Bald darauf öffnete sich die Türe und wie durchbebten
mich Schreck und Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah.
Der Richter frug:

„Kennen Sie diesen Mann?“

„Nein! ... ich habe ihn früher niemals gesehen!“

Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich, dann trat er näher;
er schlug die Hände zusammen und rief laut, indem Tränen ihm aus den
Augen gewaltsam hervorquollen: „Medardus, Bruder Medardus! ... um
Christus willen, wie muß ich dich wiederfinden, im Verbrechen teuflisch
frevelnd. Bruder Medardus, gehe in dich, bekenne, bereue ... Gottes
Langmut ist unendlich!“ -- Der Richter schien mit Cyrillus Rede
unzufrieden, er unterbrach ihn mit der Frage: „Erkennen Sie diesen
Mann für den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B.?“

„So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit,“ erwiderte Cyrillus, „so
kann ich nicht anders glauben, als dieser Mann, trägt er auch weltliche
Kleidung, jener Medardus ist, der im Kapuzinerkloster zu B. unter
meinen Augen Noviz war und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das
rote Zeichen eines Kreuzes an der linken Seite des Halses, und wenn
dieser Mann ...“ „Sie bemerken,“ unterbrach der Richter den Mönch, sich
zu mir wendend, „daß man Sie für den Kapuziner Medardus aus dem Kloster
in B. hält, und daß man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen
halber angeklagt hat. Sind Sie nicht dieser Mönch, so wird es Ihnen
leicht werden, dies darzutun; eben daß jener Medardus ein besonderes
Abzeichen am Halse trägt, -- welches Sie, sind Ihre Angaben richtig,
nicht haben können -- gibt Ihnen die beste Gelegenheit dazu. Entblößen
Sie Ihren Hals.“ -- „Es bedarf dessen nicht,“ erwiderte ich gefaßt,
„ein besonderes Verhängnis scheint mir die treueste Ähnlichkeit mit
jenem angeklagten, mir gänzlich unbekannten, Mönch Medardus gegeben
zu haben, denn selbst ein rotes Kreuzzeichen trage ich an der linken
Seite des Halses.“ -- Es war dem wirklich so, jene Verwundung am Halse,
die mir das diamantne Kreuz der Äbtissin zufügte, hatte eine rote
kreuzförmige Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen konnte.
„Entblößen Sie Ihren Hals,“ wiederholte der Richter. -- Ich tat es, da
schrie Cyrillus laut: „Heilige Mutter Gottes, es ist es, es ist das
rote Kreuzzeichen! ... Medardus ... Ach, Bruder Medardus, hast du denn
ganz entsagt dem ewigen Heil?“ -- Weinend und halb ohnmächtig sank er
in einen Stuhl. „Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses ehrwürdigen
Geistlichen?“ frug der Richter. In dem Augenblick durchfuhr es mich
wie eine Blitzesflamme; alle Verzagtheit, die mich zu übermannen
drohte, war von mir gewichen, ach, es war der Widersacher selbst, der
mir zuflüsterte: „Was vermögen diese Schwächlinge gegen dich Starken
in Sinn und Geist? ... Soll Aurelie denn nicht dein werden?“ -- Ich
fuhr heraus beinahe in wildem, höhnendem Trotz: „Dieser Mönch da, der
ohnmächtig im Stuhle liegt, ist ein schwachsinniger, blöder Greis, der
in toller Einbildung mich für irgend einen verlaufenen Kapuziner seines
Klosters hält, von dem ich vielleicht eine flüchtige Ähnlichkeit
trage.“ -- Der Richter war bis jetzt in ruhiger Fassung geblieben, ohne
Blick und Ton zu ändern; zum erstenmal verzog sich nun sein Gesicht zum
finstern, durchbohrenden Ernst, er stand auf und blickte mir scharf
ins Auge. Ich muß gestehen, selbst das Funkeln seiner Gläser hatte
für mich etwas Unerträgliches, Entsetzliches, ich konnte nicht weiter
reden; von innerer verzweifelnder Wut grimmig erfaßt, die geballte
Faust vor der Stirn, schrie ich laut auf: „Aurelie!“ -- „Was soll
das, was bedeutet der Name?“ frug der Richter heftig. -- „Ein dunkles
Verhängnis opfert mich dem schmachvollen Tode,“ sagte ich dumpf, „aber
ich bin unschuldig, gewiß ... ich bin ganz unschuldig ... entlassen
Sie mich ... haben Sie Mitleiden ... ich fühle es, daß Wahnsinn mir
durch Nerv und Adern zu toben beginnt ... entlassen Sie mich!“ -- Der
Richter, wieder ganz ruhig geworden, diktierte dem Protokollführer
vieles, was ich nicht verstand, endlich las er mir eine Verhandlung
vor, worin alles was er gefragt und was ich geantwortet, sowie, was
sich mit Cyrillus zugetragen hatte, verzeichnet war. Ich mußte meinen
Namen unterschreiben, dann forderte mich der Richter auf, irgend etwas
polnisch und deutsch aufzuzeichnen, ich tat es. Der Richter nahm das
deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus, der sich unterdessen
wieder erholt hatte, mit der Frage in die Hände: „Haben diese
Schriftzüge Ähnlichkeit mit der Hand, die Ihr Klosterbruder Medardus
schrieb? -- „Es ist ganz genau seine Hand, bis auf die kleinsten
Eigentümlichkeiten,“ erwiderte Cyrillus, und wandte sich wieder zu
mir. Er wollte sprechen, ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der
Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam
durch, dann stand er auf, trat dicht vor mir hin, und sagte mit sehr
ernstem, entscheidendem Ton:

„Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller
grammatischer und orthographischer Fehler. Kein Nationalpole schreibt
so, wäre er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet, als Sie es
sind.“

„Ich bin in Krcziniewo geboren, folglich allerdings ein Pole. Selbst
aber in dem Fall, daß ich es nicht wäre, daß geheimnisvolle Umstände
mich zwängen, Stand und Namen zu verleugnen, so würde ich deshalb doch
nicht der Kapuziner Medardus sein dürfen, der aus dem Kloster in B.,
wie ich glauben muß, entsprang.“

„Ach Bruder Medardus,“ fiel Cyrillus ein, „schickte dich unser
ehrwürdiger Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und
Frömmigkeit nach Rom?... Bruder Medardus! um Christus willen, verleugne
nicht länger auf gottlose Weise den heiligen Stand, dem du entronnen.“

„Ich bitte Sie, uns nicht zu unterbrechen,“ sagte der Richter, und fuhr
dann, sich zu mir wendend, fort:

„Ich muß Ihnen merklich machen, wie die unverdächtige Aussage dieses
ehrwürdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt, daß Sie wirklich
der Medardus sind, für den man Sie hält. Nicht verhehlen mag ich auch,
daß man Ihnen mehrere Personen entgegenstellen wird, die Sie für jenen
Mönch unzweifelhaft erkannt haben. Unter diesen Personen befindet sich
eine, die Sie, treffen die Vermutungen ein, schwer fürchten müssen. Ja
selbst unter Ihren eigenen Sachen hat sich manches gefunden, was den
Verdacht wider Sie unterstützt. Endlich werden bald die Nachrichten
über Ihre vorgeblichen Familienumstände eingehen, um die man die
Gerichte in Posen ersucht hat ... Alles dieses sage ich Ihnen offner,
als es mein Amt gebietet, damit Sie sich überzeugen, wie wenig ich auf
irgend einen Kunstgriff rechne, Sie, haben jene Vermutungen Grund, zum
Geständnis der Wahrheit zu bringen. Bereiten Sie sich vor, wie Sie
wollen; sind Sie wirklich jener angeklagte Medardus, so glauben Sie,
daß der Blick des Richters die tiefste Verhüllung bald durchdringen
wird; Sie werden dann auch selbst sehr genau wissen, welcher Verbrechen
man Sie anklagt. Sollten Sie dagegen wirklich der Leonard von Krczynki
sein, für den Sie sich ausgeben, und ein besonderes Spiel der Natur
Sie, selbst rücksichts besonderer Abzeichen, jenem Medardus ähnlich
gemacht haben, so werden Sie selbst leicht Mittel finden, dies klar
nachzuweisen. Sie schienen mir erst in einem sehr exaltierten Zustande,
schon deshalb brach ich die Verhandlung ab, indessen wollte ich Ihnen
zugleich auch Raum geben zum reiflichen Nachdenken. Nach dem, was heute
geschehen, kann es Ihnen an Stoff dazu nicht fehlen.“

„Sie halten also meine Angaben durchaus für falsch? ... Sie sehen in
mir den verlaufenen Mönch Medardus?“ -- So frug ich; der Richter sagte
mit einer leichten Verbeugung: „Adieu, Herr von Krczynski!“ und man
brachte mich in den Kerker zurück.

Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie glühende Stacheln.
Alles, was ich vorgegeben, kam mir seicht und abgeschmackt vor. Daß
die Person, der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer
zu fürchten haben sollte, Aurelie sein mußte, war nur zu klar. Wie
sollt ich das ertragen! Ich dachte nach, was unter meinen Sachen
wohl verdächtig sein könne, da fiel es mir schwer aufs Herz, daß ich
noch aus jener Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schlosse des Barons
von F. einen Ring mit Euphemiens Namen besaß, sowie, daß Viktorins
Felleisen, das ich auf meiner Flucht mit mir genommen, noch mit dem
Kapuzinerstrick zugeschnürt war! -- Ich hielt mich für verloren!
-- Verzweifelnd rannte ich den Kerker auf und ab. Da war es, als
flüsterte, als zischte es mir in die Ohren: Du Tor, was verzagst du?
denkst du nicht an Viktorin? -- Laut rief ich: „Ha! nicht verloren,
gewonnen ist das Spiel.“ Es arbeitete und kochte in meinem Innern! --
Schon früher hatte ich daran gedacht, daß unter Euphemiens Papieren
sich wohl etwas gefunden haben müsse, was auf Viktorins Erscheinen auf
dem Schlosse als Mönch hindeute. Darauf mich stützend, wollte ich auf
irgend eine Weise ein Zusammentreffen mit Viktorin, ja selbst mit dem
Medardus, für den man mich hielt, vorgeben; jenes Abenteuer auf dem
Schlosse, das so fürchterlich endete, als von Hörensagen erzählen,
und mich selbst, meine Ähnlichkeit mit jenen beiden, auf unschädliche
Weise geschickt hinein verflechten. Der kleinste Umstand mußte reiflich
erwogen werden; aufzuschreiben beschloß ich daher den Roman, der
mich retten sollte! -- Man bewilligte mir die Schreibematerialien,
die ich forderte, um schriftlich noch manchen verschwiegenen Umstand
meines Lebens zu erörtern. Ich arbeitete mit Anstrengung bis in die
Nacht hinein; im Schreiben erhitzte sich meine Fantasie, alles formte
sich wie eine geründete Dichtung, und fester und fester spann sich
das Gewebe endloser Lügen, womit ich dem Richter die Wahrheit zu
verschleiern hoffte.

Die Burgglocke hatte zwölf geschlagen, als sich wieder leise und
entfernt das Pochen vernehmen ließ, das mich gestern so verstört
hatte. -- Ich wollte nicht darauf achten, aber immer lauter pochte
es in abgemessenen Schlägen, und dabei fing es wieder an, dazwischen
zu lachen und zu ächzen. -- Stark auf den Tisch schlagend, rief ich
laut: „Still ihr da drunten!“ und glaubte mich so von dem Grauen, das
mich befing, zu ermutigten; aber da lachte es gellend und schneidend
durch das Gewölbe und stammelte: „Brü-der-lein, Brü-der-lein ... zu
dir her-auf ... herauf ... ma-mach auf ... mach auf!“ -- Nun begann
es dicht neben mir im Fußboden zu schaben, zu rasseln und zu kratzen,
und immer wieder lachte es und ächzte; stärker und immer stärker wurde
das Geräusch, das Rasseln, das Kratzen -- dazwischen dumpf dröhnende
Schläge wie das Fallen schwerer Massen. -- Ich war aufgestanden,
mit der Lampe in der Hand. Da rührte es sich unter meinem Fuß, ich
schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden, sich
ein Stein des Pflasters losbröckelte. Ich erfaßte ihn und hob ihn
mit leichter Mühe vollends heraus. Ein düstrer Schein brach durch
die Öffnung, ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der
Hand streckte sich mir entgegen. Von tiefem Entsetzen durchschauert
bebte ich zurück. Da stammelte es von unten herauf: „Brü-der-lein,
Medar-dus ist da-da, herauf ... nimm, nimm! ... brich ... brich ...
in den Wa-Wald ... in den Wald! -- Schnell dachte ich Flucht und
Rettung; alles Grauen überwunden ergriff ich das Messer, das die
Hand mir willig ließ, und fing an, den Mörtel zwischen den Steinen
des Fußbodens emsig wegzubrechen. Der, der unten war, drückte wacker
herauf. Vier, fünf Steine lagen zur Seite weggeschleudert, da erhob
sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüften aus der Tiefe
empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem,
entsetzlichem Gelächter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das
Gesicht -- ich erkannte mich selbst -- mir vergingen die Sinne. -- Ein
empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht;
hell war es um mich her; der Kerkermeister stand mit einer blendenden
Leuchte vor mir, Kettengerassel und Hammerschläge hallten durch das
Gewölbe. Man war beschäftigt mich in Fesseln zu schmieden. Außer den
Hand- und Fußschellen wurde ich mittelst eines Ringes um den Leib
und einer daran befestigten Kette an die Mauer gefesselt. „Nun wird
es der Herr wohl bleiben lassen, an das Durchbrechen zu denken,“
sagte der Kerkermeister. -- Was hat denn der Kerl eigentlich getan?“
frug ein Schmiedeknecht. „Ei,“ erwiderte der Kerkermeister, „weißt
du denn das nicht, Jost? ... die ganze Stadt ist ja davon voll. ’s
ist ein verfluchter Kapuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie
haben’s schon ganz heraus. In wenigen Tagen haben wir große Gala,
da werden die Räder spielen.“ -- Ich hörte nichts mehr, denn aufs
neue entschwanden mir Sinn und Gedanken. Nur mühsam erholte ich mich
aus der Betäubung, finster blieb es, endlich brachen einige matte
Streiflichter des Tages herein in das niedrige, kaum sechs Fuß hohe
Gewölbe, in das, wie ich jetzt zu meinem Entsetzen wahrnahm, man mich
aus meinem vorigen Kerker gebracht hatte. Mich dürstete, ich griff
nach dem Wasserkruge, der neben mir stand, feucht und kalt schlüpfte
es mir durch die Hand, ich sah eine aufgedunsene, scheußliche Kröte
schwerfällig davonhüpfen. Voll Ekel und Abscheu ließ ich den Krug
fahren. „Aurelie!“ stöhnte ich auf in dem Gefühl des namenlosen Elends,
das nun über mich hereingebrochen. „Und darum das armselige Leugnen
und Lügen vor Gericht? -- alle gleißnerischen Künste des teuflischen
Heuchlers? -- darum, um ein zerrissenes, qualvolles Leben einige
Stunden länger zu fristen? Was willst du, Wahnsinniger! Aurelien
besitzen, die nur durch ein unerhörtes Verbrechen dein werden konnte?
-- denn immerdar, lügst du auch der Welt deine Unschuld vor, würde sie
in dir Hermogens verruchten Mörder erkennen und dich tief verabscheuen.
Elender, wahnwitziger Tor, wo sind nun deine hochfliegenden Pläne, der
Glaube an deine überirdische Macht, womit du das Schicksal selbst nach
Willkür zu lenken wähntest; nicht zu töten vermagst du den Wurm, der an
deinem Herzmark mit tödlichen Bissen nagt, schmachvoll verderben wirst
du in trostlosem Jammer, wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner
schont.“ So laut klagend, warf ich mich auf das Stroh und fühlte in dem
Augenblick einen Druck auf der Brust, der von einem harten Körper in
der Busentasche meiner Weste herzurühren schien. Ich faßte hinein und
zog ein kleines Messer hervor. Nie hatte ich, solange ich im Kerker
war, ein Messer bei mir getragen, es mußte daher dasselbe sein, das mir
mein gespenstisches Ebenbild heraufgereicht hatte. Mühsam stand ich auf
und hielt das Messer in den stärker hereinbrechenden Lichtstrahl. Ich
erblickte das silberne, blinkende Heft. Unerforschliches Verhängnis!
es war dasselbe Messer, womit ich Hermogen getötet und das ich seit
einigen Wochen vermißt hatte. Aber nun ging plötzlich in meinem Innern,
wunderbar leuchtend, Trost und Rettung von der Schmach auf. Die
unbegreifliche Art wie ich das Messer erhalten, war mir ein Fingerzeig
der ewigen Macht, wie ich meine Verbrechen büßen, wie ich im Tode
Aurelien versöhnen solle. Wie ein göttlicher Strahl im reinen Feuer,
durchglühte mich nun die Liebe zu Aurelien, jede sündliche Begierde war
von mir gewichen. Es war mir, als sähe ich sie selbst, wie damals, als
sie am Beichtstuhl in der Kirche des Kapuzinerklosters erschien. „Wohl
liebe ich dich, Medardus, aber du verstandest mich nicht! ... meine
Liebe ist der Tod!“ -- so umsäuselte und umflüsterte mich Aureliens
Stimme, und fest stand mein Entschluß, dem Richter frei die merkwürdige
Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen, und dann mir den Tod zu
geben.

Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen als
ich sonst zu erhalten pflegte, sowie eine Flasche Wein. -- „Vom
Fürsten so befohlen,“ sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein
Knecht nachtrug, deckte, und die Kette die mich an die Wand fesselte,
losschloß. Ich bat ihn, dem Richter zu sagen, daß ich vernommen zu
werden wünsche, weil ich vieles zu eröffnen hätte, was mir schwer
auf dem Herzen liege. Er versprach meinen Auftrag auszurichten,
indessen wartete ich vergebens, daß man mich zum Verhör abholen
solle; niemand ließ sich mehr sehen, bis der Knecht, als es schon
ganz finster geworden, hereintrat und die am Gewölbe hängende Lampe
anzündete. In meinem Innern war es ruhiger als jemals, doch fühlte
ich mich sehr erschöpft und versank bald in tiefen Schlaf. Da wurde
ich in einen langen, düstern, gewölbten Saal geführt, in dem ich
eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte,
die der Wand entlang auf hohen Stühlen saßen. Vor ihnen, an einem
mit blutroter Decke behangenen Tisch, saß der Richter, und neben ihm
ein Dominikaner im Ordenshabit. „Du bist jetzt,“ sprach der Richter
mit feierlich erhabener Stimme, „dem geistlichen Gericht übergeben,
da du verstockter, frevelicher Mönch, vergebens deinen Stand und
Namen verleugnet hast. Franciskus, mit dem Klosternamen Medardus
genannt, sprich, welcher Verbrechen bist du beziehen worden?“ -- Ich
wollte alles, was ich je Sündhaftes und Freveliches begangen, offen
eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war das, was ich sprach, durchaus
nicht das, was ich dachte und sagen wollte. Statt des ernsten, reuigen
Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte, unzusammenhängende
Reden. Da sagte der Dominikaner, riesengroß vor mir stehend und mit
gräßlich funkelndem Blick mich durchbohrend: „Auf die Folter mit
dir, du halsstarriger, verstockter Mönch.“ Die seltsamen Gestalten
rings umher erhoben sich und streckten ihre langen Arme nach mir
aus, und riefen in heiserem, grausigem Einklang: „Auf die Folter mit
ihm.“ Ich riß das Messer heraus und stieß nach meinem Herzen, aber
der Arm fuhr unwillkürlich herauf; ich traf den Hals und am Zeichen
des Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu
verwunden. Da ergriffen mich die Henkersknechte und stießen mich hinab
in ein tiefes unterirdisches Gewölbe. Der Dominikaner und der Richter
stiegen mir nach. Noch einmal forderte mich dieser auf, zu gestehen.
Nochmals strengte ich mich an, aber in tollem Zwiespalt stand Rede
und Gedanke. -- Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach bekannte ich
im Innern alles -- abgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund
ausstieß. Auf den Wink des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte
nackt aus, schnürten mir beide Arme über den Rücken zusammen, und
hinaufgewunden fühlte ich, wie die ausgedehnten Gelenke knackend
zerbröckeln wollten. In heillosem, wütendem Schmerz schrie ich laut
auf und erwachte. Der Schmerz an den Händen und Füßen dauerte fort,
er rührte von den schweren Ketten her, die ich trug, doch empfand ich
noch außerdem einen Druck über den Augen, die ich nicht aufzuschlagen
vermochte. Endlich war es, als würde plötzlich eine Last mir von der
Stirn genommen, ich richtete mich schnell empor, ein Dominikanermönch
stand vor meinem Strohlager. Mein Traum trat in das Leben, eiskalt
rieselte es mir durch die Adern. Unbeweglich, wie eine Bildsäule, mit
übereinander geschlagenen Armen stand der Mönch da und starrte mich
an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte den gräßlichen Maler
und fiel halb ohnmächtig auf mein Strohlager zurück. -- Vielleicht
war es nur eine Täuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne? Ich
ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand der
Mönch und starrte mich an mit den hohlen, schwarzen Augen. Da schrie
ich in wahnsinniger Verzweiflung: „Entsetzlicher Mensch ... hebe dich
weg! ... Nein! ... Kein Mensch, du bist der Widersacher selbst, der
mich stürzen will in ewige Verderbnis ... hebe dich weg, Verruchter!
hebe dich weg!“ -- „Armer kurzsichtiger Tor, ich bin nicht der, der
dich ganz unauflöslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden! -- der
dich abwendig machen will dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige
Macht berief! -- Medardus! -- armer kurzsichtiger Tor! -- schreckbar,
grauenvoll bin ich dir erschienen, wenn du über dem offenen Grabe
ewiger Verdammnis leichtsinnig gaukeltest. Ich warnte dich, aber du
hast mich nicht verstanden! Auf! nähere dich mir!“ Der Mönch sprach
alles dieses im dumpfen Ton der tiefen, herzzerschneidendsten Klage;
sein Blick, mir sonst so fürchterlich, war sanft und milde geworden,
weicher die Form seines Gesichts. Eine unbeschreibliche Wehmut
durchbebte mein Innerstes; wie ein Gesandter der ewigen Macht, mich
aufzurichten, mich zu trösten im endlosen Elend, erschien mir der sonst
so schreckliche Maler. -- Ich stand auf vom Lager, ich trat ihm nahe,
es war kein Phantom, ich berührte sein Kleid; ich kniete unwillkürlich
nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich segnend. Da gingen
in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. -- Ach! ich war in dem
heiligen Walde! -- ja es war derselbe Platz, wo in früher Kindheit
der fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte.
Ich wollte fortschreiten, ich wollte hinein in die Kirche, die ich
dicht vor mir erblickte. Dort sollte ich (so war es mir) büßend und
bereuend Ablaß erhalten von schwerer Sünde. Aber ich blieb regungslos
-- mein eignes Ich konnte ich nicht erschauen, nicht erfassen. Da
sprach eine dumpfe, hohle Stimme: „Der Gedanke ist die Tat!“ -- Die
Träume verschwebten; es war der Maler, der jene Worte gesprochen.
„Unbegreifliches Wesen, warst du es denn selbst? an jenem unglücklichen
Morgen in der Kapuzinerkirche zu B.?, in der Reichsstadt, und nun?“ --
„Halt ein,“ unterbrach mich der Maler, „ich war es, der überall dir
nahe war, um dich zu retten von Verderben und Schmach, aber dein Sinn
blieb verschlossen! Das Werk, zu dem du erkoren, mußt du vollbringen
zu deinem eignen Heil.“ -- „Ach,“ rief ich voll Verzweiflung, „warum
hieltst du nicht meinen Arm zurück, als ich in verruchtem Frevel jenen
Jüngling ...“ „Das war mir nicht vergönnt,“ fiel der Maler ein, „frage
nicht weiter, vermessen ist es, vorgreifen zu wollen dem, was die ewige
Macht beschlossen ... Medardus! du gehst deinem Ziel entgegen ...
morgen!“ -- Ich erbebte in einem eiskalten Schauer, denn ich glaubte,
den Maler ganz zu verstehen. Er wußte und billigte den beschlossenen
Selbstmord. Der Maler wankte mit leisem Tritt nach der Tür des Kerkers.
„Wann, wann sehe ich dich wieder?“ -- „Am Ziele!“ rief er, sich noch
einmal nach mir umwendend, feierlich und stark, daß das Gewölbe dröhnte
-- „Also morgen?“ -- Leise drehte sich die Türe in den Angeln, der
Maler war verschwunden. --

Sowie der helle Tag nur angebrochen, erschien der Kerkermeister mit
seinen Knechten, die mir die Fesseln von den wunden Armen und Füßen
ablösten. Ich solle bald zum Verhör hinaufgeführt werden, hieß es.
Tief in mich gekehrt, mit dem Gedanken des nahen Todes vertraut,
schritt ich hinauf in den Gerichtssaal; mein Bekenntnis hatte ich im
Innern so geordnet, daß ich dem Richter eine kurze, aber den kleinsten
Umstand mit aufgreifende Erzählung zu machen hoffte. Der Richter kam
mir schnell entgegen, ich mußte höchst entstellt aussehen, denn bei
meinem Anblick verzog sich schnell das freudige Lächeln, das erst
auf seinem Gesicht schwebte, zur Miene des tiefsten Mitleids. Er
faßte meine beiden Hände und schob mich sanft in seinen Lehnstuhl.
Dann mich starr anschauend, sagte er langsam und feierlich: „Herr
von Krczynski! ich habe Ihnen Frohes zu verkünden! Sie sind frei!
Die Untersuchung ist auf Befehl des Fürsten niedergeschlagen worden.
Man hat Sie mit einer andern Person verwechselt, woran ihre ganz
unglaubliche Ähnlichkeit mit dieser Person schuld ist. Klar, ganz
klar ist Ihre Schuldlosigkeit dargetan! ... Sie sind frei!“ -- Es
schwirrte und sauste und drehte sich alles um mich her. -- Des Richters
Gestalt blinkte, hundertfach vervielfältigt, durch den düstern Nebel,
alles schwand in dicker Finsternis. -- Ich fühlte endlich, daß man
mir die Stirne mit starkem Wasser rieb, und erholte mich aus dem
ohnmachtähnlichen Zustande, in den ich versunken. Der Richter las mir
ein kurzes Protokoll vor, welches sagte, daß er mir die Niederschlagung
des Prozesses bekannt gemacht, und meine Entlassung aus dem Kerker
bewirkt habe. Ich unterschrieb schweigend, keines Wortes war ich
mächtig. Ein unbeschreibliches, mich im Innersten vernichtendes Gefühl
ließ keine Freude aufkommen. Sowie mich der Richter mit recht in das
Herz dringender Gutmütigkeit anblickte, war es mir, als müsse ich nun,
da man an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte, allen
verruchten Frevel, den ich begangen, frei gestehen und dann mir das
Messer in das Herz stoßen. -- Ich wollte reden -- der Richter schien
meine Entfernung zu wünschen. Ich ging nach der Türe, da kam er mir
nach und sagte leise: „Nun habe ich aufgehört Richter zu sein; von
dem ersten Augenblick, als ich Sie sah, interessierten Sie mich auf
das höchste. So sehr, wie (Sie werden das selbst zugeben müssen) der
Schein wider Sie war, so wünschte ich doch gleich, daß Sie in der Tat
nicht der abscheuliche, verbrecherische Mönch sein möchten, für den
man sie hielt. Jetzt darf ich Ihnen zutraulich sagen ... Sie sind kein
Pole. Sie sind nicht in Kwiecziczewo geboren. Sie heißen nicht Leonard
von Krczynski.“ -- Mit Ruhe und Festigkeit antwortete ich. „Nein!“ --
„Und auch kein Geistlicher?“ -- frug der Richter weiter, indem er die
Augen niederschlug, wahrscheinlich um mir den Blick des Inquisitors
zu ersparen. Es wallte auf in meinem Innern. -- „So hören Sie denn,“
fuhr ich heraus -- „Still,“ unterbrach mich der Richter, „was ich
anfangs geglaubt und noch glaube, bestätigt sich. Ich sehe, daß hier
rätselhafte Umstände walten, und daß Sie selbst mit gewissen Personen
des Hofes in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten sind.
Es ist nicht mehr meines Berufs, tiefer einzudringen, und ich würde es
für unziemlichen Vorwitz halten, Ihnen irgend etwas über Ihre Person,
über Ihre wahrscheinlich ganz eignen Lebensverhältnisse entlocken zu
wollen! -- Doch, wie wäre es, wenn Sie, sich losreißend von allem
Ihrer Ruhe Bedrohlichem, den Ort verließen. Nach dem, was geschehen,
kann Ihnen ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun.“ -- Sowie der
Richter dieses sprach, war es, als flöhen alle finstre Schatten, die
sich drückend über mich gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben
war wiedergewonnen, und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern
glühend in mir auf. Aurelie! +sie+ dachte ich wieder, und ich sollte
jetzt fort von dem Orte, fort von ihr? -- Tief seufzte ich auf: „Und
+sie+ verlassen?“ -- Der Richter blickte mich im höchsten Erstaunen
an und sagte dann schnell: „Ach! jetzt glaube ich klar zu sehen! Der
Himmel gebe, Herr Leonard! daß eine sehr schlimme Ahnung, die mir eben
jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfüllung gehen möge.“ -- Alles
hatte sich in meinem Innern anders gestaltet. Hin war alle Reue und
wohl mochte es beinahe frevelnde Frechheit sein, daß ich den Richter
mit erheuchelter Ruhe frug: „Und Sie halten mich doch für schuldig?“
-- „Erlauben Sie, mein Herr!“ erwiderte der Richter sehr ernst, „daß
ich meine Überzeugungen, die doch nur auf ein reges Gefühl gestützt
scheinen, für mich behalte. Es ist ausgemittelt, nach bester Form und
Weise, daß Sie nicht der Mönch Medardus sein können, da eben dieser
Medardus sich hier befindet und von dem Pater Cyrill, der sich durch
Ihre ganz genaue Ähnlichkeit täuschen ließ, anerkannt wurde, ja auch
selbst gar nicht leugnet, daß er jener Kapuziner sei. Damit ist nun
alles geschehen, was geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu
reinigen, und um so mehr muß ich glauben, daß Sie sich frei von jeder
Schuld fühlen.“ -- Ein Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den
Richter ab und so wurde ein Gespräch unterbrochen, als es eben begann
mich zu peinigen.

Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder, wie ich
es verlassen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein
Paket gesiegelt lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins
Brieftasche, Euphemiens Ring und den Kapuzinerstrick vermißte ich,
meine Vermutungen im Gefängnisse waren daher richtig. Nicht lange
dauerte es, so erschien ein fürstlicher Diener, der mit einem
Handbillet des Fürsten mir eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte
Dose überreichte. „Es ist Ihnen übel mitgespielt worden, Herr von
Krczynski,“ schrieb der Fürst, „aber weder ich noch meine Gerichte sind
schuld daran. Sie sind einem sehr bösen Menschen auf ganz unglaubliche
Weise ähnlich; alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklärt; ich sende
Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens und hoffe, Sie bald zu sehen.“ --
Des Fürsten Gnade war mir ebenso gleichgültig als sein Geschenk; eine
düstre Traurigkeit, die geisttötend mein Inneres durchschlich, war
die Folge des strengen Gefängnisses; ich fühlte, daß mir körperlich
aufgeholfen werden müsse, und lieb war es mir daher, als der Leibarzt
erschien. Das Ärztliche war bald besprochen. „Ist es nicht,“ fing nun
der Leibarzt an, „eine besondere Fügung des Schicksals, daß eben in
dem Augenblick, als man davon überzeugt zu sein glaubt, daß Sie jener
abscheuliche Mönch sind, der in der Familie des Barons von F. so viel
Unheil anrichtete, dieser Mönch wirklich erscheint, und Sie von jedem
Verdacht rettet?“

„Ich muß versichern, daß ich von den nähern Umständen, die meine
Befreiung bewirkten, nicht unterrichtet bin; nur im allgemeinen sagte
mir der Richter, daß der Kapuziner Medardus, dem man nachspürte und für
den man mich hielt, sich hier eingefunden habe.“

„Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden,
festgebunden auf einem Wagen, und seltsamerweise zu derselben Zeit, als
Sie hergekommen waren. Eben fällt mir ein, daß, als ich Ihnen einst
jene wunderbaren Ereignisse erzählen wollte, die sich vor einiger Zeit
an unserm Hofe zutrugen, ich gerade dann unterbrochen wurde, als ich
auf den feindlichen Medardus, Franceskos Sohn, und auf seine verruchte
Tat im Schlosse des Barons von F. gekommen war. Ich nehme den Faden
der Begebenheit da wieder auf, wo er damals abriß. -- Die Schwester
unserer Fürstin, wie Sie wissen, Äbtissin im Cisterzienserkloster zu
B., nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem Kinde auf, die von
der Pilgerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte.“

„Die Frau war Franceskos Witwe und der Knabe eben der Medardus.“

„Ganz recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?“

„Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen Lebensumstände
des Kapuziners Medardus bekannt worden. Bis zu dem Augenblick, als er
aus dem Schloß des Barons von F. entfloh, bin ich von dem, was sich
dort zutrug, genau unterrichtet.“

„Aber wie? ... von wem?“ ...

„Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt.“

„Sie scherzen?“

„Keineswegs. Es ist mir wirklich so, als hätte ich träumend die
Geschichte eines Unglücklichen gehört, der, ein Spielwerk dunkler
Mächte, hin und her geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen
getrieben wurde. In dem ...tzer Forst hatte mich auf der Reise hierher
der Postillon irre gefahren; ich kam in das Försterhaus, und dort ...“

„Ha! ich verstehe alles, dort trafen Sie den Mönch an“ ...

„So ist es, er war aber wahnsinnig.“

„Er scheint es nicht mehr zu sein. Schon damals hatte er lichte Stunden
und vertraute Ihnen alles?“ ...

„Nicht geradezu. In der Nacht trat er, von meiner Ankunft im
Försterhause nicht unterrichtet, in mein Zimmer. Ich, mit der treuen
beispiellosen Ähnlichkeit, war ihm furchtbar. Er hielt mich für seinen
Doppelgänger, dessen Erscheinung ihm den Tod verkünde. -- Er stammelte
-- stotterte Bekenntnisse her -- unwillkürlich übermannte mich, von der
Reise ermüdet, der Schlaf; es war mir, als spreche der Mönch nun ruhig
und gefaßt weiter, und ich weiß in der Tat jetzt nicht, wo und wie der
Traum eintrat. Es dünkt mich, daß der Mönch behauptete, nicht +er+ habe
Euphemien und Hermogen getötet, sondern beider Mörder sei der Graf
Viktorin.“ --

„Sonderbar, höchst sonderbar, aber warum verschwiegen Sie das alles dem
Richter?“

„Wie konnte ich hoffen, daß der Richter auch nur einiges Gewicht auf
eine Erzählung legen werde, die ihm ganz abenteuerlich klingen mußte.
Darf denn überhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare
glauben?“

„Wenigstens hätten Sie aber doch gleich ahnen, daß man Sie mit dem
wahnsinnigen Mönch verwechsle, und diesen als den Kapuziner Medardus
bezeichnen sollen?“

„Freilich -- und zwar nachdem mich ein alter, blöder Greis, ich glaube
er heißt Cyrillus, durchaus für seinen Klosterbruder halten wollte. Es
ist mir nicht eingefallen, daß der wahnsinnige Mönch eben der Medardus,
und das Verbrechen, das er mir bekannte, Gegenstand des jetzigen
Prozesses sein könne. Aber, wie mir der Förster sagte, hatte er ihm
niemals seinen Namen genannt -- wie kam man zur Entdeckung?“

„Auf die einfachste Weise. Der Mönch hatte sich, wie Sie wissen, einige
Zeit bei dem Förster aufgehalten; er schien geheilt, aber aufs neue
brach der Wahnsinn so verderblich aus, daß der Förster sich genötigt
sah, ihn hierher zu schaffen, wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde.
Dort saß er Tag und Nacht mit starrem Blick, ohne Regung, wie eine
Bildsäule. Er sprach kein Wort und mußte gefüttert werden, da er keine
Hand bewegte. Verschiedene Mittel ihn aus der Starrsucht zu wecken,
blieben fruchtlos, zu den stärksten durfte man nicht schreiten, ohne
Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu stürzen. Vor einigen Tagen kommt
des Försters ältester Sohn nach der Stadt, er geht in das Irrenhaus, um
den Mönch wieder zu sehen. Ganz erfüllt von dem trostlosen Zustande des
Unglücklichen, tritt er aus dem Hause, als eben der Pater Cyrillus aus
dem Kapuzinerkloster in B. vorüberschreitet. Den redet er an und bittet
ihn, den unglücklichen, hier eingesperrten Klosterbruder zu besuchen,
da ihm der Zuspruch eines Geistlichen seines Ordens vielleicht heilsam
sein könne. Als Cyrillus den Mönch erblickt, fährt er entsetzt zurück.
„Heilige Mutter Gottes! Medardus, unglückseliger Medardus!“ So ruft
Cyrillus, und in dem Augenblick beleben sich die starren Augen des
Mönchs. Er steht auf und fällt mit einem dumpfen Schrei kraftlos zu
Boden. -- Cyrillus, mit den übrigen, die bei dem Ereignis zugegen
waren, geht sofort zum Präsidenten des Kriminalgerichts und zeigt alles
an. Der Richter, dem die Untersuchungen wider Sie übertragen, begibt
sich mit Cyrillus nach dem Irrenhause; man findet den Mönch sehr matt,
aber frei von allem Wahnsinn. Er gesteht ein, daß er der Mönch Medardus
aus dem Kapuzinerkloster in B. sei. Cyrillus versicherte seinerseits,
daß Ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit Medardus ihn getäuscht habe. Nun
bemerke er wohl, wie Herr Leonard sich in Sprache, Blick, Gang und
Stellung sehr merklich von dem Mönch Medardus, den er nun vor sich
sehe, unterscheide. Man entdeckte auch das bedeutende Kreuzeszeichen an
der linken Seite des Halses, von dem in Ihrem Prozeß so viel Aufhebens
gemacht worden ist. Nun wird der Mönch über die Begebenheiten auf dem
Schlosse des Barons von F. befragt. -- „Ich bin ein abscheulicher,
verruchter Verbrecher, sagt er mit matter, kaum vernehmbarer Stimme:
ich bereue tief, was ich getan. -- Ach, ich ließ mich um mein Selbst,
um meine unsterbliche Seele betrügen! ... Man habe Mitleiden! ... man
lasse mir Zeit ... alles ... alles will ich gestehen.“ -- Der Fürst,
unterrichtet, befiehlt sofort den Prozeß wider Sie aufzuheben und Sie
der Haft zu entlassen. Das ist die Geschichte Ihrer Befreiung. -- Der
Mönch ist nach dem Kriminalgefängnis gebracht worden.“

„Und hat alles gestanden? Hat er Euphemen, Hermogen ermordet? wie ist
es mit dem Grafen Viktorin? ...“

„So viel, wie ich weiß, fängt der eigentliche Kriminalprozeß wider den
Mönch erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint
es, als wenn nun einmal alles, was nur irgend mit jenen Ereignissen
an unserem Hofe in Verbindung stehe, dunkel und unbegreiflich bleiben
müsse.“

„Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener
Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der Tat
nicht ein.“

„Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen, als die
Begebenheit.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Erinnern Sie sich genau meiner Erzählung jener Katastrophe, die dem
Prinzen den Tod brachte?“

„Allerdings.“

„Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar worden, daß Francesko
verbrecherisch die Italienerin liebte? daß er es war, der vor dem
Prinzen in die Brautkammer schlich und den Prinzen niederstieß? --
Viktorin ist die Frucht jener freveligen Untat. -- Er und Medardus
sind Söhne eines Vaters. Spurlos ist Viktorin verschwunden, alles
Nachforschen blieb vergebens.“

„Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem
wahnsinnigen Brudermörder!“ --

Leise -- leise ließ sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte
ausstieß, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker
hören. Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen, welches mich
ergriff. Der Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen inneren Kampf
zu bemerken. Er fuhr fort: „Was ... hat der Mönch Ihnen gestanden, daß
auch Viktorin durch seine Hand fiel?“

„Ja!... wenigstens schließe ich aus seinen abgebrochenen Äußerungen,
halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, daß sich die Sache
wirklich so verhält. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!“ -- Stärker
klopfte es und stöhnte und ächzte: ein feines Lachen, das durch die
Stube pfiff, klang wie Medardus ... Medardus ... hi ... hi ... hi
hilf! -- Der Arzt, ohne das zu bemerken, fuhr fort:

„Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu
ruhen. Er ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen Hause verwandt. So
viel ist gewiß, daß Euphemie die Tochter ...“

Mit einem entsetzlichen Schlage, daß die Angeln zusammenkrachten,
sprang die Tür auf, ein schneidendes Gelächter gellte herein. „Ho
... ho ... ho ... ho Brüderlein, schrie ich wahnsinnig auf: hoho ...
hierher ... frisch, frisch, wenn du kämpfen willst mit mir ... der
Uhu macht Hochzeit; nun wollen wir auf das Dach steigen und ringen
miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf Blut
trinken.“ -- Der Leibarzt faßte mich in die Arme und rief: „Was ist
das? Was ist das? Sie sind krank ... in der Tat, gefährlich krank.
Fort, fort, zu Bette.“ -- Aber ich starrte nach der offenen Tür, ob
mein scheußlicher Doppelgänger nicht hereintreten werde, doch ich
erschaute nichts und erholte mich bald von dem wilden Entsetzen, das
mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand darauf,
daß ich kränker sei, als ich selbst wohl glauben möge, und schob alles
auf den Kerker und die Gemütsbewegung, die mir überhaupt der Prozeß
verursacht haben müsse. Ich brauchte seine Mittel, aber mehr als seine
Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei, daß das Klopfen sich nicht
mehr hören ließ, der furchtbare Doppelgänger mich daher ganz verlassen
zu haben schien.

Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell
und freundlich in mein Zimmer, süße Blumendüfte strömten durch das
Fenster; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des
Arztes Verbot nicht achtend, lief ich fort in den Park. -- Da begrüßten
Bäume und Büsche rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit
Genesenen. Ich atmete auf, wie aus langem, schwerem Traum erwacht,
und tiefe Seufzer waren des Entzückens unaussprechbare Worte, die ich
hineinhauchte in das Gejauchze der Vögel, in das fröhliche Sumsen und
Schwirren bunter Insekten.

