einzelne Seele, der Zustand einer Seele, was ihn gefangen nimmt. Die kleine Tragödie »William Ratcliff«, in der Heimat der Ballade, im Schottischen Hochland angesiedelt, nannte er später selbst einmal eine »dramatisierte Ballade«. Ihre »Grundidee« bezeichnete er dem Buchhändler, dem er sie zum Verlag anbot, als »ein Surrogat für das gewöhnliche Fatum«. »Das gewöhnliche Fatum« -- der Ausdruck ist nicht ohne Humor. In der Tat: es ist das von Hand zu Hand gegebene Inventarstück der damals Mode gewordenen Schicksalstragödie; kurz bevor Heine den »Ratcliff« schrieb, hatte er die »Ahnfrau« im Theater gesehn. Aber wie dies modische Fatum ist auch die »Grundidee« des Ratcliffs nichts, was mit einer persönlich notwendigen Konzeption des Wirklichen zu schaffen hätte. Das Motiv, daß eine ungestillte Liebe zwischen dem Vater des Helden und der Mutter der Geliebten dem Helden seinen Pfad vorzeichnet, bleibt eine poetische Seltsamkeit; es ist nur dekorativ gefaßt und bringt mit seiner Pantomimik allenfalls den Effekt einer ahnungsvollen Stimmung hervor. Die Sprache faßt sich hier knapper und unverblümter als im »Almansor«, doch muß über die dichterische Organisation, die hinter dieser Arbeit steht, dasselbe gesagt werden, was bei Gelegenheit des ersten Stücks gesagt worden ist. -- Auch der »Ratcliff« bezieht sich auf das entscheidende Erlebnis des jungen Heine: ja, er hat dem Dichter für eine »Hauptkonfession« gegolten. Was in den »Jungen Leiden« sich andeutete, springt hier nackt in Lebensgröße hervor. Amalie Heine hatte sich 1821 verheiratet, und das alte Gefühl, das noch einmal hervorbrach, ist zur phantastischen Wildheit gesteigert: weil die Geliebte nein sagt, wird der Liebhaber zum Vagabunden. Jenes Leben in Hamburg -- »toll, wüst, zynisch, abstoßend« -- das er damals in seinem wütenden Schmerz geführt haben will (an Wohlwill, 7. April 1823), spiegelt sich mit einem finstern Glanz nun hier in dem romantischen Leben William Ratcliffs wider, und so ist es für den Dichter eingebracht: »Auch hab' ich mich ehrlich Tag und Nacht Mit Lumpengesindel herumgetrieben, Und als ich all diese Studien gemacht, da hab' ich ruhig den Ratcliff geschrieben«. Es war nichts als ein Stimmungsrausch, eine Selbstrechtfertigung, Selbstverklärung, eine Exaltation des Ich, woraus der Ratcliff hervorging; man glaubt es gern, daß diese atemlose Flucht kleiner Szenen in drei Januartagen des Jahres 1822 improvisiert wurde, »in einem Zug und ohne Brouillon«. Ihre Substanz erschöpft sich fast im Erzählen. Ihre Figuren -- bis auf den Helden -- sind wieder nur obenhin angelegt, sie setzen eine vage Situation voraus, mit der eine Ballade, nicht ein Drama auskommt. Sie wirken nicht durch Verwicklung, durch dialogisches Ineinandergreifen der Spieler, sondern durch Gefühlsaufruhr und durch stimmungmachende Akzessorien: die greise Margarete ist nichts als eine unheimliche Staffage, die Edwardballade ist wie ein musikalisches Motiv in das Ensemble der Stimmen verwoben. Als Heine 1851 den »Ratcliff« seinen »Neuen Gedichten« einverleibte, wußte er besonders zu rühmen, daß darin schon »die große Suppenfrage« brodle. Er dachte an die Szene in der Diebsherberge. In Paris bildeten die sozialen Probleme eines seiner lebhaftesten Interessen: so begreift sich, daß er auch diesen Ton aus seinem geliebten Jugendwerk heraushören wollte. Mit ruhigem Blute wird man in den Bitterkeiten dieses William Ratcliffs, die dem jugendlichen Dichter sein allgemeines Verhältnis der Opposition eingab, kaum eine Gesinnung verspüren, der der soziale Organismus im Ernst fragwürdig geworden ist. Auf die Bühne kam zu Heines Lebzeiten nur der »Almansor«. Er wurde am 20. August 1823 in Braunschweig unter dem Direktor Klingemann aufgeführt, der das Stück, in dem »eine südlich brennende Phantasie« herrsche, wert hielt. Einer Personenverwechslung halber -- es ward verbreitet, ein Braunschweiger Geldwechsler Heine sei der Verfasser -- scheiterte die Aufführung, man konnte nicht zu Ende spielen. Klingemann wagte nicht, die Vorstellung zu wiederholen, die Absicht, den »Ratcliff« zu geben,...
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