Ja! -- ein schwerer Traum dünkte mir, nicht nur die letztvergangene
Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen,
als ich mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Garten befand.
-- Ich war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebüsch ragte
schon das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst
flehte, um Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. -- Das Kreuz schien
mir nun das Ziel zu sein, wo ich hinwallen müsse, um, in den Staub
niedergeworfen, zu bereuen und zu büßen den Frevel sündhafter Träume,
die mir der Satan vorgegaukelt; und ich schritt fort mit gefalteten
emporgehobenen Händen, den Blick nach dem Kreuz gerichtet. -- Stärker
und stärker zog der Luftstrom -- ich glaubte die Hymnen der Brüder zu
vernehmen, aber es waren nur des Waldes wunderbare Klänge, die der
Wind, durch die Bäume sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem
fortriß, so daß ich bald erschöpft stillstehen, ja mich an einem
nahen Baum festhalten mußte, um nicht niederzusinken. Doch hin zog
es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz; ich nahm
alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort, aber nur bis an den
Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich gelangen; alle Glieder lähmte
plötzlich tötliche Ermattung; wie ein schwacher Greis ließ ich langsam
mich nieder, und in dumpfem Stöhnen suchte ich die gepreßte Brust zu
erleichtern. -- Es rauschte im Gange dicht neben mir ... Aurelie!
Sowie der Gedanke mich durchblitzte, stand sie vor mir! -- Tränen
inbrünstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen, aber durch die Tränen
funkelte ein zündender Strahl; es war der unbeschreibliche Ausdruck
der glühendsten Sehnsucht, der Aurelien fremd schien. Aber so flammte
der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das ich
oft in süßen Träumen sah. „Können Sie mir jemals verzeihen!“ lispelte
Aurelie. Da stürzte ich wahnsinnig vor namenlosem Entzücken vor ihr
hin, ich ergriff ihre Hände! -- „Aurelie ... Aurelie ... für dich
Marter! ... Tod!“ Ich fühlte mich sanft emporgehoben -- Aurelie sank an
meine Brust, ich schwelgte in glühenden Küssen. Aufgeschreckt durch ein
nahes Geräusch, wand sie sich endlich los aus meinen Armen, ich durfte
sie nicht zurückhalten. „Erfüllt ist all’ mein Sehnen und Hoffen,“
sprach sie leise, und in dem Augenblick sah ich die Fürstin den Gang
heraufkommen. Ich trat hinein in das Gebüsch, und wurde nun gewahr,
daß ich wunderlicherweise einen dürren, grauen Stamm für ein Kruzifix
gehalten.

Ich fühlte keine Ermattung mehr; Aureliens Küsse durchglühten mich
mit neuer Lebenskraft; es war mir, als sei jetzt hell und herrlich
das Geheimnis meines Seins aufgegangen. Ach, es war das wunderbare
Geheimnis der Liebe, das sich nun erst in rein strahlender Glorie
mir erschlossen. -- Diese Zeit war es, die mich wie ein Traum aus
dem Himmel umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach
Aureliens Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten! der
du einst diese Blätter lesen wirst, bat ich, du solltest jene höchste
Sonnenzeit deines eigenen Lebens zurückrufen, dann würdest du den
trostlosen Jammer des in Reue und Buße ergrauten Mönchs verstehen und
einstimmen in seine Klagen. Noch einmal bitte ich dich jetzt, laß jene
Zeit im Innern dir aufgehen, und nicht darf ich dann dir’s sagen: wie
Aureliens Liebe mich und alles um mich her verklärte, wie reger und
lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff, wie
mich, den göttlich Begeisterten, die Freudigkeit des Himmels erfüllte.
Kein finstrer Gedanke ging durch meine Seele, Aureliens Liebe hatte
mich entsündigt, ja! auf wunderbare Weise keimte in mir die feste
Überzeugung auf, daß nicht ich jener ruchlose Frevler auf dem Schlosse
des Barons von F. war, der Euphemien -- Hermogen erschlug, sondern,
daß der wahnsinnige Mönch, den ich im Försterhause traf, die Tat
begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand, schien mir nicht Lüge,
sondern der wahre, geheimnisvolle Hergang der Sache zu sein, die mir
selbst unbegreiflich blieb. -- Der Fürst hatte mich empfangen, wie
einen Freund, den man verloren glaubt und wieder findet; dies gab
natürlicherweise den Ton an, in den alle einstimmen mußten, nur die
Fürstin, war sie auch milder als sonst, blieb ernst und zurückhaltend.

Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin, ihre Liebe
war ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen mußte, und ebenso
wenig vermochte ich, auch nur im mindesten das Gefühl zu verhehlen, in
dem allein ich nur lebte. Jeder bemerkte mein Verhältnis mit Aurelien,
niemand sprach darüber, weil man in des Fürsten Blicken las, daß er
unsere Liebe, wo nicht begünstigen, doch stillschweigend dulden wolle.
So kam es, daß ich zwanglos Aurelien öfter, manchmal auch wohl ohne
Zeugen sah. -- Ich schloß sie in meine Arme, sie erwiderte meine Küsse,
aber es fühlend, wie sie erbebte in jungfräulicher Scheu, konnte ich
nicht Raum geben der sündlichen Begierde; jeder frevelige Gedanke
erstarb in dem Schauer, der durch mein Inneres glitt. Sie schien keine
Gefahr zu ahnen, wirklich gab es für sie keine, denn oft, wenn sie im
einsamen Zimmer neben mir saß, wenn mächtiger als je ihr Himmelsreiz
strahlte, wenn wilder die Liebesglut in mir aufflammen wollte, blickte
sie mich an so unbeschreiblich milde und keusch, daß es mir war, als
vergönne es der Himmel dem büßenden Sünder, schon hier auf Erden der
Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die heilige Rosalia selbst war
es, und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut: „O du fromme, hohe
Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen?“ -- Dann
reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer, milder Stimme: „Ach,
keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe dich gar
sehr!“

Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Fürstin
auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen. Ich ertrug es nicht
länger, ich rannte hin. -- Am späten Abend angekommen, traf ich im
Garten auf eine Kammerfrau, die mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise,
leise öffnete ich die Tür -- ich trat hinein -- eine schwüle Luft,
ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir sinnebetäubend entgegen.
Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Träume. Ist das nicht
Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons, wo ich ... Sowie ich dies
dachte, war es, als erhebe sich hinter mir eine finstre Gestalt, und:
Hermogen! rief es in meinem Innern. Entsetzt rannte ich vorwärts, nur
angelehnt war die Türe des Kabinetts. Aurelie kniete, den Rücken mir
zugekehrt vor einem Tabourett, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag.
Voll scheuer Angst blickte ich unwillkürlich zurück -- ich schaute
nichts, da rief ich im höchsten Entzücken: „Aurelie, Aurelie!“ --
Sie wandte sich schnell um, aber noch ehe sie aufgestanden, lag ich
neben ihr und hatte sie fest umschlungen. „Leonard! mein Geliebter!“
-- lispelte sie leise. Da kochte und gährte in meinem Innern rasende
Begier, wildes, sündiges Verlangen. Sie hing kraftlos in meinen
Armen; die genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in üppigen
Locken über meine Schultern, der jugendliche Busen quoll hervor --
sie ächzte dumpf -- ich kannte mich selbst nicht mehr! -- Ich riß sie
empor, sie schien erkräftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem Auge,
feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse. Da rauschte es hinter uns
wie starker, mächtiger Flügelschlag; ein schneidender Ton, wie das
Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. --
„Hermogen!“ schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen.
Von wildem Entsetzen erfaßt, rannte ich fort! -- Im Flur trat mir die
Fürstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte
mich ernst und stolz an, indem sie sprach: „Es ist mir in der Tat sehr
befremdlich, Sie hier zu sehen, Herr Leonard!“ -- meine Verstörtheit
im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem
Ton, als es ziemlich sein mochte, daß man oft gegen große Anregungen
vergebens ankämpfe, und daß oft das unschicklich Scheinende für das
Schicklichste gelten könne! -- Als ich durch die finstre Nacht der
Residenz zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her, und als
flüsterte eine Stimme: „I ... Imm ... Immer bin ich bei di ... dir ...
Brü... Brüderlein ... Brüderlein Medardus! -- Blickte ich um mich her,
so merkte ich wohl, daß das Phantom des Doppelgängers nur in meiner
Fantasie spuke; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden,
ja es war mir endlich, als müsse ich mit ihm sprechen und ihm erzählen,
daß ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen
von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun bald
mein -- ganz mein sein, denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe
erhalten. Da lachte und stöhnte mein Doppelgänger, wie er sonst getan,
und stotterte: „Aber schn... schnell ... schnell!“ -- „Gedulde dich
nur,“ sprach ich wieder, „gedulde dich nur, mein Junge! Alles wird gut
werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er hat solch ein
verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes Messerchen
ist noch stark und spitzig.“ -- „Hi ... hi hi ... tri... triff gut ...
triff gut!“ -- So flüsterte des Doppelgängers Stimme im Sausen des
Morgenwindes, der vor dem Feuerpurpur herstrich, welches ausbrannte im
Osten.

Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Fürsten
beschieden wurde. Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen. „In
der Tat, Herr Leonard!“ fing er an, „Sie haben sich meine Zuneigung
im hohen Grade erworben; nicht verhehlen kann ichs Ihnen, daß mein
Wohlwollen für Sie wahre Freundschaft geworden ist, ich möchte Sie
nicht verlieren, ich möchte Sie glücklich sehen. Überdem ist man Ihnen
für das, was sie gelitten haben, alle nur mögliche Entschädigung zu
gewähren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard! wer Ihren bösen
Prozeß einzig und allein veranlaßte? wer Sie anklagte?“

„Nein gnädigster Herr!“

„Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein
Herr Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie für einen
Kapuziner gehalten! -- Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind
Sie der liebenswürdigste, den Je ein menschliches Auge sah! -- Sagen
Sie aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stück von
Klostergeistlichen?“

„Gnädigster Herr, ich weiß nicht, welch ein böses Verhängnis mich immer
zu dem Mönch machen will, der ...“

„Nun nun! -- ich bin kein Inquisitor! -- fatal wär’s doch, wenn ein
geistliches Gelübde Sie bände. -- Zur Sache! -- möchten Sie nicht für
das Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte, Rache nehmen?“ --

„In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das holde
Himmelsbild aufkommen?“

„Sie lieben Aurelien?“

Dies frug der Fürst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich
schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fürst fuhr weiter
fort:

„Ich weiß es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie
mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat. -- Sie werden
wieder geliebt und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie
nicht zugetraut hätte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fürstin hat mir alles
gesagt. Glauben Sie wohl, daß nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer
ganz trostlosen, verzweifelten Stimmung überließ, die sie auf das
Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals
für den Mörder ihres Bruders, um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz.
Schon damals wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr
Herr von Krczynski, Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei Hofe auf
eine Art, die Ihnen angenehm sein soll. Sie heiraten Aurelien. -- In
einigen Tagen feiern wir die Verlobung, ich selbst werde die Stelle des
Brautvaters vertreten.“ -- Stumm, von den widersprechendsten Gefühlen
zerrissen, stand ich da. -- „Adieu, Herr Leonard!“ rief der Fürst und
verschwand, mir freundlich zuwinkend, aus dem Zimmer.

Aurelie mein Weib! -- Das Weib eines verbrecherischen Mönchs! Nein! so
wollen es die dunklen Mächte nicht, mag auch über die Arme verhängt
sein, was da will! -- Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend über
alles, was sich dagegen auflehnen mochte. Irgend ein Entschluß,
das fühlte ich, mußte auf der Stelle gefaßt werden, aber vergebens
sann ich auf Mittel, mich schmerzlos von Aurelien zu trennen. Der
Gedanke, sie nicht wieder zu sehen, war mir unerträglich, aber daß
sie mein Weib werden sollte, das erfüllte mich mit einem mir selbst
unerklärlichen Abscheu. Deutlich ging in mir die Ahnung auf, daß,
wenn der verbrecherische Mönch vor dem Altar des Herrn stehen werde,
um mit heiligen Gelübden freveliges Spiel zu treiben, jenes fremden
Malers Gestalt, aber nicht milde tröstend wie im Gefängnis, sondern
Rache und Verderben furchtbar verkündend, wie bei Franceskos Trauung,
erscheinen, und mich stürzen werde in namenlose Schmach, in zeitliches,
ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im Innern eine dunkle Stimme:
„Und doch muß Aurelie dein sein! Schwachsinniger Tor, wie denkst du zu
ändern das, was über euch verhängt ist.“ Und dann rief es wiederum:
„Nieder -- nieder wirf dich in den Staub! -- Verblendeter, du frevelst!
-- nie kann sie dein werden; es ist die heilige Rosalia selbst, die
du zu umfangen gedenkst in irdischer Liebe.“ So in Zwiespalt grauser
Mächte hin und her getrieben, vermochte ich nicht zu denken, nicht
zu ahnen, was ich tun müsse, um dem Verderben zu entrinnen, das mir
überall zu drohen schien. Vorüber war jene begeisterte Stimmung, in der
mein ganzes Leben, mein verhängnisvoller Aufenthalt auf dem Schlosse
des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In düstrer
Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lüstling und Verbrecher.
Alles, was ich dem Richter, dem Leibarzt gesagt, war nun nichts, als
alberne, schlecht erfundene Lüge, nicht eine innere Stimme hatte
gesprochen, wie ich sonst mich selbst überreden wollte.

Tief in mich gekehrt, nichts außer mir bemerkend und vernehmend,
schlich ich über die Straße. Der laute Zuruf des Kutschers, das
Gerassel des Wagens weckte mich, schnell sprang ich zur Seite. Der
Wagen der Fürstin rollte vorüber, der Leibarzt bückte sich aus dem
Schlage und winkte mir freundlich zu; ich folgte ihm nach seiner
Wohnung. Er sprang heraus und zog mich mit den Worten: „Eben komme ich
von Aurelien, ich habe Ihnen manches zu sagen!“ herauf in sein Zimmer.
„Ei, ei,“ fing er an, „Sie Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie
angefangen. Aurelien sind Sie erschienen plötzlich, wie ein Gespenst,
und das arme nervenschwache Wesen ist darüber erkrankt!“ -- Der Arzt
bemerkte mein Erbleichen. „Nun nun,“ fuhr er fort, „arg ist es eben
nicht, sie geht wieder im Garten umher und kehrt morgen mit der Fürstin
nach der Residenz zurück. Von Ihnen, lieber Leonard! sprach Aurelie
viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht Sie wieder zu sehen und sich zu
entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und töricht erschienen zu sein.“

Ich wußte, dachte ich daran, was auf dem Lustschlosse vorgegangen,
Aureliens Äußerung nicht zu deuten.

Der Arzt schien von dem, was der Fürst mit mir im Sinn hatte,
unterrichtet, er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen, und
mittelst seiner hellen Lebendigkeit, die alles um ihn her ergriff,
gelang es ihm bald, mich aus der düstern Stimmung zu reißen, so daß
unser Gespräch sich heiter wandte. Er beschrieb noch einmal, wie er
Aurelien getroffen, die, dem Kinde gleich, das sich nicht vom schweren
Traum erholen kann, mit halb geschlossenen, in Tränen lächelnden Augen
auf dem Ruhebette, das Köpfchen in die Hand gestützt, gelegen, und ihm
ihre krankhaften Visionen geklagt habe. Er wiederholte ihre Worte,
die durch leise Seufzer unterbrochene Stimme des Mädchens nachahmend,
und wußte, indem er manche ihrer Klagen neckisch genug stellte, das
anmutige Bild durch einige kecke ironische Lichtblicke so zu heben,
daß es gar heiter und lebendig vor mir aufging. Dazu kam, daß er im
Kontrast die gravitätische Fürstin hinstellte, welches mich nicht
wenig ergötzte. „Haben Sie wohl gedacht,“ fing er endlich an, „haben
Sie wohl gedacht, als Sie in die Residenz einzogen, daß Ihnen so viel
Wunderliches hier geschehen würde? Erst das tolle Mißverständnis, das
Sie in die Hände des Kriminalgerichts brachte, und dann das wahrhaft
beneidenswerte Glück, das Ihnen der fürstliche Freund bereitet!“

„Ich muß in der Tat gestehen, daß gleich anfangs der freundliche
Empfang des Fürsten mir wohl tat; doch fühle ich, wie sehr ich jetzt
in seiner, in aller Achtung bei Hofe gestiegen bin, das habe ich gewiß
meinem erlittenen Unrecht zu verdanken.“

„Nicht sowohl +dem,+ als einem andern ganz kleinen Umstande, den Sie
wohl erraten können.“

„Keineswegs.“

„Zwar nennt man Sie, weil Sie es so wollen, schlechtweg Herr Leonard,
wie vorher, jeder weiß aber jetzt, daß Sie von Adel sind, da die
Nachrichten, die man aus Posen erhalten hat, Ihre Angaben bestätigten.“

„Wie kann das aber auf den Fürsten, auf die Achtung, die ich im Zirkel
des Hofes genieße, von Einfluß sein? Als mich der Fürst kennen lernte
und mich einlud, im Zirkel des Hofes zu erscheinen, wandte ich ein,
daß ich nur von bürgerlicher Abkunft sei, da sagte mir der Fürst, daß
die Wissenschaft mich adle und fähig mache, in seiner Umgebung zu
erscheinen.“

„Er hält es wirklich so, kokettierend mit aufgeklärtem Sinn für
Wissenschaft und Kunst. Sie werden im Zirkel des Hofes manchen
bürgerlichen Gelehrten und Künstler bemerkt haben, aber die
Feinfühlenden unter diesen, denen Leichtigkeit des innern Seins
abgeht, die sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen Standpunkt
stellen können, der sie über das Ganze erhebt, sieht man nur selten,
sie bleiben auch wohl ganz aus. Bei dem besten Willen, sich recht
vorurteilsfrei zu zeigen, mischt sich in das Betragen der Adligen
gegen den Bürger ein gewisses Etwas, das wie Herablassung, Duldung
des eigentlich Unziemlichen aussieht; das leidet kein Mann, der im
gerechten Stolz wohl fühlt, wie in adliger Gesellschaft oft nur er
es ist, der sich herablassen und dulden muß das geistig Gemeine und
Abgeschmackte. Sie sind selbst von Adel, Herr Leonard, aber wie ich
höre, ganz geistlich und wissenschaftlich erzogen. Daher mag es kommen,
daß Sie der erste Adlige sind, an dem ich selbst im Zirkel des Hofes
unter Adligen auch jetzt nichts Adliges, im schlimmen Sinn genommen,
verspürt habe. Sie können glauben, ich spräche da, als Bürgerlicher,
vorgefaßte Meinungen aus, oder mir sei persönlich etwas begegnet, das
ein Vorurteil erweckt habe, dem ist aber nicht so. Ich gehöre nun
einmal zu einer der Klassen, die ausnahmsweise nicht bloß toleriert,
sondern wirklich gehegt und gepflegt werden. Ärzte und Beichtväter sind
regierende Herren -- Herrscher über Leib und Seele, mithin allemal
von gutem Adel. Der Ahnen- und Adelsstolz ist in unserer, alles immer
mehr vergeistigenden Zeit, eine höchst seltsame, beinahe lächerliche
Erscheinung. -- Vom Altertum, von Krieg und Waffen ausgehend, bildet
sich eine Kaste, die ausschließlich die andern Stände schützt, und
das subordinierte Verhältnis des Beschützten gegen den Schutzherrn
erzeugt sich von selbst. Mag der Gelehrte seine Wissenschaft, der
Künstler seine Kunst, der Handwerker, der Kaufmann sein Gewerbe
rühmen, siehe sagt der Ritter, da kommt ein ungebärdiger Feind, dem
ihr, des Krieges Unerfahrne, nicht zu widerstehen vermöget, aber ich
Waffengeübter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch hin,
und was mein Spiel, was meine Freude ist, rettet euer Leben, euer Hab
und Gut. -- Doch immer mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde,
immer mehr treibt und schafft der Geist, und immer mehr enthüllt sich
seine alles überwältigende Kraft. Bald wird man gewahr, daß seine
starke Faust, ein Harnisch, ein mächtig geschwungenes Schwert nicht
hinreichen +das+ zu besiegen, was der Geist will; selbst Krieg und
Waffenübung unterwerfen sich dem geistigen Prinzip der Zeit. Jeder
wird immer mehr und mehr auf sich selbst gestellt, aus seinem innern
geistigen Vermögen muß er das schöpfen, womit er, gibt der Staat ihm
auch irgend einen blendenden äußern Glanz, sich der Welt geltend machen
muß. Auf das entgegengesetzte Prinzip stützt sich der aus dem Rittertum
hervorgehende Ahnenstolz, der nur in dem Satz seinen Grund findet:
meine Voreltern waren Helden, also bin ich dito ein Held. Je höher das
hinaufgeht, desto besser; denn kann man das leicht absehen, wo einem
Großpapa der Heldensinn kommen, und ihm der Adel verliehen worden, so
traut man dem, wie allem Wunderbaren, das zu nahe liegt, nicht recht.
Die Ritterkaste rein zu halten, war daher wohl Erfordernis jener alten
Ritterzeit, und kein geringes Verdienst für ein altstämmiges Fräulein,
einen Junker zu gebären, zu dem die arme bürgerliche Welt flehte:
Bitte, friß uns nicht, sondern schütze uns vor anderen Junkern. Mit
dem geistigen Vermögen ist es nicht so. Sehr weise Väter erzielen
oft dumme Söhnchen, und es möchte, eben weil die Zeit dem physischen
Rittertum das psychische untergeschoben hat, rücksichts des Beweises
angeerbten Adels ängstlicher sein, von Leibnitz abzustammen als von
Amadis von Gallien oder sonst einem uralten Ritter der Tafelrunde. In
der einmal bestimmten Richtung schreitet der Geist der Zeit vorwärts,
und die Lage des ahnenstolzen Adels verschlimmert sich merklich; daher
denn auch wohl jenes taktlose, aus Anerkennung des Verdienstes und
widerlicher Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und dem
Staat hoch geltende Bürgerliche, das Erzeugnis eines dunkeln, verzagten
Gefühls sein mag, in dem sie ahnen, daß vor den Augen der Weisen der
veraltete Tand längst verjährter Zeit abfällt, und die lächerliche
Blöße sich ihnen frei darstellt. Dank sei es dem Himmel, viele Adlige,
Männer und Frauen, erkennen den Geist der Zeit und schwingen sich auf
im herrlichen Fluge zu der Lebenshöhe, die ihnen Wissenschaft und Kunst
darbieten; diese werden die wahren Geisterbanner jenes Unholds sein.“

Des Leibarztes Gespräch hatte mich in ein fremdes Gebiet geführt.
Niemals war es mir eingefallen, über den Adel und über sein Verhältnis
zum Bürger zu reflektieren. Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen,
daß ich ehedem eben zu der zweiten Klasse gehört hatte, die, nach
seiner Behauptung, der Stolz des Adels nicht trifft. -- War ich denn
nicht in den vornehmsten adligen Häusern zu B. der hochgeachtete,
hochverehrte Beichtiger? -- Weiter nachsinnend erkannte ich, wie ich
+selbst+ aufs neue mein Schicksal verschlungen hatte, indem aus dem
Namen Kwiecziczewo, den ich jener alten Dame bei Hofe nannte, mein Adel
entsprang, und +so+ dem Fürsten der Gedanke einkam, mich mit Aurelien
zu vermählen. --

Die Fürstin war zurückgekommen. Ich eilte zu Aurelien. Sie empfing
mich mit holder, jungfräulicher Verschämtheit; ich schloß sie in meine
Arme und glaubte in dem Augenblick daran, daß sie mein Weib werden
könne. Aurelie war weicher, hingebender als sonst. Ihr Auge hing voll
Tränen und der Ton, in dem sie sprach, war wehmütige Bitte, so wie
wenn im Gemüt des schmollenden Kindes sich der Zorn bricht, in dem es
gesündigt. -- Ich durfte an meinen Besuch im Lustschloß der Fürstin
denken, lebhaft drang ich darauf, alles zu erfahren; ich beschwor
Aurelien mir zu vertrauen, was sie damals so erschrecken konnte. --
Sie schwieg, sie schlug die Augen nieder, aber sowie mich selbst der
Gedanke meines gräßlichen Doppelgängers stärker erfaßte, schrie ich
auf: „Aurelie! um aller Heiligen willen, welche schreckliche Gestalt
erblicktest du hinter uns!“ Sie sah mich voll Verwunderung an, immer
starrer und starrer wurde ihr Blick, dann sprang sie plötzlich auf,
als wolle sie fliehen, doch blieb sie und schluchzte, beide Hände vor
die Augen gedrückt. „Nein, nein, nein -- er ist es ja nicht!“ -- Ich
erfaßte sie sanft, erschöpft ließ sie sich nieder. „Wer, wer ist es
nicht?“ -- frug ich heftig, wohl alles ahnend, was in ihrem Innern
sich entfalten mochte. -- „Ach, mein Freund, mein Geliebter,“ sprach
sie leise und wehmütig, „würdest du mich nicht für eine wahnsinnige
Schwärmerin halten, wenn ich alles . . . alles . . . dir sagen sollte,
was mich immer wieder so verstört im vollen Glück der reinsten Liebe?
-- Ein grauenvoller Traum geht durch mein Leben, er stellte sich mit
seinen entsetzlichen Bildern zwischen uns, als ich dich zum ersten
Male sah; wie mit kalten Todesschwingen wehte er mich an, als du so
plötzlich eintratst in mein Zimmer auf dem Lustschloß der Fürstin.
Wisse, so wie du damals, kniete einst neben mir ein verruchter Mönch
und wollte heiliges Gebet mißbrauchen zum gräßlichen Frevel. Er wurde,
als er, wie ein wildes Tier listig auf seine Beute lauernd, mich
umschlich, der Mörder meines Bruders! Ach und du! ... deine Züge!
... deine Sprache ... jenes Bild! ... laß mich schweigen, o laß mich
schweigen.“ Aurelie bog sich zurück; in halb liegender Stellung lehnte
sie, den Kopf auf die Hand gestützt, in die Ecke des Sofas, üppiger
traten die schwellenden Umrisse des jugendlichen Körpers hervor. Ich
stand vor ihr, das lüsterne Auge schwelgte in dem unendlichen Liebreiz,
aber mit der Lust kämpfte der teuflische Hohn, der in mir rief: „Du
Unglückselige, du dem Satan Erkaufte, bist du ihm denn entflohen, dem
Mönch, der dich im Gebet zur Sünde verlockte? Nun bist du seine Braut
... seine Braut!“ -- In dem Augenblick war jene Liebe zu Aurelien, die
ein Himmelsstrahl zu entzünden schien, als dem Gefängnis, dem Tode
entronnen, ich sie im Park wiedersah, aus meinem Innern verschwunden,
und der Gedanke: daß ihr Verderben meines Lebens glänzendster
Lichtpunkt sein könne, erfüllte mich ganz und gar. -- Man rief Aurelien
zur Fürstin. Klar wurde es mir, daß Aureliens Leben gewisse mir noch
unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben müsse; und doch fand ich
keinen Weg dies zu erfahren, da Aurelie alles Bittens unerachtet,
jene einzelne hingeworfene Äußerungen nicht näher deuten wollte. Der
Zufall enthüllte mir das, was sie zu verschweigen gedachte. -- Eines
Tages befand ich mich in dem Zimmer des Hofbeamten, dem es oblag,
alle Privatbriefe des Fürsten und der dem Hofe Angehörigen zur Post
zu befördern. Er war eben abwesend, als Aureliens Mädchen mit einem
starken Briefe hereintrat, und ihn auf den Tisch zu den übrigen, die
schon dort befindlich, legte. Ein flüchtiger Blick überzeugte mich, daß
die Aufschrift an die Äbtissin, der Fürstin Schwester, von Aureliens
Hand war. Die Ahnung, alles noch nickt Erforschte sei darin enthalten,
durchflog mich mit Blitzesschnelle; noch ehe der Beamte zurückgekehrt,
war ich fort mit dem Briefe Aureliens.

Du Mönch, oder im weltlichen Treiben Befangener, der du aus meinem
Leben Lehre und Warnung zu schöpfen trachtest, lies die Blätter,
die ich hier einschalte, lies die Geständnisse des frommen, reinen
Mädchens, von den bitteren Tränen des reuigen, hoffnungslosen Sünders
benetzt. Möge das fromme Gemüt dir aufgehen, wie leuchtender Trost in
der Zeit der Sünde und des Frevels.

[Illustration]


+Aurelie an die Äbtissin des Cisterzienser-Nonnenklosters zu ...+

Meine teure, gute Mutter! mit welchen Worten soll ich Dir’s denn
verkünden, daß dein Kind glücklich ist, daß endlich die grause Gestalt,
die, wie ein schrecklich drohendes Gespenst, alle Blüten abstreifend,
alle Hoffnungen zerstörend in mein Leben trat, gebannt wurde, durch
der Liebe göttlichen Zauber. Aber nun fällt es mir recht schwer aufs
Herz, daß wenn Du meines unglücklichen Bruders, meines Vaters, den der
Gram tötete, gedachtest und mich aufrichtetest in meinem trostlosen
Jammer -- daß ich dann Dir nicht, wie in heiliger Beichte, mein Innres
ganz aufschloß. Doch ich vermag ja auch nun erst das düstre Geheimnis
auszusprechen, das tief in meiner Brust verborgen lag. Es ist, als
wenn eine böse unheimliche Macht mir mein höchstes Lebensglück recht
trügerisch wie ein grausiges Schreckbild vorgaukelte. Ich sollte
wie auf einem wogenden Meer hin und her schwanken und vielleicht
rettungslos untergehen. Doch der Himmel half, wie durch ein Wunder, in
dem Augenblick, als ich im Begriff stand, unnennbar elend zu werden.
-- Ich muß zurückgehen in meine frühe Kinderzeit, um alles, alles zu
sagen, denn schon damals wurde der Keim in mein Innres gelegt, der
so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte. Erst drei oder vier
Jahre war ich alt, als ich einst, in der schönsten Frühlingszeit, im
Garten unseres Schlosses mit Hermogen spielte. Wir pflückten allerlei
Blumen, und Hermogen, sonst eben nicht dazu aufgelegt, ließ es sich
gefallen, mir Kränze zu flechten, in die ich mich putzte. Nun wollen
wir zur Mutter gehen, sprach ich, als ich mich über und über mit Blumen
behängt hatte; da sprang aber Hermogen hastig auf und rief mit wilder
Stimme: „Laß uns nur hier bleiben, klein Ding! Die Mutter ist im
blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel!“ -- Ich wußte gar nicht,
was er damit sagen wollte, aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und
fing endlich an jämmerlich zu weinen. „Dumme Schwester, was heulst
du,“ rief Hermogen, „Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel, er tut
ihr nichts!“ Ich fürchtete mich vor Hermogen, weil er so finster vor
sich hinblickte, so rauh sprach, und schwieg stille. Die Mutter war
damals schon sehr kränklich, sie wurde oft von fürchterlichen Krämpfen
ergriffen, die in einen todähnlichen Zustand übergingen. Wir, ich und
Hermogen, wurden dann fortgebracht. Ich hörte nicht auf zu klagen, aber
Hermogen sprach dumpf in sich hinein: „Der Teufel hat’s ihr angetan!“
So wurde in meinem kindischen Gemüt der Gedanke erweckt, die Mutter
habe Gemeinschaft mit einem bösen, häßlichen Gespenst, denn anders
dachte ich mir nicht den Teufel, da ich mit den Lehren der Kirche noch
unbekannt war. Eines Tages hatte man mich allein gelassen, mir
wurde ganz unheimlich zu Mute, und vor Schreck vermochte ich nicht zu
fliehen, als ich wahrnahm, daß ich eben in dem blauen Kabinett mich
befand, wo nach Hermogens Behauptung die Mutter mit dem Teufel sprechen
sollte. Die Türe ging auf, die Mutter trat leichenblaß herein und vor
eine leere Wand hin. Sie rief mit dumpfer, tief klagender Stimme:
„Francesko, Francesko!“ Da rauschte und regte es sich hinter der Wand,
sie schob sich auseinander und das lebensgroße Bild eines schönen,
in einem violetten Mantel wunderbar gekleideten Mannes machte einen
unbeschreiblichen Eindruck auf mich, ich jauchzte auf vor Freude;
die Mutter umblickend, wurde nun erst mich gewahr und rief heftig:
„Was willst du hier Aurelie? -- wer hat dich hierher gebracht?“ --
Die Mutter, sonst so sanft und gütig, war erzürnter, als ich sie je
gesehen. Ich glaubte daran schuld zu sein. „Ach,“ stammelte ich unter
vielen Tränen, „sie haben mich hier allein gelassen, ich wollte ja
nicht hier bleiben.“ Aber als ich wahrnahm, daß das Bild verschwunden,
da rief ich: „Ach das schöne Bild, wo ist das schöne Bild!“ -- Die
Mutter hob mich in die Höhe, küßte und herzte mich und sprach: „Du bist
mein gutes, liebes Kind, aber das Bild darf niemand sehen, auch ist
es nun auf immer fort!“ Niemand vertraute ich, was mir widerfahren,
nur zu Hermogen sprach ich einmal: „Höre! Die Mutter spricht nicht
mit dem Teufel, sondern mit einem schönen Mann, aber der ist nur ein
Bild und springt aus der Wand, wenn Mutter ihn ruft.“ Da sah Hermogen
starr vor sich hin und murmelte: „Der Teufel kann aussehen, wie er
will, sagt der Herr Pater, aber der Mutter tut er doch nichts.“ -- Mich
überfiel ein Grauen, und ich bat Hermogen flehentlich, doch ja nicht
wieder von dem Teufel zu sprechen. Wir gingen nach der Hauptstadt,
das Bild verlor sich aus meinem Gedächtnis und wurde selbst dann
nicht wieder lebendig, als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das
Land zurückgekehrt waren. Der Flügel des Schlosses, in welchem jenes
blaue Kabinett gelegen, blieb unbewohnt; es waren die Zimmer meiner
Mutter, die der Vater nicht betreten konnte, ohne die schmerzlichsten
Erinnerungen in sich aufzuregen. Eine Reparatur des Gebäudes machte es
endlich nötig die Zimmer zu öffnen; ich trat in das blaue Kabinett, als
die Arbeiter eben beschäftigt waren, den Fußboden aufzureißen. Sowie
einer von ihnen eine Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob, rauschte
es hinter der Wand, sie schob sich auseinander und das lebensgroße Bild
des Unbekannten wurde sichtbar. Man entdeckte die Feder im Fußboden,
welche, angedrückt, eine Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte,
die ein Feld des Tafelwerks, womit die Wand bekleidet, auseinander
schob. Nun gedachte ich lebhaft jenes Augenblicks meiner Kinderjahre,
meine Mutter stand wieder vor mir, ich vergoß heiße Tränen, aber nicht
wegwenden konnte ich den Blick von dem fremden herrlichen Mann, der
mich mit lebendig strahlenden Augen anschaute. Man hatte wahrscheinlich
meinem Vater gleich gemeldet, was sich zugetragen, er trat herein, als
ich noch vor dem Bilde stand. Nur einen Blick hatte er darauf geworfen,
als er, von Entsetzen ergriffen, stehen blieb und dumpf in sich
hineinmurmelte: „Francesko, Francesko!“ Darauf wandte er sich rasch zu
den Arbeitern und befahl mit starker Stimme: „Man breche sogleich das
Bild aus der Wand, rolle es auf und übergebe es Reinhold.“ Es war mir,
als solle ich den schönen, herrlichen Mann, der in seinem wunderbaren
Gewande mir wie ein hoher Geisterfürst vorkam, niemals wiedersehen, und
doch hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, den Vater zu bitten,
das Bild ja nicht vernichten zu lassen. In wenigen Tagen verschwand
jedoch der Eindruck, den der Auftritt mit dem Bilde auf mich gemacht
hatte, spurlos aus meinem Innern. -- Ich war schon vierzehn Jahr alt
worden, und noch ein wildes, unbesonnenes Ding, so daß ich sonderbar
genug gegen den ernsten, feierlichen Hermogen abstach, und der Vater
oft sagte, daß wenn Hermogen mehr ein stilles Mädchen schiene, ich ein
recht ausgelassener Knabe sei. Das sollte sich bald ändern. Hermogen
fing an, mit Leidenschaft und Kraft ritterliche Übungen zu treiben. Er
lebte nur in Kampf und Schlacht, seine ganze Seele war davon erfüllt,
und da es eben Krieg geben sollte, lag er dem Vater an, ihn nur gleich
Dienste nehmen zu lassen. Mich überfiel dagegen eben zu der Zeit eine
solch unerklärliche Stimmung, die ich nicht zu deuten wußte, und die
bald mein ganzes Wesen verstörte. Ein seltsames Übelbefinden schien
aus der Seele zu kommen und alle Lebenspulse gewaltsam zu ergreifen.
Ich war oft der Ohnmacht nahe, dann kamen allerlei wunderliche
Bilder und Träume und es war mir, als solle ich einen glänzenden
Himmel voll Seligkeit und Wonne erschauen und könne nur, wie ein
schlaftrunknes Kind, die Augen nicht öffnen. Ohne zu wissen, warum,
konnte ich oft bis zum Tode betrübt, oft ausgelassen fröhlich sein.
Bei dem geringsten Anlaß stürzten mir die Tränen aus den Augen, eine
unerklärliche Sehnsucht stieg oft bis zu körperlichem Schmerz, so daß
alle Glieder krampfhaft zuckten. Der Vater bemerkte meinen Zustand,
schrieb ihn überreizten Nerven zu und suchte die Hilfe des Arztes,
der allerlei Mittel verordnete, die ohne Wirkung blieben. Ich weiß
selbst nicht, wie es kam, urplötzlich erschien mir das vergessene
Bild jenes unbekannten Mannes so lebhaft, daß es mir war, als stehe
es vor mir, Blicke des Mitleids auf mich gerichtet. „Ach! -- soll
ich denn sterben? -- was ist es, das mich so unaussprechlich quält?“
So rief ich dem Traumbilde entgegen, da lächelte der Unbekannte und
antwortete: „Du liebst mich, Aurelie; das ist deine Qual, aber kannst
du die Gelübde des Gottgeweihten brechen?“ -- Zu meinem Erstaunen wurde
ich nun gewahr, daß der Unbekannte das Ordenskleid der Kapuziner trug.
-- Ich raffte mich mit aller Gewalt auf, um nur aus dem träumerischen
Zustande zu erwachen. Es gelang mir. Fest war ich überzeugt, daß jener
Mönch nur ein loses, trügerisches Spiel meiner Einbildung gewesen,
und doch ahnte ich nur zu deutlich, daß das Geheimnis der Liebe sich
mir erschlossen hatte. Ja! -- ich liebte den Unbekannten mit aller
Stärke des erwachten Gefühls, mit aller Leidenschaft und Inbrunst,
deren das jugendliche Herz fähig. In jenen Augenblicken träumerischen
Hinbrütens, als ich den Unbekannten zu sehen glaubte, schien mein
Übelbefinden den höchsten Punkt erreicht zu haben, ich wurde zusehends
wohler, indem meine Nervenschwäche nachließ, und nur das stete starre
Festhalten jenes Bildes, die fantastische Liebe zu einem Wesen, das nur
in mir lebte, gab mir das Ansehen einer Träumerin. Ich war für alles
verstummt, ich saß in der Gesellschaft ohne mich zu regen, und indem
ich mit meinem Ideal beschäftigt, nicht darauf achtete, was man sprach,
gab ich oft verkehrte Antworten, so daß man mich für ein einfältig Ding
achten mochte. In meines Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch auf
dem Tische liegen; ich schlug es auf, es war ein aus dem Englischen
übersetzter Roman: Der Mönch! -- Mit eiskaltem Schauer durchbebte
mich der Gedanke, daß der unbekannte Geliebte ein Mönch sei. Nie hatte
ich geahnt, daß die Liebe zu einem Gottgeweihten sündlich sein könne,
nun kamen mir plötzlich die Worte des Traumbildes ein: Kannst du die
Gelübde des Gottgeweihten brechen? -- und nun erst verwundeten sie,
mit schwerem Gewicht in mein Inneres fallend, mich tief. Es war mir,
als könne jenes Buch mir manchen Aufschluß geben. Ich nahm es mit mir,
ich fing an zu lesen, die wunderbare Geschichte riß mich hin, aber als
der erste Mord geschehen, als immer verruchter der gräßliche Mönch
frevelt, als er endlich ins Bündnis tritt mit dem Bösen, da ergriff
mich namenloses Entsetzen, denn ich gedachte jener Worte Hermogens: Die
Mutter spricht mit dem Teufel! Nun glaubte ich, so wie jener Mönch im
Roman, sei der Unbekannte ein dem Bösen Verkaufter, der mich verlocken
wolle. Und doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Mönch, der
in mir lebte. Nun erst wußte ich, daß es frevelhafte Liebe gebe, mein
Abscheu dagegen kämpfte mit dem Gefühl, das meine Brust erfüllte, und
dieser Kampf machte mich auf eigne Weise reizbar. Oft bemeisterte
sich meiner in der Nähe eines Mannes ein unheimliches Gefühl, weil es
mir plötzlich war, als sei es der Mönch, der nun mich erfassen und
fortreißen werde ins Verderben. Reinhold kam von einer Reise zurück
und erzählte viel von einem Kapuziner Medardus, der als Kanzelredner
weit und breit berühmt sei und den er selbst in ...r mit Verwunderung
gehört habe. Ich dachte an den Mönch im Roman und es überfiel mich
eine seltsame Ahnung, daß das geliebte und gefürchtete Traumbild jener
Medardus sein könne. Der Gedanke war mir schrecklich, selbst wußte
ich nicht, warum? und mein Zustand wurde in der Tat peinlicher und
verstörter, als ich es zu ertragen vermochte. Ich schwamm in einem Meer
von Ahnungen und Träumen. Aber vergebens suchte ich das Bild des Mönchs
aus meinem Innern zu verbannen; ich unglückliches Kind konnte nicht
widerstehen der sündigen Liebe zu dem Gottgeweihten. -- Ein Geistlicher
besuchte einst, wie er es wohl manchmal zu tun pflegte, den Vater. Er
ließ sich weitläufig über die mannigfachen Versuchungen des Teufels
aus und mancher Funke fiel in meine Seele, indem der Geistliche den
trostlosen Zustand des jungen Gemüts beschrieb, in das sich der Böse
den Weg bahnen wolle und worin er nur schwaches Widerstreben fände.
Mein Vater fügte manches hinzu, als ob er von mir rede. Nur unbegrenzte
Zuversicht, sagte endlich der Geistliche, nur unwandelbares Vertrauen,
nicht sowohl zu befreundeten Menschen, als zur Religion und ihren
Dienern, könne Rettung bringen. Dies merkwürdige Gespräch bestimmte
mich, den Trost der Kirche zu suchen, und meine Brust, durch reuiges
Geständnis in heiliger Beichte, zu erleichtern. Am frühen Morgen des
andern Tags wollte ich, da wir uns eben in der Residenz befanden, in
die dicht neben unserm Hause gelegene Klosterkirche gehen. Es war
eine qualvolle, entsetzliche Nacht, die ich zu überstehen hatte.
Abscheuliche, frevelige Bilder, wie ich sie nie gesehen, nie gedacht,
umgaukelten mich, aber dann mitten drunter stand der Mönch da, mir die
Hand wie zur Rettung bietend und rief: „Sprich es nur aus, daß du mich
liebst, und frei bist du aller Not.“ Da mußt ich unwillkürlich rufen:
„Ja Medardus, ich liebe dich!“ -- und verschwunden waren die Geister
der Hölle! Endlich stand ich auf, kleidete mich an und ging nach der
Klosterkirche.

Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten
Fenster, ein Laienbruder reinigte die Gänge. Unfern der Seitenpforte,
wo ich hineingetreten, stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar,
dort hielt ich ein kurzes Gebet und schritt dann auf den Beichtstuhl
zu, in dem ich einen Mönch erblickte. Hilf, heiliger Himmel! -- es
war Medardus! Kein Zweifel blieb übrig, eine höhere Macht sagte es
mir. Da ergriff mich wahnsinnige Angst und Liebe, aber ich fühlte,
daß nur standhafter Mut mich retten könne. Ich beichtete ihm selbst
meine sündliche Liebe zu dem Gottgeweihten, ja mehr als das! ...
Ewiger Gott! in dem Augenblicke war es mir, als hätte ich schon oft
in trostloser Verzweiflung den heiligen Banden, die den Geliebten
fesselten, geflucht, und auch das beichtete ich. „Du selbst, du selbst,
Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe.“ Das waren die
letzten Worte, die ich zu sprechen vermochte, aber nun floß lindernder
Trost der Kirche, wie des Himmels Balsam, von den Lippen des Mönchs,
der mir plötzlich nicht mehr Medardus schien. Bald darauf nahm mich
ein alter ehrwürdiger Pilger in seine Arme und führte mich langsamen
Schrittes durch die Gänge der Kirche zur Hauptpforte hinaus. Er
sprach hochheilige, herrliche Worte, aber ich mußte entschlummern
wie ein unter sanften, süßen Tönen eingewiegtes Kind. Ich verlor
das Bewußtsein. Als ich erwachte, lag ich angekleidet auf dem Sofa
meines Zimmers. „Gott und den Heiligen Lob und Dank, die Krisis ist
vorüber, sie erholt sich!“ rief eine Stimme. Es war der Arzt, der
diese Worte zu meinem Vater sprach. Man sagte mir, daß man mich des
Morgens in einem erstarrten, todähnlichen Zustande gefunden und einen
Nervenschlag befürchtet habe. Du siehst, meine liebe, fromme Mutter,
daß meine Beichte bei dem Mönch Medardus nur ein lebhafter Traum in
einem überreizten Zustande war, aber die heilige Rosalia, zu der ich
oft flehte, und deren Bildnis ich ja auch im Traum anrief, hat mir wohl
alles so erscheinen lassen, damit ich errettet werden möge aus den
Schlingen, die mir der arglistige Böse gelegt. Verschwunden war aus
meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im Mönchsgewand.
Ich erholte mich ganz, und trat nun erst heiter und unbefangen in
das Leben ein. -- Aber, gerechter Gott, noch einmal sollte mich
jener verhaßte Mönch auf entsetzliche Weise bis zum Tode treffen.
Für eben jenen Medardus, dem ich im Traum gebeichtet, erkannte ich
augenblicklich den Mönch, der sich auf unserm Schlosse eingefunden.
„Das ist der Teufel, mit dem die Mutter gesprochen, hüte dich, hüte
dich! -- er stellt dir nach!“ so rief der unglückliche Hermogen immer
in mich hinein. Ach, es hätte dieser Warnung nicht bedurft. Von
dem ersten Moment an, als mich der Mönch mit vor freveliger Begier
funkelnden Augen anblickte, und dann in geheuchelter Verzückung die
heilige Rosalia anrief, war er mir unheimlich und entsetzlich. Du
weißt alles Fürchterliche, was sich darauf begab, meine gute liebe
Mutter. Ach aber, muß ich es nicht dir auch gestehen, daß der Mönch mir
desto gefährlicher war, als sich tief in meinem Innersten ein Gefühl
regte, dem gleich als zuerst der Gedanke der Sünde in mir entstand
und als ich ankämpfen mußte gegen die Verlockung des Bösen? Es gab
Augenblicke, in denen ich Verblendete den heuchlerischen frommen Reden
des Mönchs traute, ja in denen es mir war, als strahle aus seinem
Innern der Funke des Himmels, der mich zur reinen überirdischen Liebe
entzünden könne. Aber dann wußte er mit verruchter List, selbst in
begeisterter Andacht, eine Glut anzufachen, die aus der Hölle kam.
Wie den mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die Heiligen, zu
denen ich inbrünstig flehte, den Bruder. -- Denke dir, liebe Mutter,
mein Entsetzen, als hier, bald nachdem ich zum erstenmal bei Hofe
erschienen, ein Mann auf mich zutrat, den ich auf den ersten Blick
für den Mönch Medardus zu erkennen glaubte, unerachtet er weltlich
gekleidet ging. Ich wurde ohnmächtig, als ich ihn sah. In den Armen
der Fürstin erwacht, rief ich laut: Er ist es, er ist es, der Mörder
meines Bruders. -- „Ja, er ist es, sprach die Fürstin: der verkappte
Mönch Medardus, der dem Kloster entsprang; die auffallende Ähnlichkeit
mit seinem Vater Francesko ...“ Hilf, heiliger Himmel, indem ich diesen
Namen schreibe, rinnen eiskalte Schauer mir durch alle Glieder. Jenes
Bild meiner Mutter war Francesko ... das trügerische Mönchsgebilde,
das mich quälte, hatte ganz seine Züge! -- Medardus, ihn erkannte
ich als jenes Gebilde in dem wunderbaren Traum der Beichte. Medardus
ist Franceskos Sohn, Franz, den du, meine gute Mutter, so fromm
erziehen ließest und der in Sünde und Frevel geriet. Welche Verbindung
hatte meine Mutter mit jenem Francesko, daß sie sein Bild heimlich
aufbewahrte, und bei seinem Anblick sich dem Andenken einer seligen
Zeit zu überlassen schien? -- Wie kam es, daß in diesem Bilde Hermogen
den Teufel sah, und daß es den Grund legte zu meiner sonderbaren
Verirrung? Ich versinke in Ahnungen und Zweifel. -- Heiliger Gott, bin
ich denn entronnen der bösen Macht, die mich umstrickt hielt? -- Nein,
ich kann nicht weiter schreiben, mir ist, als würd’ ich von dunkler
Nacht befangen und kein Hoffnungsstern leuchte, mir freundlich den Weg
zeigend, den ich wandeln soll!

(Einige Tage später.)

Nein! Keine finsteren Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage
verdüstern, die mir aufgegangen sind. Der ehrwürdige Pater Cyrillus hat
dir, meine teure Mutter, wie ich weiß, schon ausführlich berichtet,
welch schlimme Wendung der Prozeß Leonards nahm, den meine Übereilung
den bösen Kriminalgerichten in die Hände gab. Daß dieser wirkliche
Medardus eingefangen wurde, daß sein vielleicht verstellter Wahnsinn
bald ganz nachließ daß er seine Freveltaten eingestand, daß er seine
gerechte Strafe erwartet und ... doch nicht weiter, denn nur zu sehr
würde das schmachvolle Schicksal des Verbrechers, der als Knabe Dir
so teuer war, Dein Herz verwunden. -- Der merkwürdige Prozeß war das
einzige Gespräch bei Hofe. Man hielt Leonard für einen verschmitzten,
hartnäckigen Verbrecher, weil er alles leugnete. -- Gott im Himmel!
-- Dolchstiche waren mir manche Reden, denn auf wunderbare Weise
sprach eine Stimme in mir: er ist unschuldig und das wird klar werden,
wie der Tag. -- Ich empfand das tiefste Mitleid mit ihm, gestehen
mußte ich es mir selbst, daß mir sein Bild, rief ich es mir wieder
zurück, Regungen erweckte, die ich nicht mißdeuten konnte. Ja! -- ich
liebte ihn schon unaussprechlich, als er der Welt noch ein freveliger
Verbrecher schien. Ein Wunder mußte ihn und mich retten, denn ich
starb, sowie Leonard durch die Hand des Henkers fiel. Er ist schuldlos,
er liebt mich, und bald ist er ganz mein. So geht eine dunkle Ahnung
aus frühen Kindesjahren, die mir eine feindliche Macht arglistig zu
vertrüben suchte, herrlich, herrlich auf in regem wonnigen Leben. O gib
mir, gib dem Geliebten Deinen Segen, Du fromme Mutter! -- Ach könnte
Dein glückliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an
Deinem Herzen! -- Leonard gleicht ganz jenem Francesko, nur scheint er
größer, auch unterscheidet ihn ein gewisser charakteristischer Zug, der
seiner Nation eigen, (Du weißt, daß er ein Pole ist) von Francesko und
dem Mönch Medardus sehr merklich. Albern war es wohl überhaupt, den
geistreichen, gewandten, herrlichen Leonard auch nur einen Augenblick
für einen entlaufenen Mönch anzusehen. Aber so stark ist noch der
fürchterliche Eindruck jener gräßlichen Szenen auf unserm Schlosse,
daß oft, tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit
seinem strahlenden Auge, das ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht,
mich unwillkürliches Grausen befällt und ich Gefahr laufe, durch mein
kindisches Wesen den Geliebten zu verletzen. Mir ist, als würde erst
des Priesters Segen die finsteren Gestalten bannen, die noch jetzt
recht feindlich manchen Wolkenschatten in mein Leben werfen. Schließe
mich und den Geliebten in Dein frommes Gebet, meine teure Mutter! --
Der Fürst wünscht, daß die Vermählung bald vor sich gehe; den Tag
schreibe ich Dir, damit Du Deines Kindes gedenken mögest, in ihres
Lebens feierlicher, verhängnisvoller Stunde usw.“

Immer und immer wieder las ich Aureliens Blätter. Es war, als wenn der
Geist des Himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe
und vor seinem reinen Strahl alle sündliche, frevelige Glut verlösche.
Bei Aureliens Anblick überfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht
mehr, sie stürmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein
verändertes Betragen, ich gestand ihr reuig den Raub des Briefes an die
Äbtissin; ich entschuldigte ihn mit einem unerklärlichen Drange, dem
ich, wie der Gewalt einer unsichtbaren höheren Macht, nicht widerstehen
könne, ich behauptete, daß eben jene höhere, auf mich einwirkende
Macht, mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir
zu zeigen, wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluß sei.
„Ja, du frommes Himmelskind,“ sprach ich, „auch mir ging einst ein
wunderbarer Traum auf, in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich
war ein unglücklicher, vom Geschick zermalmter Mönch, dessen Brust
tausend Qualen der Hölle zerrissen. -- Dich -- dich liebte ich mit
namenloser Inbrunst, doch Frevel, doppelter, verruchter Frevel war
meine Liebe, denn ich war ja ein Mönch, und du die heilige Rosalia.“
Erschrocken fuhr Aurelie auf. „Um Gott, sprach sie „um Gott, es geht
ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch unser Leben; ach, Leonard,
laß uns nie an dem Schleier rühren, der es umhüllt, wer weiß, was
Grauenvolles, Entsetzliches dahinter verborgen. Laß uns fromm sein,
und fest aneinander halten in treuer Liebe, so widerstehen wir der
dunklen Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich bedrohen. Daß
du meinen Brief lasest, das mußte so sein; ach! ich selbst hätte
dir alles erschließen sollen, kein Geheimnis darf unter uns walten.
Und doch ist es mir, als kämpftest du mit manchem, was früher recht
verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermöchtest über die
Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! -- Sei aufrichtig, Leonard! --
Ach, wie wird ein freimütiges Geständnis deine Brust erleichtern, und
heller unsere Liebe strahlen!“ -- Wohl fühlte ich bei diesen Worten
Aureliens recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne,
und wie ich nur noch vor wenigen Augenblicken das fromme Kind recht
frevelig getäuscht; und dies Gefühl regte sich stärker und stärker
auf in wunderbarer Weise, ich mußte Aurelien alles -- alles entdecken
und doch ihre Liebe gewinnen. „Aurelie -- du meine Heilige, -- die
mich rettet von ...“ In dem Augenblick trat die Fürstin herein, ihr
Anblick warf mich plötzlich zurück in die Hölle, voll Hohn und Gedanken
des Verderbens. Sie +mußte+ mich jetzt dulden, ich blieb, und stellte
mich als Aureliens Bräutigam kühn und keck ihr entgegen. Überhaupt war
ich nur frei von allen bösen Gedanken, wenn ich mit Aurelien allein
mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des Himmels auf.
Jetzt erst wünschte ich lebhaft meine Vermählung mit Aurelien. -- In
einer Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte ihre Hand
ergreifen und wurde gewahr, daß es nur Duft sei, der sich gestaltet.
Weshalb diese alberne Täuschung, rief ich erzürnt; da flossen helle
Tränen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen,
hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen, und um
mein Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch
immer zerriß eine schwarze, fürchterliche Faust den Kreis. „Du, den
ich rein von jeder Untat geboren“, sprach meine Mutter mit sanfter
Stimme, „ist denn deine Kraft gebrochen, daß du nicht zu widerstehen
vermagst den Verlockungen des Satans? -- Jetzt kann ich erst dein
Inneres durchschauen, denn mir ist die Last des Irdischen entnommen!
-- Erhebe dich, Franciskus! ich will dich schmücken mit Bändern und
Blumen, denn es ist der Tag des heiligen Bernardus gekommen und du
sollst wieder ein frommer Knabe sein!“ -- Da war es mir, als müsse
ich, wie sonst, einen Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber
entsetzlich tobte es dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul
und schwarze Schleier rauschten herab, zwischen mir und der Gestalt
meiner Mutter. -- Mehrere Tage nach dieser Vision begegnete mir der
Kriminalrichter auf der Straße. Er trat freundlich auf mich zu. „Wissen
Sie schon, fing er an, daß der Prozeß des Kapuziners Medardus wieder
zweifelhaft worden? Das Urteil, das ihm höchstwahrscheinlich den Tod
zuerkannt hätte, sollte schon abgefaßt werden, als er aufs neue Spuren
des Wahnsinns zeigte. Das Kriminalgericht erhielt nämlich die Nachricht
von dem Tode seiner Mutter; ich machte es ihm bekannt, da lachte er
wild auf und rief mit einer Stimme, die selbst dem standhaftesten
Gemüt Entsetzen erregen konnte: „Ha ha ha! -- die Prinzessin von ...
(er nannte die Gemahlin des ermordeten Bruders unsers Fürsten) ist
längst gestorben!“ -- Es ist jetzt eine neue ärztliche Untersuchung
verfügt, man glaubt jedoch, daß der Wahnsinn des Mönchs verstellt
sei. -- Ich ließ mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen;
sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen, und tief
eindringend in Sinn und Gemüt, war nun auch die nur zu sehr vergessene
Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die
mein werden sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst
Aureliens Liebe ganz zu verstehen, ich mochte sie wie eine mich
beschirmende Heilige kaum verlassen, und mein düsteres Geheimnis
wurde, indem sie nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst
unerforschliches, von höheren Mächten verhängtes, Ereignis. -- Der
von dem Fürsten bestimmte Tag der Vermählung war gekommen. Aurelie
wollte in erster Frühe vor dem Altar der heiligen Rosalia, in der nahe
gelegenen Klosterkirche, getraut sein. Wachend, und nach langer Zeit
zum erstenmal inbrünstig betend, brachte ich die Nacht zu. Ach! ich
Verblendeter fühlte nicht, daß das Gebet, womit ich mich zur Sünde
rüstete, höllischer Frevel sei! -- Als ich zu Aurelien eintrat, kam
sie mir, weiß gekleidet und mit duftenden Rosen geschmückt, in holder
Engelsschönheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr Haarschmuck hatte etwas
sonderbar Altertümliches, eine dunkle Erinnerung ging in mir auf, aber
von tiefem Schauer fühlte ich mich durchbebt, als plötzlich lebhaft
das Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir vor Augen
stand. Das Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor, und
gerade so wie Aurelie, war sie gekleidet. -- Schwer wurde es mir, den
grausigen Eindruck, den dies auf mich machte, zu verbergen. Aurelie
gab mir mit einem Blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und
Seligkeit strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem
Kuß des reinsten Entzückens, durchdrang mich aufs neue das deutliche
Gefühl, daß nur durch Aurelie meine Seele errettet werden könne. Ein
fürstlicher Bedienter meldete, daß die Herrschaft bereit sei, uns zu
empfangen. Aurelie zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm,
da bemerkte das Kammermädchen, daß das Haar in Unordnung gekommen
sei, sie sprang fort um Nadeln zu holen. Wir warteten an der Türe, der
Aufenthalt schien Aurelien unangenehm. In dem Augenblick entstand ein
dumpfes Geräusch auf der Straße, hohle Stimmen riefen durcheinander,
und das dröhnende Gerassel eines schweren, langsam rollenden Wagens
ließ sich vernehmen. Ich eilte ans Fenster. -- Da stand eben vor dem
Palast der vom Henkersknecht geführte Leiterwagen, auf dem der Mönch
rückwärts saß, vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend.
Er war entstellt von der Blässe der Todesangst und dem struppigen
Bart -- doch waren die Züge des gräßlichen Doppelgängers mir nur
zu kenntlich. -- Sowie der Wagen, augenblicklich gehemmt durch die
andrängende Volksmasse, wieder fortrollte, warf er den stieren,
entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu mir herauf und lachte und
heulte herauf: „Bräutigam, Bräutigam! ... komm ... komm aufs Dach ...
da wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist
König und darf Blut trinken!“ Ich schrie auf: „Entsetzlicher Mensch
... was willst du ... was willst du von mir.“ -- Aurelie umfaßte mich
mit beiden Armen, sie riß mich mit Gewalt vom Fenster, rufend: „Um
Gottes und der heiligen Jungfrau willen ... Sie führen den Medardus ...
den Mörder meines Bruders, zum Tode ... Leonard ... Leonard!“ -- Da
wurden die Geister der Hölle in mir wach, und bäumten sich auf mit der
Gewalt, die ihnen verliehen über den frevelnden, verruchten Sünder. --
Ich erfaßte Aurelien mit grimmer Wut, daß sie zusammenzuckte. „Ha ha
ha ... Wahnsinniges, törichtes Weib ... ich ... ich, dein Buhle, dein
Bräutigam, bin der Medardus ... bin deines Bruders Mörder ... du, Braut
des Mönchs, willst Verderben herabwinseln über deinen Bräutigam? Ho ho
ho! ... ich bin König ... ich trinke dein Blut!“ -- Das Mordmesser riß
ich heraus -- ich stieß nach Aurelien, die ich zu Boden fallen lassen
-- ein Blutstrom sprang hervor über meine Hand. -- Ich stürzte die
Treppen herab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riß den Mönch herab
und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wütend stieß ich mit
dem Messer um mich herum -- ich wurde frei -- ich sprang fort -- man
drang auf mich ein, ich fühlte mich in der Seite durch einen Stich
verwundet, aber das Messer in der rechten Hand und mit der linken
kräftige Faustschläge austeilend, arbeitete ich mich durch bis an die
nahe Mauer des Parks, die ich mit einem fürchterlichen Satz übersprang.
„Mord ... Mord ... Haltet ... haltet den Mörder!“ riefen Stimmen hinter
mir, ich hörte es rasseln, man wollte das verschlossene Tor des Parks
sprengen, unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben,
der den Park von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte, ein mächtiger
Sprung -- ich war hinüber, und immer fort und fort rannte ich durch
den Wald, bis ich erschöpft unter einem Baume niedersank. Es war schon
finstre Nacht geworden, als ich, wie aus tiefer Betäubung erwachte. Nur
der Gedanke, zu fliehen, wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner
Seele. Ich stand auf, aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus
dem Gebüsch hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Rücken sprang und
mich mit den Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschütteln
-- ich warf mich nieder, ich drückte mich hinterrücks an die Bäume,
alles umsonst. Der Mensch kicherte und lachte höhnisch; da brach der
Mond hellleuchtend durch die schwarzen Tannen, und das totenbleiche,
gräßliche Gesicht des Mönchs -- des vermeintlichen Medardus, des
Doppelgängers, starrte mich an mit dem gräßlichen Blick, wie von dem
Wagen herauf. -- „Hi ... hi ... hi ... Brüderlein ... Brüderlein, immer
immer bin ich bei dir ... lasse dich nicht ... lasse ... dich nicht ...
Kann nicht lau ... laufen ... wie du ... mußt mich tra... tragen ...
Komme vom Ga... Galgen ... haben mich rä... rädern wollen ... hi hi
...“ So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich, von wildem
Entsetzen gekräftigt, hoch emporsprang wie ein von der Riesenschlange
eingeschnürter Tiger! -- Ich raste gegen Baum- und Felsstücke, um ihn
wo nicht zu töten, doch wenigstens hart zu verwunden, daß er mich zu
lassen genötigt sein sollte. Dann lachte er stärker und mich nur traf
jäher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn festgeknoteten
Hände loszuwinden, aber die Gurgel einzudrücken drohte mir des
Ungetümes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er plötzlich herab,
aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf
meinem Rücken saß, kichernd und lachend, und jene entsetzlichen
Worte stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut -- aufs
neue befreit! -- aufs neue umhalst von dem fürchterlichen Gespenst.
-- Es ist mir nicht möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von
dem Doppelgänger verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so,
als müsse das Monate hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß,
gedauert haben. Nur +eines+ lichten Augenblicks erinnere ich mich
lebhaft, nach welchem ich in gänzlich bewußtlosen Zustand verfiel.
Eben war es mir geglückt, meinen Doppelgänger abzuwerfen, als ein
heller Sonnenstrahl und mit ihm ein holdes anmutiges Tönen den Wald
durchdrang. Ich unterschied eine Klosterglocke, die zur Frühmette
läutete. „Du hast Aurelie ermordet!“ Der Gedanke erfaßte mich mit des
Todes eiskalten Armen, und ich sank bewußtlos nieder.




2. Abschnitt.

Die Buße.


Eine sanfte Wärme glitt durch mein Inneres. Dann fühlte ich es in allen
Adern seltsam arbeiten und prickeln; dies Gefühl wurde zu Gedanken,
doch war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen
Regen eignes Bewußtsein des Lebens und umsonst gebot das Haupt den
Gliedern, die wie untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter
seiner Herrschaft. Nun fingen die Gedanken der einzelnen Teile an
sich zu drehen, wie leuchtende Punkte, immer schneller und schneller,
so daß sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, sowie die
Schnelligkeit wuchs, daß er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel
schien. Aus der schossen rotglühende Strahlen und bewegten sich im
farbigten Flammenspiel. „Das sind meine Glieder, die sich regen,
jetzt erwache ich!“ So dachte ich deutlich, aber in dem Augenblick
durchzuckte mich ein jäher Schmerz, helle Glockentöne schlugen an
mein Ohr. „Fliehen, weiter fort! -- weiter fort!“ rief ich laut,
wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkräftet zurück. Jetzt
erst vermochte ich die Augen zu öffnen. Die Glockentöne dauerten fort
-- ich glaubte noch im Walde zu sein, aber wie erstaunte ich, als
ich die Gegenstände rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In
dem Ordenshabit der Kapuziner lag ich, in einem hohen, einfachen
Zimmer, auf einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein paar
Rohrstühle, ein kleiner Tisch und ein ärmliches Bett waren die einzigen
Gegenstände, die sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, daß
mein bewußtloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben, und daß ich in
demselben auf diese oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein mußte,
das Kranke aufnehme. Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man
gab mir vorläufig eine Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich
entronnen. Diese Vorstellungen beruhigten mich ganz, und ich beschloß
abzuwarten, was sich weiter zutragen würde, da ich voraussetzen konnte,
daß man bald nach dem Kranken sehen würde. Ich fühlte mich sehr matt,
sonst aber ganz schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum
vollkommenen Bewußtsein erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die
sich wie auf einem langen Gange näherten. Man schloß meine Türe auf
und ich erblickte zwei Männer, von denen einer bürgerlich gekleidet
war, der andere aber den Ordenshabit der barmherzigen Brüder trug. Sie
traten schweigend auf mich zu, der bürgerlich gekleidete sah mir scharf
in die Augen und schien sehr verwundert. „Ich bin wieder zu mir selbst
gekommen, mein Herr,“ fing ich mit matter Stimme an, „dem Himmel sei es
gedankt, der mich zum Leben erweckt hat -- wo befinde ich mich aber?
wie bin ich hergekommen?“ -- Ohne mir zu antworten, wandte sich der
bürgerlich gekleidete zu dem Geistlichen und sprach auf italienisch:
„Das ist in der Tat erstaunenswürdig, der Blick ist ganz geändert, die
Sprache rein, nur matt ... es muß eine besondere Krisis eingetreten
sein.“ -- „Mir scheint,“ erwiderte der Geistliche, „mir scheint, als
wenn die Heilung nicht mehr zweifelhaft sein könne.“ „Das kommt,“ fuhr
der bürgerlich gekleidete fort, „das kommt darauf an, wie er sich in
den nächsten Tagen hält. Verstehen Sie nicht so viel deutsch, um mit
ihm zu sprechen?“ „Leider nein,“ antwortete der Geistliche. -- „Ich
verstehe und spreche italienisch,“ fiel ich ein; „sagen Sie mir, wo
bin ich, wie bin ich hergekommen?“ -- Der bürgerlich gekleidete, wie
ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert. „Ah,“
rief er aus, „ah das ist gut. Ihr befindet Euch, ehrwürdiger Herr! an
einem Orte, wo man nur für Euer Wohl auf alle mögliche Weise sorgt.
Ihr wurdet vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande
hergebracht. Ihr wart sehr krank, aber durch unsere Sorgfalt und
Pflege scheint Ihr Euch auf dem Wege der Genesung zu befinden. Haben
wir das Glück, Euch ganz zu heilen, so könnt Ihr ruhig Eure Straße
fortwandeln, denn wie ich höre, wollt Ihr nach Rom!“ -- „Bin ich denn,“
frug ich weiter „in der Kleidung, die ich trage, zu Euch gekommen?“
-- „Freilich,“ erwiderte der Arzt, „aber laßt das Fragen, beunruhigt
Euch nur nicht, alles sollt Ihr erfahren, die Sorge für Eure Gesundheit
ist jetzt das vornehmlichste.“ Er faßte meinen Puls, der Geistliche
hatte unterdessen eine Tasse herbeigebracht, die er mir darreichte.
„Trinkt,“ sprach der Arzt, „und sagt mir dann, wofür Ihr das Getränk
haltet.“ -- „Es ist,“ erwiderte ich, nachdem ich getrunken, „es ist
eine gar kräftig zubereitete Fleischbrühe.“ -- Der Arzt lächelte
zufrieden und rief dem Geistlichen zu: „Gut, sehr gut!“ -- Beide
verließen mich. Nun war meine Vermutung, wie ich glaubte, richtig.
Ich befand mich in einem öffentlichen Krankenhause. Man pflegte mich
mit stärkenden Nahrungsmitteln und kräftiger Arzenei, so daß ich nach
drei Tagen imstande war, aufzustehen. Der Geistliche öffnete ein
Fenster, eine warme, herrliche Luft, wie ich sie nie geatmet, strömte
herein, ein Garten schloß sich an das Gebäude, herrliche fremde Bäume
grünten und blühten, Weinlaub rangte sich üppig an der Mauer empor,
vor allem aber war mir der dunkelblaue Himmel eine Erscheinung aus
ferner Zauberwelt. „Wo bin ich denn,“ rief ich voll Entzücken aus,
„haben mich die Heiligen gewürdigt, in einem Himmelslande zu wohnen?“
Der Geistliche lächelte wohlbehaglich, indem er sprach: „Ihr seid in
Italien, mein Bruder! in Italien!“ -- Meine Verwunderung wuchs bis zum
höchsten Grade, ich drang in den Geistlichen, mir genau die Umstände
meines Eintritts in dies Haus zu sagen, er wies mich an den Doktor. Der
sagte mir endlich, daß vor drei Monaten mich ein wunderlicher Mensch
hergebracht und gebeten habe mich aufzunehmen; ich befände mich nämlich
in einem Krankenhause, das von barmherzigen Brüdern verwaltet werde.
Sowie ich mich mehr und mehr erkräftigte, bemerkte ich, daß beide,
der Arzt und der Geistliche, sich in mannigfache Gespräche mit mir
einließen und mir vorzüglich Gelegenheit gaben, lange hintereinander
zu erzählen. Meine ausgebreiteten Kenntnisse in den verschiedensten
Fächern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu, und der Arzt lag mir
an, manches niederzuschreiben, welches er dann in meiner Gegenwart
las und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft seltsamlich auf,
daß er, statt meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte: „In der
Tat ... das geht gut ... ich habe mich nicht getäuscht! ... wunderbar
... wunderbar!“ Ich durfte nun zu gewissen Stunden in den Garten
hinab, wo ich manchmal grausig entstellte, totenblasse, bis zum Geripp
ausgetrocknete Menschen, von barmherzigen Brüdern geleitet, erblickte.
Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand in das Haus
zurückzukehren, ein langer, hagerer Mann, in einem seltsamen erdgelben
Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen geführt, und nach
jedem Schritt machte er einen possierlichen Sprung, und pfiff dazu mit
durchdringender Stimme. Erstaunt blieb ich stehen, doch der Geistliche,
der mich begleitete, zog mich schnell fort, indem er sprach: „Kommt,
kommt, lieber Bruder Medardus! das ist nichts für Euch.“ -- „Um Gott,“
rief ich aus, „woher wißt Ihr meinen Namen?“ -- Die Heftigkeit, womit
ich diese Worte ausstieß, schien mein Begleiter zu beunruhigen. „Ei,“
sprach er, „wie sollen wir denn Euern Namen nicht wissen? Der Mann, der
Euch herbrachte, nannte ihn ja ausdrücklich, und Ihr seid eingetragen
in die Register des Hauses: Medardus, Bruder des Kapuzinerklosters
zu B.“ -- Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der
Unbekannte der mich in das Krankenhaus gebracht hatte, sein wer er
wollte, mochte er eingeweiht sein in mein entsetzliches Geheimnis;
er konnte nichts Böses wollen, denn er hatte ja freundlich für mich
gesorgt, und ich war ja frei. --

Ich lag im offenen Fenster und atmete in vollen Zügen die herrliche,
warme Luft ein, die durch Mark und Adern strömend neues Leben in mir
entzündete, als ich eine kleine, dürre Figur, ein spitzes Hütchen auf
dem Kopfe, und in einen ärmlichen, erblichenen Überrock gekleidet,
den Hauptgang nach dem Hause herauf mehr hüpfen und trippeln als
gehen sah. Als er mich erblickte, schwenkte er den Hut in der Luft
und warf mir Kußhändchen zu. Das Männlein hatte etwas Bekanntes, doch
konnte ich die Gesichtszüge nicht deutlich erkennen, und er verschwand
unter den Bäumen, ehe ich mit mir einig geworden, wer es wohl sein
müsse. Doch nicht lange dauerte es, so klopfte es an meine Türe, ich
öffnete, und dieselbe Figur, die ich im Garten gesehen trat herein.
„Schönfeld,“ rief ich voll Verwunderung, „Schönfeld, wie kommen Sie
her, um des Himmels willen?“ -- Es war jener närrische Friseur aus
der Handelsstadt, der mich damals rettete aus großer Gefahr. „Ach
-- ach ach!“ seufzte er, indem er sein Gesicht auf komische Weise
weinerlich verzog: „Wie soll ich denn herkommen anders, als geworfen --
geschleudert von dem bösen Verhängnis, das alle Genies verfolgt! Eines
Mordes wegen mußte ich fliehen ...“ „Eines Mordes wegen?“ unterbrach
ich ihn heftig. „Ja eines Mordes wegen,“ fuhr er fort, „ich hatte im
Zorn den linken Backenbart des jüngsten Kommerzienrates in der Stadt
getötet, und dem rechten gefährliche Wunden beigebracht.“ -- „Ich bitte
Sie,“ unterbrach ich ihn aufs neue, „lassen Sie die Possen, seien Sie
einmal vernünftig und erzählen Sie im Zusammenhange oder verlassen
Sie mich.“ -- „Ei, lieber Bruder Medardus,“ fing er plötzlich sehr
ernst an, „du willst mich fortschicken, nun du genesen, und mußtest
mich doch in deiner Nähe leiden, als du krank dalagst und ich dein
Stubenkamerad war und in jenem Bette schlief.“ -- „Was heißt das,“
rief ich bestürzt aus, „wie kommen Sie auf den Namen Medardus?“ --
„Schauen Sie,“ sprach er lächelnd, „den rechten Zipfel Ihrer Kutte
gefälligst an.“ Ich tat es, und erstarrte vor Schreck und Erstaunen,
denn ich fand, daß der Name Medardus hineingenäht war, sowie mich, bei
genauerer Untersuchung, untrügliche Kennzeichen wahrnehmen ließen, daß
ich ganz unbezweifelt dieselbe Kutte trug, die ich auf der Flucht aus
dem Schlosse des Barons von F. in einen hohlen Baum verborgen hatte.
Schönfeld bemerkte meine innere Bewegung, er lächelte ganz seltsam;
den Zeigefinger an die Nase gelegt, sich auf den Fußspitzen erhebend,
schaute er mir ins Auge; ich blieb sprachlos, da fing er leise und
bedächtig an: „Ew. Ehrwürden wundern sich merklich über das schöne
Kleid, das Ihnen angelegt worden, es scheint Ihnen überall wunderbar
anzustehen und zu passen, besser als jenes nußbraune Kleid mit schnöden
besponnenen Knöpfen, das mein ernsthafter, vernünftiger Damon Ihnen
anlegte ... Ich ... ich ... der verkannte, verbannte Pietro Belcampo
war es, der Eure Blöße deckte mit diesem Kleide. Bruder Medardus! Ihr
wart nicht im sonderlichsten Zustande, denn als Überrock -- Spenzer
-- englischen Frack trugt Ihr simplerweise Eure eigne Haut, und an
schickliche Frisur war nicht zu denken, da Ihr, eingreifend in meine
Kunst, Euern Karakalla mit dem zehnzahnigten Kamm, der Euch an die
Fäuste gewachsen, selbst besorgtet.“ -- „Laßt die Narrheiten,“ fuhr
ich auf, „laßt die Narrheiten, Schönfeld“ ... „Pietro Belcampo heiße
ich,“ unterbrach er mich in vollem Zorne, „ja Pietro Belcampo, hier
in Italien, und du magst es nur wissen, Medardus, ich selbst, ich
selbst bin die Narrheit, die ist überall hinter dir her, um deiner
Vernunft beizustehen, und du magst es nun einsehen oder nicht, in der
Narrheit findest du nur dein Heil, denn deine Vernunft ist ein höchst
miserables Ding und kann sich nicht aufrecht erhalten, sie taumelt
hin und her wie ein gebrechliches Kind und muß mit der Narrheit in
Kompanie treten, die hilft ihr auf und weiß den richtigen Weg zu finden
nach der Heimat -- das ist das Tollhaus, da sind wir beide richtig
angelangt, mein Brüderchen Medardus.“ -- Ich schauderte zusammen, ich
dachte an die Gestalten, die ich gesehen; an den springenden Mann im
erdgelben Mantel, und konnte nicht zweifeln, daß Schönfeld in seinem
Wahnsinn mir die Wahrheit sagte. „Ja, mein Brüderchen Medardus,“ fuhr
Schönfeld mit erhobeneer Stimme und heftig gestikulierend fort: „Ja,
mein liebes Brüderchen. Die Narrheit erscheint auf Erden, wie die
wahre Geisterkönigin. Die Vernunft ist nur ein träger Statthalter,
der sich nie darum kümmert, was außer den Grenzen des Reichs vorgeht,
der nur aus Langeweile auf dem Paradeplatz die Soldaten exerzieren
läßt, die können nachher keinen ordentlichen Schuß tun, wenn der Feind
eindringt von außen. Aber die Narrheit, die wahre Königin des Volks
zieht ein mit Pauken und Trompeten: hussa hussa! -- hinter ihr her
Jubel -- Jubel -- Die Vasallen erheben sich von den Plätzen, wo sie die
Vernunft einsperrte, und wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen
wie der pedantische Hofmeister es will; der sieht die Nummern durch
und spricht: Seht die Narrheit hat mir meine besten Eleven entrückt
-- fortgerückt -- verrückt -- ja sie sind verrückt worden. Das ist
ein Wortspiel, Brüderlein Medardus -- ein Wortspiel ist ein glühendes
Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit sie Gedanken krümmt.“
-- „Noch einmal,“ fiel ich dem albernen Schönfeld in die Rede, noch
einmal bitte ich Euch, das unsinnige Geschwätz zu lassen, wenn Ihr
es vermöget, und mir zu sagen, wie Ihr hergekommen seid, und was Ihr
von mir und dem Kleide wißt, das ich trage.“ -- Ich hatte ihn bei
diesen Worten mit beiden Händen gefaßt und in einen Stuhl gedrückt. Er
schien sich zu besinnen, indem er die Augen niederschlug und tief Atem
schöpfte. „Ich habe Ihnen,“ fing er dann mit leiser, matter Stimme an,
„ich habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der
Ihrer Flucht aus der Handelsstadt behilflich war, ich war es wiederum,
der Sie herbrachte.“ -- „Aber um Gottes, um der Heiligen willen, wo
fanden Sie mich?“ -- So rief ich laut aus, indem ich ihn losriß, doch
in dem Augenblick sprang er auf und schrie mit funkelnden Augen: „Ei,
Bruder Medardus, hätt’ ich dich nicht, klein und schwach, wie ich bin,
auf meinen Schultern fortgeschleppt, du lägest mit zerschmetterten
Gliedern auf dem Rade.“ -- Ich erbebte -- wie vernichtet sank ich in
den Stuhl, die Türe öffnete sich und hastig trat der mich pflegende
Geistliche herein. „Wie kommt Ihr hierher? wer hat Euch erlaubt, dies
Zimmer zu betreten?“ So fuhr er auf Belcampo los, dem stürzten aber
die Tränen aus den Augen und er sprach mit flehentlicher Stimme: „Ach,
mein ehrwürdiger Herr! nicht länger konnte ich dem Drange widerstehen,
meinen Freund zu sprechen, den ich dringender Todesgefahr entrissen!“
Ich ermannte mich. „Sagt mir, mein lieber Bruder!“ sprach ich zu
dem Geistlichen, „hat mich dieser Mann wirklich hergebracht?“ -- Er
stockte. -- „Ich weiß jetzt, wo ich mich befinde,“ fuhr ich fort, „ich
kann vermuten, daß ich im schrecklichsten Zustande war, den es gibt,
aber Ihr merkt, daß ich vollkommen genesen, und so darf ich nun wohl
alles erfahren, was man mir bis jetzt absichtlich verschweigen mochte,
weil man mich für zu reizbar hielt.“ „So ist es in der Tat,“ antwortete
der Geistliche, „dieser Mann brachte Euch, es mögen ungefähr drei bis
viertehalb Monate her sein, in unsere Anstalt. Er hatte Euch, wie er
erzählte, für tot in dem Walde, der vier Meilen von hier das ...sche
von unserm Gebiet scheidet, gefunden, und Euch für den ihm früher
bekannten Kapuzinermönch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der
auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohnte. Ihr
befandet Euch in einem vollkommen apathischen Zustande. Ihr gingt,
wenn man Euch führte, Ihr bliebt stehen, wenn man Euch losließ, Ihr
setztet, Ihr legtet Euch nieder, wenn man Euch die Richtung gab. Speise
und Trank mußte man Euch einflößen. Nur dumpfe, unverständliche Laute
vermochtet Ihr auszustoßen, Euer Blick schien ohne alle Sehkraft.
Belcampo verließ Euch nicht, sondern war Euer treuer Wärter. Nach vier
Wochen fielt Ihr in die schrecklichste Raserei, man war genötigt, Euch
in eins der dazu bestimmten abgelegeneren Gemächer zu bringen. Ihr
wahret dem wilden Tier gleich -- doch nicht näher mag ich Euch einen
Zustand schildern, dessen Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich
sein würde. Nach vier Wochen kehrte plötzlich jener apathische Zustand
wieder, der in eine vollkommene Starrsucht überging, aus der Ihr
genesen erwachtet.“ -- Schönfeld hatte sich während dieser Erzählung
des Geistlichen gesetzt, und, wie in tiefes Nachdenken versunken, den
Kopf in die Hand gestützt. „Ja,“ fing er an, „ich weiß recht gut, daß
ich zuweilen ein aberwitziger Narr bin, aber die Luft im Tollhause,
vernünftigen Leuten verderblich, hat gar gut auf mich gewirkt. Ich
fange an, über mich selbst zu räsonnieren, und das ist kein übles
Zeichen. Existiere ich überhaupt nur durch mein eignes Bewußtsein,
so kommt es nur darauf an, daß dies Bewußtsein dem Bewußten die
Hanswurstjacke ausziehe, und ich selbst stehe da als solider Gentleman.
-- O Gott! -- ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und vor
sich selbst ein gesetzter Hasenfuß? -- Hasenfüßigkeit schützt vor
allem Wahnsinn, und ich kann Euch versichern, ehrwürdiger Herr, daß
ich auch bei Nordnordwest einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl
genau zu unterscheiden vermag.“ -- „Ist dem wirklich so,“ sprach ich,
„so beweisen Sie es dadurch, daß Sie mir ruhig den Hergang der Sache
erzählen, wie Sie mich fanden und wie Sie mich herbrachten.“ „Das
will ich tun,“ erwiderte Schönfeld, „unerachtet der geistliche Herr
hier ein gar besorgliches Gesicht schneidet; erlaube aber, Bruder
Medardus, daß ich dich, als meinen Schützling, mit dem vertraulichen Du
anrede. -- Der fremde Maler war den andern Morgen, nachdem du in der
Nacht entflohen, auch mit seiner Gemäldesammlung auf unbeschreibliche
Weise verschwunden. So sehr die Sache überhaupt anfangs Aufsehen
erregt hatte, so bald war sie doch im Strome neuer Begebenheiten
untergegangen. Nur als der Mord auf dem Schlosse des Barons F. bekannt
wurde; als die ...schen Gerichte durch Steckbriefe den Mönch Medardus
aus dem Kapuzinerkloster zu B. verfolgten, da erinnerte man sich
daran, daß der Maler die ganze Geschichte im Weinhause erzählt und
in dir den Bruder Medardus erkannt hatte. Der Wirt des Hotels, wo
du gewohnt hattest, bestätigte die Vermutung, daß ich deiner Flucht
förderlich gewesen war. Man wurde auf mich aufmerksam, man wollte mich
ins Gefängnis setzen. Leicht war mir der Entschluß, dem elenden Leben,
das schon längst mich zu Boden gedrückt hatte, zu entfliehen. Ich
beschloß, nach Italien zu gehen, wo es Abbates und Frisuren gibt. Auf
meinem Wege dahin sah ich dich in der Residenz des Fürsten von ***.
Man sprach von deiner Vermählung mit Aurelien und von der Hinrichtung
des Mönchs Medardus. Ich sah auch diesen Mönch -- Nun! -- dem sei
wie ihm wolle, ich halte dich nun einmal für den wahren Medardus.
Ich stellte mich dir in den Weg, du bemerktest mich nicht, und ich
verließ die Residenz, um meine Straße weiter zu verfolgen. Nach langer
Reise rüstete ich mich einst in frühster Morgendämmerung, den Wald zu
durchwandern, der in düstrer Schwärze vor mir lag. Eben brachen die
ersten Strahlen der Morgensonne hervor, als es in dem dicken Gebüsch
rauschte und ein Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart, aber in
zierlicher Kleidung, bei mir vorübersprang. Sein Blick war wild und
verstört, im Augenblick war er mir aus dem Gesicht verschwunden. Ich
schritt weiter fort, doch wie entsetzte ich mich, als ich dicht vor mir
eine nackte menschliche Figur ausgestreckt auf dem Boden erblickte. Ich
glaubte, es sei ein Mord geschehen und der Fliehende sei der Mörder.
Ich bückte mich herab zu dem Nackten, erkannte dich und wurde gewahr,
daß du leise atmetest. Dicht bei dir lag die Mönchskutte, die du jetzt
trägst; mit vieler Mühe kleidete ich dich darin und schleppte dich
weiter fort. Endlich erwachtest du aus tiefer Ohnmacht, du bliebst aber
in dem Zustande, wie ihn dir der ehrwürdige Herr hier erst beschrieben.
Es kostete keine geringe Anstrengung, dich fortzuschaffen, und so kam
es, daß ich erst am Abende eine Schenke erreichte, die mitten im Walde
liegt. Wie schlaftrunken ließ ich dich auf einem Rasenplatz zurück,
und ging hinein, um Speise und Trank zu holen. In der Schenke saßen
***sche Dragoner, die sollten, wie die Wirtin sagte, einem Mönch
bis an die Grenze nachspüren, der auf unbegreifliche Weise in dem
Augenblicke entflohen sei, als er schwerer Verbrechen halber in ***
hätte hingerichtet werden sollen. Ein Geheimnis war es mir, wie du
aus der Residenz in den Wald kamst, aber die Überzeugung, da seist
eben der Medardus, den man suche, hieß mich alle Sorgfalt anwenden,
dich der Gefahr, in der du mir zu schweben schienst, zu entreißen.
Durch Schleichwege schaffte ich dich fort, über die Grenze, und kam
endlich mit dir in dies Haus, wo man dich und auch mich aufnahm, da
ich erklärte, mich von dir nicht trennen zu wollen. Hier warst du
sicher, denn in keiner Art hätte man den aufgenommenen Kranken fremden
Gerichten ausgeliefert. Mit deinen fünf Sinnen war es nicht sonderlich
bestellt, als ich hier im Zimmer bei dir wohnte und dich pflegte.
Auch die Bewegung deiner Gliedmaßen war nicht zu rühmen, Noverre
und Vestris hätten dich tief verachtet, denn dein Kopf hing auf die
Brust, und wollte man dich gerade aufrichten, so stülptest du um, wie
ein mißratner Kegel. Auch mit der Rednergabe ging es höchst traurig,
denn du warst verdammt einsilbig und sagtest in aufgeräumten Stunden
nur „Hu hu! und Me ... me ...“, woraus dein Wollen und Denken nicht
sonderlich zu vernehmen und beinahe zu glauben, beides sei dir untreu
geworden und vagabondiere auf seine eigene Hand oder seinen eignen
Fuß. Endlich wurdest du mit einem Mal überaus lustig, du sprangst
hoch in die Lüfte, brülltest vor lauter Entzücken und rissest dir
die Kutte vom Leibe, um frei zu sein von jeder naturbeschränkenden
Fessel -- dein Appetit ...“ „Halten Sie ein, Schönfeld,“ unterbrach
ich den entsetzlichen Witzling, „halten Sie ein! Man hat mich schon
von dem fürchterlichen Zustande, in den ich versunken, unterrichtet.
Dank sei es der ewigen Langmut und Gnade des Herren, Dank sei es der
Fürsprache der Gebenedeiten und der Heiligen, daß ich errettet worden
bin!“ -- „Ei, ehrwürdiger Herr!“ fuhr Schönfeld fort, „was haben Sie
denn nun davon; ich meine von der besonderen Geistesfunktion, die
man Bewußtsein nennt, und die nichts anders ist, als die verfluchte
Tätigkeit eines verdammten Toreinnehmers -- Akziseoffizianten --
Oberkontrollassistenten, der sein heilloses Comptoir im Oberstübchen
aufgeschlagen hat, und zu aller Ware, die hinaus will, sagt: hei ...
hei ... die Ausfuhr ist verboten ... im Lande, im Lande bleibt’s.
-- Die schönsten Juwelen werden wie schnöde Saatkörner in die Erde
gesteckt und was emporschießt, sind höchstens Runkelrüben, aus denen
die Praxis mit tausend Zentner schwerem Gewicht eine Viertel Unze
übelschmeckenden Zucker preßt ... Hei hei ... und doch sollte jene
Ausfuhr einen Handelsverkehr begründen mit der herrlichen Gottesstadt
da droben, wo alles stolz und herrlich ist! -- Gott im Himmel! Herr!
Allen meinen teuer erkauften Puder à la Maréchal oder à la Pompadour,
oder à la reine de Golconde hätte ich in den Fluß geworfen, wo er
am tiefsten ist, hätte ich nur wenigstens durch Transitohandel
ein Quentlein Sonnenstäubchen von dorther bekommen können, um die
Perücken höchst gebildeter Professoren und Schulkollegen zu pudern,
zuvörderst aber meine eigne! -- Was sage ich? hätte mein Damon Ihnen,
ehrwürdigster aller ehrwürdigen Mönche, statt des flohfarbnen Fracks
einen Sonnenmatin umhängen können, in dem die reichen, übermütigen
Bürger der Gottesstadt zu Stuhle gehen, wahrhaftig es wäre, was
Anstand und Würde betrifft, alles anders gekommen; aber so hielt Sie
die Welt für einen gemeinen ~glebae adscriptus~ und den Teufel für
Ihren ~Cousin germain~.“ -- Schönfeld war aufgestanden und ging, oder
hüpfte vielmehr, stark gestikulierend und tolle Gesichter schneidend,
von einer Ecke des Zimmers zur andern. Er war im vollen Zuge, wie
gewöhnlich, sich in der Narrheit durch die Narrheit zu entzünden, ich
faßte ihn daher bei beiden Händen und sprach: „Willst du dich denn
durchaus statt meiner hier einbürgern? Ist es denn nicht möglich,
nach einer Minute verständigen Ernstes das Possenhafte zu lassen?“ Er
lächelte auf seltsame Weise und sagte: „Ist wirklich alles so albern,
was ich spreche, wenn mir der Geist kommt?“ -- „Das ist ja eben das
Unglück,“ erwiderte ich, „daß deinen Fratzen oft tiefer Sinn zum
Grunde liegt, aber du vertrödelst und verbrämst alles mit solch buntem
Zeuge, daß ein guter, in echter Farbe gehaltener Gedanke lächerlich
und unscheinbar wird, wie ein mit scheckigen Fetzen behängtes Kleid.
-- Du kannst, wie ein Betrunkener, nicht auf gerader Schnur gehen, du
springst hinüber und herüber -- deine Richtung ist schief!“ -- „Was
ist Richtung,“ unterbrach mich Schönfeld leise, und fortlächelnd mit
bittersüßer Miene. „Was ist Richtung, ehrwürdiger Kapuziner? Richtung
setzt ein Ziel voraus, nach dem wir unsere Richtung nehmen. Sind
Sie Ihres Ziels gewiß, teurer Mönch? -- fürchten Sie nicht, daß Sie
bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich genommen, statt dessen aber im
Wirtshause neben der gezogenen Schnur zu viel Spirituöses genossen, und
nun wie ein schwindliger Turmdecker zwei Ziele sehn, ohne zu wissen,
welches das rechte? -- Überdem, Kapuziner! vergib es meinem Stande,
daß ich das Possenhafte als eine angenehme Beimischung, spanischen
Pfeffer zum Blumenkohl, in mir trage. Ohne das ist ein Haarkünstler
eine erbärmliche Figur, ein armseliger Dummkopf, der das Privilegium
in der Tasche trägt, ohne es zu nutzen zu seiner Lust und Freude.“ Der
Geistliche hatte bald mich, bald den grimassierenden Schönfeld mit
Aufmerksamkeit betrachtet; er verstand, da wir deutsch sprachen, kein
Wort; jetzt unterbrach er unser Gespräch. „Verzeihet, meine Herren!
wenn es meine Pflicht heischt, eine Unterredung zu enden, die euch
beiden unmöglich wohl tun kann. Ihr seid, mein Bruder, noch zu sehr
geschwächt, um von Dingen, die wahrscheinlich aus Euerm frühern Leben
schmerzhafte Erinnerungen aufregen, so anhaltend fortzusprechen; Ihr
könnet ja nach und nach von Euerm Freunde alles erfahren, denn wenn
Ihr auch ganz genesen unsere Anstalt verlasset, so wird Euch doch
wohl Euer Freund weiter geleiten. Zudem habt Ihr (er wandte sich zu
Schönfeld) eine Art des Vortrags, die ganz dazu geeignet ist, alles
das, wovon Ihr sprecht, dem Zuhörer lebendig vor die Augen zu bringen.
In Deutschland muß man Euch für toll halten, und selbst bei uns würdet
Ihr für einen guten ~Buffone~ gelten. Ihr könnt auf dem komischen
Theater Euer Glück machen.“ Schönfeld starrte den Geistlichen mit
weit aufgerissenen Augen an, dann erhob er sich auf den Fußspitzen,
schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief auf italienisch:
„Geisterstimme! ... Schicksalsstimme, du hast aus dem Munde dieses
ehrwürdigen Herrn zu mir gesprochen! ... Belcampo ... Belcampo ... so
konntest du deinen wahrhaften Beruf verkennen ... es ist entschieden!“
-- Damit sprang er zur Türe hinaus. Den andern Morgen trat er
reisefertig zu mir herein. „Du bist, mein lieber Bruder Medardus,“
sprach er, „nunmehr ganz genesen, du bedarfst meines Beistandes nicht
mehr, ich ziehe fort, wohin mich mein innerster Beruf leitet ... Lebe
wohl! ... doch erlaube, daß ich zum letztenmal meine Kunst, die mir nun
wie ein schnödes Gewerbe vorkommt, an dir übe.“ Er zog Messer, Schere
und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und possenhaften
Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung. Der Mensch war mir,
trotz der Treue die er mir bewiesen, unheimlich geworden, ich war
froh, als er geschieden. Der Arzt hatte mir mit stärkender Arznei
ziemlich aufgeholfen; meine Farbe war frischer geworden, und durch
immer längere Spaziergänge gewann ich meine Kräfte wieder. Ich war
überzeugt, eine Fußreise aushalten zu können, und verließ ein Haus,
das dem Geisteskranken wohltätig, dem Gesunden aber unheimlich und
grauenvoll sein mußte. Man hatte mir die Absicht untergeschoben, nach
Rom zu pilgern, ich beschloß, dieses wirklich zu tun, und so wandelte
ich fort auf der Straße, die, als dorthin führend, mir bezeichnet
worden war. Unerachtet mein Geist vollkommen genesen, war ich mir doch
selbst eines gefühllosen Zustandes bewußt, der über jedes im Innern
aufkeimende Bild einen düstern Flor warf, so daß alles farblos, grau
in grau erschien. Ohne alle deutliche Erinnerung des Vergangenen,
beschäftigte mich die Sorge für den Augenblick ganz und gar. Ich sah
in die Ferne, um den Ort zu erspähen, wo ich würde einsprechen können,
um mir Speise oder Nachtquartier zu erbetteln und war recht innig
froh, wenn Andächtige meinen Bettelsack und meine Flasche gut gefüllt
hatten, wofür ich meine Gebete mechanisch herplapperte. Ich war selbst
im Geist zum gewöhnlichen, stupiden Bettelmönch herabgesunken. So
kam ich endlich an das große Kapuzinerkloster, das, wenige Stunden
von Rom, nur von Wirtschaftsgebäuden umgeben, einzeln darliegt. Dort
mußte man den Ordensbruder aufnehmen, und ich gedachte, mich in voller
Gemächlichkeit recht auszupflegen. Ich gab vor, daß, nachdem das
Kloster in Deutschland, worin ich mich sonst befand, aufgehoben worden,
ich fortgepilgert sei, und in irgend ein anderes Kloster meines Ordens
einzutreten wünsche. Mit der Freundlichkeit, die den italienischen
Mönchen eigen, bewirtete man mich reichlich, und der Prior erklärte,
daß, insofern mich nicht vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes
weiter zu pilgern nötige, ich als Fremder so lange im Kloster bleiben
könne, als es mir anstehen würde. Es war Vesperzeit, die Mönche gingen
in den Chor, und ich trat in die Kirche. Der kühne, herrliche Bau des
Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung, aber mein zur Erde
gebeugter Geist konnte sich nicht erheben, wie es sonst geschah, seit
der Zeit, als ich, ein kaum erwachtes Kind, die Kirche der heiligen
Linde geschaut. Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet,
schritt ich durch die Seitengänge, die Altargemälde betrachtend,
welche, wie gewöhnlich, die Martyrien der Heiligen, denen sie geweiht,
darstellten. Endlich trat ich in eine Seitenkapelle, deren Altar von
den durch die bunten Fensterscheiben brechenden Sonnenstrahlen magisch
beleuchtet wurde. Ich wollte das Gemälde betrachten, ich stieg die
Stufen hinauf. -- Die heilige Rosalia -- das verhängnisvolle Altarblatt
meines Klosters. -- Ach! -- Aurelien erblickte ich! Mein ganzes Leben
-- meine tausendfachen Frevel -- meine Missetaten -- Hermogens --
Aureliens Mord -- alles -- alles nur +ein+ entsetzlicher Gedanke, und
+der+ durchfuhr wie ein spitzes, glühendes Eisen mein Gehirn. -- Meine
Brust -- Adern und Fibern zerrissen im wilden Schmerz der grausamsten
Folter! -- Kein lindernder Tod! -- Ich warf mich nieder -- ich zerriß
in rasender Verzweiflung mein Gewand -- ich heulte auf im trostlosen
Jammer, daß es weit in der Kirche nachhallte: „Ich bin verflucht,
ich bin verflucht! -- Keine Gnade -- kein Trost mehr, hier und dort!
-- Zur Hölle -- zur Hölle -- ewige Verdammnis über mich verruchten
Sünder beschlossen!“ -- Man hob mich auf -- die Mönche waren in der
Kapelle, vor mir stand der Prior, ein hoher, ehrwürdiger Greis. Er
schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst, er faßte meine Hände,
und es war, als halte ein Heiliger, von himmlischem Mitleid erfüllt,
den Verlorenen in den Lüften über dem Flammenpfuhl fest, in den er
hinabstürzen wollte. „Du bist krank, mein Bruder! sprach der Prior,
wir wollen dich in das Kloster bringen, da magst du dich erholen.“ Ich
küßte seine Hände, sein Kleid, ich konnte nicht sprechen, nur tiefe,
angstvolle Seufzer verrieten den fürchterlichen, zerrissenen Zustand
meiner Seele. -- Man führte mich in das Refektorium, auf einen Wink
des Priors entfernten sich die Mönche, ich blieb mit ihm allein. „Du
scheinst, mein Bruder,“ fing er an, „von schwerer Sünde belastet, denn
nur die tiefste, trostloseste Reue über eine entsetzliche Tat kann sich
so gebärden. Doch groß ist die Langmut des Herrn, stark und kräftig
ist die Fürsprache der Heiligen, fasse Vertrauen -- du sollst mir
beichten und es wird dir wenn du büßest, Trost der Kirche werden!“ In
dem Augenblick schien es mir, als sei der Prior jener alte Pilger aus
der heiligen Linde, und nur +der+ sei das einzige Wesen auf der ganzen
weiten Erde, dem ich mein Leben voller Sünde und Frevel offenbaren
müsse. Noch war ich keines Wortes mächtig, ich warf mich vor dem Greise
nieder in den Staub. „Ich gehe in die Kapelle des Klosters,“ sprach
er mit feierlichem Ton, und schritt von dannen. -- Ich war gefaßt --
ich eilte ihm nach, er saß im Beichtstuhl, und ich tat augenblicklich,
wozu mich der Geist unwiderstehlich trieb; ich beichtete alles --
alles! -- Schrecklich war die Buße, die mir der Prior auflegte.
Verstoßen von der Kirche, wie ein Aussätziger verbannt aus den
Versammlungen der Brüder, lag ich in den Totengewölben des Klosters,
mein Leben kärglich fristend durch unschmackhafte, in Wasser gekochte
Kräuter, mich geißelnd und peinigend mit Marterinstrumenten, die die
sinnreichste Grausamkeit erfunden, und meine Stimme erhebend nur zur
eigenen Anklage, zum zerknirschten Gebet um Rettung aus der Hölle,
deren Flammen schon in mir loderten. Aber wenn das Blut aus hundert
Wunden rann, wenn der Schmerz in hundert giftigen Skorpionstichen
brannte und dann endlich die Natur erlag, bis der Schlaf sie, wie ein
ohnmächtiges Kind, schützend mit seinen Armen umfing, dann stiegen
feindliche Traumbilder empor, die mir neue Todesmarter bereiteten.
-- Mein ganzes Leben gestaltete sich auf entsetzliche Weise. Ich sah
Euphemien, wie sie in üppiger Schönheit mir nahte, aber laut schrie
ich auf: „Was willst du von mir, Verruchte! Nein, die Hölle hat keinen
Teil an mir.“ Da schlug sie ihr Gewand auseinander, und die Schauer
der Verdammnis ergriffen mich. Zum Gerippe eingedorrt war ihr Leib,
aber in dem Gerippe wanden sich unzählige Schlangen durcheinander und
streckten ihre Häupter, ihre rotglühenden Zungen mit entgegen. „Laß ab
von mir! ... Deine Schlangen stechen hinein in die wunde Brust ... sie
wollen sich mästen an meinem Herzblut ... aber dann sterbe ich ...
dann sterbe ich ... der Tod entreißt mich deiner Rache.“ So schrie ich
auf, da heulte die Gestalt: -- „Meine Schlangen können sich nähren von
deinem Herzblut ... aber das fühlst du nicht, denn das ist nicht deine
Qual -- deine Qual ist in dir, und tötet dich nicht, denn du lebst in
ihr. Deine Qual ist der Gedanke des Frevels und der ist ewig!“ -- Der
blutende Hermogen stieg auf, aber vor ihm floh Euphemie und er rauschte
vorüber, auf die Halswunde deutend, die die Gestalt des Kreuzes
hatte. Ich wollte beten, da begann ein sinnverwirrendes Flüstern und
Rauschen. Menschen, die ich sonst gesehen, erschienen zu tollen Fratzen
verunstaltet. -- Köpfe krochen mit Heuschreckenbeinen, die ihnen an
die Ohren gewachsen, umher und lachten mich hämisch an -- seltsames
Geflügel -- Raben mit Menschengesichtern rauschten in der Luft. -- Ich
erkannte den Konzertmeister aus B. mit seiner Schwester, die drehte
sich in wildem Walzer, und der Bruder spielte dazu auf, aber auf der
eigenen Brust streichend, die zur Geige worden. -- Belcampo, mit einem
häßlichen Eidechsengesicht, auf einem ekelhaften, geflügelten Wurm
sitzend, fuhr auf mich ein, er wollte meinen Bart kämmen mit eisernem,
glühendem Kamm -- aber es gelang ihm nicht. -- Toller und toller wird
das Gewirre, seltsamer, abenteuerlicher werden die Gestalten von der
kleinsten Ameise mit tanzenden Menschenfüßchen bis zum langgedehnten
Roßgerippe mit funkelnden Augen, dessen Haut zur Schabracke worden,
auf der ein Reiter mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt. -- Ein bodenloser
Becher ist sein Leibharnisch -- ein umgestülpter Trichter sein Helm!
-- Der Spaß der Hölle ist emporgestiegen. Ich höre mich lachen, aber
dies Lachen zerschneidet die Brust, und brennender wird der Schmerz
und heftiger bluten alle Wunden. -- Die Gestalt eines Weibes leuchtet
hervor, das Gesindel weicht -- sie tritt auf mich zu! -- Ach es ist
Aurelie! „Ich lebe und bin nun ganz dein!“ spricht die Gestalt. -- Da
wird der Frevel in mir wach. -- Rasend vor wilder Begier umschlinge
ich sie mit meinen Armen. -- Alle Ohnmacht ist von mir gewichen, aber
da legt es sich glühend an meine Brust -- rauhe Borsten zerkratzen
meine Augen und der Satan lacht gellend auf: Nun bist du ganz mein! --
Mit dem Schrei des Entsetzens erwache ich, und bald fließt mein Blut
in Strömen von den Hieben der Stachelpeitsche, mit der ich mich in
trostloser Verzweiflung züchtige. Denn selbst die Frevel des Traumes,
jeder sündliche Gedanke, fordert doppelte Buße. -- Endlich war die
Zeit, die der Prior zur strengsten Buße bestimmt hatte, verstrichen und
ich stieg empor aus dem Totengewölbe, um in dem Kloster selbst, aber in
abgesonderter Zelle, entfernt von den Brüdern, die nun mir auferlegten
Bußübungen vorzunehmen. Dann, immer in geringeren Graden der Buße,
wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der Brüder
erlaubt. Doch mir selbst genügte nicht die letzte Art der Buße, die nur
in täglicher gewöhnlicher Geißelung bestehen sollte. Ich wies standhaft
jede bessere Kost zurück, die man mir reichen wollte, ganze Tage lag
ich ausgestreckt auf dem kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen
Rosalia, und marterte mich in einsamer Zelle selbst auf die grausamste
Weise, denn durch äußere Qualen gedachte ich die innere gräßliche
Marter zu übertäuben. Es war vergebens, immer kehrten jene Gestalten,
von dem Gedanken erzeugt, wieder, und dem Satan selbst war ich
preisgegeben, daß er mich höhnend foltere und verlocke zur Sünde. Meine
strenge Buße, die unerhörte Weise, wie ich sie vollzog, erregte die
Aufmerksamkeit der Mönche. Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller
Scheu, und ich hörte es sogar unter ihnen flüstern: Das ist ein
Heiliger! Dies Wort war mir entsetzlich, denn nur zu lebhaft erinnerte
es mich an jenen gräßlichen Augenblick in der Kapuzinerkirche zu
B., als ich dem mich anstarrenden Maler in vermessenem Wahnsinn
entgegenrief: ich bin der heilige Antonius! -- Die letzte von dem Prior
bestimmte Zeit der Buße war endlich auch verflossen, ohne daß ich davon
abließ, mich zu martern, unerachtet meine Natur der Qual zu erliegen
schien. Meine Augen waren erloschen, mein wunder Körper ein blutendes
Gerippe, und es kam dahin, daß wenn ich stundenlang am Boden gelegen,
ich ohne Hilfe anderer nicht aufzustehen vermochte. Der Prior ließ mich
in sein Sprechzimmer bringen. „Fühlst du, mein Bruder,“ fing er an,
„durch die strenge Buße dein Inneres erleichtert? ist Trost des Himmels
dir worden?“ -- „Nein, ehrwürdiger Herr,“ erwiderte ich in dumpfer
Verzweiflung. „Indem ich dir,“ fuhr der Prior mit erhöhter Stimme
fort: „Indem ich dir, mein Bruder, da du mir eine Reihe entsetzlicher
Taten gebeichtet hattest, die strengste Buße auflegte, genügte ich
den Gesetzen der Kirche, welche wollen, daß der Übeltäter, den der
Arm der Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des
Herrn seine Verbrechen bekannte, auch durch äußere Handlungen die
Wahrheit seiner Reue kundtue. Er soll den Geist ganz dem Himmlischen
zuwenden, und doch das Fleisch peinigen, damit die irdische Marter jede
teuflische Lust der Untaten aufwäge. Doch glaube ich, und mir stimmen
berühmte Kirchenlehrer bei, daß die entsetzlichsten Qualen, die sich
der Büßende zufügt, dem Gewicht seiner Sünden auch nicht ein Quentlein
entnehmen, sobald er darauf seine Zuversicht stützt und der Gnade
des Ewigen deshalb sich würdig dünkt. Keiner menschlichen Vernunft
erforschlich ist es, wie der Ewige unsere Taten mißt, verloren ist der,
der, ist er auch vom wirklichen Frevel rein, vermessen glaubt, den
Himmel zu erstürmen durch äußeres Formtun, und der Büßende, welcher
nach der Bußübung seinen Frevel vertilgt glaubt, beweiset, daß seine
innere Reue nicht wahrhaft ist. Du, lieber Bruder Medardus, empfindest
noch keine Tröstung, das beweiset die Wahrhaftigkeit deiner Reue,
unterlasse jetzt, ich will es, alle Geißelungen, nimm bessere Speise zu
dir, und fliehe nicht mehr den Umgang der Brüder. -- Wisse, daß dein
geheimnisvolles Leben mir in allen seinen wunderbarsten Verschlingungen
besser bekannt worden, als dir selbst. -- Ein Verhängnis, dem du
nicht entrinnen konntest, gab dem Satan Macht über dich, und indem
du freveltest, warst du nur sein Werkzeug. Wähne aber nicht, daß du
deshalb weniger sündig vor den Augen des Herrn erschienest, denn dir
war die Kraft gegeben, im rüstigen Ringen den Satan zu bezwingen. In
wessen Menschen Herz stürmt nicht der Böse, und widerstrebt dem Guten;
aber ohne diesen Kampf gäb’ es keine Tugend, denn diese ist nur der
Sieg des guten Prinzips über das böse, sowie aus dem umgekehrten die
Sünde entspringt. -- Wisse fürs erste, daß du dich +eines+ Verbrechens
anklagst, welches du nur im Willen vollbrachtest. -- Aurelie lebt, in
wildem Wahnsinn verletztest du dich selbst, das Blut deiner eigenen
Wunde war es, was über deine Hand floß ... Aurelie lebt ... ich weiß
es.“ Ich stürzte auf die Knie, ich hob meine Hände betend empor,
tiefe Seufzer entflohen der Brust, Tränen quollen aus den Augen! --
„Wisse ferner,“ fuhr der Prior fort, „daß jener alte fremde Maler,
von dem du in der Beichte gesprochen, schon so lange, als ich denken
kann, zuweilen unser Kloster besucht hat und vielleicht bald wieder
eintreffen wird. Er hat ein Buch mir in Verwahrung gegeben, welches
verschiedene Zeichnungen, vorzüglich aber eine Geschichte enthält, der
er jedesmal, wenn er bei uns einsprach, einige Zeilen zusetzte. --
Er hat mir nicht verboten, das Buch jemandem in die Hände zu geben,
und um so mehr will ich es dir anvertrauen, als dies meine heiligste
Pflicht ist. Den Zusammenhang deiner eigenen, seltsamen Schicksale,
die dich bald in eine höhere Welt wunderbarer Visionen, bald in das
gemeinste Leben versetzten, wirst du erfahren. Man sagt, das Wunderbare
sei von der Erde verschwunden, ich glaube nicht daran. Die Wunder
sind geblieben, denn wenn wir selbst das Wunderbarste, von dem wir
täglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer
Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert
haben, so fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen, das all’
unsre Klugheit zu schanden macht, und an das wir, weil wir es nicht
zu erfassen vermögen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben.
Hartnäckig leugnen wir dem inneren Auge deshalb die Erscheinung ab,
weil sie zu durchsichtig war, um sich auf der rauhen Fläche des
äußeren Auges abzuspiegeln. -- Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den
außerordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten;
ich bin zweifelhaft, ob seine körperliche Erscheinung +das+ ist, was
wir +wahr+ nennen. So viel ist gewiß, daß niemand die gewöhnlichen
Funktionen des Lebens bei ihm bemerkt hat. Auch sah ich ihn niemals
schreiben oder zeichnen, unerachtet im Buch, worin er nur zu lesen
schien, jedesmal, wenn er bei uns gewesen, mehr Blätter als vorher
beschrieben waren. Seltsam ist es auch, daß mir alles im Buche nur
verworrenes Gekritzel, undeutliche Skizze eines fantastischen Malers zu
sein schien, und nur dann erst erkennbar und lesbar wurde, als du, mein
lieber Bruder Medardus! mir gebeichtet hattest. -- Nicht näher darf ich
mich darüber auslassen, was ich Rücksichts des Malers ahne und glaube.
Du selbst wirst es erraten, oder vielmehr das Geheimnis wird sich dir
von selbst auftun. Gehe, erkräftige dich, und fühlst du dich, wie ich
glaube, daß es in wenigen Tagen geschehen wird, im Geiste aufgerichtet,
so erhältst du von mir des fremden Malers wunderbares Buch.“ Ich tat
nach dem Willen des Priors, ich aß mit den Brüdern, ich unterließ die
Kasteiungen, und beschränkte mich auf inbrünstiges Gebet an den Altären
der Heiligen. Blutete auch meine Herzenswunde fort, wurde auch nicht
milder der Schmerz, der aus dem Innern heraus mich durchbohrte, so
verließen mich doch die entsetzlichen Traumbilder, und oft, wenn ich,
zum Tode matt, auf dem harten Lager schlaflos lag, umwehte es mich,
wie mit Engelsfittichen, und ich sah die holde Gestalt der lebenden
Aurelie, die, himmlisches Mitleiden im Auge voll Tränen, sich über mich
hinbeugte. Sie streckte die Hand, wie mich beschirmend, aus über mein
Haupt, da senkten sich meine Augenlider, und ein sanfter, erquickender
Schlummer goß neue Lebenskraft in meine Adern. Als der Prior bemerkte,
daß mein Geist wieder einige Spannung gewonnen, gab er mir des Malers
Buch, und ermahnte mich, es aufmerksam in seiner Zelle zu lesen. --
Ich schlug es auf, und das erste, was mir ins Auge fiel, waren die
in Umrissen angedeuteten und dann in Licht und Schatten ausgeführten
Zeichnungen der Fresko-Gemälde in der heiligen Linde. Nicht das
mindeste Erstaunen, nicht die mindeste Begierde, schnell das Rätsel zu
lösen, regte sich in mir. Nein! -- es gab kein Rätsel für mich, längst
wußte ich ja alles, was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden. Das, was
der Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner, kaum lesbarer,
bunt gefärbter Schrift zusammengetragen hatte, waren meine Träume,
meine Ahnungen, nur deutlich, bestimmt in scharfen Zügen dargestellt,
wie ich es niemals zu tun vermochte.

[Illustration]


+Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers.+

Bruder Medardus fährt hier, ohne sich weiter auf das, was er im
Malerbuche fand, einzulassen, in seiner Erzählung fort, wie er Abschied
nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den
freundlichen Brüdern, und wie er nach Rom pilgerte, und überall, in
Sankt Peter, in St. Sebastian und Laurenz, in St. Giovanni a Laterano,
in Sankta Maria Maggiore usw. an allen Altären kniete und betete,
wie er selbst des Papstes Aufmerksamkeit erregte, und endlich in
einen Geruch der Heiligkeit kam, der ihn -- da er jetzt wirklich ein
reuiger Sünder worden, und wohl fühlte, daß er nichts mehr als das
sei -- von Rom vertrieb. Wir, ich meine dich und mich, mein günstiger
Leser, wissen aber viel zu wenig Deutliches von den Ahnungen und
Träumen des Bruders Medardus, als daß wir, ohne zu lesen, was der
Maler aufgeschrieben, auch nur im mindesten das Band zusammenzuknüpfen
vermöchten, welches die verworren auseinander laufenden Fäden der
Geschichte des Medardus, wie in einen Knoten einigt. Ein besseres
Gleichnis übrigens ist es, daß uns der Fokus fehlt, aus dem die
verschiedenen bunten Strahlen brachen. Das Manuskript des seligen
Kapuziners war in altes, vergelbtes Pergament eingeschlagen, und dies
Pergament mit kleiner, beinahe unleserlicher Schrift beschrieben, die,
da sich darin eine ganz seltsame Hand kundtat, meine Neugierde nicht
wenig reizte. Nach vieler Mühe gelang es mir, Buchstaben und Worte
zu entziffern, und wie erstaunte ich, als es mir klar wurde, daß es
jene im Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei, von der Medardus
spricht. Im alten Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr
aphoristisch geschrieben. Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur
rauh und dumpf, wie ein gesprungenes Glas, doch war es nötig, zum
Verständnis des Ganzen hier die Übersetzung einzuschalten; dies tue
ich, nachdem ich nur noch folgendes wehmütigst bemerkt. Die fürstliche
Familie, aus der jener oft genannte Francesko abstammte, lebt noch
in Italien, und ebenso leben noch die Nachkömmlinge des Fürsten,
in dessen Residenz sich Medardus aufhielt. Unmöglich war es daher,
die Namen zu nennen, und unbehilflicher, ungeschickter ist niemand
auf der ganzen Welt, als derjenige, der dir, günstiger Leser, dies
Buch in die Hände gibt, wenn er Namen erdenken soll, da, wo schon
wirkliche, und zwar schön und romantisch tönende, vorhanden sind, wie
es hier der Fall war. Bezeichneter Herausgeber gedachte sich sehr
gut mit dem: der Fürst, der Baron usw. herauszuhelfen, nun aber der
alte Maler die geheimnisvollsten, verwackelten Familienverhältnisse
ins klare stellt, sieht er wohl ein, daß er mit den allgemeinen
Bezeichnungen nicht vermag, ganz verständlich zu werden. Er müßte den
einfachen Chroniken-Choral des Malers mit allerlei Erklärungen und
Zurechtweisungen, wie mit krausen Figuren, verschnörkeln und verbrämen.
-- Ich trete in die Person des Herausgebers, und bitte dich, günstiger
Leser, du wolltest, ehe du weiter liesest, folgendes dir gütigst
merken. Camillo, Fürst von P., tritt als Stammvater der Familie auf,
aus der Francesko, des Medardus Vater, stammt. Theodor, Fürst von
W., ist der Vater des Fürsten Alexander von W., an dessen Hofe sich
Medardus aufhielt. Sein Bruder Albert, Fürst von W., vermählte sich
mit der italienischen Prinzessin Giazinta B. Die Familie des Barons F.
im Gebirge ist bekannt, und nur zu bemerken, daß die Baronesse von F.
aus Italien abstammte, denn sie war die Tochter des Grafen Pietro S.,
eines Sohnes des Grafen Filippo S. Alles wird sich, lieber Leser, nun
klärlich dartun, wenn du diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn
behältst. Es folgt nunmehr, statt der Fortsetzung der Geschichte,


+das Pergamentblatt des alten Malers.+

-- -- -- Und es begab sich, daß die Republik Genua, hart bedrängt
von den algierischen Korsaren, sich an den großen Seehelden Camillo,
Fürsten von P., wandte, daß er mit vier wohl ausgerüsteten und
bemannten Galeonen einen Streifzug gegen die verwegenen Räuber
unternehmen möge. Camillo, nach ruhmvollen Taten dürstend, schrieb
sofort an seinen ältesten Sohn Francesko, daß er kommen möge, in des
Vaters Abwesenheit das Land zu regieren. Francesko übte in Leonardo da
Vincis Schule die Malerei, und der Geist der Kunst hatte sich seiner
so ganz und gar bemächtigt, daß er nichts anderes denken konnte. Daher
hielt er auch die Kunst höher, als alle Ehre und Pracht auf Erden,
und alles übrige Tun und Treiben der Menschen erschien ihm als ein
klägliches Bemühen um eitlen Tand. Er konnte von der Kunst und von dem
Meister, der schon hoch in den Jahren war, nicht lassen, und schrieb
daher dem Vater zurück, daß er wohl den Pinsel, aber nicht das Zepter
zu führen verstehe, und bei Leonardo bleiben wolle. Da war der alte,
stolze Fürst Camillo hoch erzürnt, schalt den Sohn einen unwürdigen
Toren und schickte vertraute Diener ab, die den Sohn zurückbringen
sollten. Als nun aber Francesko standhaft verweigerte, zurückzukehren,
als er erklärte, daß ein Fürst, von allem Glanz des Throns umstrahlt,
ihm nur ein elendiglich Wesen dünke gegen einen tüchtigen Maler,
und daß die größten Kriegestaten nur ein grausames, irdisches Spiel
wären, dagegen die Schöpfung des Malers die reine Abspiegelung des
ihm inwohnenden göttlichen Geistes sei, da ergrimmte der Seeheld
Camillo und schwur, daß er den Francesko verstoßen und seinem jüngern
Bruder Zenobio die Nachfolge zusichern wolle. Francesko war damit
gar zufrieden, ja er trat in einer Urkunde seinem jüngern Bruder die
Nachfolge auf den fürstlichen Thron mit aller Form und Feierlichkeit
ab, und so begab es sich, daß, als der alte Fürst Camillo in einem
harten, blutigen Kampfe mit den Algierern sein Leben verloren hatte,
Zenobio zur Regierung kam, Francesko dagegen, seinen fürstlichen
Stand und Namen verleugnend, ein Maler wurde, und von einem kleinen
Jahrgehalt, den ihm der regierende Bruder ausgesetzt, kümmerlich
genug lebte. Francesko war sonst ein stolzer, übermütiger Jüngling
gewesen, nur der alte Leonardo zähmte seinen wilden Sinn, und als
Francesko dem fürstlichen Stand entsagt hatte, wurde er Leonardos
frommer, treuer Sohn. Er half dem Alten manch wichtiges großes Werk
vollenden, und es geschah, daß der Schüler, sich hinaufschwingend
zu der Höhe des Meisters, berühmt wurde, und manches Altarblatt für
Kirchen und Klöster malen mußte. Der alte Leonardo stand ihm treulich
bei mit Rat und Tat, bis er denn endlich im hohen Alter starb. Da
brach, wie ein lange mühsam unterdrücktes Feuer, in dem Jüngling
Francesko wieder der Stolz und Übermut hervor. Er hielt sich für den
größten Maler seiner Zeit und die erreichte Kunstvollkommenheit mit
seinem Stande paarend, nannte er sich selbst den fürstlichen Maler.
Von dem alten Leonardo sprach er verächtlich, und schuf, abweichend
von dem frommen, einfachen Stil, sich eine neue Manier, die mit der
Üppigkeit der Gestalten und dem prahlenden Farbenglanz die Augen der
Menge verblendete, deren übertriebene Lobsprüche ihn immer eitler
und übermütiger machten. Es geschah, daß er zu Rom unter wilde,
ausschweifende Jünglinge geriet, und wie er nun in allem der erste
und vorzüglichste zu sein begehrte, so war er bald im wilden Sturm
des Lasters der rüstigste Segler. Ganz von der falschen, trügerischen
Pracht des Heidentums verführt, bildeten die Jünglinge, an deren Spitze
Francesko stand, einen geheimen Bund, in dem sie, das Christentum
auf frevelige Weise verspottend, die Gebräuche der alten Griechen
nachahmten und mit frechen Dirnen verruchte, sündhafte Feste feierten.
Es waren Maler, aber noch mehr Bildhauer unter ihnen, die wollten nur
von der antikischen Kunst etwas wissen und verlachten alles, was neue
Künstler, von dem heiligen Christentum entzündet, zur Glorie desselben
erfunden und herrlich ausgeführt hatten. Francesko malte in unheiliger
Begeisterung viele Bilder aus der lügenhaften Fabelwelt. Keiner als
er vermochte die buhlerische Üppigkeit der weiblichen Gestalten so
wahrhaft darzustellen, indem er von lebenden Modellen die Karnation,
von den alten Marmorbildern aber Form und Bildung entnahm. Statt, wie
sonst, in den Kirchen und Klöstern sich an den herrlichen Bildern der
alten frommen Meister zu erbauen, und sie mit künstlerischer Andacht
aufzunehmen in sein Inneres, zeichnete er emsig die Gestalten der
lügnerischen Heidengötter ab. Von keiner Gestalt war er aber so ganz
und gar durchdrungen, als von einem berühmten Venusbilde, das er stets
in Gedanken trug. Das Jahrgehalt, das Zenobio dem Bruder ausgesetzt
hatte, blieb einmal länger als gewöhnlich aus, und so kam es, daß
Francesko bei seinem wilden Leben, das ihm allen Verdienst schnell
hinwegraffte, und das er doch nicht lassen wollte, in arge Geldnot
geriet. Da gedachte er, daß vor langer Zeit ihm ein Kapuzinerkloster
aufgetragen hatte, für einen hohen Preis das Bild der heiligen Rosalia
zu malen, und er beschloß, das Werk, das er aus Abscheu gegen alle
christliche Heiligen nicht unternehmen wollte, nun schnell zu vollenden
um das Geld zu erhalten. Er gedachte die Heilige nackt, und in Form
und Bildung des Gesichts jenem Venusbilde gleich, darzustellen. Der
Entwurf geriet über die Maßen wohl, und die freveligen Jünglinge
priesen hoch Franceskos verruchten Einfall, den frommen Mönchen, statt
der christlichen Heiligen, ein heidnisches Götzenbild in die Kirche
zu stellen. Aber wie Francesko zu malen begann, siehe, da gestaltete
sich alles anders, als er es in Sinn und Gedanken getragen, und ein
mächtigerer Geist überwältigte den Geist der schnöden Lüge, der ihn
beherrscht hatte. Das Gesicht eines Engels aus dem hohen Himmelreiche
fing an, aus düstern Nebeln hervor zu dämmern; aber als wie vor scheuer
Angst, das Heilige zu verletzen und dann dem Strafgericht des Herrn zu
erliegen, ergriffen, wagte Francesko nicht, das Gesicht zu vollenden,
und um den nackt gezeichneten Körper legten in anmutigen Falten sich
züchtige Gewänder, ein dunkelrotes Kleid und ein azurblauer Mantel.
Die Kapuzinermönche hatten in dem Schreiben an den Maler Francesko nur
des Bildes der heiligen Rosalia gedacht, ohne weiter zu bestimmen, ob
dabei nicht eine denkwürdige Geschichte ihres Lebens der Vorwurf des
Malers sein solle, und ebendaher hatte Francesko auch nur in der Mitte
des Blatts die Gestalt der Heiligen entworfen; aber nun malte er, vom
Geiste getrieben, allerlei Figuren rings umher, die sich wunderbarlich
zusammenfügten, um das Martyrium der Heiligen darzustellen. Francesko
war in sein Bild ganz und gar versunken, oder vielmehr das Bild war
selbst der mächtige Geist geworden, der ihn mit starken Armen umfaßte
und emporhielt über das frevelige Weltleben, das er bisher getrieben.
Nicht zu vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen, und das
wurde ihm zu einer höllischen Qual, die, wie mit spitzen Stacheln, in
sein inneres Gemüt bohrte. Er gedachte nicht mehr des Venusbildes,
wohl aber war es ihm, als sähe er den alten Meister Leonardo, der ihn
anblickte mit kläglicher Gebärde und ganz ängstlich und schmerzlich
sprach: „Ach, ich wollte dir wohl helfen, aber ich darf es nicht, du
mußt erst entsagen allem sündhaften Streben, und in tiefer Reue und
Demut die Fürbitte der Heiligen erflehen, gegen die du gefrevelt hast.“
-- Die Jünglinge, welche Francesko so lange geflohen, suchten ihn auf
in seiner Werkstatt und fanden ihn, wie einen ohnmächtigen Kranken,
ausgestreckt auf seinem Lager liegen. Da aber Francesko ihnen seine Not
klagte, wie er, als habe ein böser Geist seine Kraft gebrochen, nicht
das Bild der heiligen Rosalia fertig zu machen vermöge, da lachten sie
alle auf und sprachen: „Ei mein Bruder, wie bist du denn mit einem Mal
so krank geworden? -- Laßt uns dem Äskulap und der freundlichen Hygeia
ein Weinopfer bringen, damit jener Schwache dort genese!“ Es wurde
Syrakuser Wein gebracht, womit die Jünglinge die Trinkschalen füllten,
und, vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen Göttern Libationen
darbringend, ausgossen. Aber als sie dann wacker zu zechen begannen und
dem Francesko Wein darboten, da wollte dieser nicht trinken und nicht
teilnehmen an dem Gelage der wilden Brüder, unerachtet sie Frau Venus
hochleben ließen! Da sprach einer unter ihnen: „Der törichte Maler
ist da wohl wirklich in seinen Gedanken und Gliedmaßen krank, und ich
muß nur einen Doktor herbeiholen.“ Er warf seinen Mantel um, steckte
seinen Stoßdegen an und schritt zur Türe hinaus. Es hatte aber nur
wenige Augenblicke gedauert als er wieder hereintrat und sagte: „Ei
seht doch nur, ich bin ja selbst schon der Arzt, der jenen Siechling
dort heilen will.“ Der Jüngling, der gewiß einem alten Arzt in Gang
und Stellung recht ähnlich zu sein begehrte, trippelte mit gekrümmten
Knien einher, und hatte sein jugendliches Gesicht seltsamlich in
Runzeln und Falten verzogen, so daß er anzusehen war, wie ein alter
recht häßlicher Mann, und die Jünglinge sehr lachten und riefen: „Ei
seht doch, was der Doktor für gelehrte Gesichter zu schneiden vermag!“
Der Doktor näherte sich dem kranken Francesko und sprach mit rauher
Stimme und verhöhnendem Ton: „Ei, du armer Geselle, ich muß dich wohl
aufrichten aus trübseliger Ohnmacht! -- Ei, du erbärmlicher Geselle,
wie siehst du doch so blaß und krank aus, der Frau Venus wirst du so
nicht gefallen! -- Kann sein, daß Donna Rosalia sich deiner annehmen
wird, wenn du gesundet! -- Du ohnmächtiger Geselle, nippe von meiner
Wunderarzenei. Da du Heilige malen willst, wird dich mein Trank wohl
zu erkräftigen vermögen, es ist Wein aus dem Keller des heiligen
Antonius.“ Der angebliche Doktor hatte eine Flasche unter dem Mantel
hervorgezogen, die er jetzt öffnete. Es stieg ein seltsamer Duft
aus der Flasche, der die Jünglinge betäubte, so daß sie, wie von
Schläfrigkeit übernommen, in die Sessel sanken und die Augen schlossen.
Aber Francesko riß in wilder Wut, verhöhnt zu sein als ein ohnmächtiger
Schwächling, die Flasche dem Doktor aus den Händen und trank in vollen
Zügen. „Wohl bekomm dir’s,“ rief der Jüngling, der nun wieder sein
jugendliches Gesicht und seinen kräftigen Gang angenommen hatte. Dann
rief er die andern Jünglinge aus dem Schlafe auf, worin sie versunken,
und sie taumelten mit ihm die Treppe hinab. -- So wie der Berg Vesuv
in wildem Brausen verzehrende Flammen aussprüht, so tobte es jetzt in
Feuerströmen heraus aus Franceskos Innern. Alle heidnische Geschichten,
die er jemals gemalt, sah er vor Augen, als ob sie lebendig geworden,
und er rief mit gewaltiger Stimme: „Auch du mußt kommen, meine
geliebte Göttin, du mußt leben und mein sein oder ich weihe mich den
unterirdischen Göttern!“ Da erblickte er Frau Venus, dicht vor dem
Bilde stehend und ihm freundlich zuwinkend. Er sprang auf von seinem
Lager und begann an dem Kopfe der heiligen Rosalia zu malen, weil er
nun der Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich abzukonterfeien
gedachte. Es war ihm so, als könne der feste Wille nicht gebieten der
Hand, denn immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln, in denen der Kopf
der heiligen Rosalia eingehüllt war, und strich unwillkürlich an den
Häuptern der barbarischen Männer, von denen sie umgeben. Und doch kam
das himmlische Antlitz der Heiligen immer sichtbarlicher zum Vorschein
und blickte den Francesko plötzlich mit solchen lebendigstrahlenden
Augen an, daß er, wie von einem herabfahrenden Blitze tödlich
getroffen, zu Boden stürzte. Als er wieder nur etwas weniges seiner
Sinnen mächtig geworden, richtete er sich mühsam in die Höhe, er
wagte jedoch nicht, nach dem Bilde, das ihm so schrecklich geworden,
hinzublicken, sondern schlich mit gesenktem Haupte nach dem Tische, auf
dem des Doktors Weinflasche stand, aus der er einen tüchtigen Zug tat.
Da war Francesko wieder ganz erkräftigt, er schaute nach seinem Bilde,
es stand, bis auf den letzten Pinselstrich vollendet, vor ihm, und
nicht das Antlitz der heiligen Rosalia, sondern das geliebte Venusbild
lachte ihn mit üppigem Liebesblicke an. In demselben Augenblick wurde
Francesko von wilden, freveligen Trieben entzündet. Er heulte vor
wahnsinniger Begier, er gedachte des heidnischen Bildhauers Pygmalion,
dessen Geschichte er gemalt, und flehte so wie er zur Frau Venus, daß
sie seinem Bilde Leben einhauchen möge. Bald war es ihm auch, als
finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme fassen
wollte, sah er wohl, daß es tote Leinewand geblieben. Dann zerraufte
er sein Haar und gebärdete sich wie einer, der von dem Satan besessen.
Schon zwei Tage und zwei Nächte hatte es Francesko so getrieben; am
dritten Tage, als er, wie eine erstarrte Bildsäule vor dem Bilde stand,
ging die Türe seines Gemachs auf, und es rauschte hinter ihm wie mit
weiblichen Gewändern. Er drehte sich um und erblickte ein Weib, das er
für das Original seines Bildes erkannte. Es wären ihm schier die Sinne
vergangen, als er das Bild, welches er aus seinen innersten Gedanken
nach einem Marmorbilde erschaffen, nun lebendig vor sich in aller nur
erdenklichen Schönheit erblickte, und es wandelte ihn beinahe ein
Grausen an, wenn er das Gemälde ansah, das nun wie eine getreuliche
Abspiegelung des fremden Weibes erschien. Es geschah ihm dasjenige,
was die wunderbarliche Erscheinung eines Geistes zu bewirken pflegt,
die Zunge war ihm gebunden, und er fiel lautlos vor der Fremden auf
die Knie und hob die Hände wie anbetend zu ihr empor. Das fremde Weib
richtete ihn aber lächelnd auf und sagte ihm, daß sie ihn schon damals,
als er in der Malerschule des alten Leonardo da Vinci gewesen, als ein
kleines Mädchen oftmals gesehen und eine unsägliche Liebe zu ihm gefaßt
habe. Eltern und Verwandte habe sie nun verlassen und sei allein nach
Rom gewandert, um ihn wiederzufinden, da eine in ihrem Innern ertönende
Stimme ihr gesagt habe, daß er sie sehr liebe und sie aus lauter
Sehnsucht und Begierde abkonterfeit habe, was denn, wie sie jetzt sehe,
auch wirklich wahr sei. Francesko merkte nun, daß ein geheimnisvolles
Seelenverständnis mit dem fremden Weibe obgewaltet, und daß dieses
Verständnis das wunderbare Bild und seine wahnsinnige Liebe zu
demselben geschaffen hatte. Er umarmte das Weib voll inbrünstiger Liebe
und wollte sie sogleich nach der Kirche führen, damit ein Priester
sie durch das heilige Sakrament der Ehe auf ewig binde. Davor schien
sich das Weib aber zu entsetzen, und sie sprach: „Ei, mein geliebter
Francesko, bist du denn nicht ein wackrer Künstler, der sich nicht
fesseln läßt von den Banden der christlichen Kirche? Bist du nicht mit
Leib und Seele dem freudigen frischen Altertum und seinen dem Leben
freundlichen Göttern zugewandt? Was geht unser Bündnis die traurigen
Priester an, die in düstern Hallen ihr Leben in hoffnungsloser Klage
verjammern? Laß uns heiter und hell das Fest unserer Liebe feiern.“
Francesko wurde von diesen Reden des Weibes verführt, und so geschah
es, daß er mit den von sündigem, freveligem Leichtsinn befangenen
Jünglingen, die sich seine Freunde nannten, noch an demselben Abende
sein Hochzeitsfest mit dem fremden Weibe nach heidnischen Gebräuchen
beging. Es fand sich, daß das Weib eine Kiste mit Kleinodien und barem
Gelde mitgebracht hatte, und Francesko lebte mit ihr, in sündlichen
Genüssen schwelgend, und seiner Kunst entsagend, lange Zeit hindurch.
Das Weib fühlte sich schwanger und blühte nun erst immer herrlicher
und herrlicher in leuchtender Schönheit auf, sie schien ganz und gar
das erweckte Venusbild, und Francesko vermochte kaum, die üppige Lust
seines Lebens zu ertragen. Ein dumpfes, angstvolles Stöhnen weckte in
einer Nacht den Francesko aus dem Schlafe; als er erschrocken aufsprang
und mit der Leuchte in der Hand nach seinem Weibe sah, hatte sie ihm
ein Knäblein geboren. Schnell mußten die Diener eilen, um Wehmutter und
Arzt herbeizurufen. Francesko nahm das Kind von dem Schoße der Mutter,
aber in demselben Augenblick stieß das Weib einen entsetzlichen,
durchdringenden Schrei aus und krümmte sich, wie von gewaltigen Fäusten
gepackt, zusammen. Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin, ihr folgte der
Arzt; als sie nun aber dem Weibe Hilfe leisten wollten, schauderten sie
entsetzt zurück, denn das Weib war zum Tode erstarrt, Hals und Brust
durch blaue, garstige Flecke verunstaltet, und statt des jungen schönen
Gesichts erblickten sie ein gräßlich verzerrtes, runzliges Gesicht mit
offnen herausstarrenden Augen. Auf das Geschrei, das die beiden Weiber
erhoben, liefen die Nachbarsleute herzu, man hatte von jeher von dem
fremden Weibe allerlei Seltsames gesprochen; die üppige Lebensart,
die sie mit Francesko führte, war allen ein Greuel gewesen, und es
stand daran, daß man ihr sündhaftes Beisammensein ohne priesterliche
Einsegnung, den geistlichen Gerichten anzeigen wollte. Nun, als sie
die gräßlich entstellte Tote sahen, war es allen gewiß, daß sie im
Bündnis mit dem Teufel gelebt, der sich jetzt ihrer bemächtigt habe.
Ihre Schönheit war nur ein lügnerisches Trugbild verdammter Zauberei
gewesen. Alle Leute die gekommen, flohen erschreckt von dannen, keiner
mochte die Tote anrühren. Francesko wußte nun wohl, mit wem er es zu
tun gehabt hatte, und es bemächtigte sich seiner eine entsetzliche
Angst. Alle seine Frevel standen ihm vor Augen, und das Strafgericht
des Herrn begann hier schon auf Erden, die die Flammen der Hölle in
seinem Innern aufloderten.

Des andern Tages kam ein Abgeordneter des geistlichen Gerichts mit den
Häschern und wollte den Francesko verhaften, da erwachte aber sein Mut
und stolzer Sinn, er ergriff seinen Stoßdegen, machte sich Platz und
entrann. Eine gute Strecke von Rom fand er eine Höhle, in die er sich
ermüdet und ermattet verbarg. Ohne sich dessen deutlich bewußt zu sein,
hatte er das neugeborne Knäblein in den Mantel gewickelt und mit sich
genommen. Voll wilden Ingrimms wollte er das von dem teuflischen Weibe
ihm geborene Kind an den Steinen zerschmettern, aber indem er es in die
Höhe hob, stieß es klägliche bittende Töne aus, und es wandelte ihn
tiefes Mitleid an, er legte das Knäblein auf weiches Moos und tröpfelte
ihm den Saft einer Pomeranze ein, die er bei sich getragen. Francesko
hatte, gleich einem büßenden Einsiedler, mehrere Wochen in der Höhle
zugebracht, und sich abwendend von dem sündlichen Frevel, in dem er
gelebt, inbrünstig zu den Heiligen gebetet. Aber vor allen anderen rief
er die von ihm schwer beleidigte Rosalia an, daß sie vor dem Throne
des Herrn seine Fürsprecherin sein möge. Eines Abends lag Francesko,
in der Wildnis betend, auf den Knien, und schaute in die Sonne, welche
sich tauchte in das Meer, das in Westen seine roten Flammenwellen
emporschlug. Aber, sowie die Flammen verblaßten im grauen Abendnebel,
gewahrte Francesko in den Lüften einen leuchtenden Rosenschimmer,
der sich bald zu gestalten begann. Von Engeln umgeben sah Francesko
die heilige Rosalia, wie sie auf einer Wolke kniete, und ein sanftes
Säuseln und Rauschen sprach die Worte: „Herr, vergib dem Menschen,
der in seiner Schwachheit und Ohnmacht nicht zu widerstehen vermochte
den Lockungen des Satans.“ Da zuckten Blitze durch den Rosenschimmer,
und ein dumpfer Donner ging dröhnend durch das Gewölbe des Himmels:
„Welcher sündige Mensch hat gleich diesem gefrevelt! Nicht Gnade, nicht
Ruhe im Grabe soll er finden, solange der Stamm, den sein Verbrechen
erzeugte, fortwuchert in freveliger Sünde!“ -- -- Francesko sank nieder
in den Staub, denn er wußte wohl, daß nun sein Urteil gesprochen,
und ein entsetzliches Verhängnis ihn trostlos umhertreiben werde. Er
floh, ohne des Knäbleins in der Höhle zu gedenken, von dannen, und
lebte, da er nicht mehr zu malen vermochte, im tiefen, jammervollen
Elend. Manchmal kam es ihm in den Sinn, als müsse er, zur Glorie der
christlichen Religion, herrliche Gemälde ausführen, und er dachte
große Stücke in der Zeichnung und Färbung aus, die die heiligen
Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia darstellen sollten;
aber wie konnte er solche Malerei beginnen, da er keinen Skudo besaß,
um Leinwand und Farben zu kaufen, und nur von dürftigen Almosen, an den
Kirchentüren gespendet, sein qualvolles Leben durchbrachte. Da begab
es sich, daß, als er einst in einer Kirche, die leere Wand anstarrend,
in Gedanken malte, zwei in Schleier gehüllte Frauen auf ihn zutraten,
von denen eine mit holder Engelsstimme sprach: „In dem fernen Preußen
ist der Jungfrau Maria, da wo die Engel des Herrn ihr Bildnis auf
einen Lindenbaum niedersetzten, eine Kirche erbaut worden, die noch
des Schmuckes der Malerei entbehrt. Ziehe hin, die Ausübung deiner
Kunst sei dir heilige Andacht, und deine zerrissene Seele wird gelabt
werden mit himmlischem Trost.“ -- Als Francesko aufblickte zu den
Frauen, gewahrte er, wie sie in sanftleuchtenden Strahlen zerflossen,
und ein Lilien- und Rosenduft die Kirche durchströmte. Nun wußte
Francesko, wer die Frauen waren und wollte den andern Morgen seine
Pilgerfahrt beginnen. Aber noch am Abende desselben Tages fand ihn,
nach vielem Mühen, ein Diener Zenobios auf, der ihm ein zweijähriges
Gehalt auszahlte, und ihn einlud an den Hof seines Herrn. Doch nur eine
geringe Summe behielt Francesko, das übrige teilte er aus an die Armen
und machte sich auf nach dem fernen Preußen. Der Weg führte ihn über
Rom, und er kam in das nicht ferne davon gelegene Kapuzinerkloster,
für welches er die heilige Rosalia gemalt hatte. Er sah auch das Bild
in den Altar eingefügt, doch bemerkte er bei näherer Betrachtung,
daß es nur eine Kopie seines Gemäldes war. Das Original hatten, wie
er erfuhr, die Mönche nicht behalten wegen der sonderbaren Gerüchte,
die man von dem entflohenen Maler verbreitete, aus dessen Nachlaß
sie das Bild bekommen, sondern dasselbe nach gewonnener Kopie, an
das Kapuzinerkloster in B. verkauft. Nach beschwerlicher Pilgerfahrt
langte Francesko in dem Kloster der heiligen Linde in Ostpreußen an,
und erfüllte den Befehl, den ihm die heilige Jungfrau selbst gegeben.
Er malte die Kirche so wunderbarlich aus, daß er wohl einsah, wie der
Geist der Gnade in ihm zu wirken beginne. Trost des Himmels floß in
seine Seele.

* * * * *

Es begab sich, daß der Graf Filippo S. auf der Jagd in einer
abgelegenen wilden Gegend von einem bösen Unwetter überfallen wurde.
Der Sturm heulte durch die Klüfte, der Regen goß in Strömen herab,
als solle in einer neuen Sündflut Mensch und Tier untergehen; da fand
Graf Filippo eine Höhle, in die er sich, samt seinem Pferde, das er
mühsam hineinzog, rettete. Schwarzes Gewölk hatte sich über den ganzen
Horizont gelegt, daher war es, zumal in der Höhle, so finster, daß Graf
Filippo nichts unterscheiden und nicht entdecken konnte, was dicht
neben ihm so raschle und rausche. Er war voll Bangigkeit, daß wohl ein
wildes Tier in der Höhle verborgen sein könne, und zog sein Schwert,
um jeden Angriff abzuwehren. Als aber das Unwetter vorüber und die
Sonnenstrahlen in die Höhle fielen, gewahrte er zu seinem Erstaunen,
daß neben ihm auf einem Blätterlager ein nacktes Knäblein lag und ihn
mit hellen, funkelnden Augen anschaute. Neben ihm stand ein Becher
von Elfenbein, in dem der Graf Filippo noch einige Tropfen duftenden
Weines fand, die das Knäblein begierig einsog. Der Graf ließ sein
Horn ertönen, nach und nach sammelten sich seine Leute, die hierhin,
dorthin geflüchtet waren, und man wartete auf des Grafen Befehl, ob
sich nicht derjenige, der das Kind in die Höhle gelegt, einfinden
würde, es abzuholen. Als nun aber die Nacht einzubrechen begann, da
sprach der Graf Filippo: „Ich kann das Knäblein nicht hilflos liegen
lassen, sondern will es mit mir nehmen, und daß ich dies getan, überall
bekannt machen lassen, damit es die Eltern oder sonst einer, der es in
die Höhle legte, von mir abfordern kann.“ Es geschah so; aber Wochen,
Monate und Jahre vergingen, ohne daß sich jemand gemeldet hätte. Der
Graf hatte dem Findling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben
lassen. Der Knabe wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein
wunderbarer Jüngling, den der Graf, seiner seltenen Gaben wegen, wie
seinen Sohn liebte und ihm, da er kinderlos war, sein ganzes Vermögen
zuzuwenden gedachte. Schon fünfundzwanzig Jahre war Francesko alt
geworden, als der Graf Filippo in törichter Liebe zu einem armen
bildschönen Fräulein entbrannte und sie heiratete, unerachtet sie
blutjung, er aber schon sehr hoch in Jahren war. Francesko wurde
alsbald von sündhafter Begier nach dem Besitze der Gräfin erfaßt, und
unerachtet sie gar fromm und tugendhaft war, und nicht die geschworene
Treue verletzen wollte, gelang es ihm doch endlich nach hartem Kampfe,
sie durch teuflische Künste zu verstricken, so daß sie sich der
freveligen Lust überließ, und er seinem Wohltäter mit schwarzem Undank
und Verrat lohnte. Die beiden Kinder, Graf Pietro und Gräfin Angiola,
die der greise Filippo in vollem Entzücken der Vaterfreude an sein Herz
drückte, waren die Früchte des Frevels, der ihm, sowie der Welt, auf
ewig verborgen blieb.

* * * * *

Von innerm Geiste getrieben, trat ich zu meinem Bruder Zenobio und
sprach: „Ich habe dem Throne entsagt, und selbst dann, wenn du
kinderlos vor mir sterben solltest, will ich ein armer Maler bleiben
und mein Leben in stiller Andacht, die Kunst übend, hinbringen. Doch
nicht fremdem Staat soll unser Ländlein anheim fallen. Jener Francesko,
den der Graf Filippo S. erzogen, ist mein Sohn. Ich war es, der auf
wilder Flucht ihn in der Höhle zurückließ, wo ihn der Graf fand.
Auf dem elfenbeinernen Becher, der bei ihm stand, ist unser Wappen
geschnitzt, doch noch mehr als das schützt des Jünglings Bildung, die
ihn als aus unserer Familie abstammend, getreulich bezeichnet, vor
jedem Irrtum. Nimm, mein Bruder Zenobio, den Jüngling als deinen Sohn
auf, und er sei dein Nachfolger!“ -- Zenobios Zweifel, ob der Jüngling
Francesko in rechtmäßiger Ehe erzeugt sei, wurden durch die von dem
Papst sanktionierte Adoptionsurkunde, die ich auswirkte, gehoben, und
so geschah es, daß meines Sohnes sündhaftes, ehebrecherisches Leben
endete und er bald in rechtmäßiger Ehe einen Sohn erzeugte, den er
Paolo Francesko nannte. -- Gewuchert hat der verbrecherische Stamm auf
verbrecherische Weise. Doch, kann meines Sohnes Reue nicht seine Frevel
sühnen? Ich stand vor ihm, wie das Strafgericht des Herrn, denn sein
Innerstes lag vor mir offen und klar, und was der Welt verborgen, das
sagte mir der Geist, der mächtig und mächtiger wird in mir, und mich
emporhebt über den brausenden Wellen des Lebens, daß ich hinabzuschauen
vermag in die Tiefe, ohne daß dieser Blick mich hinabzieht zum Tode.

Franceskos Entfernung brachte der Gräfin S. den Tod, denn nun erst
erwachte sie zum Bewußtsein der Sünde, und nicht überstehen konnte
sie den Kampf der Liebe zum Verbrecher, und der Reue über das, was
sie begangen. Graf Filippo wurde neunzig Jahre alt, dann starb er als
ein kindischer Greis. Sein vermeintlicher Sohn Pietro zog mit seiner
Schwester Angiola an den Hof Franceskos, der dem Zenobio gefolgt war.
Durch glänzende Feste wurde Paolo Franceskos Verlobung mit Vittoria,
Fürstin von M., gefeiert, als aber Pietro die Braut in voller Schönheit
erblickte, wurde er in heftiger Liebe entzündet, und ohne der Gefahr
zu achten, bewarb er sich um Vittorias Gunst. Doch Paolo Franceskos
Blicken entging Pietros Bestreben, da er selbst in seine Schwester
Angiola heftig entbrannt war, die all’ sein Bemühen kalt zurückwies.
Vittoria entfernte sich von dem Hofe, um, wie sie vorgab, noch vor
ihrer Heirat in stiller Einsamkeit ein heiliges Gelübde zu erfüllen.
Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie zurück, die Hochzeit sollte
vor sich gehen, und gleich nach derselben wollte Graf Pietro mit seiner
Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt zurückkehren. Paolo Franceskos
Liebe zur Angiola war durch ihr stetes, standhaftes Widerstreben immer
mehr entflammt worden, und artete jetzt aus in die wütende Begier des
wilden Tieres, die er nur durch den Gedanken des Genusses zu bezähmen
vermochte. -- So geschah es, daß er durch den schändlichsten Verrat
am Hochzeitstage, ehe er in die Brautkammer ging, Angiola in ihrem
Schlafzimmer überfiel, und ohne daß sie zur Besinnung kam, denn Opiate
hatte sie beim Hochzeitmahl bekommen, seine frevelige Lust befriedigte.
Als Angiola durch die verruchte Tat dem Tode nahe gebracht wurde,
da gestand der von Gewissensbissen gefolterte Paolo Francesko ein,
was er begangen. Im ersten Aufbrausen des Zorns wollte Pietro den
Verräter niederstoßen, aber gelähmt sank sein Arm nieder, da er daran
dachte, daß seine Rache der Tat vorangegangen. Die kleine Giazinta,
Fürstin von B., allgemein für die Tochter der Schwester Vittorias
geltend, war die Frucht des geheimen Verständnisses, das Pietro mit
Paolo Franceskos Braut unterhalten hatte. Pietro ging mit Angiola
nach Deutschland, wo sie einen Sohn gebar, den man Franz nannte und
sorgfältig erziehen ließ. Die schuldlose Angiola tröstete sich endlich
über den entsetzlichen Frevel, und blühte wieder auf in gar herrlicher
Anmut und Schönheit. So kam es, daß der Fürst Theodor von W. eine
gar heftige Liebe zu ihr faßte, die sie aus tiefer Seele erwiderte.
Sie wurde in kurzer Zeit seine Gemahlin, und Graf Pietro vermählte
sich zu gleicher Zeit mit einem deutschen Fräulein, mit der er eine
Tochter erzeugte, so wie Angiola dem Fürsten zwei Söhne gebar. Wohl
konnte sich die fromme Angiola ganz rein im Gewissen fühlen, und doch
versank sie oft in düsteres Nachdenken, wenn ihr, wie ein böser Traum,
Paolo Franceskos verruchte Tat in den Sinn kam, ja es war ihr oft zu
Mute, als sei selbst die bewußtlos begangene Sünde strafbar, und würde
gerächt werden an ihr und ihren Nachkommen. Selbst die Beichte und
vollständige Absolution konnte sie nicht beruhigen. Wie eine himmlische
Eingebung kam ihr nach langer Qual der Gedanke, daß sie alles ihrem
Gemahl entdecken müsse. Unerachtet sie wohl sich des schweren Kampfes
versah, den ihr das Geständnis des von dem Bösewicht Paolo Francesko
verübten Frevels kosten würde, so gelobte sie sich doch feierlich, den
schweren Schritt zu wagen, und sie hielt, was sie gelobt hatte. Mit
Entsetzen vernahm Fürst Theodor die verruchte Tat, sein Inneres wurde
heftig erschüttert, und der tiefe Ingrimm schien selbst der schuldlosen
Gemahlin bedrohlich zu werden. So geschah es, daß sie einige Monate
auf einem entfernten Schloß zubrachte; während der Zeit bekämpfte der
Fürst die bittern Empfindungen, die ihn quälten, und es kam so weit,
daß er nicht allein versöhnt der Gemahlin die Hand bot, sondern auch,
ohne daß sie es wußte, für Franzens Erziehung sorgte. Nach dem Tode
des Fürsten und seiner Gemahlin, wußte nur Graf Pietro und der junge
Fürst Alexander von W. um das Geheimnis von Franzens Geburt. Keiner
der Nachkömmlinge des Malers wurde jenem Francesko, den Graf Filippo
erzog, so ganz und gar ähnlich an Geist und Bildung als dieser Franz.
Ein wunderbarer Jüngling vom höheren Geiste belebt, feurig und rasch in
Gedanken und Tat. Mag des Vaters, mag des Ahnherrn Sünde nicht auf ihm
lasten, mag er widerstehen den bösen Verlockungen des Satans. Ehe Fürst
Theodor starb, reisten seine beiden Söhne Alexander und Johann nach
dem schönen Welschland, doch nicht sowohl offenbare Uneinigkeit, als
verschiedene Neigung, verschiedenes Streben war die Ursache, daß die
beiden Brüder sich in Rom trennten. Alexander kam an Paolo Franceskos
Hof, und faßte solche Liebe zu Paolos jüngster mit Vittoria erzeugten
Tochter, daß er sich ihr zu vermählen gedachte. Fürst Theodor wies
indessen mit einem Abscheu, der dem Fürsten Alexander unerklärlich war,
die Verbindung zurück, und so kam, daß erst nach Theodors Tode Fürst
Alexander sich mit Paolo Franceskos Tochter vermählte. Prinz Johann
hatte auf dem Heimwege seinen Bruder Franz kennen gelernt, und fand
an dem Jünglinge, dessen nahe Verwandtschaft mit ihm er nicht ahnte,
solches Behagen, daß er sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Franz
war die Ursache, daß der Prinz, statt heimzukehren nach der Residenz
des Bruders, nach Italien zurückging. Das ewige unerforschliche
Verhängnis wollte es, daß beide, Prinz Johann und Franz, Vittorias und
Pietros Tochter Giazinta sahen, und beide in heftiger Liebe zu ihr
entbrannten. -- Das Verbrechen keimt, wer vermag zu widerstehen den
dunkeln Mächten.

* * * * *

Wohl waren die Sünden und Frevel meiner Jugend entsetzlich, aber durch
die Fürsprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich
errettet vom ewigen Verderben, und es ist mir vergönnt, die Qualen
der Verdammnis zu erdulden hier auf Erden, bis der verbrecherische
Stamm verdorret ist und keine Früchte mehr trägt. Über geistige Kräfte
gebietend drückt mich die Last des Irdischen nieder, und das Geheimnis
der düstern Zukunft ahnend, blendet mich der trügerische Farbenglanz
des Lebens, und das blöde Auge verwirrt sich in zerfließenden Bildern,
ohne daß es die wahre innere Gestaltung zu erkennen vermag! -- Ich
erblicke oft den Faden, den die dunkle Macht, sich auflehnend gegen
das Heil meiner Seele, fortspinnt, und glaube töricht ihn erfassen,
ihn zerreißen zu können. Aber dulden soll ich, und gläubig und fromm
in fortwährender reuiger Buße die Marter ertragen, die mir auferlegt
worden, um meine Missetaten zu sühnen. Ich habe den Prinzen und Franz
von Giazinta weggescheucht, aber der Satan ist geschäftig, dem Franz
das Verderben zu bereiten, dem er nicht entgehen wird. -- Franz kam
mit dem Prinzen an den Ort, wo sich Graf Pietro mit seiner Gemahlin
und seiner Tochter Aurelie, die eben fünfzehn Jahr alt worden,
aufhielt. So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko in wilder
Begier entbrannte, als er Angiola sah, so loderte das Feuer verbotener
Lust auf in dem Sohn, als er das holde Kind Aurelie erblickte. Durch
allerlei teuflische Künste der Verführung wußte er die fromme kaum
erblühte Aurelie zu umstricken, daß sie mit ganzer Seele ihm sich
ergab, und sie hatte gesündigt, ehe der Gedanke der Sünde aufgegangen
in ihrem Innern. Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben konnte,
da warf er sich, wie voll Verzweiflung über das, was er begangen, der
Mutter zu Füßen und gestand alles. Graf Pietro, unerachtet selbst in
Sünde und Frevel befangen, hätte Franz und Aurelie ermordet. Die Mutter
ließ den Franz ihren gerechten Zorn fühlen, indem sie ihn mit der
Drohung, die verruchte Tat dem Grafen Pietro zu entdecken, auf immer
aus ihren und der verführten Tochter Augen verbannte. Es gelang der
Gräfin, die Tochter den Augen des Grafen zu entziehen, und sie gebar
an entferntem Orte ein Töchterlein. Aber Franz konnte nicht lassen von
Aurelien, er erfuhr ihren Aufenthalt, eilte hin und trat in das Zimmer,
als eben die Gräfin, verlassen vom Hausgesinde, neben dem Bette der
Tochter saß und das Töchterlein, das erst acht Tage alt worden, auf
dem Schoße hielt. Die Gräfin stand voller Schreck und Entsetzen über
den unvermuteten Anblick des Bösewichts auf, und gebot ihm, das Zimmer
zu verlassen. „Fort ... fort, sonst bist du verloren; Graf Pietro
weiß, was du Verruchter begangen!“ So rief sie, um dem Franz Furcht
einzujagen, und drängte ihn nach der Türe; da übermannte den Franz
wilde, teuflische Wut, er riß der Gräfin das Kind vom Arme, versetzte
ihr einen Faustschlag vor die Brust, daß sie rücklings niederstürzte,
und rannte fort. Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte, war die
Mutter nicht mehr am Leben, die tiefe Kopfwunde (sie war auf einen mit
Eisen beschlagenen Kasten gestürzt) hatte sie getötet. Franz hatte im
Sinn, das Kind zu ermorden, er wickelte es in Tücher, lief am finstern
Abend die Treppe hinab und wollte eben zum Hause hinaus, als er ein
dumpfes Wimmern vernahm, das aus einem Zimmer des Erdgeschosses zu
kommen schien. Unwillkürlich blieb er stehen, horchte und schlich
endlich jenem Zimmer näher. In dem Augenblick trat eine Frau, welche
er für die Kinderwärterin der Baronesse S., in deren Hause er wohnte,
erkannte, unter kläglichem Jammern heraus. Franz frug, weshalb sie sich
so gebärde? „Ach Herr,“ sagte die Frau, „mein Unglück ist gewiß, soeben
saß die kleine Euphemie auf meinem Schoße und juchzte und lachte, aber
mit einemmal läßt sie das Köpfchen sinken und ist tot. -- Blaue Flecken
hat sie auf der Stirn, und so wird man mir Schuld geben, daß ich sie
habe fallen lassen!“ -- Schnell trat Franz hinein, und als er das tote
Kind erblickte, gewahrte er, wie das Verhängnis das Leben seines Kindes
wollte, denn es war mit der toten Euphemie auf wunderbare Weise gleich
gebildet und gestaltet. Die Wärterin, vielleicht nicht so unschuldig
an dem Tode des Kindes als sie vorgab, und bestochen durch Franzens
reichliches Geschenk, ließ sich den Tausch gefallen; Franz wickelte nun
das tote Kind in die Tücher und warf es in den Strom. Aureliens Kind
wurde als die Tochter der Baronesse von S., Euphemie mit Namen, erzogen
und der Welt blieb das Geheimnis ihrer Geburt verborgen. Die Unselige
wurde nicht durch das Sakrament der heiligen Taufe in den Schoß der
Kirche aufgenommen, denn getauft war schon das Kind, dessen Tod ihr
Leben erhielt. Aurelie hatte sich nach mehreren Jahren mit dem Baron
von S. vermählt; zwei Kinder, Hermogen und Aurelie sind die Frucht
dieser Vermählung.

* * * * *

Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergönnt, daß, als der Prinz
mit Francesko (so nannte er den Franz auf italienische Weise) nach
der Residenzstadt des fürstlichen Bruders zu gehen gedachte, ich zu
ihnen treten und mitziehen durfte. Mit kräftigem Arm wollte ich den
schwankenden Francesko erfassen, wenn er sich dem Abgrunde nahte, der
sich vor ihm aufgetan. Törichtes Beginnen des ohnmächtigen Sünders,
der noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn! -- Francesko
ermordete den Bruder, nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geübt!
Franceskos Sohn ist der unselige Knabe, den der Fürst unter dem Namen
des Grafen Viktorin erziehen läßt. Der Mörder Francesko gedachte sich
zu vermählen mit der frommen Schwester der Fürstin, aber ich vermochte
dem Frevel vorzubeugen in dem Augenblick, als er begangen werden sollte
an heiliger Stätte.

* * * * *

Wohl bedurfte es des tiefen Elends, in das Franz versank -- nachdem
er, gefoltert von dem Gedanken nie abzubüßender Sünde, entflohen --
um ihn zur Reue zu wenden. Von Gram und Krankheit gebeugt kam er
auf der Flucht zu einem Landmann, der ihn freundlich aufnahm. Des
Landmanns Tochter, eine fromme, stille Jungfrau, faßte wunderbare
Liebe zu dem Fremden, und pflegte ihn sorglich. So geschah es, daß,
als Francesko genesen, er der Jungfrau Liebe erwiderte, und sie
wurden durch das heilige Sakrament der Ehe vereinigt. Es gelang ihm,
durch seine Klugheit und Wissenschaft sich aufzuschwingen und des
Vaters nicht geringen Nachlaß reichlich zu vermehren, so daß er viel
irdischen Wohlstand genoß. Aber unsicher und eitel ist das Glück des
mit Gott nicht versöhnten Sünders. Franz sank zurück in die bitterste
Armut und tötend war sein Elend, denn er fühlte, wie Geist und
Körper hinschwanden in kränkelnder Siechheit. Sein Leben wurde eine
fortwährende Bußübung. Endlich sandte ihm der Himmel einen Strahl des
Trostes. -- Er soll pilgern nach der heiligen Linde und dort wird ihm
die Geburt eines Sohnes die Gnade des Herrn verkünden.

* * * * *

In dem Walde, der das Kloster zur heiligen Linde umschließt, trat ich
zu der bedrängten Mutter, als sie über dem neugeborenen vaterlosen
Knäblein weinte, und erquickte sie mit Worten des Trostes. --

Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf, dem Kinde, das geboren wird
in dem segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten! Oftmals begibt es
sich, daß das Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und früh in dem
kindischen Gemüt den Funken der Liebe entzündet. --

Die Mutter hatte in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen, Franz,
geben lassen! -- Wirst du es denn sein, Franziskus, der, an heiliger
Stätte geboren, durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn
entsündigt und ihm Ruhe schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren
verführerischen Lockungen, soll der Knabe sich ganz dem Himmlischen
zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat es der heilige Mann, der
wunderbaren Trost in meine Seele goß, der Mutter verkündet, und es
mag wohl die Prophezeiung der Gnade sein, die mich mit wundervoller
Klarheit erleuchtet, so daß ich in meinem Innern das lebendige Bild der
Zukunft zu erschauen vermeine.

Ich sehe den Jüngling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht,
die auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! -- Er fällt, doch ein
göttlich Weib erhebt über sein Haupt die Siegeskrone! -- Es ist die
heilige Rosalie selbst, die ihn errettet! -- So oft es mir die ewige
Macht des Himmels vergönnt, will ich dem Knaben, dem Jünglinge, dem
Mann nahe sein und ihn schützen, wie es die mir verliehene Kraft
vermag. -- Er wird sein wie --


+Anmerkung des Herausgebers.+

Hier wird, günstiger Leser! die halb erloschene Schrift des alten
Malers so undeutlich, daß weiter etwas zu entziffern, ganz unmöglich
ist. Wir kehren zu dem Manuskript des merkwürdigen Kapuziners Medardus
zurück.




3. Abschnitt.

Die Rückkehr in das Kloster.


Es war so weit gekommen, daß überall, wo ich mich in den Straßen von
Rom blicken ließ, einzelne aus dem Volk stillstanden, und in gebeugter,
demütiger Stellung um meinen Segen baten. Mocht’ es sein, daß meine
strengen Bußübungen, die ich fortsetzte, schon Aufsehen erregten,
aber gewiß war es, daß meine fremdartige, wunderliche Erscheinung den
lebhaften fantastischen Römern bald zu einer Legende werden mußte, und
daß sie mich vielleicht, ohne daß ich es ahnte, zu dem Helden irgend
eines frommen Märchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange Seufzer
und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf
den Stufen des Altars liegend, versunken, und ich bemerkte dann, wie
rings um mich her Andächtige knieten, und meine Fürbitte zu erflehen
schienen. So wie in jenem Kapuzinerkloster, hörte ich hinter mir rufen:
il Santo! -- und schmerzhafte Dolchstiche fuhren durch meine Brust.
Ich wollte Rom verlassen, doch wie erschrak ich, als der Prior des
Klosters, in dem ich mich aufhielt, mir ankündigte, daß der Papst mich
hätte zu sich entbieten lassen. Düstre Ahnungen stiegen in mir auf,
daß vielleicht aufs neue die böse Macht in feindlichen Verkettungen
mich festzubannen trachte, indessen faßte ich Mut, und ging zur
bestimmten Stunde nach dem Vatikan. Der Papst, ein wohlgebildeter Mann,
noch in den Jahren der vollen Kraft, empfing mich auf einem reich
verzierten Lehnstuhl sitzend. Zwei wunderschöne, geistlich gekleidete
Knaben bedienten ihn mit Eiswasser und durchfächelten das Zimmer mit
Reiherbüschen, um, da der Tag überheiß war, die Kühle zu erhalten.
Demütig trat ich auf ihn zu und machte die gewöhnliche Kniebeugung. Er
sah mich scharf an, der Blick hatte aber etwas Gutmütiges und statt
des strengen Ernstes, der sonst, wie ich aus der Ferne wahrzunehmen
geglaubt, auf seinem Gesicht ruhte, ging ein sanftes Lächeln durch
alle Züge. Er frug, woher ich käme, was mich nach Rom gebracht -- kurz
das gewöhnlichste über meine persönlichen Verhältnisse, und stand
dann auf, indem er sprach: „Ich ließ Euch rufen, weil man mir von
Eurer seltenen Frömmigkeit erzählt. -- Warum, Mönch Medardus, treibst
du deine Andachtsübungen öffentlich vor dem Volk in den besuchtesten
Kirchen? -- Gedenkst du zu erscheinen als ein Heiliger des Herrn und
angebetet zu werden von dem fanatischen Pöbel, so greife in deine Brust
und forsche wohl, wie der innerste Gedanke beschaffen, der dich so
zu handeln treibt. -- Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir,
seinem Statthalter, so nimmst du bald ein schmähliches Ende, Mönch
Medardus!“ -- Diese Worte sprach der Papst mit starker, durchdringender
Stimme, und wie treffende Blitze funkelte es aus seinen Augen. Nach
langer Zeit zum erstenmal fühlte ich mich nicht der Sünde schuldig,
der ich angeklagt wurde, und so mußte es wohl kommen, daß ich nicht
allein meine Fassung behielt, sondern auch von dem Gedanken, daß meine
Buße aus wahrer, innerer Zerknirschung hervorgegangen, erhoben wurde,
und wie ein Begeisterter zu sprechen vermochte: „Ihr hochheiliger
Statthalter des Herrn, wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein
Inneres zu schauen; wohl mögt Ihr es wissen, daß zentnerschwer mich
die unsägliche Last meiner Sünden zu Boden drückt, aber ebenso werdet
Ihr die Wahrheit meiner Reue erkennen. Fern von mir ist der Gedanke
schnöder Heuchelei, fern von mir jede ehrgeizige Absicht, das Volk
zu täuschen auf verruchte Weise. -- Vergönnt es dem büßenden Mönche,
o hochheiliger Herr! daß er in kurzen Worten sein verbrecherisches
Leben, aber auch das, was er in der tiefsten Reue und Zerknirschung
begonnen, Euch enthülle!“ -- So fing ich an, und erzählte nun, ohne
Namen zu nennen und so gedrängt als möglich meinen Lebenslauf.
Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst. Er setzte sich in den
Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde nieder,
dann fuhr er plötzlich in die Höhe; die Hände übereinander geschlagen
und mit dem rechten Fuß ausschreitend, als wolle er auf mich zu
treten, starrte er mich an mit glühenden Augen. Als ich geendet,
setzte er sich aufs neue. „Eure Geschichte, Mönch Medardus!“ fing er
an, „ist die verwunderlichste, die ich jemals vernommen. -- Glaubt
Ihr an die offenbare sichtliche Einwirkung einer bösen Macht, die die
Kirche Teufel nennt?“ -- Ich wollte antworten, der Papst fuhr fort:
„Glaubt Ihr, daß der Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und
austranket, Euch zu den Freveln trieb, die Ihr beginget?“ -- „Wie ein
von giftigen Dünsten geschwängertes Wasser gab er Kraft dem bösen
Keim, der in mir ruhete, daß er fortzuwuchern vermochte!“ -- Als ich
dies erwidert, schwieg der Papst einige Augenblicke, dann fuhr er mit
ernstem, in sich gekehrtem Blick fort: „Wie, wenn die Natur die Regel
des körperlichen Organismus auch im geistigen befolgte, daß gleicher
Keim nur Gleiches zu gebären vermag? ... Wenn Neigung und Wollen, --
wie die Kraft, die im Kern erschlossen, des hervorschießenden Baumes
Blätter wieder grün färbt -- sich fortpflanzte von Vätern zu Vätern,
alle Willkür aufgebend? ... Es gibt Familien von Mördern, von Räubern!
... Das wäre die Erbsünde, des frevelhaften Geschlechts ewiger, durch
kein Sühnopfer vertilgbarer Fluch!“ -- „Muß der vom Sünder Geborne
wieder sündigen, vermöge des vererbten Organism, dann gibt es keine
Sünde,“ so unterbrach ich den Papst. „Doch!“ sprach er, „der ewige
Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in uns wütet, zu
bändigen und in Fesseln zu schlagen vermag. Bewußtsein heißt dieser
Riese, aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneität erzeugt.
Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Tieres die Sünde.“ Der
Papst schwieg einige Augenblicke, dann heiterte sein Blick sich auf,
und er sprach mit sanfter Stimme: „Glaubt Ihr, Mönch Medardus, daß es
für den Statthalter des Herrn schicklich sei, mit Euch über Tugend und
Sünde zu vernünfteln?“ -- „Ihr habt, hochheiliger Herr,“ erwiderte ich,
„Euren Diener gewürdigt Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu
vernehmen, und wohl mag es Euch ziemen, über den Kampf zu sprechen, den
Ihr längst, herrlich und glorreich siegend, geendet.“ -- „Du hast eine
gute Meinung von mir, Bruder Medardus,“ sprach der Papst, „oder glaubst
du, daß die Tiara der Lorbeer sei, der mich als Helden und Sieger der
Welt verkündet?“ -- „Es ist“, sprach ich, „wohl etwas Großes, König
sein und herrschen über ein Volk. So im Leben hochgestellt, mag alles
rings umher näher zusammengerückt in jedem Verhältnis kommensurabler
erscheinen, und eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare Kraft
des Überschauens entwickeln, die, wie eine höhere Weihe, sich kundtut
im gebornen Fürsten.“ -- „Du meinst,“ fiel der Papst ein, „daß selbst
den Fürsten, die schwach an Verstande und Willen, doch eine gewisse
wunderliche Sagazität beiwohne, die füglich für Weisheit geltend, der
Menge zu imponieren vermag. Aber wie gehört das hierher?“ -- „Ich
wollte,“ fuhr ich fort, „von der Weihe der Fürsten reden, deren Reich
von dieser Welt ist, und dann von der heiligen, göttlichen Weihe des
Statthalters des Herrn. Auf geheimnisvolle Weise erleuchtet der Geist
des Herrn die im Konklave eingeschlossenen hohen Priester. Getrennt,
in einzelnen Gemächern frommer Betrachtung hingegeben, befruchtet
der Strahl des Himmels das nach der Offenbarung sich sehnende Gemüt,
und +ein+ Name erschallt, wie ein, die ewige Macht lobpreisender
Hymnus, von den begeisterten Lippen. -- Nur kund getan in irdischer
Sprache wird der Beschluß der ewigen Macht, die sich ihren würdigen
Statthalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr! ist Eure Krone,
im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der Welten,
verkündend, in der Tat der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger
darstellt. -- Nicht von dieser Welt ist Euer Reich, und doch seid
Ihr berufen zu herrschen über alle Reiche dieser Erde, die Glieder
der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn! -- Das
weltliche Reich, das Euch beschieden, ist nur Euer in himmlischer
Pracht blühender Thron.“ -- „Das gibst du zu,“ unterbrach mich der
Papst, -- „das gibst du zu, Bruder Medardus, daß ich Ursache habe,
mit diesem mir beschiedenen Thron zufrieden zu sein. Wohl ist meine
blühende Roma geschmückt mit himmlischer Pracht, das wirst du auch
wohl fühlen, Bruder Medardus! hast du deinen Blick nicht ganz dem
Irdischen verschlossen ... Doch das glaub’ ich nicht ... Du bist ein
wackerer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen ... Wir werden uns,
merk’ ich, näher verständigen!... Bleibe hier! ... In einigen Tagen
bist du vielleicht Prior, und später könnt’ ich dich wohl gar zu meinem
Beichtvater erwählen ... Gehe ... gebärde dich weniger närrisch in
den Kirchen, zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf
-- der Kalender ist vollzählig. Gehe.“ -- Des Papstes letzte Worte
verwunderten mich ebenso, wie sein ganzes Betragen überhaupt, das ganz
dem Bilde widersprach, wie es sonst von dem Höchsten der christlichen
Gemeinde, dem die Macht gegeben zu binden und zu lösen, in meinem
Innern aufgegangen war. Es war mir nicht zweifelhaft, daß er alles,
was ich von der hohen Göttlichkeit seines Berufs gesprochen, für eine
leere, listige Schmeichelei gehalten hatte. Er ging von der Idee aus,
daß ich mich hatte zum Heiligen aufschwingen wollen, und daß ich, da er
mir aus besonderen Gründen den Weg dazu versperren mußte, nun gesonnen
war, mir auf andere Weise Ansehen und Einfluß zu verschaffen. Auf
dieses wollte er wieder aus besonderen mir unbekannten Gründen eingehen.

Ich beschloß, -- ohne daran zu denken, daß ich ja, ehe der Papst
mich rufen ließ, Rom hatte verlassen wollen -- meine Andachtsübungen
fortzusetzen. Doch nur zu sehr im Innern fühlte ich mich bewegt,
um wie sonst mein Gemüt ganz dem Himmlischen zuwenden zu können.
Unwillkürlich dachte ich selbst im Gebet an mein früheres Leben;
erblaßt war das Bild meiner Sünden und nur das Glänzende der Laufbahn,
die ich als Liebling eines Fürsten begonnen, als Beichtiger des Papstes
fortsetzen, und wer weiß auf welcher Höhe enden werde, stand grell
leuchtend vor meines Geistes Augen. So kam es, daß ich, nicht weil
es der Papst verboten, sondern unwillkürlich meine Andachtsübungen
einstellte, und statt dessen in den Straßen von Rom umherschlenderte.
Als ich eines Tages über den spanischen Platz ging, war ein Haufen
Volks um den Kasten eines Puppenspielers versammelt. Ich vernahm
Pulcinells komisches Gequäke und das wiehernde Gelächter der Menge.
Der erste Akt war geendet, man bereitete sich auf den zweiten vor. Die
kleine Decke flog auf, der junge David erschien mit seiner Schleuder
und dem Sack voll Kieselsteinen. Unter possierlichen Bewegungen
versprach er, daß nunmehr der ungeschlachte Riese Goliath ganz gewiß
erschlagen und Israel errettet werden solle. Es ließ sich ein dumpfes
Rauschen und Brummen hören. Der Riese Goliath stieg empor mit einem
ungeheuren Kopfe. -- Wie erstaunte ich, als ich auf den ersten Blick
in dem Goliathskopf den närrischen Belcampo erkannte. Dicht unter
dem Kopf hatte er mittels einer besonderen Vorrichtung einen kleinen
Körper mit Ärmchen und Beinchen angebracht, seine eigenen Schultern
und Arme aber durch eine Draperie versteckt, die wie Goliaths breit
gefalteter Mantel anzusehen war. Goliath hielt, mit den seltsamsten
Grimassen und groteskem Schütteln des Zwergleibes, eine stolze Rede,
die David nur zuweilen durch ein feines Kichern unterbrach. Das Volk
lachte unmäßig, und ich selbst, wunderlich angesprochen von der neuen,
fabelhaften Erscheinung Belcampos, ließ mich fortreißen und brach
aus in das längst ungewohnte Lachen der innern kindischen Lust. --
Ach, wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der
innern herzzerreißenden Qual. Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange
Disputation voraus, und David bewies überaus künstlich und gelehrt,
warum er den furchtbaren Gegner totschmeißen müsse und werde. Belcampo
ließ alle Muskeln seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer spielen,
und dabei schlugen die Riesenärmchen nach dem kleiner als kleinen
David, der geschickt unterzuducken wußte und dann hier und da, ja
selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum Vorschein kam. Endlich flog
der Kiesel an Goliaths Haupt, er sank hin und die Decke fiel. Ich
lachte immer mehr, durch Belcampos tollen Genius gereizt, überlaut, da
klopfte jemand leise auf meine Schulter. Ein Abbate stand neben mir.
„Es freut mich,“ fing er an, „daß Ihr, mein ehrwürdiger Herr, nicht
die Lust am Irdischen verloren habt. Beinahe traute ich Euch, nachdem
ich Eure merkwürdigen Andachtsübungen gesehen, nicht mehr zu, daß
Ihr über solche Torheiten zu lachen vermöchtet.“ Es war mir, als der
Abbate dieses sprach, als müßte ich mich meiner Lustigkeit schämen,
und unwillkürlich sprach ich, was ich gleich darauf schwer bereute
gesprochen zu haben. „Glaubt mir, mein Herr Abbate,“ sagte ich, „daß
dem, der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens ein rüstiger Schwimmer
war, nie die Kraft gebricht, aus dunkler Flut aufzutauchen und mutig
sein Haupt zu erheben.“ Der Abbate sah mich mit blitzenden Augen an.
„Ei,“ sprach er, „wie habt Ihr das Bild so gut erfunden und ausgeführt.
Ich glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar, und bewundere Euch aus
tiefstem Grunde meiner Seele.“

„Ich weiß nicht, mein Herr! wie ein armer büßender Mönch Eure
Bewunderung zu erregen vermochte!“

„Vortrefflich, Ehrwürdigster! -- Ihr fallt zurück in Eure Rolle! -- Ihr
seid des Papstes Liebling?“

„Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen, mich seines
Blicks zu würdigen. -- Ich habe ihn verehrt im Staube, wie es der
Würde, die ihm die ewige Macht verlieh, als sie himmlisch reine Tugend
bewährt fand in seinem Innern, geziemt.“

„Nun, du ganz würdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekrönten, du
wirst tapfer tun, was deines Amtes ist! -- Aber glaube mir, der jetzige
Statthalter des Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den
sechsten, und da magst du dich vielleicht doch verrechnet haben! --
Doch -- spiele deine Rolle -- ausgespielt ist bald, was munter und
lustig begann. -- Lebt wohl, mein sehr ehrwürdiger Herr!“

Mit gellendem Hohngelächter sprang der Abbate von dannen, erstarrt
blieb ich stehen. Hielt ich seine letzte Äußerung mit meinen eignen
Bemerkungen über den Papst zusammen, so mußte es mir wohl klar
aufgehen, daß er keineswegs der nach dem Kampf mit dem Tier gekrönte
Sieger war, für den ich ihn gehalten, und ebenso mußte ich auf
entsetzliche Weise mich überzeugen, daß, wenigstens dem eingeweihten
Teil des Publikums, meine Buße als ein heuchlerisches Bestreben
erschienen war, mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen.
Verwundet bis tief in das Innerste, kehrte ich in mein Kloster zurück
und betete inbrünstig in der einsamen Kirche. Da fiel es mir wie
Schuppen von den Augen, und ich erkannte bald die Versuchung der
finstern Macht, die mich aufs neue zu verstricken getrachtet hatte,
aber auch zugleich meine sündige Schwachheit und die Strafe des
Himmels. -- Nur schnelle Flucht konnte mich retten, und ich beschloß
mit dem frühesten Morgen mich auf den Weg zu machen. Schon war
beinahe die Nacht eingebrochen, als die Hausglocke des Klosters stark
angezogen wurde. Bald darauf trat der Bruder Pförtner in meine Zelle
und berichtete, daß ein seltsam gekleideter Mann durchaus begehre
mich zu sprechen. Ich ging nach dem Sprachzimmer, es war Belcampo,
der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang, bei beiden Armen mich
packte, und mich schnell in einen Winkel zog. „Medardus,“ fing er leise
und eilig an, „Medardus, du magst es nun anstellen wie du willst, um
dich zu verderben, die Narrheit ist hinter dir her auf den Flügeln
des Westwindes -- Südwindes oder auch Süd-Südwest -- oder sonst, und
packt dich, ragt auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem
Abgrunde, und zieht dich herauf -- O Medardus, erkenne das -- erkenne
was Freundschaft ist, erkenne was Liebe vermag, glaube an David und
Jonathan, liebster Kapuziner!“ -- „Ich habe Sie als Goliath bewundert,“
fiel ich dem Schwätzer in die Rede, „aber sagen Sie mir schnell, worauf
es ankommt -- was Sie zu mir hertreibt?“ -- „Was mich hertreibt?“
sprach Belcampo, „was mich hertreibt? -- Wahnsinnige Liebe zu einem
Kapuziner, dem ich einst den Kopf zurechtsetzte, der umherwarf mit
blutiggoldenen Dukaten -- der Umgang hatte mit scheußlichen Revenants
-- der, nachdem er was weniges gemordet hatte -- die Schönste der
Welt heiraten wollte, bürgerlicher oder vielmehr adliger Weise.“ --
„Halt ein,“ rief ich, „halt ein, du grauenhafter Narr! Gebüßt habe ich
schwer, was du mir vorwirfst im freveligen Mutwillen.“ -- „O Herr,“
fuhr Belcampo fort, „noch ist die Stelle so empfindlich, wo Euch die
feindliche Macht tiefe Wunden schlug? -- Ei, so ist Eure Heilung noch
nicht vollbracht. -- Nun ich will sanft und ruhig sein, wie ein frommes
Kind, ich will mich bezähmen, ich will nicht mehr springen, weder
körperlich noch geistig, und Euch, geliebter Kapuziner, bloß sagen,
daß ich Euch hauptsächlich Eurer sublimen Tollheit halber so zärtlich
liebe, und da es überhaupt nützlich ist, daß jedes tolle Prinzip so
lange lebe und gedeihe auf Erden als nur immer möglich, so rette ich
dich aus jeder Todesgefahr, in die du mutwilligerweise dich begibst.
In meinem Puppenkasten habe ich ein Gespräch belauscht, das dich
betrifft. Der Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters
und zu seinem Beichtiger erheben. Fliehe schnell, schnell fort von
Rom, denn Dolche lauern auf dich. Ich kenne den Bravo, der dich ins
Himmelreich spedieren soll. Du bist dem Dominikaner, der jetzt des
Papstes Beichtiger ist, und seinem Anhange im Wege. -- Morgen darfst du
nicht mehr hier sein.“ -- Diese neue Begebenheit konnte ich gar gut mit
den Äußerungen des unbekannten Abbate zusammenreimen; so betroffen war
ich, daß ich kaum bemerkte, wie der possierliche Belcampo mich ein Mal
über das andere an das Herz drückte und endlich mit seinen gewöhnlichen
seltsamen Grimassen und Sprüngen Abschied nahm. --

Mitternacht mochte vorüber sein, als ich die äußere Pforte des Klosters
öffnen und einen Wagen dumpf über das Pflaster des Hofes hereinrollen
hörte. Bald darauf kam es den Gang herauf; man klopfte an meine Zelle,
ich öffnete und erblickte den Pater Guardian, dem ein tief vermummter
Mann mit einer Fackel folgte. „Bruder Medardus,“ sprach der Guardian,
„ein Sterbender verlangt in der Todesnot Euern geistlichen Zuspruch und
die letzte Ölung. Tut was Eures Amtes ist und folgt diesem Mann, der
Euch dorthin führen wird, wo man Eurer bedarf.“ -- Mich überlief ein
kalter Schauer, die Ahnung, daß man mich zum Tode führen wolle, regte
sich in mir auf; doch durfte ich mich nicht weigern und folgte daher
dem Vermummten, der den Schlag des Wagens öffnete, und mich nötigte
einzusteigen. Im Wagen fand ich zwei Männer, die mich in ihre Mitte
nahmen. Ich frug, wo man mich hinführen wolle? -- +wer+ gerade von
+mir+ Zuspruch und letzte Ölung verlange? -- Keine Antwort! In tiefem
Schweigen ging es fort durch mehrere Straßen. Ich glaubte an dem Klange
wahrzunehmen, daß wir schon außerhalb Roms waren, doch bald vernahm
ich deutlich, daß wir durch ein Tor und dann wieder durch gepflasterte
Straßen fuhren. Endlich hielt der Wagen, und schnell wurden mir die
Hände gebunden und eine dicke Kappe fiel über mein Gesicht. „Euch soll
nichts Böses widerfahren,“ sprach eine rauhe Stimme, „nur schweigen
müßt ihr über alles, was Ihr sehen und hören werdet, sonst ist Euer
augenblicklicher Tod gewiß.“ -- Man hob mich aus dem Wagen, Schlösser
klirrten, und ein Tor dröhnte auf in schweren, ungefügigen Angeln.
Man führte mich durch lange Gänge und endlich Treppen hinab -- tiefer
und tiefer. Der Schall der Tritte überzeugte mich, daß wir uns in
Gewölben befanden, deren Bestimmung der durchdringende Totengeruch
verriet. Endlich stand man still -- die Hände wurden mir losgebunden,
die Kappe mir vom Kopfe gezogen. Ich befand mich in einem geräumigen,
von einer Ampel schwach beleuchteten Gewölbe, ein schwarz vermummter
Mann, wahrscheinlich derselbe, der mich hergeführt hatte, stand neben
mir, rings umher saßen auf niedrigen Bänken Dominikanermönche. Der
grauenhafte Traum, den ich einst in dem Kerker träumte, kam mir in den
Sinn, ich hielt meinen qualvollen Tod für gewiß, doch blieb ich gefaßt
und betete inbrünstig im stillen, nicht um Rettung, sondern um ein
seliges Ende. Nach einigen Minuten düstern ahnungsvollen Schweigens
trat einer der Mönche auf mich zu und sprach mit dumpfer Stimme:
„Wir haben einen Eurer Ordensbrüder gerichtet, Medardus! Das Urteil
soll vollstreckt werden. Von Euch, einem heiligen Manne, erwartet er
Absolution und Zuspruch im Tode! -- Geht und tut was Eures Amtes ist.“
Der Vermummte, welcher neben mir stand, faßte mich unter den Arm und
führte mich weiter fort, durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe.
Hier lag in einem kleinen Winkel auf dem Strohlager ein bleiches,
abgezehrtes, mit Lumpen behängtes Gerippe. Der Vermummte setzte die
Lampe, die er mitgebracht, auf den steinernen Tisch in der Mitte des
Gewölbes und entfernte sich. Ich nahte mich dem Gefangenen, er drehte
sich mühsam nach mir um; ich erstarrte, als ich die ehrwürdigen Züge
des frommen Cyrillus erkannte. Ein himmlisches, verklärtes Lächeln
überflog sein Gesicht. „So haben mich,“ fing er mit matter Stimme
an, „die entsetzlichen Diener der Hölle, welche hier hausen, doch
nicht getäuscht. Durch sie erfuhr ich, daß du, mein lieber Bruder
Medardus, dich in Rom befändest, und als ich mich so sehnte nach dir,
weil ich großes Unrecht an dir verübt habe, da versprachen sie mir,
sie wollten dich zu mir führen in der Todesstunde. Die ist nun wohl
gekommen und sie haben Wort gehalten.“ Ich kniete nieder bei dem
frommen, ehrwürdigen Greis, ich beschwor ihn, mir nur vor allen Dingen
zu sagen, wie es möglich gewesen sei, ihn einzukerkern, ihn zum Tode zu
verdammen. „Mein lieber Bruder Medardus,“ sprach Cyrill, „erst nachdem
ich reuig bekannt, wie sündlich ich aus Irrtum an dir gehandelt,
erst wenn du mich mit Gott versöhnt, darf ich von meinem Elende, von
meinem irdischen Untergange zu dir reden! -- Du weißt, daß ich, und
mit mir unser Kloster, dich für den verruchtesten Sünder gehalten;
die ungeheuersten Frevel hattest du (so glaubten wir) auf dein Haupt
geladen, und ausgestoßen hatten wir dich aus aller Gemeinschaft. Und
doch war es nur ein verhängnisvoller Augenblick, in dem der Teufel
dir die Schlinge über den Hals warf und dich fortriß von der heiligen
Stätte in das sündliche Weltleben. Dich um deinen Namen, um dein Kleid,
um deine Gestalt betrügend, beging ein teuflischer Heuchler jene
Untaten, die dir beinahe den schmachvollen Tod des Mörders zugezogen
hätten. Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart, daß
+du+ zwar leichtsinnig sündigtest, indem dein Trachten darauf ausging,
dein Gelübde zu brechen, daß du aber rein bist von jenen entsetzlichen
Freveln. Kehre zurück in unser Kloster, Leonardus, die Brüder werden
dich, den verloren Geglaubten, mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen.
-- O Medardus ...“ -- Der Greis, von Schwäche übermannt, sank in eine
tiefe Ohnmacht. Ich widerstand der Spannung, die seine Worte, welche
eine neue, wunderbare Begebenheit zu verkünden schienen, in mir erregt
hatten, und nur an +ihn+, an das Heil +seiner+ Seele denkend, suchte
ich, von allen andern Hilfsmitteln entblößt, ihn dadurch ins Leben
zurückzurufen, daß ich langsam und leise Kopf und Brust mit meiner
rechten Hand anstrich, eine in unsern Klöstern übliche Art, Todkranke
aus der Ohnmacht zu wecken. Cyrillus erholte sich bald, und beichtete
mir, er der Fromme, dem freveligen Sünder! -- Aber es war, als würde,
indem ich den Greis, dessen höchste Vergehen nur in Zweifeln bestanden,
die ihm hie und da aufgestoßen, absolvierte, von der hohen ewigen
Macht ein Geist des Himmels in mir entzündet, und als sei ich nur das
Werkzeug, das körpergewordene Organ, dessen sich jene Macht bediene,
um schon hienieden zu dem noch nicht entbundenen Menschen menschlich
zu reden. Cyrillus hob den andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach:
„O, mein Bruder Medardus, wie haben mich deine Worte erquickt! -- Froh
gehe ich dem Tode entgegen, den mir verruchte Bösewichter bereitet!
Ich falle, ein Opfer der gräßlichen Falschheit und Sünde, die den
Thron des dreifach Gekrönten umgibt.“ -- Ich vernahm dumpfe Tritte,
die näher und näher kamen, die Schlüssel rasselten im Schloß der Türe.
Cyrillus raffte sich mit Gewalt empor, erfaßte meine Hand und rief mir
ins Ohr: „Kehre in unser Kloster zurück -- Leonardus ist von allem
unterrichtet, er weiß, wie ich sterbe -- beschwöre ihn, über meinen
Tod zu schweigen. -- Wie bald hätte mich ermatteten Greis auch sonst
der Tod ereilt -- Lebe wohl, mein Bruder! -- Bete für das Heil meiner
Seele! -- Ich werde bei euch sein, wenn ihr im Kloster mein Totenamt
haltet. Gelobe mir, daß du hier über alles was du erfahren, schweigen
willst, denn du führst nur dein Verderben herbei und verwickelst unser
Kloster in tausend schlimme Händel!“ -- Ich tat es, Vermummte waren
hereingetreten, sie hoben den Greis aus dem Bette und schleppten ihn,
der vor Mattigkeit nicht fortzuschreiten vermochte, durch den Gang nach
dem Gewölbe, in dem ich früher gewesen. Auf den Wink des Vermummten
war ich gefolgt, die Dominikaner hatten einen Kreis geschlossen, in
den man den Greis brachte und auf ein Häufchen Erde, das man in der
Mitte aufgeschüttet, niederknien hieß. Man hatte ihm ein Kruzifix in
die Hand gegeben. Ich war, weil ich es meines Amts hielt, mit in den
Kreis getreten und betete laut. Ein Dominikaner ergriff mich beim Arm
und zog mich beiseite. In dem Augenblick sah ich in der Hand eines
Vermummten, der hinterwärts in den Kreis getreten, ein Schwert blitzen
und Cyrillus’ blutiges Haupt rollte zu meinen Füßen hin. -- Ich sank
bewußtlos nieder. Als ich wieder zu mir selbst kam, befand ich mich in
einem kleinen, zellenartigen Zimmer. Ein Dominikaner trat auf mich zu
und sprach mit hähmischem Lächeln: „Ihr seid wohl recht erschrocken,
mein Bruder, und solltet doch billig Euch erfreuen, da Ihr mit eignen
Augen ein schönes Martyrium angeschaut habt. So muß man ja wohl es
nennen, wenn ein Bruder aus Euerm Kloster den verdienten Tod empfängt,
denn ihr seid wohl alle samt und sonders Heilige?“ -- „Nicht Heilige
sind wir,“ sprach ich, „aber in unserm Kloster wurde noch nie ein
Unschuldiger ermordet! -- Entlaßt mich -- ich habe mein Amt vollbracht
mit Freudigkeit! -- Der Geist des Verklärten wird mir nahe sein, wenn
ich fallen sollte in die Hände verruchter Mörder!“ -- „Ich zweifle
gar nicht,“ sprach der Dominikaner, „daß der selige Bruder Cyrillus
Euch in dergleichen Fällen beizustehen imstande sein wird, wollet
aber doch, lieber Bruder, seine Hinrichtung nicht etwa einen Mord
nennen? -- Schwer hatte sich Cyrillus versündigt an dem Statthalter
des Herrn, und dieser selbst war es, der seinen Tod befahl. -- Doch er
muß Euch ja wohl alles gebeichtet haben, unnütz ist es daher, mit Euch
darüber zu sprechen, nehmt lieber dieses zur Stärkung und Erfrischung,
Ihr seht ganz blaß und verstört aus.“ Mit diesen Worten reichte mir
der Dominikaner einen kristallenen Pokal, in dem ein dunkelroter,
stark duftender Wein schäumte. Ich weiß nicht, welche Ahnung mich
durchblitzte, als ich den Pokal an den Mund brachte. -- Doch war es
gewiß, daß ich denselben Wein roch, den mir einst Euphemie in jener
verhängnisvollen Nacht kredenzte, und unwillkürlich, ohne deutlichen
Gedanken, goß ich ihn aus in den linken Ärmel meines Habits, indem ich,
wie von der Ampel geblendet, die linke Hand vor die Augen hielt. „Wohl
bekomm’ es Euch,“ rief der Dominikaner, indem er mich schnell zur Türe
hinausschob. -- Man warf mich in den Wagen, der zu meiner Verwunderung
leer war, und zog mit mir von dannen. Die Schrecken der Nacht, die
geistige Anspannung, der tiefe Schmerz über den unglücklichen Cyrill
warfen mich in einen betäubten Zustand, so daß ich mich ohne zu
widerstehen hingab, als man mich aus dem Wagen herausriß und ziemlich
unsanft auf den Boden fallen ließ. Der Morgen brach an, und ich sah
mich an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen, dessen Glocke ich, als
ich mich aufgerichtet hatte, anzog. Der Pförtner erschrak über mein
bleiches, verstörtes Ansehen und mochte dem Prior die Art, wie ich
zurückgekommen, gemeldet haben, denn gleich nach der Frühmesse trat
dieser mit besorglichem Blick in meine Zelle. Auf sein Fragen erwiderte
ich nur im allgemeinen, daß der Tod dessen, den ich absolvieren müssen,
zu gräßlich gewesen sei, um mich nicht im Innersten aufzuregen, aber
bald konnte ich vor dem wütenden Schmerz, den ich am linken Arme
empfand, nicht weiter reden, ich schrie laut auf. Der Wundarzt des
Klosters kam, man riß mir den fest am Fleisch klebenden Ärmel herab,
und fand den ganzen Arm wie von einer ätzenden Materie zerfleischt
und zerfressen. -- „Ich habe den Wein trinken sollen -- ich habe ihn
in den Ärmel gegossen,“ stöhnte ich, ohnmächtig von der entsetzlichen
Qual! -- „Ätzendes Gift war in dem Weine,“ rief der Wundarzt, und
eilte, Mittel anzuwenden, die wenigstens bald den wütenden Schmerz
linderten. Es gelang der Geschicklichkeit des Wundarztes und der
sorglichen Pflege, die mir der Prior angedeihen ließ, den Arm, der
erst abgenommen werden sollte, zu retten, aber bis auf den Knochen
dorrte das Fleisch ein und alle Kraft der Bewegung hatte der feindliche
Schierlingstrank gebrochen. „Ich sehe nur zu deutlich,“ sprach der
Prior, „was es mit jener Begebenheit, die Euch um Euern Arm brachte,
für eine Bewandtnis hat. Der fromme Bruder Cyrillus verschwand aus
unserm Kloster und aus Rom auf unbegreifliche Weise, und auch Ihr,
lieber Bruder Medardus, werdet auf dieselbe Weise verloren gehen, wenn
Ihr Rom nicht alsbald verlasset. Auf verschiedene verdächtige Weise
erkundigte man sich nach Euch, während der Zeit als Ihr krank lagt,
und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der frommgesinnten Bruder
möget ihr es verdanken, daß Euch der Mord nicht bis in Eure Zelle
verfolgte. So wie Ihr überhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein
scheint, den überall verhängnisvolle Bande umschlingen, so seid Ihr
auch seit der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewiß wider Euren
Willen viel zu merkwürdig geworden, als daß es gewissen Personen nicht
wünschenswert sein sollte, Euch aus dem Wege zu räumen. Kehrt zurück in
Euer Vaterland, in Euer Kloster! -- Friede sei mit Euch!“ --

Ich fühlte wohl, daß, solange ich mich in Rom befände, mein Leben
in steter Gefahr bleiben müsse, aber zu dem peinigenden Andenken an
alle begangenen Frevel, das die strengste Buße nicht zu vertilgen
vermocht hatte, gesellte sich der körperliche, empfindliche Schmerz
des abwelkenden Armes, und so achtete ich ein qualvolles, sieches
Dasein nicht, das ich durch einen schnell mir gegebenen Tod wie eine
drückende Bürde fahren lassen konnte. Immer mehr gewöhnte ich mich an
den Gedanken, eines gewaltsamen Todes zu sterben, und er erschien mir
bald sogar als ein glorreiches, durch meine strenge Buße erworbenes
Märtyrertum. Ich sah mich selbst, wie ich zu den Pforten des Klosters
hinausschritt, und wie eine finstre Gestalt mich schnell mit einem
Dolch durchbohrte. Das Volk versammelte sich um den blutigen Leichnam
-- „Medardus -- der fromme, büßende Medardus ist ermordet!“ -- So
rief man durch die Straßen und dichter und dichter drängten sich
die Menschen, laut wehklagend um den Entseelten. -- Weiber knieten
nieder und trockneten mit weißen Tüchern die Wunde, aus der das Blut
hervorquoll. Da sieht eine das Kreuz an meinem Halse, laut schreit
sie auf: „Er ist ein Märtyrer, ein Heiliger -- seht hier das Zeichen
des Herrn, das er am Halse trägt, -- da wirft sich alles auf die
Knie. -- Glücklich, der den Körper des Heiligen berühren, der nur
sein Gewand erfassen kann! -- schnell ist eine Bahre gebracht, der
Körper hinaufgelegt, mit Blumen bekränzt und im Triumphzuge unter
lautem Gesang und Gebet tragen ihn Jünglinge nach St. Peter! -- So
arbeitete meine Fantasie ein Gemälde aus, das meine Verherrlichung
hienieden mit lebendigen Farben darstellte, und nicht gedenkend, nicht
ahnend, wie der böse Geist des sündlichen Stolzes mich auf neue Weise
zu verlocken trachte, beschloß ich, nach meiner völligen Genesung
in Rom zu bleiben, meine bisherige Lebensweise fortzusetzen, und so
entweder glorreich zu sterben oder, durch den Papst meinen Feinden
entrissen, emporzusteigen zu hohen Würden der Kirche. -- Meine starke
lebenskräftige Natur ließ mich endlich den namenlosen Schmerz ertragen,
und widerstand der Einwirkung des höllischen Safts, der von außen
her mein Inneres zerrütten wollte. Der Arzt versprach meine baldige
Herstellung, und in der Tat empfand ich nur in den Augenblicken jenes
Delirierens, das dem Einschlafen vorherzugehen pflegt, fieberhafte
Anfälle, die mit kalten Schauern und fliegender Hitze wechselten.
Gerade in diesen Augenblicken war es, als ich, ganz erfüllt von dem
Bilde meines Martyriums, mich selbst, wie es schon oft geschehen,
durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute. Doch, statt daß
ich mich sonst gewöhnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und
bald von einer Menge Volks, die meine Heiligsprechung verbreitete,
umgeben sah, lag ich einsam in einem Laubgange des Klostergartens in
B. -- Statt des Blutes quoll ein ekelhafter, farbloser Saft aus der
weit aufklaffenden Wunde und eine Stimme sprach: „Ist +das+ Blut vom
Märtyrer vergossen? -- Doch ich will das unreine Wasser klären und
färben, und dann wird das Feuer, welches über das Licht gesiegt,
ihn krönen!“ Ich war es, der dies gesprochen, als ich mich aber von
meinem toten Selbst getrennt fühlte, merkte ich wohl, daß ich der
wesenlose Gedanke meines Ichs sei, und bald erkannte ich mich als das
im Äther schwimmende Rot. Ich schwang mich auf zu den leuchtenden
Bergspitzen -- ich wollte einziehn durch das Tor goldner Morgenwolken
in die heimatliche Burg, aber Blitze durchkreuzten, gleich im Feuer
auflodernden Schlangen, das Gewölbe des Himmels, und ich sank herab,
ein feuchter, farbloser Nebel. Ich -- ich, sprach der Gedanke, ich
bin es, der Eure Blumen -- Euer Blut färbt -- Blumen und Blut sind
Euer Hochzeitsschmuck, den ich bereite! -- Sowie ich tiefer und tiefer
niederfiel, erblickte ich die Leiche mit weitaufklaffender Wunde in
der Brust, aus der jenes unreine Wasser in Strömen floß. Mein Hauch
sollte das Wasser umwandeln in Blut, doch geschah es nicht, die Leiche
richtete sich auf und starrte mich an mit hohlen, gräßlichen Augen
und heulte wie der Nordwind in tiefer Kluft: Verblendeter, törichter
Gedanke, kein Kampf zwischen Licht und Feuer, aber das Licht ist die
Feuertaufe durch das Rot, das du zu vergiften trachtest -- Die Leiche
sank nieder; alle Blumen auf der Flur neigten verwelkt ihre Häupter,
Menschen, bleichen Gespenstern ähnlich, warfen sich zur Erde und ein
tausendstimmiger trostloser Jammer stieg in die Lüfte: „O Herr, Herr!
ist so unermeßlich die Last unsrer Sünde, daß du Macht gibst dem
Feinde unseres Blutes Sühnopfer zu ertöten?“ Stärker und stärker, wie
des Meeres brausende Welle, schwoll die Klage! -- der Gedanke wollte
zerstäuben in dem gewaltigen Ton des trostlosen Jammers, da wurde ich
wie durch einen elektrischen Schlag emporgerissen aus dem Traum. Die
Turmglocke des Klosters schlug zwölfe, ein blendendes Licht fiel aus
den Fenstern der Kirche in meine Zelle. „Die Toten richten sich auf aus
den Gräbern und halten Gottesdienst.“ So sprach es in meinem Innern
und ich begann zu beten. Da vernahm ich leises Klopfen. Ich glaubte,
irgend ein Mönch wolle zu mir herein, aber mit tiefem Entsetzen hörte
ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines gespenstischen
Doppelgängers, und es rief neckend und höhnend: -- „Brüderchen ...
Brüderchen ... Nun bin ich wieder bei dir ... die Wunde blutet ... die
Wunde blutet ... rot ... rot ... Komm mit mir, Brüderchen Medardus!
Komm mit mir!“ -- Ich wollte aufspringen vom Lager, aber das Grausen
hatte seine Eisdecke über mich geworfen und jede Bewegung die ich
versuchte, wurde zum innern Krampf, der die Muskeln zerschnitt. Nur der
Gedanke blieb und war ein inbrünstiges Gebet, daß ich errettet werden
möge von den dunklen Mächten, die aus der offenen Höllenpforte auf mich
eindrangen. Es geschah, daß ich mein Gebet, nur im Innern gedacht, laut
und vernehmlich hörte, wie es Herr wurde über das Klopfen und Kichern
und unheimliche Geschwätz des furchtbaren Doppelgängers, aber zuletzt
sich verlor in ein seltsames Summen, wie wenn der Südwind Schwärme
feindlicher Insekten geweckt hat, die giftige Saugrüssel ansetzen an
die blühende Saat. Zu jener trostlosen Klage der Menschen wurde das
Summen, und meine Seele frug, ist das nicht der weissagende Traum,
der sich auf deine blutende Wunde heilend und tröstend legen will? --
In dem Augenblicke brach der Purpurschimmer des Abendrots durch den
düstern, farblosen Nebel, aber in ihm erhob sich eine hohe Gestalt.
-- Es war Christus, aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts
und wiedergegeben war der Erde das Rot, und der Menschen Jammer wurde
ein jauchzender Hymnus, denn das Rot war die Gnade des Herrn, die
über ihnen aufgegangen! Nur Medardus’ Blut floß noch farblos aus der
Wunde, und er flehte inbrünstig: „Soll auf der ganzen weiten Erde +ich,
ich+ allein nur trostlos der ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben
bleiben?“ da regte es sich in den Büschen -- eine Rose, von himmlischer
Glut hoch gefärbt, streckte ihr Haupt empor und schaute den Medardus
an mit englisch mildem Lächeln, und süßer Duft umfing ihn, und der
Duft war das wunderbare Leuchten des reinsten Frühlingsäthers. „Nicht
das Feuer hat gesiegt, kein Kampf zwischen Licht und Feuer. -- Feuer
ist das Wort, das den Sündigen erleuchtet.“ -- Es war, als hätte die
Rose diese Worte gesprochen, aber die Rose war ein holdes Frauenbild.
-- In weißem Gewande, Rosen in das dunkle Haar geflochten, trat sie
mir entgegen. -- „Aurelie“, schrie ich auf, aus dem Traume erwachend;
ein wunderbarer Rosengeruch erfüllte die Zelle und für Täuschung
meiner aufgeregten Sinne mußt’ ich es wohl halten, als ich deutlich
Aureliens Gestalt wahrzunehmen glaubte, wie sie mich mit ernsten
Blicken anschaute und dann in den Strahlen des Morgens, die in die
Zelle fielen, zu verduften schien. -- Nun erkannte ich die Versuchung
des Teufels und meine sündige Schwachheit. Ich eilte herab und betete
inbrünstig am Altar der heiligen Rosalia. -- Keine Kasteiung, -- keine
Buße im Sinn des Klosters; aber als die Mittagssonne senkrecht ihre
Strahlen herabschoß, war ich schon mehrere Stunden von Rom entfernt.
-- Nicht nur Cyrillus’ Mahnung, sondern eine innere, unwiderstehliche
Sehnsucht nach der Heimat, trieb mich fort auf demselben Pfade, den
ich bis nach Rom durchwandert. Ohne es zu wollen hatte ich, indem ich
meinem Beruf entfliehen wollte, den geradesten Weg nach dem mir von dem
Prior Leonardus bestimmten Ziel genommen. --

Ich vermied die Residenz des Fürsten, nicht weil ich fürchtete,
erkannt zu werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hände zu
fallen, aber wie konnte ich ohne herzzerreißende Erinnerung den Ort
betreten, wo ich in frevelnder Verkehrtheit nach einem irdischen Glück
zu trachten mich vermaß, dem ich Gottgeweihter ja entsagt hatte --
ach, wo ich, dem ewigen reinen Geist der Liebe abgewandt, für des
Lebens höchsten Lichtpunkt, in dem das Sinnliche und Übersinnliche in
+einer+ Flamme auflodert, den Moment der Befriedigung des irdischen
Triebes nahm; wo mir die rege Fülle des Lebens, genährt von seinem
eigenen üppigen Reichtum, als das Prinzip erschien, das sich kräftig
auflehnen müsse gegen jenes Aufstreben nach dem Himmlischen, das ich
nur unnatürliche Selbstverleugnung nennen konnte! -- Aber noch mehr!
-- tief im Innern fühlte ich, trotz der Erkräftigung, die mir durch
unsträflichen Wandel, durch anhaltende schwere Buße werden sollte, die
Ohnmacht, einen Kampf glorreich zu bestehen, zu dem mich jene dunkle,
grauenvolle Macht, deren Einwirkung ich nur zu oft, zu schreckbar
gefühlt, unversehends aufreizen könne. -- Aurelien wiedersehen! --
vielleicht in voller Anmut und Schönheit prangend! -- Konnt’ ich
das ertragen, ohne übermannt zu werden von dem Geist des Bösen, der
wohl noch mit den Flammen der Hölle mein Blut aufkochte, daß es
zischend und gärend durch die Adern strömte. -- Wie oft erschien
mir Aureliens Gestalt, aber wie oft regten sich dabei Gefühle in
meinem Innersten, deren Sündhaftigkeit ich erkannte und mit aller
Kraft des Willens vernichtete. Nur in dem Bewußtsein alles dessen,
woraus die hellste Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging, und dem
Gefühl meiner Ohnmacht, die mich den Kampf vermeiden hieß, glaubte
ich die Wahrhaftigkeit meiner Buße zu erkennen, und tröstend war die
Überzeugung, daß wenigstens der höllische Geist des Stolzes, die
Vermessenheit, es aufzunehmen mit den dunklen Mächten, mich verlassen
habe. Bald war ich im Gebirge, und eines Morgens tauchte aus dem Nebel
des vor mir liegenden Tals ein Schloß auf, das ich näher schreitend
wohl erkannte. Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen des
Parks waren verwildert, die Gänge verwachsen und mit Unkraut bedeckt;
auf dem sonst so schönen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem
hohen Grase Vieh -- die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen
-- der Aufgang verfallen. -- Keine menschliche Seele ließ sich blicken.
-- Stumm und starr stand ich da in grauenvoller Einsamkeit. Ein leises
Stöhnen drang aus einem noch ziemlich erhaltenen Boskett, und ich wurde
einen alten, eisgrauen Mann gewahr, der in dem Boskett saß, und mich,
unerachtet ich ihm nahe genug war, nicht wahrzunehmen schien. Als ich
mich noch mehr näherte, vernahm ich die Worte: „Tot -- tot sind alle,
die ich liebte! -- Ach Aurelie! Aurelie -- auch du! -- die letzte!
-- tot -- tot für diese Welt!“ Ich erkannte den alten Reinhold --
eingewurzelt blieb ich stehen. -- „Aurelie tot? Nein, nein, du irrst
Alter, die hat die ewige Macht beschützt vor dem Messer des freveligen
Mörders.“ -- So sprach ich, da fuhr der Alte wie vom Blitz getroffen
zusammen, und rief laut: „Wer ist hier? -- wer ist hier? Leopold! --
Leopold!“ -- Ein Knabe sprang herbei; als er mich erblickte, neigte
er sich tief und grüßte. ~„Laudetur Jesus Christus!“ -- „In omnia
saecula saeculorum“~ erwiderte ich, da raffte der Alte sich auf und
rief noch stärker: „Wer ist hier? -- wer ist hier?“ -- Nun sah ich,
daß der Alte blind war. -- „Ein ehrwürdiger Herr,“ sprach der Knabe,
„ein Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier.“ Da war es, als
erfasse den Alten tiefes Grauen und Entsetzen, und er schrie. „Fort --
fort -- Knabe führe mich fort -- hinein -- hinein -- verschließ’ die
Türen -- Peter soll Wache halten -- fort, fort, hinein.“ Der Alte nahm
alle Kraft zusammen, die ihm geblieben, um vor mir zu fliehen, wie vor
dem reißenden Tier. Verwundert, erschrocken sah mich der Knabe an,
doch der Alte, statt sich von ihm führen zu lassen, riß ihn fort, und
bald waren sie durch die Türe verschwunden, die, wie ich hörte, fest
verschlossen wurde. -- Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner
höchsten Frevel, die bei diesem Auftritt lebendiger als jemals vor
mir sich wiedergestalteten, und bald befand ich mich in dem tiefsten
Dickicht. Ermüdet setzte ich mich an den Fuß eines Baumes in das Moos
nieder; unweit davon war ein kleiner Hügel aufgeschüttet, auf welchem
ein Kreuz stand. Als ich aus dem Schlaf, in den ich vor Ermattung
gesunken, erwachte, saß ein alter Bauer neben mir, der alsbald, da
er mich ermuntert sah, ehrerbietig seine Mütze abzog und im Ton der
vollsten ehrlichsten Gutmütigkeit sprach: „Ei, Ihr seid wohl weit her
gewandert, ehrwürdiger Herr! und recht müde geworden, denn sonst wäret
Ihr hier an dem schauerlichen Plätzchen nicht in solch tiefen Schlaf
gesunken. Oder Ihr wisset vielleicht gar nicht, was es mit diesem
Orte hier für eine Bewandtnis hat?“ -- Ich versicherte, daß ich als
fremder, von Italien hereinwandernder Pilger durchaus nicht von dem,
was hier vorgefallen, unterrichtet sei. „Es geht,“ sprach der Bauer,
„Euch und Euere Ordensbrüder ganz besonders an, und ich muß gestehen,
als ich Euch so sanft schlafend fand, setzte ich mich her, um jede
etwaige Gefahr von Euch abzuwenden. Vor mehreren Jahren soll hier ein
Kapuziner ermordet worden sein. So viel ist gewiß, daß ein Kapuziner
zu der Zeit durch unser Dorf kam, und nachdem er übernachtet, dem
Gebirge zuwanderte. An demselben Tage ging mein Nachbar den tiefen
Talweg, unterhalb des Teufelsgrundes, hinab, und hörte mit einem Mal
ein fernes, durchdringendes Geschrei, welches ganz absonderlich in
den Lüften verklang. Er will sogar, was mir aber unmöglich scheint,
eine Gestalt von der Bergspitze herab in den Abgrund stürzen gesehen
haben. So viel ist gewiß, daß wir alle im Dorfe, ohne zu wissen
warum, glaubten, der Kapuziner könne wohl herabgestürzt sein, und daß
mehrere von uns hingingen und, soweit es nur möglich war, ohne das
Leben aufs Spiel zu setzen, hinabstiegen, um wenigstens die Leiche des
unglücklichen Menschen zu finden. Wir konnten aber nichts entdecken und
lachten den Nachbar tüchtig aus, als er einmal in der mondhellen Nacht
auf dem Talwege heimkehrend, ganz voll Todesschrecken einen nackten
Menschen aus dem Teufelsgrunde wollte emporsteigen gesehen haben. Das
war nun pure Einbildung; aber später erfuhr man denn wohl, daß der
Kapuziner, Gott weiß warum, hier von einem vornehmen Mann ermordet,
und der Leichnam in den Teufelsgrund geschleudert worden sei. Hier auf
diesem Fleck muß der Mord geschehen sein, davon bin ich überzeugt, denn
seht einmal, ehrwürdiger Herr, hier sitze ich einst, und schaue so in
Gedanken da den hohlen Baum neben uns an. Mit einem Mal ist es mir,
als hinge ein Stück dunkelbraunes Tuch zur Spalte heraus. Ich springe
auf, ich gehe hin, und ziehe einen ganz neuen Kapuzinerhabit heraus.
An dem einen Ärmel klebte etwas Blut und in einem Zipfel war der Name
Medardus hineingezeichnet. Ich dachte, arm wie ich bin, ein gutes
Werk zu tun, wenn ich den Habit verkaufte und für das daraus gelöste
Geld dem armen ehrwürdigen Herrn, der hier ermordet, ohne sich zum
Tode vorzubereiten und seine Rechnung zu machen, Messen lesen ließe.
So geschah es denn, daß ich das Kleid nach der Stadt trug, aber kein
Trödler wollte es kaufen, und ein Kapuzinerkloster gab es nicht am
Orte; endlich kam ein Mann, seiner Kleidung nach war’s wohl ein Jäger
oder ein Förster, da sagte, er brauche gerade solch einen Kapuzinerrock
und bezahlte mir meinen Fund reichlich. Nun ließ ich von unserm Herrn
Pfarrer eine tüchtige Messe lesen und setzte, da im Teufelsgrunde kein
Kreuz anzubringen, hier eins hin zum Zeichen des schmählichen Todes
des Herrn Kapuziners. Aber der selige Herr muß etwas viel über die
Schnur gehauen haben, denn er soll hier noch zuweilen herumspuken und
so hat des Herrn Pfarrers Messe nicht viel geholfen. Darum bitte ich
Euch, ehrwürdiger Herr, seid Ihr gesund heimgekehrt von Eurer Reise,
so haltet ein Amt für das Heil der Seele Eures Ordensbruders Medardus.
Versprecht mir das!“ -- „Ihr seid im Irrtum, mein guter Freund,“ sprach
ich, „der Kapuziner Medardus, der vor mehreren Jahren auf der Reise
nach Italien durch Euer Dorf zog, ist nicht ermordet. Noch bedarf es
keiner Seelenmesse für ihn, er lebt und kann noch arbeiten für sein
ewiges Heil! -- Ich bin selbst dieser Medardus!“ -- Mit diesen Worten
schlug ich meine Kutte auseinander und zeigte ihm den in den Zipfel
gestickten Namen Medardus. Kaum hatte der Bauer den Namen erblickt,
als er erbleichte und mich voll Entsetzen anstarrte. Dann sprang er
jählings auf und lief laut schreiend in den Wald hinein. Es war klar,
daß er mich für das umgehende Gespenst des ermordeten Medardus hielt,
und vergeblich würde mein Bestreben gewesen sein, ihm den Irrtum zu
benehmen. -- Die Abgeschiedenheit, die Stille des Orts nur von dem
dumpfen Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen, war auch
ganz dazu geeignet, grauenvolle Bilder aufzuregen; ich dachte an
meinen gräßlichen Doppelgänger, und, angesteckt von dem Entsetzen
des Bauers, fühlte ich mich im Innersten erbeben, da es mir war, als
würde er aus diesem, aus jenem finstern Busch hervortreten. -- Mich
ermannend schritt ich weiter fort, und erst dann, als mich die grausige
Idee des Gespenstes meines Ichs, für das mich der Bauer gehalten,
verlassen, dachte ich daran, daß mir nun ja erklärt worden sei, wie der
wahnsinnige Mönch zu dem Kapuzinerrock gekommen, den er mir auf der
Flucht zurückließ und den ich unbezweifelt für den meinigen erkannte.
Der Förster, bei dem er sich aufhielt, und den er um ein neues Kleid
angesprochen, hatte ihn in der Stadt von dem Bauer gekauft. Wie die
verhängnisvolle Begebenheit am Teufelsgrunde auf merkwürdige Weise
verstümmelt worden, das fiel tief in meine Seele, denn ich sah wohl,
wie alle Umstände sich vereinigen mußten, um jene unheilbringende
Verwechslung mit Viktorin herbeizuführen. Sehr wichtig schien mir des
furchtsamen Nachbars wunderbare Vision, und ich sah mit Zuversicht noch
deutlicherer Aufklärung entgegen, ohne zu ahnen, wo und wie ich sie
erhalten würde.

Endlich, nach rastloser Wanderung, mehrere Wochen hindurch, nahte
ich mich der Heimat; mit klopfendem Herzen sah ich die Türme des
Cisterzienserklosters vor mir aufsteigen. Ich kam in das Dorf, auf
den freien Platz vor der Klosterkirche. Ein Hymnus, von Männerstimmen
gesungen, klang aus der Ferne herüber. -- Ein Kreuz wurde sichtbar
-- Mönche, paarweise wie in Prozessionen fortschreitend, hinter ihm.
-- Ach -- ich erkannte meine Ordensbrüder, den greisen Leonardus von
einem jungen, mir unbekannten Bruder geführt, an ihrer Spitze. -- Ohne
mich zu bemerken, schritten sie singend bei mir vorüber und hinein
durch die geöffnete Klosterpforte. Bald darauf zogen auf gleiche Weise
die Dominikaner und Franziskaner aus B. herbei, fest verschlossene
Kutschen fuhren hinein in den Klosterhof, es waren die Klaren Nonnen
aus B. Alles ließ mich wahrnehmen, daß irgendein außerordentliches Fest
gefeiert werden solle. Die Kirchentüren standen weit offen, ich trat
hinein und bemerkte, wie alles sorgfältig gekehrt und gesäubert wurde.
-- Man schmückte den Hochaltar und die Nebenaltäre mit Blumengewinden,
und ein Kirchendiener sprach viel von aufgeblühten Rosen, die durchaus
morgen in aller Frühe herbeigeschafft werden müßten, weil die Frau
Äbtissin ausdrücklich befohlen habe, daß mit +Rosen+ der Hochaltar
verziert werden solle. -- Entschlossen, nun gleich zu den Brüdern zu
treten, ging ich, nachdem ich mich durch kräftiges Gebet gestärkt,
in das Kloster und frug nach dem Prior Leonardus; die Pförtnerin
führte mich in einen Saal, Leonardus saß im Lehnstuhl, von den Brüdern
umgeben; laut weinend, im Innersten zerknirscht, keines Wortes mächtig,
stürzte ich zu seinen Füßen. „Medardus!“ -- schrie er auf, und ein
dumpfes Gemurmel lief durch die Reihe der Brüder: „Medardus -- Bruder
Medardus ist endlich wieder da!“ -- Man hob mich auf, -- die Brüder
drückten mich an ihre Brust. „Dank den himmlischen Mächten, daß du
errettet bist aus den Schlingen der arglistigen Welt -- aber erzähle
-- erzähle, mein Bruder“ so riefen die Mönche durcheinander. Der Prior
erhob sich, und auf seinen Wink folgte ich ihm in das Zimmer, welches
ihm gewöhnlich bei dem Besuch des Klosters zum Aufenthalt diente.
„Medardus,“ fing er an, „du hast auf frevelige Weise dein Gelübde
gebrochen; du hast, indem du, anstatt die dir gegebenen Aufträge
auszurichten, schändlich entflohst, das Kloster auf die unwürdigste
Weise betrogen. -- Einmauern könnte ich dich lassen, wollte ich
verfahren nach der Strenge des Klostergesetzes!“ -- „Richtet mich,
mein ehrwürdiger Vater,“ erwiderte ich: „richtet mich, wie das Gesetz
es will; ach! mit Freuden werfe ich die Bürde eines elenden qualvollen
Lebens ab! -- Ich fühl’ es wohl, daß die strengste Buße, der ich mich
unterwarf, mir keinen Trost hinieden geben konnte!“ -- „Ermanne dich,“
fuhr Leonardus fort, „der Prior hat mit dir gesprochen, jetzt kann
der Freund, der Vater mit dir reden! -- Auf wunderbare Weise bist du
errettet worden vom Tode, der dir in Rom drohte. -- Nur Cyrillus fiel
als Opfer ...“ -- „Ihr wißt also,“ frug ich voll Staunen. „Alles,“
erwiderte der Prior: „Ich weiß, daß du dem Armen beistandest in der
letzten Todesnot, und daß man dich mit vergiftetem Wein, den man dir
zum Labetrunk darbot, zu ermorden gedachte. Wahrscheinlich hast du,
bewacht von den Argusaugen der Mönche, doch Gelegenheit gefunden,
den Wein ganz zu verschütten, denn trankst du nur einen Tropfen, so
warst du hin, in Zeit von zehn Minuten.“ -- „O, schaut her,“ rief ich
und zeigte, den Ärmel der Kutte aufstreifend, dem Prior meinen bis
auf den Knochen eingeschrumpften Arm, indem ich erzählte, wie ich,
Böses ahnend, den Wein in den Ärmel gegossen. Leonardus schauerte
zurück vor dem häßlichen Anblick des mumienartigen Gliedes, und sprach
dumpf in sich hinein. „Gebüßt hast du, der du freveltest auf jegliche
Weise; aber Cyrillus -- du frommer Greis!“ -- Ich sagte dem Prior,
daß mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des armen
Cyrillus unbekannt geblieben. „Vielleicht,“ sprach der Prior, „hattest
du dasselbe Schicksal, wenn du, wie Cyrillus, als Bevollmächtigter
unseres Klosters auftratst. Du weißt, daß die Ansprüche unsers Klosters
Einkünfte des Kardinals ***, die er auf unrechtmäßige Weise zieht,
vernichten; dies war die Ursache, warum der Kardinal mit des Papstes
Beichtvater, den er bis jetzt angefeindet, plötzlich Freundschaft
schloß, und so sich in dem Dominikaner einen kräftigen Gegner gewann,
den er dem Cyrillus entgegenstellen konnte. Der schlaue Mönch fand
bald die Art aus, wie Cyrill gestürzt werden konnte. Er führte ihn
selbst ein bei dem Papst, und wußte diesem den fremden Kapuziner so
darzustellen, daß der Papst ihn wie eine merkwürdige Erscheinung bei
sich aufnahm, und Cyrillus in die Reihe der Geistlichen trat, von
denen er umgeben. Cyrillus mußte nun bald gewahr werden, wie der
Statthalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in dieser Welt und ihren
Lüsten suche und finde; wie er einer heuchlerischen Brut zum Spielwerk
diene, die ihn trotz des kräftigen Geistes, der sonst ihm einwohnte,
den sie aber durch die verworfensten Mittel zu beugen wußte, zwischen
Himmel und Hölle herumwerfe. Der fromme Mann, das war vorauszusehen,
nahm großes Ärgernis daran, und fühlte sich berufen, durch feurige
Reden, wie der Geist sie ihm eingab, den Papst im Innersten zu
erschüttern und seinen Geist von dem Irdischen abzulenken. Der Papst,
wie verweichlichte Gemüter pflegen, wurde in der Tat von des frommen
Greises Worten ergriffen, und eben in diesem erregten Zustande wurde
es dem Dominikaner leicht, auf geschickte Weise nach und nach den
Schlag vorzubereiten, der den armen Cyrillus treffen sollte. Er
berichtete dem Papst, daß es auf nichts Geringeres abgesehen sei, als
auf eine heimliche Verschwörung, die ihn der Kirche als unwürdig der
dreifachen Krone darstellen sollte; Cyrillus habe den Auftrag, ihn
dahin zu bringen, daß er irgendeine öffentliche Bußübung vornehme,
welches dann als Signal des förmlichen, unter den Kardinälen gärenden
Aufstandes dienen würde. Jetzt fand der Papst in den salbungsvollen
Reden unseres Bruders die versteckte Absicht leicht heraus, der Alte
wurde ihm tief verhaßt, und um nur irgendeinen auffallenden Schritt
zu vermeiden, litt er ihn noch in seiner Nähe. Als Cyrillus wieder
einmal Gelegenheit fand, zu dem Papst ohne Zeugen zu sprechen, sagte
er geradezu, daß der, der den Lüsten der Welt nicht ganz entsage,
der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel führe, ein unwürdiger
Statthalter des Herrn, und der Kirche eine Schmach und Verdammnis
bringende Last sei, von der sie sich befreien müsse. Bald darauf,
und zwar nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des Papstes
treten gesehen, fand man das Eiswasser, welches der Papst zu trinken
pflegte, vergiftet. Daß Cyrillus unschuldig war, darf ich dir, der
du den frommen Greis gekannt hast, nicht versichern. Doch überzeugt
war der Papst von seiner Schuld, und der Befehl, den fremden Mönch
bei den Dominikanern heimlich hinzurichten, die Folge davon. Du warst
in Rom eine auffallende Erscheinung; die Art, wie du dich gegen den
Papst äußertest, vorzüglich die Erzählung deines Lebenslaufs, ließ
ihn eine gewisse geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dir finden;
er glaubte, sich mit dir zu einem höheren Standpunkt erheben und in
sündhaftem Vernünfteln über alle Tugend und Religion recht erlaben
und erkräftigen zu können, um, wie ich wohl sagen mag, mit rechter
Begeisterung für die Sünde zu sündigen. Deine Bußübungen waren ihm nur
ein recht klug angelegtes heuchlerisches Bestreben, zum höheren Zweck
zu gelangen. Er bewunderte dich und sonnte sich in den glänzenden,
lobpreisenden Reden, die du ihm hieltest. So kam es, daß du, ehe der
Dominikaner es ahnte, dich erhobst und der Rotte gefährlicher wurdest,
als es Cyrillus jemals werden konnte. -- Du merkst, Medardus! daß ich
von deinem Beginnen in Rom genau unterrichtet bin; daß ich jedes Wort
weiß, welches du mit dem Papst sprachst, und darin liegt weiter nichts
Geheimnisvolles, wenn ich dir sage, daß das Kloster in der Nähe Sr.
Heiligkeit einen Freund hat, der mir genau alles berichtete. Selbst als
du mit dem Papst allein zu sein glaubtest, war er nahe genug, um jedes
Wort zu verstehen. -- Als du in dem Kapuzinerkloster, dessen Prior mir
nahe verwandt ist, deine strengen Bußübungen begannst, hielt ich deine
Reue für echt. Es war auch wohl dem so, aber in Rom erfaßte dich der
böse Geist des sündhaften Hochmuts, dem du bei uns erlagst, aufs neue.
Warum klagtest du dich gegen den Papst Verbrechen an, die du niemals
begingst? -- Warst du denn jemals auf dem Schlosse des Barons von F.?“
-- „Ach! mein ehrwürdiger Vater,“ rief ich von innerm Schmerz zermalmt,
„das war ja der Ort meiner entsetzlichsten Frevel! -- Das ist aber die
härteste Strafe der ewigen, unerforschlichen Macht, daß ich auf Erden
nicht gereinigt erscheinen soll von der Sünde, die ich in wahnsinniger
Verblendung beging! -- Auch Euch, mein ehrwürdiger Vater, bin ich ein
sündiger Heuchler?“ -- „In der Tat,“ fuhr der Prior fort, „bin ich
jetzt, da ich dich sehe und spreche, beinahe überzeugt, daß du, nach
deiner Buße, der Lüge nicht mehr fähig warst, dann aber waltet noch ein
mir bis jetzt unerklärliches Geheimnis ob. Bald nach deiner Flucht aus
der Residenz (der Himmel wollte den Frevel nicht, den du zu begehen im
Begriff standest, er errettete die fromme Aurelie), bald nach deiner
Flucht, sage ich, und nachdem der Mönch, den selbst Cyrillus für dich
hielt, wie durch ein Wunder sich gerettet hatte, wurde es bekannt,
daß nicht du, sondern der als Kapuziner verkappte Graf Viktorin auf
dem Schlosse des Barons gewesen war. Briefe, die sich in Euphemiens
Nachlaß fanden, hatten dies zwar schon früher kundgetan, man hielt
aber Euphemien selbst für getäuscht, da Reinhold versicherte, er habe
dich zu genau erkannt, um selbst bei deiner treuesten Ähnlichkeit mit
Viktorin getäuscht zu werden. Da erschien plötzlich der Reitknecht
des Grafen, und erzählte, wie der Graf, der seit Monaten im Gebirge
einsam gelebt, und sich den Bart wachsen lassen, ihm in dem Walde
und zwar bei dem sogenannten Teufelsgrunde plötzlich als Kapuziner
gekleidet erschienen sei. Obgleich er nicht gewußt, wo der Graf die
Kleider hergenommen, so sei ihm doch die Verkleidung weiter nicht
aufgefallen, da er von dem Anschlage des Grafen, im Schlosse des
Barons im Mönchshabit zu erscheinen, denselben ein ganzes Jahr zu
tragen und so auch wohl noch höhere Dinge auszuführen, unterrichtet
gewesen. Geahnt habe er wohl, wo der Graf zum Kapuzinerrock gekommen
sei, da er den Tag vorher gesagt, wie er einen Kapuziner im Dorfe
gesehen, und von ihm, wandere er durch den Wald, seinen Rock auf diese
oder jene Weise zu bekommen hoffe. Gesehen habe er den Kapuziner
nicht, wohl aber einen Schrei gehört; bald darauf sei auch im Dorf
von einem im Walde ermordeten Kapuziner die Rede gewesen. Zu genau
habe er seinen Herrn gekannt, zu viel mit ihm noch auf der Flucht aus
dem Schlosse gesprochen, als daß hier eine Verwechslung stattfinden
könne. -- Diese Aussage des Reitknechts entkräftete Reinholds Meinung,
und nur Viktorins gänzliches Verschwinden blieb unbegreiflich. Die
Fürstin stellte die Hypothese auf, daß der vorgebliche Herr von
Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf Viktorin gewesen sei, und
stützte sich auf seine merkwürdige, ganz auffallende Ähnlichkeit mit
Francesko, an dessen Schuld längst niemand zweifelte, sowie auf die
Motion, die ihr jedesmal sein Anblick verursacht habe. Viele traten
ihr bei und wollten, im Grunde genommen, viel gräflichen Anstand
an jenem Abenteurer bemerkt haben, den man lächerlicherweise für
einen verkappten Mönch gehalten. Die Erzählung des Försters von
dem wahnsinnigen Mönch, der im Walde hauste und zuletzt von ihm
aufgenommen wurde, fand nun auch ihren Zusammenhang mit der Untat
Viktorins, sobald man nur einige Umstände als wahr voraussetzte. -- Ein
Bruder des Klosters, in dem Medardus gewesen, hatte den wahnsinnigen
Mönch ausdrücklich für den Medardus erkannt, er mußte es also wohl
sein. Viktorin hatte ihn in den Abgrund gestürzt; durch irgend einen
Zufall, der gar nicht unerhört sein dürfte, wurde er errettet. Aus der
Betäubung erwacht, aber schwer am Kopfe verwundet, gelang es ihm, aus
dem Grabe heraufzukriechen. Der Schmerz der Wunde, Hunger und Durst
machten ihn wahnsinnig -- rasend! -- So lief er durch das Gebirge,
vielleicht von einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeiset und
mit Lumpen behangen, bis er in die Gegend der Försterwohnung kam.
Zwei Dinge bleiben hier aber unerklärbar, nämlich wie Medardus eine
solche Strecke aus dem Gebirge laufen konnte, ohne angehalten zu
werden, und wie er, selbst in den von Ärzten bezeugten Augenblicken
des vollkommensten, ruhigsten Bewußtseins, sich zu Untaten bekennen
konnte, die er nie begangen. Die, welche die Wahrscheinlichkeit jenes
Zusammenhangs der Sache verteidigten, bemerkten, daß man ja von den
Schicksalen des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts
wisse; es sei ja möglich, daß sein Wahnsinn erst ausgebrochen, als er
auf der Pilgerreise in der Gegend der Försterwohnung sich befand. Was
aber das Zugeständnis der Verbrechen, deren er beschuldigt, belange, so
sei eben daraus abzunehmen, daß er niemals geheilt gewesen, sondern,
anscheinend bei Verstande, doch immer wahnsinnig geblieben wäre.
Daß er die ihm angeschuldigten Mordtaten wirklich begangen, dieser
Gedanke habe sich zur fixen Idee umgestaltet. -- Der Kriminalrichter,
auf dessen Sagazität man sehr baute, sprach, als man ihn um seine
Meinung frug: Der vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und
auch kein Graf, der Graf Viktorin gewiß nicht, aber unschuldig auch
keineswegs -- der Mönch blieb wahnsinnig und unzurechnungsfähig in
jedem Fall, deshalb das Kriminalgericht auch nur auf seine Einsperrung
als Sicherheitsmaßregel erkennen konnte. -- Dieses Urteil durfte der
Fürst nicht hören, denn +er+ war es allein, der, tief ergriffen von
den Freveln auf dem Schlosse des Barons, jene von dem Kriminalgericht
in Vorschlag gebrachte Einsperrung in die Strafe des Schwerts
umwandelte. -- Wie aber alles in diesem elenden, vergänglichen Leben,
sei es Begebenheit oder Tat, noch so ungeheuer im ersten Augenblick
erscheinend, sehr bald Glanz und Farbe verliert, so geschah es auch,
daß das, was in der Residenz und vorzüglich am Hofe Schauer und
Entsetzen erregt hatte, herabsank bis zur ärgerlichen Klatscherei. Jene
Hypothese, daß Aureliens entflohener Bräutigam Graf Viktorin gewesen,
brachte die Geschichte der Italienerin in frisches Andenken; selbst
die früher nicht Unterrichteten wurden von denen, die nun nicht mehr
schweigen zu dürfen glaubten, aufgeklärt, und jeder, der den Medardus
gesehen, fand es natürlich, daß seine Gesichtszüge vollkommen denen
des Grafen Viktorin glichen, da sie Söhne +eines+ Vaters waren. Der
Leibarzt war überzeugt, daß die Sache sich so verhalten müßte und
sprach zum Fürsten: „Wir wollen froh sein, gnädigster Herr! daß beide
unheimliche Gesellen fort sind, und es bei der ersten vergeblich
gebliebenen Verfolgung bewenden lassen.“ -- Dieser Meinung trat der
Fürst aus dem Grunde seines Herzens bei, denn er fühlte wohl, wie
der doppelte Medardus ihn von einem Mißgriff zum andern verleitet
hatte. „Die Sache wird geheimnisvoll bleiben,“ sagte der Fürst: „wir
wollen nicht mehr an dem Schleier zupfen, den ein wunderbares Geschick
wohltätig darüber geworfen hat. -- Nur Aurelie ...“ -- „Aurelie,“
unterbrach ich den Prior mit Heftigkeit, „um Gott, mein ehrwürdiger
Vater, sagt mir, wie ward es mit Aurelien?“ -- „Ei, Bruder Medardus,“
sprach der Prior sanft lächelnd, „noch ist das gefährliche Feuer in
deinem Innern nicht verdampft? -- noch lodert die Flamme empor bei
leiser Berührung? -- So bist du noch nicht frei von den sündlichen
Trieben, denen du dich hingabst. -- Und ich soll der Wahrheit deiner
Buße trauen; ich soll überzeugt sein, daß der Geist der Lüge dich
ganz verlassen? Wisse, Medardus, daß ich deine Reue für wahrhaft nur
dann anerkennen würde, wenn du jene Frevel, deren du dich anklagst,
wirklich begingst. Denn nur in diesem Falle könnt’ ich glauben, daß
jene Untaten so dein Inneres zerrütteten, daß du, meiner Lehren, alles
dessen, was ich dir über äußere und innere Buße sagte, uneingedenk,
wie der Schiffbrüchige nach dem leichten unsichern Brett, nach jenen
trügerischen Mitteln, dein Verbrechen zu sühnen haschtest, die dich
nicht allein einem verworfenen Papst, sondern jedem wahrhaft frommen
Mann als einen eitlen Gaukler erscheinen ließen. -- Sage, Medardus! war
deine Andacht, deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos, wenn
du Aureliens gedenken mußtest?“ -- Ich schlug, im Innern vernichtet,
die Augen nieder. -- „Du bist aufrichtig, Medardus,“ fuhr der Prior
fort, „dein Schweigen sagt mir alles. -- Ich wußte mit der vollsten
Überzeugung, daß du es warst, der in der Residenz die Rolle eines
polnischen Edelmanns spielte und die Baronesse Aurelie heiraten
wollte. Ich hatte den Weg, den du genommen, ziemlich genau verfolgt,
ein seltsamer Mensch (er nannte sich den Haarkünstler Belcampo), den
du zuletzt in Rom sahst, gab mir Nachrichten; ich war überzeugt, daß
du auf verruchte Weise Hermogen und Euphemien mordetest, und um so
gräßlicher war es mir, daß du Aurelien so in Teufelsbande verstricken
wolltest. Ich hätte dich verderben können; doch weit entfernt, mich
zum Rächeramt erkoren zu glauben, überließ ich dich und dein Schicksal
der ewigen Macht des Himmels. Du bist erhalten worden auf wunderbare
Weise und schon dieses überzeugt mich, daß dein irdischer Untergang
noch nicht beschlossen war. -- Höre, welches besonderen Umstandes
halber ich später glauben mußte, daß es in der Tat Graf Viktorin war,
der als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons von F. erschien! --
Nicht gar zu lange ist es her, als Bruder Sebastianus, der Pförtner,
durch ein Ächzen und Stöhnen, das den Seufzern eines Sterbenden glich,
geweckt wurde. Der Morgen war schon angebrochen, er stand auf, öffnete
die Klosterpforte und fand einen Menschen, der dicht vor derselben,
halb erstarrt vor Kälte, lag und mühsam die Worte herausbrachte: er
sei Medardus, der aus unserm Kloster entflohene Mönch. -- Sebastianus
meldete mir ganz erschrocken, was sich unten zugetragen; ich stieg
mit den Brüdern hinab, wir brachten den ohnmächtigen Mann in das
Refektorium. Trotz des bis zum Grausen entstellten Gesichts des
Mannes, glaubten wir doch deine Züge zu erkennen, und mehrere meinten,
daß wohl nur die veränderte Tracht den wohlbekannten Medardus so
fremdartig darstelle. Er hatte Bart und Tonsur, dazu aber eine
weltliche Kleidung, die zwar ganz verdorben und zerrissen war, der
man aber noch die ursprüngliche Zierlichkeit ansah. Er trug seidene
Strümpfe, auf einem Schuhe noch eine goldene Schnalle, eine weiße
Atlasweste ...“ -- „Einen kastanienbraunen Rock von dem feinsten Tuch,“
fiel ich ein, „zierlich genähte Wäsche -- einen einfachen, goldenen
Ring am Finger.“ -- „Allerdings,“ sprach Leonardus erstaunt: „aber
wie kannst du ...“ -- „Ach, es war ja der Anzug, wie ich ihn an jenem
verhängnisvollen Hochzeitstage trug! -- Der Doppelgänger stand mir
vor Augen. -- Nein es war nicht der wesenlose, entsetzliche Teufel
des Wahnsinns, der hinter mir herrannte, der, wie ein mich bis ins
Innerste zerfleischendes Untier, aufhockte auf meinen Schultern; es
war der entflohene wahnsinnige Mönch, der mich verfolgte, der endlich,
als ich in tiefer Ohnmacht dalag, meine Kleider nahm und mir die
Kutte überwarf. Er war es, der an der Klosterpforte lag, mich -- mich
selbst auf schauderhafte Weise darstellend!“ -- Ich bat den Prior, nur
fortzufahren in seiner Erzählung, da die Ahnung der Wahrheit, wie es
sich mit mir auf die wunderbarste, geheimnisvollste Weise zugetragen,
in mir aufdämmere. -- „Nicht lange dauerte es,“ erzählte der Prior
weiter, „als sich bei dem Manne die deutlichsten unzweifelhaften Spuren
des unheilbaren Wahnsinns zeigten, und unerachtet, wie gesagt, die Züge
seines Gesichts den deinigen auf das Genaueste glichen, unerachtet er
fortwährend rief: Ich bin Medardus, der entlaufene Mönch, ich will
Buße tun bei euch -- so war doch bald jeder von uns überzeugt, daß es
fixe Idee des Fremden sei, sich für dich zu halten. Wir zogen ihm das
Kleid der Kapuziner an, wir führten ihn in die Kirche, er mußte die
gewöhnlichen Andachtsübungen vornehmen, und wie er dies zu tun sich
bemühte, bemerkten wir bald, daß er niemals in einem Kloster gewesen
sein könne. Es mußte mir wohl die Idee kommen: wie, wenn dies der aus
der Residenz entsprungene Mönch, wie wenn dieser Mönch Viktorin wäre?
-- Die Geschichte, die der Wahnsinnige ehemals dem Förster aufgetischt
hatte, war mir bekannt worden, indessen fand ich, daß alle Umstände,
das Auffinden und Austrinken des Teufelselixiers, die Vision in dem
Kerker, kurz der ganze Aufenthalt im Kloster, wohl die, durch deine
auf seltsame psychische Weise einwirkende Individualität, erzeugte
Ausgeburt des erkrankten Geistes sein könne. Merkwürdig war es in
dieser Hinsicht, daß der Mönch in bösen Augenblicken immer geschrien
hatte, er sei Graf und gebietender Herr! -- Ich beschloß, den fremden
Mann der Irrenanstalt zu St. Getreu zu übergeben, weil ich hoffen
durfte, daß, wäre Wiederherstellung möglich, sie gewiß dem Direktor
jener Anstalt, einem in jede Abnormität des menschlichen Organismus
tief eindringenden, genialen Arzte, gelingen werde. Des Fremden Genesen
mußte das geheimnisvolle Spiel der unbekannten Mächte wenigstens zum
Teil enthüllen. -- Es kam nicht dazu. -- In der dritten Nacht weckte
mich die Glocke, die, wie du weißt, angezogen wird, sobald jemand im
Krankenzimmer meines Beistandes bedarf. Ich trat hinein, man sagte
mir, der Fremde habe eifrig nach mir verlangt und es scheine, als
habe ihn der Wahnsinn gänzlich verlassen, wahrscheinlich wolle er
beichten; denn er sei so schwach, daß er die Nacht wohl nicht überleben
werde. Verzeiht, fing der Fremde an, als ich ihm mit frommen Worten
zugesprochen, verzeiht, ehrwürdiger Herr, daß ich Euch täuschen zu
wollen mich vermaß. Ich bin nicht der Mönch Medardus, der Euerm Kloster
entfloh. Den Grafen Viktorin seht Ihr vor Euch ... Fürst sollte er
heißen, denn aus fürstlichem Hause ist er entsprossen, und ich rate
Euch, dies zu beachten, da sonst mein Zorn Euch treffen könnte. --
Sei er auch Fürst, erwiderte ich, so wäre dies in unsern Mauern und
in seiner jetzigen Lage ohne alle Bedeutung und es schiene mir besser
zu sein, wenn er sich abwende von dem Irdischen und in Demut erwarte,
was die ewige Macht über ihn verhängt habe. -- Er sah mich starr an,
ihm schienen die Sinne zu vergehen, man gab ihm stärkende Tropfen,
er erholte sich bald und sprach: Es ist mir so, als müsse ich bald
sterben und vorher mein Herz erleichtern. Ihr habt Macht über mich,
denn so sehr Ihr Euch auch verstellen möget, merke ich doch wohl, daß
Ihr der heilige Antonius seid und am besten wisset, was für Unheil
Eure Elixiere angerichtet. Ich hatte wohl Großes im Sinne, als ich
beschloß, mich als ein geistlicher Herr darzustellen mit großem Barte
und brauner Kutte. Aber als ich so recht mit mir zu Rate ging, war
es, als träten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern heraus und
verpuppten sich zu einem körperlichen Wesen, das recht graulich, doch
mein Ich war. Dies zweite Ich hatte grimmige Kraft und schleuderte
mich, als aus dem schwarzen Gestein des tiefen Abgrundes, zwischen
sprudelndem, schäumigen Gewässer, die Prinzessin schneeweiß hervortrat,
hinab. Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und wusch meine
Wunden aus, daß ich bald keinen Schmerz mehr fühlte. Mönch war ich
nun freilich geworden, aber das Ich meiner Gedanken war stärker, und
trieb mich, daß ich die Prinzessin, die mich errettet und die ich
sehr liebte, samt ihrem Bruder ermorden mußte. Man warf mich in den
Kerker, aber Ihr wißt selbst, heiliger Antonius, auf welche Weise Ihr,
nachdem ich Euern verfluchten Trank gesoffen, mich entführtet durch
die Lüfte. Der grüne Waldkönig nahm mich schlecht auf, unerachtet er
doch meine Fürstlichkeit kannte; das Ich meiner Gedanken erschien bei
ihm und rückte mir allerlei Häßliches vor, und wollte, weil wir doch
alles zusammen getan, in Gemeinschaft mit mir bleiben. Das geschah
auch, aber bald, als wir davonliefen, weil man uns den Kopf abschlagen
wollte, haben wir uns doch entzweit. Als das lächerliche Ich indessen
immer und ewig genährt sein wollte von meinem Gedanken, schmiß ich es
nieder, prügelte es derb ab und nahm ihm seinen Rock. -- Soweit waren
die Reden des Unglücklichen einigermaßen verständlich, dann verlor er
sich in das unsinnige alberne Gewäsch des höchsten Wahnsinns. Eine
Stunde später, als das Frühamt eingeläutet wurde, fuhr er mit einem
durchdringenden entsetzlichen Schrei auf, und sank, wie es uns schien,
tot nieder. Ich ließ ihn nach der Totenkammer bringen, er sollte in
unserm Garten an geweihter Stätte begraben werden, du kannst dir aber
wohl unser Erstaunen, unsern Schreck denken, als die Leiche, da wir
sie hinaustragen und einsargen wollten, spurlos verschwunden war.
Alles Nachforschen blieb vergebens, und ich mußte darauf verzichten,
jemals Näheres, Verständlicheres über den rätselhaften Zusammenhang
der Begebenheiten, in die du mit dem Grafen verwickelt wurdest, zu
erfahren. Indessen hielt ich alle mir über die Vorfälle im Schloß
bekannt gewordenen Umstände mit jenen verworrenen, durch Wahnsinn
entstellten Reden zusammen, so konnte ich kaum daran zweifeln, daß der
Verstorbene wirklich Graf Viktorin war. Er hatte, wie der Reitknecht
andeutete, irgend einen pilgernden Kapuziner im Gebirge ermordet und
ihm das Kleid genommen, um seinen Anschlag im Schlosse des Barons
auszuführen. Wie er vielleicht es gar nicht im Sinn hatte, endete der
begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens. Vielleicht
war er schon wahnsinnig, wie Reinhold es behauptet, oder er wurde es
dann auf der Flucht, gequält von Gewissensbissen. Das Kleid, welches
er trug und die Ermordung des Mönchs, gestaltete sich in ihm zur fixen
Idee, daß er wirklich ein Mönch, und sein Ich zerspaltet sei in zwei
sich feindliche Wesen. Nur die Periode von der Flucht aus dem Schlosse
bis zur Ankunft bei dem Förster, bleibt dunkel, sowie es unerklärlich
ist, wie sich die Erzählung von seinem Aufenthalt im Kloster und der
Art seiner Rettung aus dem Kerker in ihm bildete. Daß äußere Motive
stattfinden mußten, leidet gar keinen Zweifel, aber höchst merkwürdig
ist es, daß diese Erzählung dein Schicksal, wiewohl verstümmelt,
darstellt. Nur die Zeit der Ankunft des Mönchs bei dem Förster, wie
dieser sie angibt, will gar nicht mit Reinholds Angabe des Tages, wann
Viktorin aus dem Schlosse entfloh, zusammenstimmen. Nach der Behauptung
des Försters mußte sich der wahnsinnige Viktorin gleich haben im Walde
blicken lassen, nachdem er auf dem Schlosse des Barons angekommen.“ --
„Haltet ein,“ unterbrach ich den Prior, „haltet ein, mein ehrwürdiger
Vater, jede Hoffnung, der Last meiner Sünden unerachtet, nach der
Langmut des Herrn noch Gnade und ewige Seligkeit zu erringen, soll aus
meiner Seele schwinden; in trostloser Verzweiflung, mich selbst und
mein Leben verfluchend, will ich sterben, wenn ich nicht in tiefster
Reue und Zerknirschung Euch alles, was sich mit mir begab, seitdem
ich das Kloster verließ, getreulich offenbaren will, wie ich es in
heiliger Beichte tat.“ Der Prior geriet in das höchste Erstaunen, als
ich ihm nun mein ganzes Leben mit aller nur möglichen Umständlichkeit
enthüllte. -- „Ich muß dir glauben,“ sprach der Prior, als ich geendet,
„ich muß dir glauben, Bruder Medardus, denn alle Zeichen wahrer
Reue entdeckte ich, als du redetest. -- Wer vermag das Geheimnis zu
enthüllen, das die geistige Verwandtschaft zweier Brüder, Söhne eines
verbrecherischen Vaters, und selbst in Verbrechen befangen, bildete.
-- Es ist gewiß, daß Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus
dem Abgrunde, in den du ihn stürztest, daß +er+ der wahnsinnige Mönch
war, den der Förster aufnahm, der dich als dein Doppelgänger verfolgte
und hier im Kloster starb. Er diente der dunkeln Macht, die in dein
Leben eingriff, nur zum Spiel, -- nicht dein Genosse war er, nur das
untergeordnete Wesen, welches dir in den Weg gestellt wurde, damit
das lichte Ziel, das sich dir vielleicht auftun konnte, deinem Blick
verhüllt bleibe. Ach, Bruder Medardus, noch geht der Teufel rastlos
auf Erden umher und bietet den Menschen seine Elixiere dar! -- Wer hat
dieses oder jenes seiner höllischen Getränke nicht einmal schmackhaft
gefunden; aber das ist der Wille des Himmels, daß der Mensch der bösen
Wirkung des augenblicklichen Leichtsinns sich bewußt werde, und aus
diesem klaren Bewußtsein die Kraft schöpfe, ihr zu widerstehen. Darin
offenbart sich die Macht des Herrn, daß, so wie das Leben der Natur
durch das Gift, das sittlich gute Prinzip in ihr erst durch das Böse
bedingt wird. -- Ich darf zu dir so sprechen, Medardus, da ich weiß,
daß du mich nicht mißverstehest. Gehe jetzt zu den Brüdern.“ --

In dem Augenblick erfaßte mich, wie ein jäher alle Nerven und Pulse
durchzuckender Schmerz, die Sehnsucht der höchsten Liebe; „Aurelie --
ach Aurelie!“ rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr
ernstem Ton: „Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem großen
Feste in dem Kloster bemerkt? -- Aurelie wird morgen eingekleidet und
erhält den Klosternamen Rosalia.“ -- Erstarrt -- lautlos blieb ich vor
dem Prior stehen. „Gehe zu den Brüdern!“ rief er beinahe zornig, und
ohne deutliches Bewußtsein stieg ich hinab in das Refektorium, wo die
Brüder versammelt waren. Man bestürmte mich aufs neue mit Fragen, aber
nicht fähig war ich, auch nur ein einziges Wort über mein Leben zu
sagen; alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur
Aureliens Lichtgestalt trat mir glänzend entgegen. Unter dem Vorwande
einer Andachtsübung verließ ich die Brüder und begab mich nach der
Kapelle, die an dem äußersten Ende des weitläufigen Klostergartens lag.
Hier wollte ich beten, aber das kleinste Geräusch, das linde Säuseln
des Laubganges riß mich empor aus frommer Betrachtung. Sie ist es ...
Sie kommt ... ich werde sie wiedersehen -- so rief es in mir, und
mein Herz bebte vor Angst und Entzücken. Es war mir, als höre ich ein
leises Gespräch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der Kapelle, und
siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei Nonnen,
in ihrer Mitte eine Novize. -- Ach, es war gewiß Aurelie -- mich
überfiel ein krampfhaftes Zittern -- mein Atem stockte -- ich wollte
vorschreiten, aber keines Schrittes mächtig sank ich zu Boden. Die
Nonnen, mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebüsch. Welch ein Tag!
-- welch eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie -- Kein anderes Bild
-- Kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern. --

Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen, verkündigten die
Glocken des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens, und bald
darauf versammelten sich die Brüder in einem großen Saal; die Äbtissin
trat, von zwei Schwestern begleitet, herein. -- Unbeschreiblich ist
das Gefühl, das mich durchdrang, als ich +die+ wiedersah, die meinen
Vater so innig liebte, und unerachtet er durch Freveltaten ein Bündnis,
das ihm das höchste Erdenglück erwerben mußte, gewaltsam zerriß, doch
die Neigung, die ihr Glück zerstört hatte, auf den Sohn übertrug. Zur
Tugend, zur Frömmigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem
Vater gleich, häufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede
Hoffnung der frommen Pflegemutter, die in der Tugend des Sohnes Trost
für des sündigen Vaters Verderben finden wollte. -- Niedergesenkten
Hauptes, den Blick zur Erde gerichtet, hörte ich die kurze Rede an,
worin die Äbtissin nochmals der versammelten Geistlichkeit Aureliens
Eintritt in das Kloster anzeigte, und sie aufforderte, eifrig zu beten
in dem entscheidenden Augenblick des Gelübdes, damit der Erbfeind
nicht Macht haben möge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben, zur Qual
der frommen Jungfrau. „Schwer,“ sprach die Äbtissin, „schwer waren die
Prüfungen, die die Jungfrau zu überstehen hatte. Der Feind wollte sie
verlocken zum Bösen, und alles, was die List der Hölle vermag, wandte
er an, sie zu betören, daß sie, ohne Böses zu ahnen, sündige und dann,
aus dem Traum erwachend, untergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch
die ewige Macht beschützte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch
noch heute es versuchen, ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg über ihn
wird desto glorreicher sein. Betet -- betet, meine Brüder, nicht darum,
daß die Christusbraut nicht wanke, denn fest und standhaft ist ihr dem
Himmlischen ganz zugewandter Sinn, sondern daß kein irdisches Unheil
die fromme Handlung unterbreche. -- Eine Bangigkeit hat sich meines
Gemüts bemächtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag!“ --

Es war klar, daß die Äbtissin mich -- mich allein den Teufel der
Versuchung nannte, daß sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens
in Bezug, daß sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat
voraussetzte. Das Gefühl der Wahrheit meiner Reue, meiner Buße, der
Überzeugung, daß mein Sinn geändert worden, richtete mich empor. Die
Äbtissin würdigte mich nicht eines Blickes; tief im Innersten gekränkt,
regte sich in mir jener bittere, verhöhnende Haß, wie ich ihn sonst in
der Residenz bei dem Anblick der Fürstin gefühlt, und statt daß ich,
ehe die Äbtissin jene Worte sprach, mich hätte vor ihr niederwerfen
mögen in den Staub, wollte ich keck und kühn vor sie hintreten und
sprechen: „Warst du denn immer solch ein überirdisches Weib, daß
die Lust der Erde dir nicht aufging? ... Als du meinen Vater sahst,
verwahrtest du denn immer dich so, daß der Gedanke der Sünde nicht
Raum fand? ... Ei, sage doch, ob selbst dann, als schon die Inful und
der Stab dich schmückten, in unbewachten Augenblicken meines Vaters
Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir aufregte? ... Was
empfandest du denn, Stolze! als du den Sohn des Geliebten an dein Herz
drücktest, und den Namen des Verlornen, war er gleich ein freveliger
Sünder, so schmerzlich riefst? -- Hast du jemals gekämpft mit der
dunklen Macht wie ich? -- Kannst du dich eines wahren Sieges erfreuen,
wenn kein harter Kampf vorherging? -- Fühlst du dich selbst so stark,
daß du +den+ verachtest, der dem mächtigsten Feinde erlag und sie
dennoch erhob in dieser Reue und Buße?“ -- Die plötzliche Änderung
meiner Gedanken, die Umwandlung des Büßenden in den, der stolz auf den
bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben, muß
selbst im Äußern sichtlich gewesen sein. Denn der neben mir stehende
Bruder frug: „Was ist dir, Medardus, warum wirfst du solche sonderbare
zürnende Blicke auf die hochheilige Frau?“ -- „Ja,“ erwiderte ich
halblaut, „wohl mag es eine hochheilige Frau sein, denn sie stand
immer so hoch, daß das Profane sie nicht erreichen konnte, doch kommt
sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christliche, sondern wie eine
heidnische Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezücktem Messer das
Menschenopfer zu vollbringen.“ Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu
kam, die letzten Worte, die außer meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen,
aber mit ihnen drängten sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander,
die nur im Entsetzlichsten sich zu einen schienen. -- Aurelie sollte
auf immer die Welt verlassen, sie sollte, wie ich, durch ein Gelübde,
das mir jetzt nur die Ausgeburt des religiösen Wahnsinns schien, dem
Irdischen entsagen? -- So wie ehemals, als ich, dem Satan verkauft, in
Sünde und Frevel den höchsten strahlendsten Lichtpunkt des Lebens zu
schauen wähnte, dachte ich jetzt daran, daß beide, ich und Aurelie,
sei es auch nur durch den einzigen Moment des höchsten irdischen
Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte
sterben müßten. -- Ja, wie ein gräßlicher Unhold, wie der Satan
selbst, ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele! -- Ach, ich
Verblendeter gewahrte nicht, daß in dem Moment, als ich der Äbtissin
Worte auf mich deutete, ich preisgegeben war der vielleicht härtesten
Prüfung, daß der Satan Macht bekommen über mich und mich verlocken
wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch begangen! Der Bruder, zu
dem ich gesprochen, sah mich erschrocken an. „Um Jesus und der heiligen
Jungfrau willen, was sagt Ihr da!“ so sprach er; ich schaute nach der
Äbtissin, die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr Blick fiel
auf mich, totenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen
mußten sie unterstützen. Es war mir, als lisple sie die Worte: „O all
ihr Heiligen, meine Ahnung.“ Bald darauf wurde der Prior Leonardus
zu ihr gerufen. Schon läuteten aufs neue alle Glocken des Klosters,
und dazwischen tönten die donnernden Töne der Orgel, die Weihgesänge
der im Chor versammelten Schwestern, durch die Lüfte, als der Prior
wieder in den Saal trat. Nun begaben sich die Brüder der verschiedenen
Orden in feierlichem Zuge nach der Kirche, die von Menschen beinahe
so überfüllt war, als sonst am Tage des heiligen Bernardus. An einer
Seite des mit duftenden Rosen geschmückten Hochaltars waren erhöhte
Sitze für die Geistlichkeit angebracht, der Tribüne gegenüber, auf
welcher die Kapelle des Bischofs die Musik des Amts, welches er
selbst hielt, ausführte. Leonardus rief mich an seine Seite, und ich
bemerkte, daß er ängstlich auf mich wachte; die kleinste Bewegung
erregte seine Aufmerksamkeit; er hielt mich an, fortwährend aus meinem
Brevier zu beten. Die Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem
niedrigen Gitter eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar, der
entscheidende Augenblick kam; aus dem Innern des Klosters, durch die
Gittertüre hinter dem Altar, führten die Cisterziensernonnen Aurelien
herbei. -- Ein Geflüster rauschte durch die Menge, als sie sichtbar
geworden, die Orgel schwieg und der einfache Hymnus der Nonnen erklang
in wunderbaren, tief ins Innerste dringenden Akkorden. Noch hatte ich
keinen Blick aufgeschlagen; von einer furchtbaren Angst ergriffen,
zuckte ich krampfhaft zusammen, so daß mein Brevier zur Erde fiel. Ich
bückte mich darnach, es aufzuheben, aber ein plötzlicher Schwindel
hätte mich von dem hohen Sitz herabgestürzt, wenn Leonardus mich nicht
faßte und festhielt. „Was ist dir, Medardus,“ sprach der Prior leise,
„du befindest dich in seltsamer Bewegung, widerstehe dem bösen Feinde,
der dich treibt.“ Ich faßte mich mit aller Kraft zusammen, ich schaute
auf, und erblickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O Herr des
Himmels, in hoher Schönheit und Anmut strahlte sie mehr als je! Sie war
bräutlich -- ach! ebenso wie an jenem verhängnisvollen Tage, da sie
mein werden sollte, gekleidet. Blühende Myrten und Rosen im künstlich
geflochtenen Haar. Die Andacht, das Feierliche des Moments, hatte ihre
Wangen höher gefärbt, und in dem zum Himmel gerichteten Blick lag der
volle Ausdruck himmlischer Lust. Was waren jene Augenblicke, als ich
Aurelien zum erstenmal, als ich sie am Hofe des Fürsten sah, gegen
dieses Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die Glut der
Liebe -- der wilden Begier auf -- O Gott -- o, all ihr Heiligen! laßt
mich nicht wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig -- rettet mich,
rettet mich von dieser Pein der Hölle. -- Nur nicht wahnsinnig laßt
mich werden -- denn das Entsetzliche muß ich sonst tun, und meine Seele
preisgeben der ewigen Verdammnis! -- So betete ich im Innern, denn ich
fühlte, wie immer mehr und mehr der böse Geist über mich Herr werden
wollte. -- Es war mir als habe Aurelie teil an dem Frevel, den ich nur
beging, als sei das Gelübde, das sie zu leisten gedachte, in ihren
Gedanken nur der feierliche Schwur, vor dem Altar des Herrn +mein+ zu
sein. -- Nicht die Christusbraut, des Mönchs der sein Gelübde brach
verbrecherisches Weib sah ich in ihr. -- Sie mit aller Inbrunst der
wütenden Begier umarmen und dann ihr den Tod geben -- +der+ Gedanke
erfaßte mich unwiderstehlich. Der böse Geist trieb mich wilder und
wilder -- schon wollte ich schreien: „Haltet ein, verblendete Toren,
nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau, die Braut des Mönchs
wollt ihr erheben zur Himmelsbraut!“ -- mich hinabstürzen unter die
Nonnen, sie herausreißen -- ich faßte in die Kutte, ich suchte nach dem
Messer, da war die Zeremonie so weit gediehen, daß Aurelie anfing das
Gelübde zu sprechen. -- Als ich ihre Stimme hörte, war es, als bräche
milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten
Wetterwolken. Licht wurde es in mir, und ich erkannte den bösen Geist,
dem ich mit aller Gewalt widerstand. -- Jedes Wort Aureliens gab mir
neue Kraft, und im heißen Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war
jeder schwarze Gedanke des Frevels, jede Regung der irdischen Begier.
-- Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren Gebet mich retten konnte
von ewiger Schmach und Verderbnis. -- Ihr Gelübde war mein Trost,
meine Hoffnung, und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf.
Leonardus, den ich nun erst wieder bemerkte, schien die Änderung in
meinem Innern wahrzunehmen, denn mit sanfter Stimme sprach er: „Du hast
dem Feinde widerstanden, mein Sohn! das war wohl die letzte schwere
Prüfung, die dir die ewige Macht auferlegt!“ --

Das Gelübde war gesprochen; während eines Wechselgesanges, den die
Klaren Schwestern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand
anlegen. Schon hatte man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten,
schon stand man im Begriff die herabwallenden Locken abzuschneiden,
als ein Getümmel in der Kirche entstand -- ich sah, wie die Menschen
auseinander gedrängt und zu Boden geworfen wurden; -- näher und
näher wirbelte der Tumult. -- Mit rasender Gebärde, -- mit wildem,
entsetzlichen Blick drängte sich ein halbnackter Mensch (die Lumpen
eines Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib), alles um sich her mit
geballten Fäusten niederstoßend, durch die Menge. -- Ich erkannte
meinen gräßlichen Doppelgänger, aber in demselben Moment, als ich,
Entsetzliches ahnend, hinabspringen und mich ihm entgegenwerfen wollte,
hatte der wahnsinnige Unhold die Galerie, die den Platz des Hochaltars
einschloß, übersprungen. Die Nonnen stäubten schreiend auseinander;
die Äbtissin hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen. -- „Ha
ha ha!“ -- kreischte der Rasende mit gellender Stimme, „wollt ihr
mir die Prinzessin rauben? -- Ha ha ha! -- die Prinzessin ist mein
Bräutchen, mein Bräutchen“ -- und damit riß er Aurelien empor und
stieß ihr das Messer, das er hochgeschwungen in der Hand hielt, bis an
das Heft in die Brust, daß des Blutes Springquell hoch emporspritzte.
„Juchhe -- Juch Juch -- nun hab’ ich mein Bräutchen, nun hab’ ich die
Prinzessin gewonnen!“ -- So schrie der Rasende auf und sprang hinter
den Hochaltar, durch die Gittertüre fort in die Klostergänge. Voll
Entsetzen kreischten die Nonnen auf. -- „Mord -- Mord am Altar des
Herrn,“ schrie das Volk, nach dem Hochaltar stürmend. „Besetzt die
Ausgänge des Klosters, daß der Mörder nicht entkomme,“ rief Leonardus
mit lauter Stimme, und das Volk stürzte hinaus und wer von den Mönchen
rüstig war, ergriff die im Winkel stehenden Prozessionsstäbe und
setzte dem Unhold nach durch die Gänge des Klosters. Alles war die Tat
eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien, die Nonnen hatten
mit weißen Tüchern die Wunde, so gut es gehen wollte, verbunden, und
standen der ohnmächtigen Äbtissin bei. Eine starke Stimme sprach neben
mir: „~Sancta Rosalia, ora pro nobis~,“ und alle die noch in der
Kirche geblieben, riefen laut: „Ein Mirakel -- ein Mirakel, ja sie ist
eine Märtyrin -- ~Sancta Rosalia, ora pro nobis~.“ -- Ich schaute
auf. -- Der alte Maler stand neben mir, aber ernst und mild, so wie er
mir im Kerker erschien. -- Kein irdischer Schmerz über Aureliens Tod,
kein Entsetzen über die Erscheinung des Malers konnte mich fassen, denn
in meiner Seele dämmerte es auf, wie nun die rätselhaften Schlingen,
die die dunkle Macht geknüpft, sich lösten.

Mirakel, Mirakel! schrie das Volk immerfort; seht ihr wohl den alten
Mann im violetten Mantel? -- der ist aus dem Bilde des Hochaltars
herabgestiegen -- ich habe es gesehen -- ich auch, ich auch --
riefen mehrere Stimmen durcheinander und nun stürzte alles auf die
Knie nieder und das verworrene Getümmel verbrauste und ging über in
ein von heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Gemurmel des
Gebets. Die Äbtissin erwachte aus der Ohnmacht, und sprach mit dem
herzzerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes: „Aurelie!
mein Kind! meine fromme Tochter! -- ewiger Gott -- es ist dein
Ratschluß!“ -- Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre
herbeigebracht. Als man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und
schlug die Augen auf. Der Maler stand hinter ihrem Haupte, auf das er
seine Hand gelegt. Er war anzusehen wie ein mächtiger Heiliger, und
alle, selbst die Äbtissin, schienen von wunderbarer, scheuer Ehrfurcht
durchdrungen. -- Ich kniete beinahe dicht an der Seite der Bahre.
Aureliens Blick fiel auf mich, da erfaßte mich tiefer Jammer über der
Heiligen schmerzliches Märtyrertum. Keines Wortes mächtig, war es nur
ein dumpfer Schrei, den ich ausstieß. Da sprach Aurelie sanft und
leise: „Was klagst du über die, welche von der ewigen Macht des Himmels
gewürdigt wurde von der Erde zu scheiden in dem Augenblick, als sie
die Nichtigkeit alles Irdischen erkannt, als die unendliche Sehnsucht
nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfüllte?“ --
Ich war aufgestanden, ich war dicht an die Bahre getreten. „Aurelie,“
sprach ich, -- „heilige Jungfrau! Nur einen einzigen Augenblick senke
deinen Blick herab aus den hohen Regionen, sonst muß ich vergehen
in -- meine Seele, mein innerstes Gemüt zerrüttenden, verderbenden
Zweifeln. -- Aurelie! verachtest du den Frevler der, wie der böse
Feind selbst, in dein Leben trat? -- Ach! schwer hat er gebüßt -- aber
er weiß es wohl, daß alle Buße seiner Sünden Maß nicht mindert --
Aurelie! bist du versöhnt im Tode?“ -- Wie von Engelsfittichen berührt,
lächelte Aurelie und schloß die Augen. „O, -- Heiland der Welt --
heilige Jungfrau -- so bleibe ich zurück, ohne Trost der Verzweiflung
hingegeben! -- O Rettung! -- Rettung von höllischem Verderben!“ So
betete ich inbrünstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf
und sprach: „Medardus -- nachgegeben hast du der bösen Macht! aber
blieb ich denn rein von der Sünde, als ich irdisches Glück zu erlangen
hoffte in meiner verbrecherischen Liebe? -- Ein besonderer Ratschluß
des Ewigen hatte uns bestimmt, schwere Verbrechen unseres freveligen
Stammes zu sühnen, und so vereinigte uns das Band der Liebe, die nur
über den Sternen thront und nichts gemein hat mit irdischer Lust. Aber
dem listigen Feinde gelang es, die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns
zu verhüllen, ja uns auf entsetzliche Weise zu verlocken, daß wir das
Himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise. -- Ach! war +ich+
es denn nicht, die dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl, aber statt
den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu entzünden, die höllische Glut
der Lust in dir entflammte, welche du, da sie dich verzehren wollte,
durch Verbrechen zu löschen gedachtest? Fasse Mut, Medardus! der
wahnsinnige Tor, den der böse Feind verlockt hat zu glauben, er sei du,
und müsse vollbringen, was du begonnen, war das Werkzeug des Himmels,
durch das sein Ratschluß vollendet wurde. -- Fasse Mut, Medardus --
bald bald ...“ Aurelie, die das letzte schon mit geschlossenen Augen
und hörbarer Anstrengung gesprochen, wurde ohnmächtig, doch der Tod
konnte sie noch nicht erfassen. „Hat sie Euch gebeichtet, ehrwürdiger
Herr? hat sie Euch gebeichtet?“ so frugen mich neugierig die Nonnen.
„Mit nichten,“ erwiderte ich: „nicht ich, +sie+ hat meine Seele mit
himmlischem Trost erfüllt.“ -- „Wohl dir, Medardus, bald ist deine
Prüfungszeit beendet -- und wohl mir dann!“ Es war der Maler, der diese
Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: „So verlaßt mich nicht, wunderbarer
Mann.“ -- Ich weiß selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich weiter
sprechen wollte, auf seltsame Weise betäubt worden; ich geriet in einen
Zustand zwischen Wachen und Träumen, aus dem mich ein lautes Rufen und
Schreien erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. Bauern -- Bürgersleute
-- Soldaten waren in die Kirche gedrungen und verlangten durchaus, daß
ihnen erlaubt werden solle, das ganze Kloster zu durchsuchen, um den
Mörder Aureliens, der noch im Kloster sein müsse, aufzufinden. Die
Äbtissin, mit Recht Unordnungen befürchtend, verweigerte dies, aber
ihres Ansehens unerachtet vermochte sie nicht die erhitzten Gemüter
zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, daß sie aus kleinlicher Furcht
den Mörder verhehle, weil er ein Mönch sei, und immer heftiger tobend
schien das Volk sich zum Stürmen des Klosters aufzuregen. Da bestieg
Leonardus die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen kräftigen Worten
über die Entweihung heiliger Stätten, daß der Mörder keineswegs ein
Mönch, sondern ein Wahnsinniger sei, den er im Kloster zur Pflege
aufgenommen, den er, als er tot geschienen, im Ordenshabit nach der
Totenkammer bringen lassen, der aber aus dem todähnlichen Zustande
erwacht und entsprungen sei. Wäre er noch im Kloster, so würden es
ihm die getroffenen Maßregeln unmöglich machen, zu entspringen. Das
Volk beruhigte sich, und verlangte nur, daß Aurelie nicht durch die
Gänge, sondern über den Hof in feierlicher Prozession nach dem Kloster
gebracht werden solle. Dies geschah. Die verschüchterten Nonnen hoben
die Bahre auf, die man mit Rosen bekränzt hatte. Auch Aurelie war, wie
vorher, mit Myrten und Rosen geschmückt. Dicht hinter der Bahre, über
welche vier Nonnen den Baldachin trugen, schritt die Äbtissin von zwei
Nonnen unterstützt, die übrigen folgten mit den Klaren Schwestern, dann
die Brüder der verschiedenen Orden, ihnen schloß sich das Volk an, und
so bewegte sich der Zug durch die Kirche. Die Schwester, welche die
Orgel spielte, mußte sich auf den Chor begeben haben, denn, sowie der
Zug in der Mitte der Kirche war, ertönten dumpf und schauerlich tiefe
Orgeltöne vom Chor herab. Aber siehe, da richtete sich Aurelie langsam
auf, und erhob die Hände betend zum Himmel, und aufs neue stürzte alles
Volk auf die Kniee nieder und rief ~Sancta Rosalia, ora pro nobis~. --
So wurde +das+ wahr, was ich, als ich Aurelien zum erstenmal sah, in
satanischer Verblendung nur frevelig heuchelnd, verkündet.

Als die Nonnen in dem untern Saal des Klosters die Bahre niedersetzten,
als Schwestern und Brüder betend im Kreis umherstanden, sank Aurelie
mit einem tiefen Seufzer der Äbtissin, die neben ihr kniete, in die
Arme. -- Sie war tot! -- Das Volk wich nicht von der Klosterpforte,
und als nun die Glocken den irdischen Untergang der frommen Jungfrau
verkündeten, brach alles aus in Schluchzen und Jammergeschrei. -- Viele
taten das Gelübde, bis zu Aureliens Exequien in dem Dorf zu bleiben,
und erst nach denselben in die Heimat zurückzufahren, während der Zeit
aber strenge zu fasten. Das Gerücht von der entsetzlichen Untat, und
von dem Martyrium der Braut des Himmels, verbreitete sich schnell, und
so geschah es, daß Aureliens Exequien, die nach vier Tagen begangen
wurden, einem hohen, die Verklärung einer Heiligen feiernden Jubelfest
glichen. Denn schon tags vorher war die Wiese vor dem Kloster, wie
sonst am Bernardustage, mit Menschen bedeckt, die, sich auf dem Boden
lagernd, den Morgen erwarteten. Nur statt des frohen Getümmels hörte
man fromme Seufzer und ein dumpfes Murmeln. -- Von Mund zu Mund ging
die Erzählung von der entsetzlichen Tat am Hochaltar der Kirche, und
brach einmal eine laute Stimme hervor, so geschah es in Verwünschungen
des Mörders, der spurlos verschwunden blieb. --

Von tieferer Einwirkung auf das Heil meiner Seele waren wohl diese vier
Tage, die ich meistens einsam in der Kapelle des Gartens zubrachte,
als die lange, strenge Buße im Kapuzinerkloster bei Rom. Aureliens
letzte Worte hatten mir das Geheimnis meiner Sünden erschlossen
und ich erkannte, daß ich, ausgerüstet mit aller Kraft der Tugend
und Frömmigkeit, doch wie ein mutloser Feigling dem Satan, der den
verbrecherischen Stamm zu hegen trachtete, daß er fort und fort
gedeihe, nicht zu widerstehen vermochte. Gering war der Keim des Bösen
in mir, als ich des Konzertmeisters Schwester sah, als der frevelige
Stolz in mir erwachte, aber da spielte mir der Satan jenes Elixier in
die Hände, das mein Blut wie ein verdammtes Gift in Gärung setzte.
Nicht achtete ich des unbekannten Malers, des Priors, der Äbtissin
ernste Mahnung. -- Aureliens Erscheinung am Beichtstuhl vollendete den
Verbrecher. Wie eine physische Krankheit, von jenem Gift erzeugt, brach
die Sünde hervor. Wie konnte der dem Satan Ergebene das Band erkennen,
das die Macht des Himmels als Symbol der ewigen Liebe um mich und
Aurelien geschlungen? -- Schadenfroh fesselte mich der Satan an einen
Verruchten, in dessen Sein mein Ich eindringen, so wie er geistig auf
mich einwirken mußte. Seinen scheinbaren Tod, vielleicht das leere
Blendwerk des Teufels, mußte ich +mir+ zuschreiben. Die Tat machte mich
vertraut mit dem Gedanken des Mordes, der dem teuflischen Trug folgte.
So war der in verruchter Sünde erzeugte Bruder das vom Teufel beseelte
Prinzip, das mich in die abscheulichsten Frevel stürzte und mich mit
den gräßlichsten Qualen umhertrieb. Bis dahin, als Aurelie nach dem
Ratschluß der ewigen Macht ihr Gelübde sprach, war mein Inneres nicht
rein von der Sünde; bis dahin hatte der Feind Macht über mich, aber die
wunderbare innere Ruhe, die wie von oben herabstrahlende Heiterkeit,
die über mich kam, als Aurelie die letzten Worte gesprochen, überzeugte
mich, daß Aureliens Tod die Verheißung der Sühne sei. -- Als in dem
feierlichen Requiem der Chor die Worte sang: ~Confutatis maledictis
flammis acribus addictis~, fühlte ich mich erbeben, aber bei dem
~Voca me cum benedictis~ war es mir, als sehe ich in himmlischer
Sonnenklarheit Aurelien, wie sie erst auf mich niederblickte und dann
ihr von einem strahlenden Sternenringe umgebenes Haupt zum höchsten
Wesen erhob, um für das ewige Heil meiner Seele zu bitten! -- ~Oro
supplex et acclinis cor contritum quasi cinis!~ -- Nieder sank ich in
den Staub, aber wie wenig glich mein inneres Gefühl, mein demütiges
Flehen, jener leidenschaftlichen Zerknirschung, jenen grausamen, wilden
Bußübungen im Kapuzinerkloster. Erst jetzt war mein Geist fähig,
das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, und bei diesem klaren
Bewußtsein mußte jede neue Prüfung des Feindes wirkungslos bleiben.
-- Nicht Aureliens Tod, sondern nur die als gräßlich und entsetzlich
erscheinende Art desselben hatte mich in den ersten Augenblicken so
tief erschüttert; aber wie bald erkannte ich, daß die Gunst der ewigen
Macht sie das Höchste bestehen ließ! -- Das Martyrium der geprüften,
entsündigten Christusbraut! -- War sie denn für mich untergegangen?
Nein! jetzt erst, nachdem sie der Erde voller Qual entrückt, wurde sie
mir der reine Strahl der ewigen Liebe, der in meiner Brust aufglühte.
Ja! Aureliens Tod war das Weihfest jener Liebe, die, wie Aurelie
sprach, nur über den Sternen thront, und nichts gemein hat mit dem
Irdischen. -- Diese Gedanken erhoben mich über mein irdisches Selbst,
und so waren wohl jene Tage im Cisterzienserkloster die wahrhaft
seligsten meines Lebens.

Nach der Exportation, welche am folgenden Morgen stattfand, wollte
Leonardus mit den Brüdern nach der Stadt zurückkehren; die Äbtissin
ließ mich, als schon der Zug beginnen sollte, zu sich rufen. Ich fand
sie allein in ihrem Zimmer, sie war in der höchsten Bewegung, die
Tränen stürzten ihr aus den Augen. „Alles -- alles weiß ich jetzt,
mein Sohn Medardus! Ja, ich nenne dich so wieder, denn überstanden
hast du die Prüfungen, die über dich Unglücklichen, Bedauernswürdigen
ergingen! Ach, Medardus, nur +sie+, nur +sie+, die am Throne Gottes
unsere Fürsprecherin sein mag, ist rein von der Sünde. Stand ich
nicht am Rande des Abgrundes, als ich, von dem Gedanken an irdische
Lust erfüllt, dem Mörder mich verkaufen wollte? -- Und doch -- Sohn
Medardus! -- verbrecherische Tränen hab’ ich geweint, in einsamer
Zelle, deines Vaters gedenkend! -- Gehe, Sohn Medardus! Jeder Zweifel,
daß ich vielleicht, zur mir selbst anzurechnenden Schuld in dir den
freveligsten Sünder erzog, ist aus meiner Seele verschwunden.“ --

Leonardus, der gewiß der Äbtissin alles enthüllt hatte, was ihr aus
meinem Leben noch unbekannt geblieben, bewies mir durch sein Betragen,
daß auch er mir verziehen und dem Höchsten anheimgestellt hatte, wie
ich vor seinem Richterstuhl bestehen werde. Die alte Ordnung des
Klosters war geblieben, und ich trat in die Reihe der Brüder ein, wie
sonst. Leonardus sprach eines Tages zu mir: „ich möchte dir, Bruder
Medardus, wohl noch eine Bußübung aufgeben.“ Demütig frug ich, worin
sie bestehen solle. „Du magst,“ erwiderte der Prior, „die Geschichte
deines Lebens genau aufschreiben. Keiner der merkwürdigen Vorfälle,
auch selbst der unbedeutenderen, vorzüglich nichts, was dir im
bunten Weltleben widerfuhr, darfst du auslassen. Die Fantasie wird
dich wirklich in die Welt zurückführen, du wirst alles Grauenvolle,
Possenhafte, Schauerliche und Lustige noch einmal fühlen, ja es ist
möglich, daß du im Moment Aurelien anders, nicht als die Nonne Rosalia,
die das Martyrium bestand, erblickst; aber hat der Geist des Bösen dich
ganz verlassen, hast du dich ganz vom Irdischen abgewendet, so wirst
du, wie ein höheres Prinzip über allem schweben, und so wird jener
Eindruck keine Spur hinterlassen.“ Ich tat, wie der Prior geboten. Ach!
-- wohl geschah es so, wie er es ausgesprochen! -- Schmerz und Wonne,
Grauen und Lust -- Entsetzen und Entzücken stürmten in meinem Innern,
als ich mein Leben schrieb. -- Du, der du einst diese Blätter liesest,
ich sprach zu dir von der Liebe höchster Sonnenzeit, als Aureliens
Bild mir im regen Leben aufging! -- Es gibt Höheres als irdische Lust,
die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen, blödsinnigen
Menschen, und +das+ ist jene höchste Sonnenzeit, wenn fern von dem
Gedanken freveliger Begier die Geliebte, wie ein Himmelsstrahl, alles
Höhere, alles, was aus dem Reich der Liebe segensvoll herabkommt auf
den armen Menschen, in deiner Brust entzündet. -- Dieser Gedanke hat
mich erquickt, wenn bei der Erinnerung an die herrlichsten Momente,
die mir die Welt gab, heiße Tränen den Augen entstürzten und alle
längst verharschte Wunden aufs neue bluteten.

Ich weiß, daß vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben wird,
den sündigen Mönch zu quälen, aber standhaft, ja mit inbrünstiger
Sehnsucht erwarte ich den Augenblick, der mich der Erde entrückt, denn
es ist der Augenblick der Erfüllung alles dessen, was mir Aurelie, ach!
die heilige Rosalia selbst im Tode verheißen. Bitte -- bitte für mich,
o heilige Jungfrau, in der dunklen Stunde, daß die Macht der Hölle, der
ich so oft erlegen, nicht mich bezwinge und hinabreiße in den Pfuhl
ewiger Verderbnis!


+Nachtrag des Paters Spiridion, Bibliothekar des Kapuzinerklosters
zu B.+

In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17**
hat sich viel Wunderbares in unserm Kloster ereignet. Es mochte wohl
um Mitternacht sein, als ich in der, neben der meinigen liegenden,
Zelle des Bruders Medardus ein seltsames Kichern und Lachen, und
währenddessen ein dumpfes, klägliches Ächzen vernahm. Mir war es,
als höre ich deutlich von einer sehr häßlichen, widerwärtigen Stimme
die Worte sprechen: „Komm mit mir, Brüderchen Medardus, wir wollen
die Braut suchen.“ Ich stand auf und wollte mich zum Bruder Medardus
begeben, da überfiel mich aber ein besonderes Grauen, so daß ich wie
vom Frost eines Fiebers ganz gewaltig durch alle Glieder geschüttelt
wurde; ich ging demnach, statt in des Medardus Zelle, zum Prior
Leonardus, weckte ihn nicht ohne Mühe, und erzählte ihm, was ich
vernommen. Der Prior erschrak sehr, sprang auf und sagte, ich solle
geweihte Kerzen holen und wir wollten uns beide dann zum Bruder
Medardus begeben. Ich tat, wie mir geheißen, zündete die Kerzen an der
Lampe des Mutter-Gottesbildes auf dem Gange an, und wir stiegen die
Treppe hinauf. So sehr wir aber auch horchen mochten, die abscheuliche
Stimme, die ich vernommen, ließ sich nicht wieder hören. Statt dessen
hörten wir leise, liebliche Glockenklänge, und es war so, als verbreite
sich ein feiner Rosenduft. Wir traten näher, da öffnete sich die Türe
der Zelle, und ein wunderlicher großer Mann, mit weißem krausen Bart,
in einem violetten Mantel, schritt heraus; ich war sehr erschrocken,
denn ich wußte wohl, daß der Mann ein drohendes Gespenst sein mußte,
da die Klosterpforten fest verschlossen waren, mithin kein Fremder
eindringen konnte; aber Leonardus schaute ihn keck an, jedoch ohne ein
Wort zu sagen. „Die Stunde der Erfüllung ist nicht mehr fern,“ sprach
die Gestalt sehr dumpf und feierlich, und verschwand in dem dunklen
Gange, so daß meine Bangigkeit noch stärker wurde und ich schier hätte
die Kerze aus der zitternden Hand fallen lassen mögen. Aber der Prior,
der, ob seiner Frömmigkeit und Stärke im Glauben, nach den Gespenstern
nicht viel frägt, faßte mich beim Arm und sagte: „nun wollen wir in
die Zelle des Bruders Medardus treten.“ Das geschah denn auch. Wir
fanden den Bruder, der schon seit einiger Zeit sehr schwach worden,
im Sterben, der Tod hatte ihm die Zunge gebunden, er röchelte nur
noch was weniges. Leonardus blieb bei ihm, und ich weckte die Brüder,
indem ich die Glocke stark anzog und mit lauter Stimme rief: „Steht
auf! -- steht auf! -- Der Bruder Medardus liegt im Tode!“ Sie standen
auch wirklich auf, so daß nicht ein einziger fehlte, als wir mit
angebrannten Kerzen uns zu dem sterbenden Bruder begaben. Alle, auch
ich, der ich dem Grauen endlich widerstanden, überließen uns vieler
Betrübnis. Wir trugen den Bruder Medardus auf einer Bahre nach der
Klosterkirche, und setzten ihn vor dem Hochaltar nieder. Da erholte
er sich zu unserm Erstaunen und fing an zu sprechen, so daß Leonardus
selbst, sogleich nach vollendeter Beichte und Absolution, die letzte
Ölung vornahm. Nachher begaben wir uns, während Leonardus unten blieb
und immerfort mit dem Bruder Medardus redete, in den Chor und sangen
die gewöhnlichen Totengesänge für das Heil der Seele des sterbenden
Bruders. Gerade als die Glocke des Klosters den andern Tag, nämlich
am fünften September des Jahres 17** mittags zwölfe schlug, verschied
Bruder Medardus in des Priors Armen. Wir bemerkten, daß es Tag und
Stunde war, in der voriges Jahr die Nonne Rosalia auf entsetzliche
Weise, gleich nachdem sie das Gelübde abgelegt, ermordet wurde. Bei
dem Requiem und der Exportation hat sich noch folgendes ereignet. Bei
dem Requiem nämlich verbreitete sich ein sehr starker Rosenduft, und
wir bemerkten, daß an dem schönen Bilde der heiligen Rosalia, das von
einem sehr alten, unbekannten italienischen Maler verfertigt sein
soll, und das unser Kloster von den Kapuzinern in der Gegend von Rom
für erkleckliches Geld erkaufte, so daß sie nur eine Kopie des Bildes
behielten, ein Strauß der schönsten, in dieser Jahreszeit seltenen
Rosen befestigt war. Der Bruder Pförtner sagte, daß am frühen Morgen
ein zerlumpter, sehr elend aussehender Bettler, von uns unbemerkt,
hinaufgestiegen und den Strauß an das Bild geheftet habe. Derselbe
Bettler fand sich bei der Exportation ein und drängte sich unter die
Brüder. Wir wollten ihn zurückweisen, als aber der Prior Leonardus ihn
scharf angeblickt hatte, befahl er, ihn unter uns zu leiden. Er nahm
ihn als Laienbruder im Kloster auf; wir nannten ihn Bruder Peter, da er
im Leben Peter Schönfeld geheißen, und gönnten ihm den stolzen Namen,
weil er überaus still und gutmütig war, wenig sprach und nur zuweilen
sehr possierlich lachte, welches, da es gar nichts Sündliches hatte,
uns sehr ergötzte. Der Prior Leonardus sprach einmal: des Peters Licht
sei im Dampf der Narrheit verlöscht, in die sich in seinem Innern
die Ironie des Lebens umgestaltet. Wir verstanden alle nicht, was
der gelehrte Leonardus damit sagen wollte, merkten aber wohl, daß er
mit dem Laienbruder Peter längst bekannt sein müsse. So habe ich den
Blättern, die des Bruders Medardi Leben enthalten sollen, die ich aber
nicht gelesen, die Umstände seines Todes sehr genau und nicht ohne Mühe
~ad majorem dei gloriam~ hinzugefügt. Friede und Ruhe dem entschlafenen
Bruder Medardus, der Herr des Himmels lasse ihn dereinst fröhlich
auferstehen und nehme ihn auf in den Chor heiliger Männer, da er sehr
fromm gestorben.


[Illustration]


Typographmaschinensatz der Deutschen Buch- und Kunstdruckerei,
G. m. b. H., Zossen-Berlin ~SW.~ 11.




Die Bücher des Deutschen Hauses


Herausgegeben von Rudolf Presber.

In gleicher Ausstattung und zum gleichen Preise gelangen zur Ausgabe:

1. Goethe: Die Leiden des jungen Werther.
2. Otto Ludwig: Zwischen Himmel und Erde.
3. E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels.
4. Friedrich Spielhagen: Deutsche Pioniere.
5. Zschokke: Hans Dampf. Kleine Ursachen.
6. Max Kretzer: Die Sphinx in Trauer.
7. Thackeray: Der Diamant.
8. Balzac: Die Frau von dreißig Jahren.
9. Brüder Grimm: Märchen.
10. Dickens: Weihnachtserzählungen.
11. Nicolai: Zum Neujahrsfest.
12. Tolstoi: Die Kosaken.
13. Karl Grunert: Der Marsspion.
14. Spanische Novellen.
15. Hans Hauptmann: Auf tönernen Füßen.
16. Henri Murger: Bohême.
17. Deutscher Humor. 1. Band.
18. Björnson: Synöve Solbakken.
19. Jean Paul: ~Dr.~ Katzenbergers Badereise.
20. Gespensternovellen.
21. Holländische Novellen.
22. Gerstäcker: Die Flußpiraten. 1. Band.
23. Gerstäcker: Die Flußpiraten. 2. Band.
24. Deutscher Humor. 2. Band
25. Puschkin: Pique Dame.

Die 2. Reihe (26.-50. Band) enthält u. a. Meisterschöpfungen von
Harlan, Zobeltitz, Bittrich, Richard Nordhausen, Alfred Meebold,
Hermann Heiberg, Oppeln-Bronikowski, Arthur Achleitner u. a. m.



--------------------------------------------------
Book provided by hokez.com
Thank you for reading!
--------------------------------------------------